Australien 2017. Regie: Cate Shortland. Darsteller: Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich, Emma Bading

Offizielle Synopsis: Die Australierin Clare ist eine von vielen Backpackern, die es auf ihrer Reise ins aufregende und exotische Berlin verschlägt. Dabei trifft sie auf den Lehrer Andi und aus gegenseitiger Faszination entwickelt sich schnell ein spontaner heißer One-Night-Stand. Am nächsten Morgen wacht Clare allein in Andis Apartment inmitten eines verlassenen Wohnblocks auf und muss feststellen, dass die Eingangstür mit schweren Stahlbalken verrammelt ist. Zuerst glaubt sie an einen Irrtum, doch als Max zurückkehrt, offenbart sich sein wahres Gesicht. Clare, so macht er klar, gehöre ihm allein. Und so beginnt ein Albtraum, der keine Grenzen kennt. „Niemand kann dich hören.“

Kritik: Der Nowak und ich waren uns eigentlich einig, dass mit „Berlin Syndrome“ vermutlich der Schnarcher des Festivals ins Haus stand. Das hatte mit Vorurteilen zu tun (Horror – in Berlin?), aber auch mit der hinlänglich bekannten Prämisse, die mit knapp zwei Stunden auch nicht gerade knackig erzählt zu werden versprach. Wenn man in der Hoffnung anreist, Monster und fremde Welten zu erleben, Okkultes und Absurdes, dann wird man der vielen „Mann kettet Frau an“-Plotten irgendwann überdrüssig.

Aber „Berlin Syndrome“ hat weit mehr zu bieten, als die oberflächliche Betrachtung der Inhaltsangabe vermuten lässt. Anders als die meisten Kollegen ist der Film nämlich nicht auf der Basis einer knappen Idee, sondern eines 256 Seiten langen Romans entstanden. Schon diese Amazon-Beschreibung der Vorlage macht deutlich, dass hier nicht die immer gleichen „Mann/Täter vs. Frau/Opfer“-Klischees gekaut werden:

„In 2006, the once-divided city of Berlin still holds its share of secrets. One afternoon, near the tourist trap of Checkpoint Charlie, Clare meets Andi and feels an instant attraction to him. When Andi invites her to stay, Clare thinks she may finally have found somewhere to call home. But as the days pass and the walls of Andi’s apartment close in, Clare begins to wonder if it’s really love that Andi is searching for or if it’s something else altogether. This novel is a closely observed and gripping psychological thriller that shifts between Andi’s and Clare’s perspectives, revealing the power of obsession, the fluidity of truth, and the kaleidoscopic nature of human relationships.“

Tatsächlich ist es die emotionale Plausibilität, die „Berlin Syndrome“ locker über seinen langsam erzählten ersten Akt trägt: Clare ist eine verwundete Seele, Andi ist der Führer in eine fremde Welt, die romantische wie sexuelle Anziehungskraft ist so kraftvoll wie nachvollziehbar erzählt. Andi ist kein handelsüblicher Psychopath mit sanftem Gesicht und plötzlichen Gewaltausbrüchen – er ist tatsächlich krank und in seiner Weltsicht „berechtigt“, eine Beziehung so zu gestalten, wie er es für richtig hält.

Und Clare? Ist nicht das typische Opfer, schnallt sehr schnell, womit sie konfrontiert wird – und plant ihre Flucht immer nur so weit, wie sie es riskieren kann. Über Tage, Wochen, setzt dann bei ihr eine Art softes Stockholm-Syndrom ein: Sie lernt Andis Trauma zu verstehen, erkennt seine Stärken und Schwächen, beginnt sie für ihre Zwecke zu nutzen. Streckenweise können wir nicht ausschließen, dass sie sich mit dem Leben in Gefangenschaft sogar eines Tages abfinden wird.

Zur psychologischen Vielschichtigkeit kommt bei „Berlin Syndrome“ noch eine klare, ansprechende Erzählweise ohne die üblichen Graublau-Filter und Kameraspielereien, mit denen klaustrophobische Thriller gerne aufgepeppt werden – und eine Darstellerin, die sich mit bemerkenswerter Kraft und Verletzlichkeit in ihre Rolle wirft. Ich hatte über Teresa Palmer vor fast zehn Jahren schon geschrieben, als sie mir in dem „home invasion“-Thriller „Restraint“ als erotische Präsenz aufgefallen war. Auch hier, mit struweligen gefärbten Haaren und ohne Makeup im Kristen Stewart-Look, kann sie voll überzeugen: Clare ist so verloren wie intelligent, so sinnlich wie distanziert. Es ist eine Performance, die Preise verdient hätte.

