We are the Flesh

we are the flesh posterMexiko/Frankreich 2015. Regie: Emiliano Rocha Minter. Darsteller: Noé Hernández, María Evoli, Diego Gamaliel

Offizielle Synopsis: Einsiedler Mariano besetzt eines der letzten unzerstörten Gebäude in einer völlig kaputten Welt. Lucio und Fauna, beide jünger und weniger ranzig, wollen bei ihm Unterschlupf suchen. Er wird ihnen gewährt, wenn sie sich Marianos Bedingungen fügen. Aus seinen Augen sprüht der nackte Irrsinn. Sie willigen ein.

Kritik: Endlich! ENDLICH!!! Ein Film, der die Konventionen sprengt, das Publikum spaltet und die Frage, was im Kino erträglich und/oder erlaubt sein sollte, mit großer Wut und viel Eiern neu stellt. Er macht Angst – auch und vor allem vor den eigenen Reaktionen auf Geschehnisse auf der Leinwand.

Dieser Film ist KEIN Kinderspielplatz. Es ist ein Horrorfilm für Erwachsene, wie ich ihn seit der Ära des transgressiven Kinos der 70er nicht mehr gesehen habe. Damit meine ich nicht nur die amerikanischen Kino-Rebellen: „We are the Flesh“ verweist auch auf Pasolini, auf Franco, auf Arthouse-Pornographie und Greenaway. Ein Film, der schwer zu ertragen ist – aber wichtig.

Damit ihr nicht denkt, der Wortvogel bauscht seine eigene Empörung auf, hier mal ein kurzer Abriss der explizit gezeigten Handlungen: Oralverkehr, Masturbation, Vergewaltigung, Inzest, Nekrophilie. Dazu diverse Nahaufnahmen von Geschlechtsteilen und Orgasmen. Hier ist nichts Fake, auch nicht der Geschlechtsverkehr.

we are the flesh

Nun gehöre ich eher zu denen, die Tabubruch für einen albernen Raison d’Être halten, die sich über die Ekelhaftigkeiten bei Buttgereit und Ittenbach lauthals lustig machen. Das scheint widersprüchlich, ist es aber nicht. Weil „We are the Flesh“ keine pubertäre Angeberei ist, keine Mutprobe, weil seine in traumhaften und bildstarke Szenen verpackten Angriffe auf den etablierten Kino-Geschmack nie Selbstzweck sind. Dieser Kaiser hat Kleider. Es geht um etwas.

Was dieses „etwas“ ist, darüber lässt sich trefflich diskutieren. Ist es eine politische Allegorie, eine soziale? Über weite Strecken könnte der Film als biblische Gleichung und Schöpfungsgeschichte gesehen werden. Genau so funktioniert er als Kommentar zur destruktiven Kraft der Zivilgesellschaft. Ich selbst neige dazu, ihn als interne Ansicht eines sexuellen Kults à la Manson zu interpretieren.

Ich hatte mich dazu bereit erklärt, nach dem Film die Benotungskarten für den Fresh Blood-Award zu sammeln. „We are the Flesh“ bekam praktisch ausschließlich 1/2 oder 6 von den Zuschauern. Es ist kein Film, der eine Wischiwaschi-Meinung erlaubt. You are either in or out.

Nach dem Screening habe ich Matthias von Rosebud Entertainment übrigens gebeten, die Zuschauer bei den anderen FFF-Vorstellungen vorab explizit auf die zu erwartenden sexuellen Darstellungen hinzuweisen. Ich halte es für selbstverständlich, dass man ein Publikum, das für ein Fantasy-Festival angereist ist, nicht unvorbereitet mit eindeutig pornographischen Szenen konfrontiert.

Wer sich entscheidet, „We are the Flesh“ zu schauen, tut das auf eigene Gefahr – und dann möchte ich dringend eure Meinung dazu hören und diskutieren.

gruenFazit: Ein schwerer, langsamer, verstörender, sexuell expliziter Film, der sich einer einfachen Interpretation verweigert, aber damit noch lange nicht willkürlich ist, sondern das Ergebnis einer singulären erzählerischen Vision. Selten genug, aber – der Begriff „Kunst“ ist hier als Empfehlung wie als Warnung angebracht.

Philipp meint: Ich will dem Film nicht absprechen, dass andere Deutungen als „wenn erstmal das Inzest-Tabu gefallen ist, wird deine Schwester zur sexhungrigen Schlampe“ möglich sind, aber das ist in meinen Augen die naheliegenste. Gute Darsteller und dergleichen helfen nicht darüber hinweg, dass die explizite Darstellung von Vergewaltigungen in einer so nicht-negativen Konnotation für mich nicht angeht.



