The Lesson

lesson-posterEngland 2015. Regie: Ruth Platt. Darsteller: Robert Hands, Evan Bendall, Dolya Gavanski, Michaela Prchalová, Rory Coltart, Tom Cox

Offizielle Synopsis: Fins Eltern haben sich längst aus dem Staub gemacht. Gemeinsam mit seinem ruppigen Bruder haust er in einer trostlosen Ecke Englands, in der Provinzfrust tägliches Gesprächsthema ist. Stets auf Krawall gebürstet, zieht der Teenager mit seinen Jungs umher, quält die Mitschüler, demoliert Autos und schikaniert am allerliebsten seinen Lehrer Mr. Gale. Was urplötzlich folgt: Das schlimmste Nachsitzen aller Zeiten.

Kritik: In Großbritannien muss Schule der Horror sein – im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist erstaunlich, wie viele Serien und Filme die Tatsache thematisieren, dass britische Schüler eigentlich nur tumbe, gewaltgeile Bastarde ohne jegliches Mitleid sind. Schicke Uniformen hin oder her – was da heranwächst, ist vom Tier kaum zu unterscheiden, ein Ergebnis nicht nur verfehlter Bildungspolitik, sondern auch der gewachsenen sozialen Verrohung über zwei, drei Generationen. Prügeln, pimpern, pöbeln bestimmen den Alltag. Haben wir ja auch bei „F“ schon gesehen.

Nun also „The Lesson“. Der setzt seinen Konflikt sehr früh und sehr schnell: Ein desillusionierter Lehrer am Ende seiner Kräfte, ein Schülertrio ohne Gnade und Impulskontrolle. Ein Pulverkessel, in dem schon zu lange das Streichholz brennt. Die Explosion wird, muss Gewalt sein. Und so beschließt der getriezte Pädagoge, es mit „real tough love“ zu versuchen.

Bevor es aber dazu kommt, unterläuft „The Lesson“ dieses banale Konstrukt bereits – während der Lehrer als Figur nur angerissen wird, begleiten wir Schüler Fin in seinem trostlosen Alltag. Seine Befindlichkeiten, so stellen wir fest, sind nicht Resultat eines schlechten Charakters, sondern einer völlig verrotteten Umwelt ohne Vorbilder oder Anreize. Die Mutter an Krebs gestorben, der gewalttätige Vater irgendwann abgehauen, der Bruder dominant und gnadenlos – Fin ist so, weil er nicht anders sein kann. Und die hilflose Schwärmerei für die polnische Freundin des Bruders deutet durchaus an, dass ihm nur die Bezugsperson fehlt, um zu einem zumindest funktionsfähigen Mitglied der Gesellschaft zu reifen.

lesson

Potenzial, die einfache „sensibler Lehrer dreht gegen brutale Schüler den Spieß um“-Plotte wieder und wieder in Frage zu stellen, hat „The Lesson“ also. Er macht nur rein gar nichts draus.

„The Lesson“ zerfällt letztlich in zwei Teile. Die erste Hälfte, die unseren Protagonisten begleitet, ist zwar sehr gut beobachtet und absolut stimmig, wird aber zu lange gezogen und überstrapaziert das Interesse des Zuschauers an den wenig sympathischen Figuren. Wenn Fin und sein Kumpel dann dem Lehrer in die Hände fallen, kommt es nicht zu dem erwarteten (und Spannung versprechenden) Machtkampf der Bildungsschichten – sondern zu einem elend langen „rant“ des Lehrers, der eine halbe Stunde lang über Aufklärung und Zivilgesellschaft schwadroniert, während Fin sich in Schmerzen windet. Es findet kein Konflikt statt, keine Auseinandersetzung, es gibt keine Twists, die Machtpositionen verschieben sich nicht. Es gibt nicht einmal einen nennenswerten Versuch von Fin, der grausamen „Nachhilfestunde“ zu entfliehen. So funktioniert Dramaturgie leider nicht.

Dass Regisseurin/Autorin Platt (ich verkneife mir jedes Wortspiel) über die soziale Studie hinaus kein Interesse hat, einen sauber durchstrukturierten Film zu drehen, erkennt man auch daran, dass die zweite Hälfte eigentlich nur noch aus bequemen Zufällen besteht, die den Plot vorantreiben. Hier wird nichts ordentlich oder zwingend entwickelt, die Dinge passieren, weil sie für das gewünschte Ende passieren müssen.

Dass die Machart zudem erkennbar „low budget“ ist und das Ende wieder mal total albern, macht endgültig den Deckel drauf.

rotFazit: Ein als Sozialstudie über das hässliche britische Prekariat gut beobachteter Film, der sich mangels Plot und Figurenentwicklung in Geschwätzigkeit und Hysterie verliert. Da mühen sich auch die durchweg guten und authentischen Darsteller vergeblich.

Philipp meint: Erst werden die Charaktere durchaus interessant aufgebaut. Dann aber kommen sie entweder nicht mehr vor, oder ihre Charakterisierung spielt keine Rolle mehr. Was soll das sein? Ein Hochgesang auf den Frontalunterricht?



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Dietmar

In Großbritannien muss Schule der Horror sein

Ich habe Hitchens´ Autobiographie gelesen. Was er darüber schreibt, das reicht schon …

Marcus
Marcus

Ich schreib mal: die erste Hälfte ist der unerträglich langweilige Einblick in das banale Leben unsympathischer Spacken. Dann geht das Gefolter und Gesabbel los, und es wird auf völlig andere Art unerträglich langweilig.

Es hätte aber auch gereicht, wenn ich einfach „AAAAAAAAAARGH!“ geschrieben hätte. 1/10.

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