Frankreich 2016. Regie: Patrick Mille. Darsteller: Christine Citti, Joseph Malerba, Vanessa Guide, Margot Bancilhon, Alison Wheeler, Philippine Stindel

Offizielle Synopsis: „Long live Pussy!“ – das ist das Motto der drei Pariser Girls Lily, Chloé und Agathe. Ihre Ex-WG-Mitbewohnerin Katia hat sich einen schwerreichen Politikersohn geangelt und iegt die alte Gang kurzerhand zur Hochzeit nach Rio de Janeiro ein. Dort vergnügen sich die drei am Vorabend der Feierlichkeiten auf einer ausschweifenden Sexparty samt Todesfall. Von nun an stolpern die Stilettoträgerinnen von einem Schlamassel in die nächste Katastrophe.

Kritik: Ich bin immer vorsichtig, wenn die Festival-Veranstalter „zum Abschluss noch ein echtes Highlight“ oder „zu später Stunde einen richtigen Crowdpleaser“ versprechen. Dann wird’s meistens doof, geschmacklos und selten wirklich lustig. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel – und „Going to Brazil“ ist definitiv die Ausnahme.

Der grundsätzliche Handlungsrahmen könnte auch aus einem beliebigen 80er-Actioner von Cannon stammen: eine Gruppe alter Freunde muss ein im Ausland ins Schwierigkeiten geratenes Mitglied rausholen. Es wird großkalibrig geballert, die Drogenmafia ist involviert, die Politiker vor Ort bis auf die Knochen korrupt.

„Going to Brazil“ trifft allerdings die charmante Entscheidung, dieses ausgelutschte Konzept mit typisch durchgedrehten Millenniums-Babes zu besetzen und eine großflächige Komödie über die Kraft wahrer Mädchenfreundschaften daraus zu stricken. „Holt Harriet raus!“, sozusagen.

Kurios, dass die Amerikaner demnächst ein ähnliches Feld beackern. Zweimal.

Muss man so einen Film mögen, muss man ihn auf dem Fantasy Filmfest zeigen? Beides Fragen, die sich locker mit „nein“ beantworten lassen. Aber auch mit „ja“. Denn unbestreitbar ist, dass „Going to Brazil“ in JEDER Beziehung eine Premium-Produktion ist, mit exotischen Schauplätzen, attraktiven Darsteller(inne)n, knackigem Schnitt und für eine Komödie potenter Action. Die Hauptfiguren sind glaubwürdig, sympathisch und sehr clever so unterschiedlich gestrickt, dass wir ihre dauernden Bitchereien genau so glauben wie die Tatsache, dass sie gerade noch Freundinnen sein können.

Der Humor in „Going to Brazil“ sitzt, weil er aus den Charakteren und Situationen entwickelt wird. Billiger Slapstick und lahme Gagadialoge bleiben außen vor. Die unterhaltsame Grundstimmung sorgt dafür, dass die etwas härteren Passagen (es geht immerhin um Vergewaltigung und Mord) keinen zu abtörnenden Impact entwickeln.

Auch der Wandel von Problem-Weibchen zu Action-Heldinnen ist nicht ansatzweise so plump, wie er im ersten Moment scheinen mag. Diese Girls haben schon viel Scheiße hinter sich und die Schnauze(n) gestrichen voll.

Ist das hier der beste FANTASY FILM des Fantasy Filmfests? Nein. Es ist aber der beste FILM des Fantasy Filmfests, wie neulich erst „Hunt for the Wilderpeople“. Wenn die tatsächlichen Genrebeiträge nicht mit den Außenseitern mithalten können, ist das zuerst einmal das Problem der Genrebeiträge, nicht meins. Und nicht eures – ihr werdet euch prima unterhalten.

Fazit: Action-Comedy-Frauenfilm, dessen krude Mischung aus Girlpower und Fluchtdrama nicht aufgehen dürfte, es aber tut und in dem gesetzten Rahmen damit tatsächlich festival-gewinnende 9 von 10 reinholt.

Shriek of the Nowak-Yeti:

„Furztrocken witzige Komödie mit einem Quartett schnuckliger Babes, einem gnadenlos auf maximales Chaos konstruierten Plot und tonnenweise Gags zwischen grenzdebil-albern und scharfsinnig-satirisch. Wieso können WIR sowas nicht? 8 von 10.“



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Rudi RatlosmmMarcusNummer NeunHeino Recent comment authors
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Heino
Heino

Das war hier der Eröffnungsfilm und definitiv der beste von denen, die ich gesehen habe. Erstaunlich fand ich dabei, wie gering die tatsächlich vorhandene Gewalt im Film ausfällt. Der könnte auch problemlos zur Prime Time im TV laufen. Hat auf jeden Fall viel Spass gemacht.

Nummer Neun

Der Film hatte mich schon beim Teaserfoto bei der Ankündigung… ähem. Muss ich dann wohl doch nachholen, nach dem das terminlich dieses Mal nicht passte.

Marcus
Marcus

Quasi das, was dabei rauskommt, wenn man Eli Roths „foreign people are evil“-Masche nimmt und den geballten Menschenhass durch „good friendly violent fun“ ersetzt. Sehr spaßig. 8/10.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Mh, gibt es auch einen englischen oder dt. Trailer?

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Hätte ja sein können, dass sich den Film bereits ein internationaler Verleih geschnappt hat 😉 Dann muss ich warten (oder ohne Ton reingucken), bei dem Klang der französischen Sprache bekomm ich leider Ausschlag, keine Ahnung warum 🙁