Und ich wäre nicht der Wortvogel, wenn ich auf der Habenseite nicht noch verbuchen würde, dass Teresa Palmer sich für sehr aufgeladenen Sexszenen ausgiebig nackig macht – und das ist wie vor zehn Jahren allemal den Eintrittspreis wert…

Wo Licht ist, ist nicht notwendigerweise auch Schatten, aber eben meistens. Und das ist bei „Berlin Syndrome“ nicht anders. Fangen wir mit der Sache an, für die der Film etwas kann: Er ist zu lang und dreht unnötige Schleifen. So ist Andis gesamter Subplot mit seinem Vater ein so unnötiger wie nervender Versuch, Andi zu humanisieren und seinen wirklich bananen Grund für das psychopathische Verhalten zumindest anzudeuten. Matthias Habich hin oder her – hier wäre weniger mehr gewesen. Insgesamt hätte man den Film locker um eine halbe Stunde kürzen können und vielleicht auch sollen.

Für ein grundsätzlicheres Problem kann „Berlin Syndrome“ als australischer Film vor deutschem Publikum nichts: er wirkt stellenweise albern. Weil für uns Berlin natürlich kein exotisches, gefährliches Pflaster ist. Weil wir Psychopathen, die auf attraktive Touristinnen lauern, leichter in einem auch für uns fremden Umfeld akzeptieren. Spielte der Thriller in Tirana, Kalkutta, Delhi oder Johannesburg, wäre die „suspension of disbelief“ deutlich einfacher. Aber leere Wohnblöcke mit wahnsinnigen Serienkillern IN BERLIN? Da fällt nur deutlich stärker auf, wie bescheuert die Psychose von Andi ist – weil wir das Territorium kennen.

So ist „Berlin Syndrome“ ein gutes Beispiel für einen Film mit vielen Fehlern, der im Ergebnis aber allemal besser ist viele „gelungene“ Beispiele des gleichen Subgenres. Weil er viel versucht, viel erreicht und eben nur selten stolpert.

Und weil ihr die Frage schon längst erwartet habt: Warum kann kein deutscher Regisseur so einen Stoff finden und umsetzen?

Fazit: Ein Standard-Szenario des modernen Terrorfilms, aber deutlich intelligenter und komplexer erzählt. Hat Längen und gewisse Fragwürdigkeiten, kann dem Subgenre aber durchaus neue Facetten abringen. Einfach mal 8 von 10.

Shriek of the Nowak-Yeti:

„Das gute alte Psychopath-hält-junge-Frau-gefangen-Szenario, aus den Augen von Australiern im exotischen Berlin. Auf der sehr länglichen Seite, aber souverän gespielt, mit einer sich schlüssig verhaltenden Heroine und glaubhaftem character interplay. 7 von 10.“



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Heino
Heino

Den fand ich trotz der guten Darsteller einfach nur öde und viel zu lang. 3/10, weil er wenigstens technisch kompetent gemacht ist.

Marcus
Marcus

Dem Kompliment an die Darsteller kann ich mich anschließen, aber sonst muss ich hier widersprechen: emotional vielschichtig war hier zumindest für meine Begriffe so ziemlich gar nix, und dem Genre neue Facetten hinzufügen hätte der Film nur können, wenn ich zwischendrin kurz eingeschlafen wäre und was Interessanteres dazugeträumt hätte. Was mehrfach fast passiert hätte. Und ich hab den Film samstags um 15 Uhr gesehen – nicht auszudenken, was für ein valiumgetränktes Tuch vor der Nase das Teil in einer Spätvorstellung am Ende eines Festivaltages gewesen wäre…

Nein, das war einfach nur ermüdende, graue, fahle, freudlose und kaltlassende Kunstkacke, die (nicht nur) mir mit ihrer breitärschigen Laufzeit zeitweilig den letzten Lebenswillen rauben wollte. Gerade noch so 3/10.

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