Ihr wolltet ja, dass ich mir nicht immer einfache „Opfer“ suche…

Depp des Tages ist heute der Wissenschaftsjournalist Dirk Lorenzen, der regelmäßig für den Deutschlandfunk arbeitet. Wie so jemand von mir die Bezeichnung „Depp“ angeheftet bekommen kann? Steht der denn nicht auf meiner, der skeptischen Seite, und entlarvt allerlei verschwörungstheoretischen Unfug?

Ja. Und nein. Weil man das richtig und falsch machen kann.

Etwas Kontext: Es gibt die Theorie der Phantomzeit, zu der auch die Annahme eines „erfundenen Mittelalters“ gehört. Ganz grob gesagt: Knapp 300 Jahre zum Ende des ersten Jahrtausends nach Christus haben nie stattgefunden, sondern wurden im Nachhinein in den Kalender geschummelt, um massive Fälschungen zu verschleiern und Schenkungen zu rechtfertigen, die im Mittelalter die Machtgefüge zementierten. Allzu schwer soll es nicht gewesen sein, denn der Zugriff sowohl auf Wissen generell als auch auf die historische Geschichtsschreibung lag in den Händen Weniger.

Tatsächlich ist der Begriff des Dunklen Mittelalters ja darauf zurück zu führen, dass aus jenen Jahrhunderten extrem wenig überliefert wurde, von Schriften bis zu tatsächlichen Artefakten. Das spielt den Proponenten der Phantomzeit-Idee in die Hände.

Die Phantomzeit ist natürlich eine Nischentheorie, die kein ernsthafter Wissenschaftler mit Reputation und Professur vertritt, auch wenn die Ablehnung meistens nicht auf faktischer Widerlegung, sondern auf einem gebrummelten „absurd!“ beruht, was ich ein wenig dünn finde. Die Befürworter der Theorie wiederum erklären den Widerstand der offiziellen Geschichtsforschung mit existierenden Pfründen: wäre die Phantomzeit tatsächlich existent, müssten praktisch alle Historiker ihre Forschungsarbeiten schreddern und von vorne anfangen. Womit wollte z.B. ein Historiker seinen Titel rechtfertigen, wenn dieser auf der Forschung über ein Jahrhundert beruht, das gar nicht existiert hat? Auch sämtliche Geschichtsbücher würden schlagartig hinfällig, und sei es nur bei den aufgeblasenen Kalenderdaten.

Ich will an dieser Stelle gar nicht werten, es geht nur um einen knappen Abriss.

Also: Die Phantomzeit wird weitgehend abgelehnt, einige Kritiker werfen sie gar in einen Topf mit der Flach- und Hohlerdetheorie. Barer Unfug demnach, was für Idioten und Verschwörungstheoretiker von der YouTube-Universität mit Aluhut-Abschluss. Und in genau dieses Horn stößt dieser Deutschlandfunk-Beitrag von Dirk Lorenzen. Ich würde darum bitten, dass ihr ihn mal fix lest. Ist nicht viel Text.

Meine Probleme mit dem Artikel sind mannigfaltig. Im Kern: Er ist so schlampig geschrieben und miserabel recherchiert, wie es gemeinhin die Artikel sind, die wir als esoterischen Kappes in der Luft zerreissen. Das beginnt damit, dass es Lorenzen gar nicht um neutral die im Titel versprochenen Erkenntnisse geht – die Überzeile belegt schon seine Stoßrichtung: Phantomzeit ist eine „abstruse Idee“. Er nennt sie „ein Hirngespinst“. Und diese abstruse Idee, dieses Hirngespinst ist nun also widerlegt.

Woher die Theorie überhaupt kommt? Laut Lorenzen hält sie sich „hartnäckig“ bei „manchen Verschwörungstheoretikern“. Hier fehlen schon die minimalen Grundlagenkenntnisse. Die Phantomzeit-Theorie stammt von Heribert Illig, der mit „Das erfundene Mittelalter“ und „Wer hat an der Uhr gedreht?“ die beiden Standardwerke zum Thema verfasst hat. Und dieser Heribert Illig ist nicht irgendein Aluhut-Träger:

„Heribert Illig, 1947 geboren, promovierte über den Kulturhistoriker Egon Friedell. Der Privatgelehrte, freie Autor und Herausgeber der geschichtskritischen Zeitschrift Zeitensprünge, stellt in einschlägigen Publikationen immer wieder neue Fragen an die Geschichte.“

Die Erwähnung Illigs ist Lorenzen aber kein Wort wert. Stattdessen geht es um nebulöse „Verschwörungstheortiker“, womit jede Legitimität der Idee von vorne herein abgebügelt ist. Irgendwelche Spinner halt.

