Freut euch, zum Osterfest gibt es einen neuen „Wortvogel in der Servicewüste“-Beitrag.

Ich habe mich seit längerem mal wieder zu einem Groupon-Gutschein hinreißen lassen. Diät hin oder her – ich wusste, dass ich für ein Wochenende in München sein würde und die Gelegenheit, dort drei Becher Frozen Yoghurt mit Rabatt zu bekommen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Es scheint allerdings, als habe die Begeisterung der Deutschen für das nur vorgeblich „gesündere Eis“ deutlich nachgelassen. Das erkennt man nicht nur der Tatsache, dass die Groupon-Gutscheine mittlerweile nicht mehr Ausnahme, sondern die Regel sind – auch die Zahl der Filialen nimmt gefühlt ab und die Besitzer wechseln immer wieder.

Ich hatte in einem Fro Yo-Laden in der Schellingstraße vor zwei Jahren denn auch ein Erlebnis, das die wachsende Nervosität der Besitzer dokumentiert: Eine Verkäuferin belehrte mich sehr unhöflich, dass meine patentierte Art der Becher-Optimierung (Toppings unten, nicht oben) nicht in Ordnung sei. Sie hießen schließlich Toppings. Das fand ich ausnehmend albern und beschloss, diese Filiale künftig zu meiden.

In meiner bevorzugten Filiale im Untergeschoss des Stachus (von der auch der neue Gutschein stammt) deutet ein Schild ebenfalls auf Probleme mit der Profitmarge hin: Es gibt nun eine „Maximalhöhe“, über die hinaus man die Becher nicht befüllen darf – sonst wird statt nach Becher nach Gewicht abgerechnet. Das gefällt mir nicht. Nicht deswegen, weil ich gerne einen Eiffelturm aus Süßpampe baue, sondern weil es den Spaß des Fro Yo-Eigenbaus reglementiert und damit einschränkt.

Alles egal. Diesmal habe ich einen Gutschein über drei Becher und will zumindest einen davon einlösen. Das erste Problem, mit dem ich konfrontiert werde, als ich in der Schlange stehe, muss ich mir selber zuschreiben: Das Kleingedruckte des Deals sagt klar, dass man alle drei Becher GLEICHZEITIG nehmen muss. Hätte ich das gelesen, hätte ich die Finger von dem Gutschein gelassen. Patenkinder habe ich gerade keine dabei, die LvA winkt bei Fro Yo ab. Ist nicht ihr Laster. Nur meins.

Ich versuche es trotzdem und sage zu der jungen Dame hinter dem Tresen: „Ich kann die Bestellung also nicht auf mehrere Besuche verteilen?“. Sie schüttelt den Kopf.

Think, Torsten, think!

Zwei Becher verfallen lassen kommt nicht in Frage. Unverrichteter Dinge abziehen auch nicht. Drei Becher ESSEN wäre Wahnsinn, auch am Cheat Day. Drei Becher füllen und zwei wegschmeißen wäre der Protest eines Arschlochs. Sowas macht man nicht.

Ich sehe, dass noch zwei mal zwei junge Kundinnen im Ladenlokal stehen und deute auf das erste Paar: „Wenn die Damen wollen, nehme ich ihre Becher auf meinen Gutschein.“

Die Bedienung schüttelt den Kopf: „Die haben schon bezahlt.“

Ich deute auf das zweite Paar: „Dann nehme ich diese Damen auf den Gutschein, wenn es gewünscht wird.“

Die Bedienung schüttelt den Kopf: „Die befüllen sich gerade M-Becher. Sie haben Gutscheine für L-Becher.“

Nun bin ich doch ein wenig verwirrt: „Aber M-Becher sind doch KLEINER als M-Becher. Es kann Ihnen doch nur recht sein, wenn ich statt drei L-Becher nur einen und dazu zwei M-Becher einlöse?!“

Entweder ist sie unfähig, sich aus der vorgegebenen Struktur zu lösen oder sie genießt es, mich am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen: „Sie haben einen Gutschein für drei L-Becher, also können Sie auch nur drei L-Becher einlösen. Ansonsten haben Sie halt Pech gehabt.“

Der letzte Satz ist ein Trigger, denn er trieft vor Selbstgerechtigkeit – und die kann ich gar nicht ab. Ich lasse mir drei L-Becher geben, fülle einen davon üppig auf und setze mich mit der LvA auf die kleinen Stühle der Filiale. Meine Gattin möchte sich raushalten, sie kennt meine Launen, fragt aber dennoch: „Was hast du denn mit den beiden anderen Bechern vor?“

Ich setze meinen stursten Blick auf und sage es so laut, dass es die Bedienung hören kann: „Ich warte jetzt, bis jemand reinkommt. Dann schenke ich dem meine beiden Becher.“

Es dauert circa 10 Minuten und ich habe meinen eigenen Becher fast schon leer, als drei Mädchen im Alter von ca. 15 Jahren schnatternd herein gestürmt kommen. Bevor sie den Fehler machen können, sich an der Kasse einen Becher geben zu lassen, schnippse ich mit den Fingern: „Hey! Mädels!“

Sie schauen mich an, ich halte ihnen die zwei L-Becher hin: „Ich habe einen Gutschein für drei Becher, kann aber nur einen essen. Wenn ihr möchtet, könnt ihr euch die beiden Becher hier befüllen. Geschenkt.“

Sie sind erst baff und vorsichtig – man nimmt nichts von älteren Herren an, das haben sie offensichtlich gut gelernt. Aber ich habe die LvA dabei, die mein Angebot noch einmal freundlich lächelnd bestätigt.

Die Mädchen sind begeistert, zerren ihre Brieftaschen aus den Hosen, wollen unbedingt was dafür zahlen. Es ist ein fünfmaliges hin und her, bis ich ihnen klar gemacht habe, dass ich gar kein Geld will. Es geht schon längst nur noch darum, den Gutschein nicht verfallen zu lassen. Schließlich greifen sie beherzt zu, bedanken sich mehrfach und stürzen sich auf die Fro Yo-Maschine.

Zur Sicherheit gehe ich noch mal zu der Bedienung: „Sie haben das gesehen? Das ist okay mit den kostenlosen Bechern für die Mädchen?“

Was soll ich sagen? Nun lächelt sie auch nett. Wir haben augenscheinlich Einigung erreicht, dass ich kein alter Arsch bin, der nur empört auf sein Recht pocht. „Alles prima. Schönen Tag noch.“

Wir gehen. Ich habe einen Becher Frozen Yoghurt für den Preis von drei bekommen. Und doch habe ich nicht das Gefühl, Geld verloren zu haben.

Am Rest des Becherinhalts verliere ich zehn Sekunden später noch eine halbe Krone.





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