Spanien 2017. Regie: Álex De La Iglesia. Darsteller: Blanca Suárez, Mario Casas, Carmen Machi, Secun De La Rosa, Jaime Ordóñez, Terele Pávez, Joaquín Climent, Alejandro Awada

Offizielle Synopsis: In einer Bar in Madrid werden an einem Morgen wie jeder andere die unterschiedlichsten Charaktere zusammengewürfelt. Da wäre zum Beispiel die junge Elena, die nur schnell ihr Handy aufladen will. Die mürrische Wirtin, ein bärtiger Hipster, eine Hausfrau, ein Ex-Cop und ein durchgeknallter Obdachloser gehören ebenso zu diesem Mikrokosmos. Als ein Geschäftsmann das Lokal verlässt und vor der Tür urplötzlich von einer Kugel im Kopf getroffen wird, und einem Helfer exakt das gleiche Schicksal ereilt, bricht kurzerhand eine Lawine an Panik und groteskem Chaos über unsere Gruppe herein. Gefangen in der Bar geht es bald mit Fluchtversuchen und Verschwörungstheorien los, und jeder zeigt in dieser Extremsituation nach und nach sein wahres Gesicht.

Kritik: Ich habe erst neulich über Regisseur De La Iglesia ein paar warme Worte verloren. Der Mann ist üblicherweise ein Spaßgarant, zumal er (ähnlich wie einst Argento) bevorzugt mit einer eingespielten Cast & Crew arbeitet und gerne wiederkehrende Themen und Genres beharkt. Da sind die Filme nicht Einzelwerke, sondern eher neue Konzeptalben einer lieb gewonnenen Band. Als „Studiomusiker“ sind auch diesmal wieder der erneut erstaunlich wandlungsfähige Mario Casas und die sehr aparte Blanca Suárez dabei.

Und so beginnt auch „The Bar“ furios, mit einer langen, schnittfreien Einstellung, rasanter Einführung der Charaktere und einer Etablierung des Konzepts mit dem Holzhammer. Die entgeisterte Atemlosigkeit der Protagonisten überträgt sich schnell auf die Zuschauer, im Schweinsgalopp wird der Alltag unserer „Helden“ in totales Chaos aufgelöst. Schnell zeigt sich, wer Held und wer Hampelmann ist.

Leider scheint Álex De La Iglesia aber nach einer Stunde die Lust auszugehen, den Film in der gewählten Form und Stimmung weiter zu erzählen. Er entledigt sich radikal des halben Casts und verlegt die Handlung von der Bar in Abflusskanäle Madrids, wo sich die Überlebenden noch eine halbe Stunde um drei Injektoren vagen Inhalts balgen, die dem Begriff McGuffin neue Ehre erweisen. Der Humor und das Rätsel, die „The Bar“ bis dahin getragen haben, werden abserviert, es regieren Brüllerei und das darwinistische „survival of the fittest“. Das ist zwar nicht grundsätzlich schlecht, aber eben schon oft gesehen und eines De La Iglesia eigentlich total unwürdig.

So kann auch das Ende nicht überzeugen, auch wenn ich vermute, dass der Regisseur hier mit einer versteckten Kamera gedreht hat, um zu beweisen, dass die Menschen in der realen Welt nicht empathischer oder logischer reagieren als in der konstruierten Filmwirklichkeit. Eine Erkenntnis, aber kein Abschluss für einen Film.

Schaut man sich die beiden Hälften von „The Bar“ an, sind beide für sich genommen nicht schlecht. Darum war ich auch überrascht, dass ich regelrecht wütend aus dem Kino kam – und das nicht nur, weil ich mich vom Anspruch an De La Iglesia hatte leiten lassen, den er diesmal nicht erfüllt hat. Das Problem liegt woanders: „The Bar“ hat alle Möglichkeiten und macht alle Anstalten, einen zwar schräg-sarkastischen, aber letztlich sauber durchkonstruierten und spannenden „end times“-Thriller zu erzählen. Und um diesen Film fühle ich mich betrogen. Die externe Handlung wird fallen gelassen und zu Gunsten rein interner Keilereien entsorgt. Die ganzen Diskussionen, ob es um Scharfschützen geht, um eine Verschwörung, um Aliens gar – alles unwichtig in der zweiten Hälfte. Ich wollte aber die zweite Hälfte zur ersten Hälfte viel lieber sehen als die zweite Hälfte, die De La Iglesia gedreht hat.

Fazit: High Concept-Wahnsinn, typisch für die De La Iglesia-Schmiede mit viel Hysterie und Humor erzählt. Leider misstraut der Macher dem „kleinen Kreis“-Konzept und tauscht es nach der Hälfte für ein erheblich unspannenderes „survival thriller“-Einerlei aus. 5 von 10.

Shriek of the Nowak-Yeti:

„Alex de la Iglesias Neuer startet furios mit einem Feuerwerk an Gags und großartigen Dialogen, aber er legt sein Mystery viel zu früh offen und so geht ihm im Schlussakt ordentlich die Puste aus. 6 von 10.“



avatar
3 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
3 Comment authors
MarcusMenckenHeino Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste
Benachrichtige mich zu:
Heino
Heino

Sehe ich vollkommen anders. Der Film weist erstaunliche Parallelen zu „Cube“ auf (kleine Gruppe willkürlich zusammengewürfelter Leute, ein oder zwei Handlungsorte, das Aufkommen von Paranoia und Verschwörungstheorien, gegenseitige Aggressionen) und funktioniert für mich wie eine hyperkinetische Version davon. Ich habe keine klare Auflösung erwartet, daher war das Fehlen einer solchen für mich nicht überraschend. Mir hat der Film aufgrund seines Unterhaltungswertes sehr gut gefallen.

Mencken
Mencken

Ein furioser Auftakt und dann spätestens ab der Hälfte zunehmend (und deutlich) schwächer werdend kann man als Beschreibung eigentlich für mindestens jeden zweiten de la Iglesia Film nehmen.

Marcus
Marcus

Das sieht der Hausherr zu negativ. Klar, die Perfektion einiger vergangener Knaller erreicht ADLI (schönes Kürzel, oder?) hier nicht, aber dennoch ist das hochtourigste Unterhaltung, wie sie nur der Spanier hinbekommt. 9/10.