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Dietmar

Der Trailer sieht eindeutig nach Kunst aus. Aber ich finde gerade das Leben verstörend genug …

Peroy
Peroy

Und spontan ist das Interesse an dem Streifen auf den Nullpunkt gesunken…

Annika Lepsius & Bernd Schuh
Annika Lepsius & Bernd Schuh

Lieber Torsten,
fangen wir mit den Sexszenen an. Was haben wir darüber zu sagen? Wie stellt man eine Ekstase dar, eine Ekstase im Wortsinn, die Erfahrung der Loslösung des Geists vom Körper. Und wie zeigt man gleichzeitig, wie in der Logik des Films angelegt, dass eine Ekstase in diesem Sinne nicht möglich ist, da Geist und Körper eins sind?
Die Sexszenen sind zu Beginn pornographisch angelegt; realistisch und explizit werden nackte Körper gezeigt, von außen, als wäre die innere Erfahrung sichtbar, fühlbar, wenn man ein eregiertes Glied zeigt. Doch dann auf dem Weg zur Ekstase werden die zuckenden Leiber immer mehr verfremdet; so wird durch verschiedene visuelle Effekte das sexuelle Erleben dargestellt: Wärme-Kamera, Doppel-Bilder, usw., vermitteln eine Außerkörpererfahrung. Und doch findet die Ekstase nicht statt. Im Orgasmus werden die Zuschauer jäh wieder in die pornografische Realität der Körperlichkeit zurückgeworfen. Der Weg zur Ekstase, die letztendlich nicht stattfindet, ist der Beweis, dass sie, obwohl Geist und Körper für Augenblicke als getrennt erfahren werden, nicht möglich ist. Um dieses metaphysische Problem ringt der Film. Die nicht leugbare Dualität von Körper und Geist erfüllt sich nie. Egal wie exzessiv, durch Nekrophilie, Kanibalismus, etc., versucht wird eine Entscheidung für das Fleisch oder durch Rausch, Musik, etc., für den Geist herbeizuführen.
Diese existentielle Erfahrung wird gesucht in einer selbstgeschaffenen Höhle, in der menschlichen Ursprünglichkeit einer Einsamkeit = Solitudo, und der Verbundenheit mit anderen. Inmitten des selbst-entfremdeten Großstadtgetümmels, in einer Welt, die die menschliche Situation ausblendet.
Zu tun haben wir es mit einem anarchistischen Film: Menschen schaffen sich ihre Ordnung nach ihren Regeln in einem Raum, den sie selbst nach ihren Bedürfnissen gestalten.
Solitudo ist der Begriff um den sich alles dreht: Wie fühlt, wie denkt ein Mensch bar jeder Konvention, unabhängig von Sanktionen oder gewollten Wirkungen nach außen; wie akzeptiert er dieses So-Menschsein für sich? Leider werden zuviele nackte Körper als sexuell erregend in Sexszenen dargestellt, sicher auch weil junge Körper vorzeigbar sind; so wurden andere geistig/fleischliche Wirklichkeiten wie Tanz, Musik, Rausch, Essen, Pissen, Mord, nur angedeutet, nicht so heftig durchexerziert wie das Sexuelle. Mariano, ein Mensch, der sich dieser Solitudo bewusst ist, diesen Bewusstseinszustand vollständig akzeptiert. Der Bruder verhaftet in Konventionen, die ihm eine inzestiöse Beziehung nicht erlauben. Die Schwester verhaftet in einer Folgsamkeit, sie agiert nicht von sich heraus, sondern von außen angeregt. Mariano als Persona des Menschen schlechthin, den man aber in sich aufnehmen – sich selbst sein – muss, um ihn in sich selbst und dabei sich selbst wieder zu gewinnen.

