Ich könnte heute auch ein Schild „wegen Island geschlossen“ raushängen, aber die Hyperland-Artikel habe ich auf Halde, also überbrücken wir damit bis zu meiner Rückkehr – und dem großen „Guardians of the Galaxy Vol. 2“-Review.

Originaltext März 2013:

Die Idee ist nicht neu und war eigentlich aus der Not geboren: In den 60er Jahren wollte der Verlag Marvel die Nachfrage nach Comics mit billigen Zeichentrickserien anheizen, die eigentlich nur aus Standbildern zusammengesetzt waren, unterlegt mit kruden Toneffekten, Dialogen und gelegentlichen Animationseffekten. Das Ergebnis: eine Art bewegtes Comicheft. Zur gleichen Zeit theoretisierte Science Fiction-Kultautor Philip K. Dick in seiner Fortsetzungsgeschichte „Project Ploughshare“ über die Möglichkeiten von „motion comics“.

Nach 30 Jahren Winterschlaf: eine Idee wird neu entdeckt

Da sich gedruckte Comics nicht bewegen können und Fernsehen keine Interaktion erlaubt, brauchte es 20 Jahre und die Entwicklung von PCs, um der neuen Erzählform wirklich Schub zu geben. Mitte der 90er war es wieder der Marvel-Verlag, der eine Reihe von Comics auf CD-Rom heraus brachte, die im Gegensatz zu den Papierexemplaren mit Sounds und Dialogen aufwarten konnten.

Dann kam das Internet – und mit ihm die Möglichkeit, animierte Bilder ohne den Umweg über Matt- oder Silberscheibe zu konsumieren: in monatlichen Folgen, zu geringen Kosten, ohne weltweiten physischen Vertrieb. Naturgemäß wurden erst einmal schon vorliegende Comicklassiker wie „Watchmen“ adaptiert, die von zeitgleichen Kinostart der Blockbuster-Umsetzung profitierten. Es folgten teilweise mit Computerhilfe produzierte Miniserien zu „Thor“ und „Iron Man“.

Ableger, Fortsetzung und Marketinggimmick

Mittlerweile bekommen nicht nur Kino-Blockbuster Ableger im „motion comic“-Format, auch Fernsehproduzenten erkennen die Chance, ihre Geschichten in das neue Medium zu übertragen. Als Joss Whedon die Erfolgsserie „Buffy – Im Bann der Dämonen“ nach sieben Jahren im TV einstellen musste, führte er sie einfach weiter: zuerst als Comic, dann als „motion comic“, das mittlerweile auch auf DVD und Blu-ray erscheint.

In Deutschland, wo die heimische Comicindustrie nie eine lebensfähige „kritische Masse“ erreicht hat und die meisten Zeichner ihren Lebensunterhalt primär mit Aufträgen aus der Werbung verdienen, kommt das Konzept der „motion comics“ nur sehr langsam in in Fahrt. Bestseller-Autor Sebastian Fitzek, Meister der (Selbst)Vermarktung, hat zu seinem neuen Thriller „Abgeschnitten“ ein siebenteiligen animierten Ableger namens „Ewig mein“ produzieren lassen. Und das ZDF bringt zum aufwändigen Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ eine Online-Animation, die das Leben der Hauptfiguren vor der Handlung der eigentlichen Miniserie visualisiert. So trifft der Zuschauer auf (eine gezeichnete) Marlene Dietrich.

Mehr als Comic, weniger als Film?

Kritiker bemängeln, „motion comics“ seien weder Fisch noch Fleisch: visuell nicht aufregend genug, um als Film durchzugehen, als rein digitales Produkt aber auch nicht mehr das haptische Vergnügen eines Comichefts. Echte Sammler ziehen gedruckte Hefte immer noch den digitalen Dateien vor.

Fans der „motion comics“ sehen das anders: die preiswerte Produktionsweise erlaubt es, auch Geschichten umzusetzen, die sich für große Verleiher nicht lohnen. Nischenadaptionen von Kultcomics werden möglich, Hybridprodukte, die Lücken zwischen Kinofilmen und in der Vorgeschichte großer Leinwandhelden füllen.

NACHTRAG 2017: Die Motion Comics fristen weiter ein Nischendasein, auch wenn in den USA immer mehr „normale“ digitale Comics mit limitierten Effekten aufgehübscht werden. Es gibt allerdings auch Hybridversionen, die mir gefallen – wie die iClassics.



avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: