USA 2017. Regie: A.D. Calvo. Darsteller: Erin Wilhelmi, Quinn Shephard, Susan Kellermann, Mike S. Ryan, Frances Eve, Hada Vanessa, Kristin Johansen, Lainie Ventura

Offizielle Synopsis: Es ist die Zeit, in dem der Walkman unser ständiger Begleiter war. In der Telefone Wählscheiben hatten und wir es nicht fassen konnten, dass ein Ronald Reagan zum US-Präsidenten gewählt wird. Die unscheinbare Adele ist ein Kind dieser Zeit. Folgsam lässt sie sich von ihrer Familie als Haushaltshilfe zur reichen Erbtante abschieben. Die wohnt in einer düsteren Villa und verweigert jeden Kontakt zur Außenwelt. Per Notizzettel diktiert sie ihre strengen Hausregeln, doch persönlich begegnet Adele der Alten nie. Erst durch die Bekanntschaft mit der ungestümen Beth schafft es das stille Mädchen ihr überdimensionales Schneckenhaus ab und an zu verlassen und das Leben auszukosten. Denn Beth schert sich herzlich wenig um Verbote oder Rücksicht auf Aunt Dora. Doch so lebenslustig die schöne junge Frau zunächst wirkt, kommt zunehmend eine dunkle Seite in ihr zum Vorschein und eine verhängnisvolle Affäre nimmt ihren Lauf.

Kritik: Ja ja, das Programmheft verspricht einen Thriller in der Tradition von Bava, aber bis auf das Zeitkolorit und das schleichende Gefühl von „unease“ ist das nur wieder mal Getrommel der Veranstalter, die verzweifelt versuchen, für jede Gurke ein paar warme Worte zu finden. Tatsächlich gehört SSLG in ein ganz eigenes Genre: der tranige Festivalfilm in fahlen Farben ohne Lebensberechtigungsschein. Ohne Flax: Für welches Publikum, für welchen MARKT werden solche Streifen gedreht? Ich habe in fast 30 Jahren FFF bestimmt zwei Dutzend davon gesehen. Die tauchen selten auf DVD auf, werden nie im Fernsehen ausgestrahlt – außerhalb der Festival-Kreise kennt die auch keiner. Es scheint, als existierten sie in einer Blase, die ausreichend finanzielle Mittel hat, um eine ganze Subkultur am Leben zu erhalten. Das wäre ja nicht per se schlecht – wären die Filme gut.

Aus diesem Grund kann ich auch nur relativ wenig über SSLG schreiben. Die Platzierung in den 80ern ist primär Fassade, der Film hätte problemlos auch in der Gegenwart spielen können. Sämtliche Themen (Einsamkeit, sexuelle Desorientierung) werden nur angerissen, nicht mal ein echter Antagonist wird aufgebaut. Glaubt man anfangs noch, das Haus selbst könnte der Feind sein, impliziert das Skript später primär Tante Dora als mögliche Hexe, um dann auf Beth als Katalysator des Dramas auszuweichen. Das könnte als Mystery funktionieren – aber eben nur, wenn es auf irgend etwas hinaus liefe. Stattdessen entscheiden sich die Macher nach 70 Minuten, mit ein paar vagen Einstellungen irgendeinen okkulten Hokuspokus zart anzudeuten und dann in den Nachspann zu gehen. Man kann nicht mal schnell vergessen, worum es in SSLG geht – weil man es nie wirklich erklärt bekommt. Nix Genaues weiß man nicht.

Selbst bei der dieser kurzen Laufzeit ist die Strecke für das bisschen spinatfahler Suspense zu lange – SSLG fühlt sich wie zwei Stunden an, die Adele im miefigen Haus Dosensardinen und Knäckebrot spazieren trägt. Die angeteaserte Lesbenaction wird irgendwann ebenso fallen gelassen wie der Subplot mit Adeles Mutter. Gäbe es für Filme das Attribut „stickig“, der hier bekäme ihn.

Als Drehbuchautor ärgern mich auch immer Szenen, die in meinen Augen nicht plausibel konstruiert sind, oft nur Kleinigkeiten. So lernt Adele Beth in einer Bar kennen, als sie eine Pizza und ein Getränk bestellt, dann aber feststellt, dass sie die Pizza nicht bezahlen kann. Das ist total unglaubwürdig. Adele ist arm aufgewachsen, sie ist sich des Mangels ihrer finanziellen Möglichkeiten in jedem Moment schmerzhaft bewusst. So ein Mensch stellt nicht nach einer Bestellung fest, dass das Geld nicht reicht – so ein Mensch rechnet den ganzen Tag lang im Kopf mit jedem Cent, um so eine Situation zu vermeiden. Aber vielleicht gönne ich SSLG damit schon mehr Analyse, als er verdient.

Davon abgesehen? Wenn man beige Filme mit elegischem Unterton mag, die mehr auf Stimmung als auf Handlung setzen, kann man sowas wie SSLG schon mal als Hintergrundrauschen an einem Herbstnachmittag laufen lassen. Die Darstellerinnen mühen sich redlich und auch technisch sind da keine Defizite zu finden.

Wer aber ins Kino geht, um Entertainment zu finden, wer den Begriff „Spaß“ ganz klassisch definiert oder gar auf der hungrigen Suche nach „Fantasy“ ist, der sollte um dieses dünn erzählte „coming of age“-Drama einen Bogen machen.

Fazit: Ein mit insgesamt 76 Minuten immer noch erheblich zu langes „mood piece“ ohne wirkliche Substanz,  das Genrefans wie Filmhipster unbefriedigt zurück lässt. 4 von 10, aber nur wegen der technischen und darstellerischen Leistungen.

Shriek of the Nowak-Yeti:

„Nicely shot, nicely acted, great soundtrack, pretty good atmosphere – aber ein bisschen *Geschichte* wäre nett gewesen, nur drei Minuten Blumhaus-light-Spuk rechtfertigt den langen Anlauf nicht. 4 von 10.“

 



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Trotz guter Darsteller letztlich belanglose Atmosphäre-Fingerübung, die vor allem mit gnadenloser Verweigerung, irgendetwas ausreichend auszuerzählen, frustriert. Mit gutem Willen: 5/10.