Wir befinden uns nicht in einem Endzeitdrama oder in einer Apokalypse wie manche Rezensionen es behaupten. Und auch der englische Titel des Films ist irreführend:
Wie kommt es, dass der spanische Titel „Wir haben Fleisch“ mit „Wir sind Fleisch“ übersetzt wurde?
Wie kommt es, dass in dem sonst sehr cineastisch geschriebenen Fantasy Film Fest – Programmheft in der Beschreibung dieses Films auf Seite 50 von Endzeitdrama und Postapokalypse gesprochen werden kann und von nacktem Irrsinn? Ausdrücke, die unseres Erachtens nicht weiter von diesem Film entfernt sein könnten. Dazu muss man sich den Film nur bis zum Schluss anschauen: Am Ende tauchen wir mit einem Protagonisten des Films, der als Stellvertreter des Zuschauers gesehen werden kann, der verwirrt das Kino verläßt, in den Straßenzügen einer Großstadt auf; ein direkter Hinweis des Regisseurs, dass wir uns in der Jetztzeit befinden und nicht in einer Zukunftsvision. Und dass der Film keine phantastische Geschichte über eine fiktive Zukunft sein will, sondern Befindlichkeiten des heutigen Menschen ausdrückt. Ist das wirklich Irrsinn? Oder die Interpretation eines Regisseurs, der sich diesem menschlichen Thema nicht verschließt und wort- und bildgewaltige Ausdrucksmittel findet.
Es wundert uns nicht, dass dieser Film sehr inhomogene Reaktionen hervorruft. Wir selbst gehören der Fraktion derer an, die sich sehr über so einen außergewöhnlichen Film freuen, der nicht nur psychologisierend oder dogmatisch religiös oder sich in einer Expertensprache ergehend dem Thema nähert. Man muss auch der Gleichsetzung von Geist und Körper nicht zustimmen, man kann den gewählten Ausdrucksmitteln Uterus und biblischen Zitaten (der Uterus ist das Paradies aus dem man in eine schmerzensreiche Welt gestossen wird) nicht beipflichten, um sich dennoch vor dem unprätentiösen Versuch dieses Regisseurs zu verbeugen.
Ein möglicher Grund, dass dieser Film von so vielen Leuten abgelehnt wird, könnte sein, dass sie Angst davor haben, dass sie selbst, wenn sie befreit wären von allen Zwängen, nichts anderes wollten, als ihre sexuelle Lust in Gewalt auszuleben. Das hieße diesen Film nicht metaphorisch zu lesen, sondern konkret. Wir lesen den Film nicht als sozialpsychologisches Experiment mit dem Zuschauer, nicht als Anhäufungen von Zumutungen. Sondern als philosophische Allegorie der existentiellen Erfahrung jedes Menschen.
Annika & Bernd

Annika Lepsius & Bernd Schuh
Annika Lepsius & Bernd Schuh

@Wortvogel:
Wir haben versucht verschiedene Sichtweisen auf den Film darzustellen, psychologische, religiöse, zeitkritische Anklänge, und metaphysische. Um dieses „Etwas“, von dem du sprichst, einen Inhalt zu geben und auszudrücken, warum gerade solche Filme faszinierend sein können und Leuten, die nach einem ersten Anschauen – vielleicht sogar nur des Trailers – eher abgestoßen sind, einen Zugang zu einem derartigen Film zu eröffnen.
Den Hinweis auf das Ende des Films hielten wir für vertretbar, weil es für uns einfach irreführend ist, diesen Film als Endzeitdrama darzustellen, weil er das unserer Meinung nach einfach nicht ist, außer wir befinden uns bereits in Kaliyuga, der Endzeit 🙂

Dietmar

Ein möglicher Grund, dass dieser Film von so vielen Leuten abgelehnt wird, könnte sein, dass sie Angst davor haben, dass sie selbst, wenn sie befreit wären von allen Zwängen, nichts anderes wollten, als ihre sexuelle Lust in Gewalt auszuleben.

Also halten diese Zwänge diejenigen, die den Film ablehnen, davon ab, sexuelle Gewalt auszuüben? Wer den Film mag, hat diese Angst nicht oder lebt sexuelle Gewalt aus? Da könnte man sicher noch mehr fragen.

Ich kenne den Film ja nicht aber das ist ja eine allgemeingültige Aussage, die ich ausgesprochen fragwürdig finde.

Sebastian
Sebastian

Ein mächtiger Film. Und es stimmt: Der Film hat nichts mit Endzeit oder Apokalypse zu tun. Wenn man über den Film diskutieren will, dann muss man das Ende einfach mit einbeziehen. Ob man bei diesem Film spoilern kann, wäre eine Frage für sich. Ich werde das Gefühl nicht los, dass man nicht umhin kommt, sich mit Mexiko zu beschäftigen: die Rolle der Frau, des Todes, der Männlichkeit. Die Rolle der Gewalt und des Opfers. Ich kenne mich da zu wenig aus. Einfach nur das Inzesttabu zu nehmen und daran die Aussage festzumachen, wie weiter oben passiert, halte ich für zu kurz. Lange nichts mehr gesehen, das so bildgewaltig uns allegorisch war. Sich so sehr in mich eingebrannt hat. Und expliziter Sex…dass sich manche darüber immer noch aufregen.

Peroy
Peroy

Weil es ein schlechtes Licht auf alle Beteiligten wirft.

Alf
Alf

> Wie kommt es, dass der spanische Titel „Wir haben Fleisch“ mit „Wir sind Fleisch“ übersetzt wurde?

😀 Wenn Erbsen zählen, dann bitte richtig. Der spanische Titel lautet „Tenemos la carne“ und übersetzt sich mit „Wir haben das Fleisch“. Das klingt aber im Deutschen etwas nach erfolgreich Grillgut beim Metzter besorgt. Sinngemäß besser „Wir haben unser Fleisch“ oder sogar „Wir haben noch unser Fleisch“. In knapp ist da „Wir sind Fleisch“ gar nicht schlecht.

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[…] kann das schwer mitnehmen – siehe „Ex-Drummer“, „Enter the Void“ oder „We are the Flesh“. Als Komödie wie bei „Antibirth“ ist die Wirkung natürlich eine andere, weil der […]

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