Spanien 2016. Regie: Oriol Paulo. Darsteller: Mario Casas, José Coronado, Bárbara Lennie, Francesc Orella, Ana Wagener

Offizielle Synopsis: Der erfolgreiche Unternehmer Adrián hat einen schlechten Tag, einen richtig schlechten Tag. Als er in einem Hotel aufwacht, findet er seine Geliebte ermordet im Badezimmer. Die Beweislast ist erschlagend: die Tür war von innen versperrt und es gibt keine anderen Verdächtigen. So steht der reiche Geschäftsmann kurz davor, alles zu verlieren: seine Familie, seine Karriere, seine Freiheit. Am Abend vor der Verhandlung taucht dann auch noch ein neuer Zeuge auf, der Adriáns Urteil erheblich beeinflussen könnte. Einzig Star-Anwältin Virginia kann jetzt noch helfen, in letzter Minute eine neue Verteidigung auf die Beine zu stellen. Dafür muss sie allerdings die volle Wahrheit kennen! Unaufhaltsam wie ein Uhrwerk spitzt sich die scheinbar ausweglose Situation zu, und je mehr Adrián sich in die Ecke gedrängt fühlt, desto düsterer werden seine Geständnisse.

Kritik: Trotz des Titels ist „The invisible guest“ wieder ein Film ohne konkrete Genre-Elemente, sofern man Thriller nicht als selbstverständliche Ergänzung des Triumvirats Horror/Fantasy/Science Fiction versteht. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich würde allerdings bestreiten, dass irgendjemand den Film zum Abspann noch als ungeeignet für das Festival bezeichnen kann.

Die Spanier haben sich in den letzten Jahren – weit mehr als die Franzosen – zu Lieferanten spannender, kommerzieller, aber doch kreativer Genrebeiträge entwickelt, die Lovecraft-Horror ebenso können wie Action-Thriller und Showbiz-Satiren. Die Tatsache, dass das spanische Kino vom Volumen her eher beschränkt ist, führt natürlich dazu, dass man den gleichen Protagonisten immer wieder begegnet. So haben wir Hauptdarsteller Mario Casas beim letzten FFF auch schon zweimal gesehen und Regisseur Paulo konnte vor ein paar Jahren mit dem Kriminalfilm „The Body“ begeistern, der durchaus als einleitende Fingerübung für die komplexe Erzählstruktur vor „The invisible guest“ zu sehen ist.

Der Plot ist verführerisch einfach: Adrián ist mit seiner toten Geliebten und viel Geld in einem von innen verschlossenen Hotelzimmer geschnappt worden. Er hat eine plausible Geschichte, warum er trotzdem nicht der Täter ist. Die ehrgeizige Anwältin, die ihn verteidigen soll, kann allerdings jedes fehlende Detail, jede verdächtige Auslassung wie ein Trüffelschwein riechen – Adrián gerät in die Enge, ändert seine Aussagen, passt die immer wieder in Rückblicken gezeigten Geschehnisse seiner Strategie an.

Und genau darin liegt die Brillanz von „The invisible guest“: Die Rückblenden sind kein Selbstzweck, keine Exposition – sie sind liquide Märchen, deren Protagonisten und Abläufe immer wieder wechseln, in denen Adrián mal als schwacher Pantoffelheld, dann plötzlich als eiskaltes Alphamännchen erscheint. Die Wahrheit muss mühsam erarbeitet und aus den verschiedenen Varianten gefiltert werden. Es ist Paulo hoch anzurechnen, dass er sich nicht verstolpert und „The invisible guest“ über alle Twists hinweg nachvollziehbar und plausibel bleibt – auch wenn die Logik irgendwann gestreckt wird wie ein Kaugummi.

Abgesehen von dem intellektuellem Vergnügen, dem Verhörduell der abgebrühten Anwältin und des jungen Tech-Unternehmers zu folgen, weiß „The invisible guest“ auch noch mit exzellenten Darstellern, edlen Bildern und einer Atmosphäre zunehmender Bedrohung zu überzeugen. 

Ich frag’s nur mal, weil’s ja schon Standard ist: Warum gibt es solche Filme eigentlich nicht in Deutschland? Mangelnde Eier oder mangelnder Ehrgeiz?

Fazit: Eine irreführend konventionell beginnende Mischung aus Verhör-Thriller und „locked room mystery“, die sich zunehmend verschachtelt und in der das zentrale Geschehen immer wieder unter neuen Gesichtspunkten umgebaut wird. Nicht immer 100 Prozent logisch, aber faszinierend und gerade für Puzzle-Fans und Sherlock-Geeks ein gefundenes Fressen. 8/10 – das müssen selbst Yetis einsehen.

Shriek of the Yeti:

„Spanischer Thriller für Freunde des ultraverschachtelten Logikpuzzles im Stile von „Loft“ oder „Usual Suspects“. Maybe not the best of this genre, but very very entertaining. 8/10.“



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Dass man im deutschsprachigen Raum sowas eher selten hinbekommt, liegt meines Erachtens auch daran, dass hier immer noch eine recht fatale Einteilung vorliegt: Deutsche/österreichische Filme sind immer noch viel zu oft entweder seichter Blödsinn oder schwer anspruchsvolle Dramen, die sich kein Mensch anschauen kann. Das bessert sich leider viel zu langsam.
Wobei ich auf Ruzowitzkys „Hölle“ sehr gespannt bin: https://www.youtube.com/watch?v=KtZYNleq4VE

Nummer Neun

Wobei ich da im Moment eher den Österreichern es zutraue, anspuchsvoll und Unterhaltung zu kombinieren. Ich denke da nur an „Das finstere Tal“ oder „Therapie für einen Vampir“ oder im Serien-Bereich „Braunschlaf“ oder „Pregau“.

heino
heino

Der war wieder toll, und obwohl solche Filme eigentlich nicht in das Programm gehören, möchte ich die spanischen Beiträge beim FFF nicht missen. Insgesamt hat mir „The Body“ etwas besser gefallen, aber trotzdem war der hier ein echtes Highlight.

8/10

Marcus
Marcus

What he (and Heino. And the Yeti.) said. 9/10.

Thies
Thies

Kommt diese Woche als „Der unsichtbare Gast“ auf DVD/Blu-Ray raus. Schade, dass er trotz großem Verleih im Rücken keinen Einsatz im Kino bekam. Seichte franzöische Komödien und dänische Depridramen finden doch auch ihr Publikum – warum dann nicht auch spanische Thriller? Immerhin brauchte es keine zwei Jahre bis zur Veröffentlichung wie bei „Marshlands“.

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