Aber gut, hören wir die Gegenargumente. Wer hat den ollen Illig denn nun widerlegt?

„Wissenschaftler halten das angebliche Phantom-Zeitalter für völlig absurd.“

Das ist alles, was wir an Quelle bekommen. Keine Fußnote, kein Link, kein Verweis auf irgendeine Studie. Wissenschaftler halt. Die schaffen Wissen. Sonst würde man die ja nicht so nennen.

Skeptiker oder Homöopath, Edelfeder oder Boulevardschreiber – „Wissenschaftler“ als Quelle würde und werde ich NIEMANDEM durchgehen lassen. Das ist recherchefaule Phrasendrescherei ohne Substanz.

Und diese „Wissenschaftler“ haben Illig auf welche Weise widerlegt?

„Dass es ein reines Hirngespinst ist, belegen auch astronomische Überlieferungen, vor allem von Sonnenfinsternissen.“

Mich verwirrt das „auch“ – bisher wurde ja noch gar kein Gegenbeweis erbracht. Und haben „Wissenschaftler“ wirklich aktuell versucht, mit diesem Argument den Illig zu widerlegen? Das ist unwahrscheinlich, denn Illig selbst geht in seinem Buch „Wer hat an der Uhr gedreht?“ (Econ Ullstein List Verlag) schon 1999 auf genau diese Kritik an seinem Erstling „Das erfundene Mittelalter“ ein:

„Aber wir wollen zunächst gerne glauben, daß all diese Klippen und Strudel gut umschifft worden sind. Schließlich gibt es auch eine durchgehende Liste aller Päpste von Petrus bis Johannes Paul II.; es gab kurzlebige Dynastien, die in chronologisch heiklen Zeiten zusätzliche Querbezüge gestatten, und es gibt astronomische Hinweise wie etwa aufgezeichnete Sonnenfinsternisse, die ebenfalls Rückrechnungen ermöglichen. Wir sehen die endlose Reihe von Chronikschreibern, die versucht haben, die Menschheit seit der Schöpfung mit Jahreszahlen zu versehen, wir sehen das Heer an Gelehrten, die sich seit Jahrhunderten mit der Historie abplagen.

Die Arbeit scheint endgültig geleistet zu sein; Fragen der Chronologie bewegen heutige Historiker nur noch in Ausnahmefällen.“

Und etwas weiter hinten:

„Die Astronomen haben mittlerweile Kontrollrechnungen für hinreichend seltene Himmelsereignisse angestellt, die jede Phantomzeit ausschließen sollten. Sie sehen vor allem Sonnenfinsternisse als deutlich unterscheidbare Individuen, die für oder gegen meine Thesen aussagen können. 1997 wurde von den Professoren Werner Bergmann und Wolfhard Schlosser als erstes eine Sonnenfinsternis von 590 ins Spiel gebracht, über die uns Gregor von Tours folgendes in Buch X, Kapitel 23 berichtet: »In der Mitte des Monats Oktober verfinsterte sich die Sonne, und ihr Licht nahm so ab, daß sie kaum so groß blieb wie die Mondsichel am fünften Tag nach dem Neumond.«

So knapp diese Beobachtung geschildert ist, so überarbeitet ist sie bereits. Der lateinische Text spricht ausdrücklich vom 8. Monat, der damals der August war, nicht wie in alten Römertagen der Oktober; er spricht keineswegs vom Neumond, sondern einfach vom »fünften Mond«; eindeutig ist seine Aussage »Mitte des Monats«.

Insofern paßt die rückgerechnete Finsternis vom 4.10.590 nur bei großer Toleranz. Sie liegt keineswegs in der Mitte des 8. Monats, sondern am Anfang des 10. Monats, und die ringförmige Finsternis spricht gegen die Sichelform. Als Schlosser und Bergmann exakt 300 Jahre weiterzählten, fanden sie keine adäquate Finsternis und erklärten meine These für widerlegt. Aber mit den von mir vorgeschlagenen 297 Phantomjahren wären sie am 20.10.887 einem adäquaten »Individuum« begegnet: wieder im Oktober, aber diesmal nahe der Monatsmitte, wiederum wie der 5. Mond, diesmal vom Vollmond aus gezählt, ein in der Spätantike auch geübter Brauch; nach Mucke und Meeus war es keine ringförmige, sondern eine totale Finsternis.“

Ehrlich? Ich habe keine Ahnung, was das im Detail heißt. Aber es zeigt, dass Illig die zeitgenössische Kritik durchaus wahrgenommen und beantwortet hat. Knapp 20 Jahren später zu schreiben, mit belegten Sonnenfinsternissen sei die „abstruse Idee Phantomzeit“ widerlegt, ist schlicht betriebsblind. Ich wüsste gerne, was Lorenzen zu Illigs Entgegnung zu sagen hat.

