Ende März startet in den deutschen Kinos die Realverfilmung des Kult-Animes „Ghost in the Shell“ mit (der kontrovers diskutierten) Scarlett Johansson in der Hauptrolle. Und ich denke, wir sollten mal über das außerordentlich plumpe und sexistische Marketing des Films reden.

Das vorab – „Ghost in the Shell“ wusste auch in der Vorlage die Fantasien der vorwiegend jungen und männlichen Zuschauerschaft anzuregen und zu bedienen:

Hier wird ein Cybersex-Fetisch gefahren, der sich gewaschen hat – die virtuelle Fantasie wird real, der weibliche Körper zur Maschine, die Kleidung nur noch kaum verhehltes oder verhüllendes Bodypainting.

Auch das Poster wußte, worauf es ankommt:

Zur Neuverfilmung: Scarlett Johannsson ist vielleicht nicht asiatischer Herkunft, aber sie entspricht dem üppigen optischen Reiz, den die Hauptfigur ausstrahlt und hat auch bisher keine Scheu gezeigt, diese Merkmale für Kunst und Kommerz auszuspielen. Dass sie dabei auch im wahrsten Sinne als Postergirl der Po-Profil-Diskussion herhalten musste, verwundert nicht.

Ich nehme das nicht nur hin – ich habe auch kein Problem damit. Als heterosexueller Mann mit den üblichen, westlich industrialisierten Reizreflexen stört mich weder eine erotisch aufgeladene Darstellung von ScarJo noch deren Ausnutzung zu Marketing-Zwecken. Ich bin nicht prüde und schaue gerne hin. Die aktuelle Diskussion um Emma Watson und ihre Brüste finde ich so verlogen wie lachhaft.

Darum habe ich auch keinen Anstoß an den Trailern zu „Ghost in the Shell“ genommen, die zwar durchaus voyeuristische Interessen bedienen, dies allerdings ganz im Spirit der gezeichentrickten Vorlage tun:

Dass das Vorabplakat im Vergleich dazu weniger auf die SF-Aspekte eingeht, sondern mehr auf den Appeal von Frau Johansson? Verständlich ist das:

Völlig in Ordnung – auch wenn man ScarJo natürlich exakt so ausgeleuchtet hat, dass ihre Brüste die Silhouette dominieren.

Problematisch… nein, nicht problematisch… diskussionswürdig finde ich allerdings die endgültige deutsche Artwork, weil sie weniger offen sexistisch ist als das Anime-Plakat, gleichzeitig aber derart viele Trigger bedient, dass man sich wirklich fragen muss, ob hier eine neue Form der „subliminalen Pornographie“ getestet wird. Und ich bin nicht sicher, ob ich davon be- oder entgeistert sein soll.

Die zerzausten Haare, die kirschroten Lippen, der hautenge Bodysuit – all das wussten wir, all das konnten wir von „Ghost in the Shell“ erwarten. Darüber hinaus sieht man nichts, was in der Fußgängerzone Empörung hervorrufen müsste. Oder? Macht euch das Plakat nicht doch ein wenig unruhig?

Gehen wir mal in die Details – in Form von Scarlett Johanssons massiven Brüsten, die vom Verleih im wahrsten Sinne des Wortes in den Mittelpunkt gestellt wurden. Der Blickfokus, bei hochformatigen Kinoplakaten traditionell die Oberkante des mittleren Drittels, besteht de facto nur aus der rechten Brust der Darstellerin. Das ist für sich genommen schon auffällig und weit über das Po-Profil-Problem hinaus offensichtlich.

Aber es ist nicht nur die bloße Darstellung der Brust, es ist die gewollte Betonung, die mir so ins Auge sticht. Das Bild hat nur einen schmalen Streifen „realer Darstellung“, umgeben von digitalen Effekten und Unschärfen. In genau der Mitte des „scharfen Streifens“: Auge, Mund und Busen von ScarJo.

Zur Verdeutlichung:

Natürlich kann man sagen: Keine Aufregung wert, die ist ja nicht nackt. Und Frauen haben nun mal Brüste unter der Kleidung. Aber wie „unter“ sind die Brüste hier eigentlich? Klar sehen wir „offiziell“ gar nichts. Aber das Kostüm ist (wie im Anime) kaum mehr als ein Bodypainting und für die Brustwarze, die man nicht zeigen darf, haben die Designer einen perfekte Ersatz gefunden: den kleinen Halbkreis im Kostüm, dessen Form das Gehirn automatisch zur Areola ergänzt.

Zufall? Aber das ist noch nicht alles. Schauen wir uns mal die Evolution des klassischen „Ghost in the Shell“-Schriftzugs an. Der wurde früher gerne mit einem gefüllten Dreieck für das „in the“ dargestellt:

Eine grafische Spielerei von hohem Wiedererkennungswert, nicht mehr. Bei der Realverfilmung „gewinnt“ der Schriftzug aber durch die mit Sicherheit nicht zufällig gewählte Platzierung im Johansson’schen Genitalbereich:

Schaut es euch auch ruhig noch mal im Kontext des kompletten Plakats oben an. Zuerst dachte ich: Eigentlich dumm von den Designern, dass sie das Dreieck nicht gleich auf den Kopf gestellt und damit die übliche abstrahierte Darstellung der Vagina aufgegriffen haben. Doch dann fiel mir auf, dass in der vorliegenden Form das Dreieck auffällig auf die Brüste zurück verweist. Verfolgt die Spitze mal mit euren Augen – oder meinetwegen mit einem Lineal. Man landet wieder bei der stilisierten Brustwarze.

