Zu den Nachwehen des Sabbaticals gehören die Aufräumarbeiten. So werde ich dieser Tage die Reihe „50 Serien, die ihr verpasst habt“ wieder aufnehmen. Ich arbeite außerdem ein paar versprochene Reviews ab. Einen Artikel, was aus meiner Teilnahme am NaNoWriMo wurde, bin ich euch ebenfalls noch schuldig.

Und damit sind wir auch schon beim Thema. Ich würde aktuell gerne mal wieder mehr im Fiction-Bereich stromern, aber die mangelnde Zeit sorgt für mangelnde Konzentration. Gerade mal einen Kurzkrimi habe ich letzten Monat geschrieben – der wird demnächst hier seine Online-Heimat finden. Aber es muss mehr gehen…

Nun war ich ja kürzlich in Manchester. Da findet man mich oft in Buchläden und Museumsshops. Sollte es je einen Beweis brauchen, dass die deutsche Buchpreisbindung eben KEIN Mittel zum Erhalt von Vielfalt und Qualität des Marktes ist, dann reicht ein Besuch bei Waterstones: In England sind Bücher auf breiter Front nicht nur liebevoller gestaltet und jeder Nische offen, sondern auch deutlich attraktiver für den „casual reader“ präsentiert. Man gibt sich mehr Mühe, die Neuerscheinungen nicht nur zu führen, sondern auch zu zeigen.

Nun ist der Engländer ja generell der Handarbeit und dem Hobby zugeneigt, er vertreibt sich die Freizeit gerne mit schrulligen Beschäftigungen. Der Buch- und Zeitschriftenmarkt trägt dem Rechnung, so mancher Blick in die Regale erzeugt amüsiertes Schmunzeln. Das ist unangebracht – der Brite nimmt sein Hobby ernst. Und dazu gehört auch die Liebe zu Sprache und Literatur. So sind Stapel mit Büchern und Boxen, die Autoren auf die Sprünge helfen sollen, prominent platziert:

Ich stehe immer begeistert davor, auch wenn ich nach mehr als 40 Drehbüchern, 20 Romanen und geschätzt 1000 Artikeln und Reportagen eigentlich keine Einsteigerhilfen mehr brauche. Besonders auffällig ist, dass man in England und den USA die Praxistipps sehr entspannt und aufmunternd präsentiert. Da muss man sich nicht erst durch 300 Seiten Bleiwüste zum dramaturgischen Aufbau wälzen, sondern wird augenblicklich animiert, in die Tasten zu hauen. Diese „can do“-Attitüde ist sehr erfrischend.

Und aus genau diesem Grund habe ich auch diesmal endlich das Buch „642 things to write about“ mitgenommen. Weil ihm eine banale Idee zugrunde liegt, wie man Menschen zum Schreiben bringt – und weil die Macher im Vorwort frei heraus zugeben, dass sie für das gesamte Buch gerade mal einen Tag gebraucht haben. Kein Wunder: Es besteht zu 90 Prozent aus leeren Seiten.

Wie der Name impliziert, gibt das Buch 642 Anstöße für literarische Notizen und Fingerübungen: „Schreibe über zwei Menschen, die sich lange kennen, von denen eine ein Geheimnis hat“, „Beschreibe das Gesicht einer Person, die du liebst“, „Mache eine Liste der Dinge, gegen die du im Leben ankämpfst“, etc.

Das finde ich eine – um es mit meinem ehemaligen Chefredakteur zu sagen – „ganz dolle Sache“. Weil es die kreativen Säfte anzapft, ohne totale Hingabe zu verlangen. Es ist Nebenbei-Schreiberei. Und angesichts der Tatsache, dass ich momentan kaum dazu komme, den großen deutschen Nachkriegsroman zu verfassen, scheint mir das ein spannender Kompromiss.

Ich werde, so oft ich kann, eine Schreibaufgabe des Buches präsentieren und auf deutsch erfüllen. Ein, maximal zwei Absätze, spontan aus dem Bauch heraus geschrieben. Und ich lade meine geneigten Besucher ein, in den Kommentaren eigene Beiträge zu posten.

Heute:

Unterschätze nie das Leben alter Männer auf Parkbänken

Die Wohlmeinenden nannten ihn ein Original, die Gehetzten und Gehässigen äußerten sich abschätzig über den vermeintlichen Stadtstreicher – einig nur in der Erinnerung von Großeltern wie Kindern, dass er immer schon da gewesen war und dass er auf etwas wartete. Im abgewetzten grauen Wollanzug saß er auf der dunkelgrünen Bank direkt hinter dem Haupttor des Parks. Milde Seelen reichten ihm manchmal geschmiertes Brot, im Winter heißen Tee im Pappbecher. Er nahm sie ohne Not, bedankte sich, ohne daraus ein Gespräch entstehen zu lassen, den Blick fest auf den an- und abschwellenden, aber nie versiegenden Strom von Menschen.

Paraden zum Kriege, Demonstrationen für Frieden, streitende Pärchen und Schulklassen in Zweierreihen zogen an ihm vorbei, Sirenen heulten und Silvesterraketen knallten. Versehrte und Bekehrte, Erhörte und Verstörte. So nahe war er manchmal gewesen, einfach aufzustehen und fort zu gehen. Er hatte die Hände auf die Oberschenkel gelegt, den Rücken durchgestreckt – und war dann doch sitzen geblieben. Wartend. Auf das eine Wort, die eine Tat, die ihm Antwort geben würde. Auf den Sinn. Sie zu entlassen in die Freiheit oder als Fehlschlag zu tilgen.



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