Aber Lorenzen gibt noch einen zweiten, nicht weniger blinden Schuss auf Illig Theorie ab, vorgeblich wieder aus dem Munitionsdepot der nicht näher benannten „Wissenschaftler“:

„Ebenso hilfreich sind viele überlieferte Beobachtungen des Kometen Halley: Der Komet zeigt sich etwa alle 76 Jahre – aber er läuft bei jeder Erscheinung anders über den Himmel. Die Berichte lassen sich eindeutig datieren.“

Ist das wirklich so, und vor allem so „eindeutig“? Ihr ahnt es: Auch Halleys Komet wird in Illigs zweitem Buch erwähnt:

„Es gab immer wieder Versuche, den Halleyschen Kometen als den bekanntesten seiner Art überm Stall von Bethlehem leuchten zu lassen. Aber seine früheste Beobachtung ist im Abendland erst für 1066 dokumentiert: als Glücksstern für die Normannen, als Desaster für die Engländer. Er läßt sich auf dem 70 m langen Teppich von Bayeux, der wenige Jahre danach zur Erinnerung an den Sieg gestickt worden ist, noch heute begutachten.“

Damit wäre der Halleysche Komet zur Widerlegung von Illigs Thesen ungeeignet.

Obwohl also alles, was Lorenzen gegen Illig anführt, von Illig selbst bestritten wird und aktuell nicht Illig in der Bringschuld ist, kommt der Autor des Deutschlandfunks zu einem sarkastischen, herablassenden, finalen Urteil:

„Auch wenn sich manche nicht von Fakten beeindrucken lassen: Der Kosmos belegt glasklar, dass das Phantom-Zeitalter eine reine Erfindung ist. Wir leben völlig korrekt im Jahr 2017.“

Ich muss leider unterstellen, dass Lorenzen sich weder mit den Fakten (für ODER wider) nocht mit dem Kosmos auch nur ansatzweise beschäftigt hat. Ich würde mich nicht mal für einen Facebook-Kommentar trauen, einer Verschwörungstheorie mit derart halbgarem, faktenleeren Geschreibsel entgegen zu treten. Sowas gehört sich nicht für einen Wissenschaftsjournalisten, und schon gar nicht im Deutschlandfunk.

Meine persönliche Meinung zu Illig? Eine hoch spannende, zumindest für den Laien plausibel erklärte Theorie, die tatsächlich Weltbilder ins Wanken bringen kann und die sich eben nicht bequem mit ein paar empirischen Beobachtungen widerlegen lässt wie die Hohlwelt-Idee. Mein Verstand weigert sich, an ein historisches Komplott diesen Ausmaßes zu glauben, weshalb ich dankbar wäre, wenn sich ein paar kluge Köpfe die Mühe machen würden, Illig nicht bloß auszulachen, sondern tatsächlich zu widerlegen.

Und genau deshalb, weil Lorenzen eigentlich auf UNSERER Seite spielen sollte und ich an UNS einen höheren Maßstab in Sachen Argumentation, Recherche und Logik anlege, bekommt er von mir den Depp des Tages. Er hat der Auseinandersetzung mit Illig einen Bärendienst erwiesen.

Besonders enttäuscht bin ich darüber hinaus von den Mitgliedern der Facebook-Gruppe „Nothing but the Truth – Aktiv gegen Chemmies und andere VT’ler“, die den Artikel von Lorenzen heute feixend geteilt haben. Auf meinen Einwand, ob sie denn überhaupt wüssten, worum es bei Illig geht, antworteten sie mit abfälligen Bemerkungen wie „wenn es nach drei Sekunden Nachdenken anfängt wehzutun, gehört es in diesen Topf“ (der Verschwörungstheorien) und „Da muss man doch nicht son Scheiß glauben!!!“. Ich hatte mehr erwartet als pubertäre Überheblichkeit.

Mit dieser Haltung gewinnen wir niemanden – und mit solchen Artikeln überzeugen wir auch niemanden.

Jetzt seid ihr dran.



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