Natürlich haben wir diese Form von exakter Positionierung und Ausleuchtung primärer und sekundärer weiblicher Geschlechtsteile schon öfter gesehen:

Für mich erreicht das bei „Ghost in the Shell“ allerdings eine neue Dimension. All das KANN kein Zufall sein, keine spinnerte Feministen-Hysterie (derer ich unverdächtig sein sollte). Dieses Kinoplakat dient dem Marketing von „Ghost in the Shell“ mit exakt einem Schauwert: Der Oberweite von Scarlett Johansson. Und diese wird nicht einfach präsentiert, sie wird in Neonfarben angestrahlt, fokussiert, und in den Vordergrund gepresst. Addieren wir die von mir erwähnten Trigger einfach mal, zur besseren Ansicht auf einem entfärbten Motiv:

Um es noch einmal zu betonen: Es stört mich nicht. Weil es funktioniert. Ich finde ScarJo auf dem Plakat sexy. Aber es ver-stört mich, wie plump und gleichzeitig clever ausweichend hier gearbeitet wird. Das ist „having your cake and eating it“, jugendfrei und unanständig zugleich.

Die Kirsche auf der Sahne ist für mich allerdings die Pressemeldung des Verleihers am 8. März, mit der man ausgerechnet diese Frau und diese Figur zum feministischen Vorbild ausrief:

„Scarlett Johansson als revolutionäre Actionheldin zum Weltfrauentag“

Das ist dann schon eine Inception-eske „dream within a dream“-Logik.

Oder bilde ich mir das alles nur ein? Mutiere ich zu einem Verschwörungstheoretiker, der mit schwitzigen Fingern auf Dinge deutet, die gar nicht da sind? Traue ich dem Verleih gar zu viel Intelligenz oder Planung zu? Ist manchmal eine Zigarre nur eine Zigarre, und die Brüste von Scarlett Johansson sind nur Brüste und kein essentielles Marketinginstrument? Wie seht ihr das?



10 “ Ghost in the Shell: Sex IS the message! ”

  1. 1

    So viele Gedanken habe ich mir nicht gemacht; ich bin über „Robocop sah nie besser aus“ nicht hinausgekommen. Aber den Weltfrauentag zu erwähnen ist schon wirklich dreist.

  2. 3

    Der deutsche Trailer ist relativ lang und „verwässert“ damit das ganze ein wenig. Die Trailer die z.B. vor Trevor Nohas Daily Show oder bei @midnight gezeigt werden, beschränkten sich auf dei Szenen, bei der sie diesen Anzug trägt. Da sticht das viel stärker hervor.

  3. 5

    Stimmt, das ist mir vorher gar nicht aufgefallen, aber der Gesichtsausdruck wirkt tatsächlich wie eine halbe Sekunde nach einer Ohrfeige. Weltfrauentag, pffft …

  4. 6
    Michael S.

    Ob man jetzt den Moment der Erschöpfung (soweit das bei Cyborgs möglich ist), nach dem „Aufräumen“ im Hochhaus, nach der wilden Verfolgungsjagd und nach dem „Wasserkampf“, als Poster hätte nehmen müssen? Zugegeben, wenn man nicht weiss, was in den Minuten vorher geschah (Anime) bzw bald geschehen wird (habe den Real noch nicht gesehen), dann sieht es wirklich so aus, als hätte der Major grad eben eine Watschn bekommen.

    Zum eigentlichen Text vom Wortvogel, hätte ich so jetzt nicht gesehen, kann aber jetzt nicht mehr weggucken 😉

  5. 8

    Das vaginal-Dreieck ist mir beim genaueren Hingucken auch direkt ins Auge gesprungen.
    Finde diese finale Version des Plakates aber nicht sonderlich ansprechend.
    Vielleicht liegt es an der Körperhaltung, aber das ganze wirkt sehr plump.
    Und für ScarJo Verhältnisse sieht das schon fast nach Fatsuit aus – sehr seltsam.

    Das Vorabplakat war wesentlich schnieker.

  6. 10

    Hallo!

    Alles interessant und sicher kein Zufall. Aber letztlich nur ein subtiler aber flacher Ersatz für die starke sexuelle Ausstrahlung des Originals.

    Weißt du wie ich deinen Blog gefunden habe? Indem ich nach „Ghost in the Shell“ und „Prüde“ gegoogelt habe um heraus zu finden ob noch jemand außer mir enttäuscht ist, dass die Protagonistin nicht wie im original nackt zu sehen ist. 🙂

    Handelt es sich um verurteilenswerten Sexismus? ‚Ich weiß nicht – muss ich mir erst Gedanken drüber machen. Hätte ich gerne mehr gesehen? Definitiv ja.

    Wenn die sexuelle Komponente zur Dystopie dazugehören sollte – wie soll man sie verstehen wenn dieser Aspekt fehlt?



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