Swiss Army Man

swiss_army_man_poster_largeUSA 2016. Regie: Dan Kwan, Daniel Scheinert. Darsteller: Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead

Offizielle Synopsis: Hank ist dabei seinem Leben ein Ende zu setzen. Seit einer Ewigkeit gestrandet auf einer pazifischen Insel, erträgt er die Einsamkeit nicht länger und legt sich gerade einen Strick um den Hals, als plötzlich eine Leiche an den Strand gespült wird. Neugierig unterbricht unser Robinson seinen Selbstmord und entdeckt in dem toten Körper einige hilfreiche Gase, deren enorme Schubkraft ihn rittlings auf der Leiche an fremde Ufer trägt. Die Rettung vor Augen, zerrt Hank seinen neuen Gefährten in den angrenzenden Wald und macht sich endlich auch mal mit dem Kadaver bekannt. Sein Lebensretter heißt Manny und scheint, obwohl er sich der Tatsache seines Todes durchaus bewusst ist, zumindest ein angenehmer Gesprächspartner. Für Hank ist sein Erscheinen eine Befreiung. Endlich kann er jemandem von sich und seiner Einsamkeit erzählen, von seiner Unsicherheit und von all dem, was in seinem Leben schief gelaufen ist. Im Gegenzug spendet Manny das in seinem Rachen gesammelte Wasser als Erfrischung, stellt provokante Fragen zu Masturbation und den Frauen in Hanks Leben, weist mittels seiner konstanten Erektion den Weg zurück in die Zivilisation und erweist sich auch sonst als Schweizer Taschenmesser für alle Fälle. Gemeinsam sucht das ungleiche Paar nach dem Heimweg.

Kritik: Mir tut Daniel Radcliffe ein wenig leid – wie Elijah Wood (dem er ja auch durch sein ewig jungenhaftes Aussehen ähnelt) nicht von Frodo loskommt, wird Radcliffe den Rest seiner Karriere gegen Harry Potter anspielen müssen. Stinkreich, weltberühmt, aber mit 20 schon abgestempelt – das ist hart. Kein Wunder, dass er (wieder – wie Wood) besonders herausfordernde und seinem Image zuwider laufende Filme sucht, die dann auch gerne mal beim Fantasy Filmfest landen. So ist er heuer gleich zweimal vertreten – einmal als „Zombie“ und einmal als „Nazi“ (ich setze das in Anführungszeichen, weil es in beiden Fällen die Komplexität der Rolle nicht ausreichend beschreibt).

Aber ehrlich gesagt: So lange Filme wie „Open Windows„, „Maniac“, „Imperium“ und „Swiss Army Man“ dabei rauskommen, sollen sie ruhig weiter leiden, diese kleinen verwöhnten Hosenscheißer.

„Swiss Army Man“ entzieht sich jeder Kategorisierung, sprengt jede Schublade. An keiner Stelle wird klar, ob das, was wir sehen, wirklich so passiert – oder vielleicht nur die Wahnvorstellung von Hank ist. Ist Manny tot? Ist er ein Zombie? Ist er die Manifestation von Hanks Id? Ist Hank überhaupt Hank?

Trotz dieser bewußt vage etablierten Realität sind die Figuren extrem präsent, plausibel und packend geschrieben. Hier hat das Schicksal zwei zusammen geführt, die allein nicht lebensfähig wären – und ausgerechnet Hank, der die Welt selber nicht versteht, soll sie dem naiven und wissbegierigen Manny erklären. Es ist ein existentialistischen Zwei Personen-Stück, Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ als Monty Python-Farce in einem „Cast Away“-Szenario – und dabei doch völlig eigenständig und mit einer starken erzählerischen Stimme ausgestattet.

swiss army man

Trotz der gewichtigen Themen versinkt „Swiss Army Man“ allerdings nie in Trübsinn oder Melancholie – es ist letztlich eine lebensbejahende Komödie mit diversen Szenen, die mich lauthals haben lachen lassen. Und ich lache nicht gerne lauthals im Kino. Jede gefährlich sentimentale Schwere wird durch Pups- und Pimmelwitze ausgeglichen. Auch DAS braucht Mut, auch dafür spreche ich den Machern meinen Respekt aus.

Ein so eigenwilliger Stoff braucht natürlich Darsteller, die sich entsprechend einbringen, bzw. hingeben. Und da hat das Casting den Jackpot gezogen. Dano hat den leichteren Part, ist letztlich der „straight man“ zu Radcliffes „gag man“. Und mein lieber Scholli, Harry Potter lässt die Sau raus. Eine Performance für die Lehrbücher. In diesen Extremen noch die leisen Töne zu treffen, das macht einen wirklich großartigen Schauspieler aus.

Wer auf das Fantasy Filmfest geht, um frisches Blut zu sehen, neue Stimmen, potente Ideen, der wird dieses Jahr keine wertvollere Eintrittskarte in der Geldbörse haben als die für „Swiss Army Man“. Vergesst Vampire, Viren und virtuelle Welten – DAS HIER ist Genrekino für das 21. Jahrhundert.

Wenn einige von euch den Film gesehen haben, würde ich gerne über eure Interpretation der Geschichte diskutieren und die Frage, wessen und welche Realität hier erzählt wird.

gruenFazit: Eine so bizarre wie stimmige, lustige wie anrührende, krasse wie zarte Allegorie über Freundschaft, Außenseiter und die Unverzichtbarkeit des Miteinander, die viel Raum für Interpretation lässt und die Messlatte für den Rest des Festivals extrem hoch legt.

Philipp meint: Sehenswerter Film mit schönen Ideen. Einziger wirklicher Kritikpunkt ist, dass er sich für philosophisch tiefgehender hält, als er ist.



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Kastanie
Kastanie

Hui. Also normalerweise meide ich solche „Wir wollen auf Teufel komm raus so strange wie möglich sein“-Filme, weil ich sie gerne in die langweilige Arthaus-Schiene packe; aber das sieht wirklich äußerst originell aus (ein menschliches Schweizer Taschenmesser – Hut ab) und deine Kritik dazu hat mich angefixt. Ist auf meiner Merkliste.

Björn
Björn

(Wird es eigentlich irgendwo/irgendwie eine Chance geben, diesen Film [oder alle anderen] außerhalb von Filmfestivals zu sehen?)

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Bei „Swiss Army Man“ bin ich jetzt eigentlich von einem regulären Release ausgegangen, der Trailer war schon mal der Knaller 😀

Bartel

Ab dem 16. Oktober soll der auch hier bei uns regulär anlaufen. Harry Potter Starpower sei Dank.

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heino
heino

Eben nachgeholt und jetzt bin ich rechtschaffen ratlos. Ja, technisch und darstellerisch gibt es nichts auszusetzen und der Film ist stellenweise sehr witzig. Aber was die Aussage ist oder ob ich ihn tatsächlich gut finde, kann ich (noch) nicht sagen, da braucht es wohl eine Zweitsichtung