Scare Campaign

Scare-Campaign-Movie-PosterAustralien 2016. Regie: Cameron Cairnes, Colin Cairnes. Darsteller: Meegan Warner, Ian Meadows, Olivia DeJonge, Josh Quong Tart, Patrick Harvey, Cassandra Magrath, Steve Mouzakis, John Brumpton

Offizielle Synopsis: Ausgangspunkt ist das fiktive TV-Format „Scare Campaign”, das in der bereits 5. Staffel Ahnungslose erschreckt und vor versteckter Kamera vorführt. Zuletzt wäre bei einem fiesen Streich in der Pathologie beinahe eine Darstellerin gestorben, weshalb Redakteurin Emma eigentlich aus dem Geschäft aussteigen will. Aber ihr gegen Moral und Gewissen immuner Chef Marcus hält sie auf Kurs und die Produzentin fordert sogar noch mehr Drastik. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Die Internetshow „Masked Freaks”, eine Art VIDEODROME mit Slipknot-Maniacs, die ihre Mordinstrumente direkt an die Kameras geschnallt haben, läuft „Scare Campaign” längst die Quote ab.

Kritik: Ich bin durchaus der Meinung, dass aktuelle Trends im Horrorfilm Anlass zur Medienkritik geben, meinetwegen auch im Kontext eines Horrorfilms selbst. Dass der klassische Gruselfilm den zynischen Schlachtplatten weichen muss(te), ist zwar etwas plakativ und sicher nicht pauschal richtig, aber man kann (gerade auch nach Diskussionen, die ich hier auf dem Festival geführt habe) durchaus mal fragen, ob die neue Generation von Zuschauern nicht auf „thrills“ statt „chills“ aus ist, ob hier ein Fandom von gewaltgeilen, emotional betäubten Gaffern heran wächst, die Filme nach Schmerzgrenzen und Gewaltleveln werten (wobei ich zu einer Generation gehöre, von der man das vor 30 Jahren auch schon behauptet hat).

Es ist allerdings problematisch, wenn man diese Fragen im Kontext eines gewaltgeilen und voyeuristischen Splatterfilms stellt, also den Bock zum Gärtner macht und das Objekt der Kritik zur Kritik am Objekt erklärt.

„Scare Campaign“ gibt vor, die Wachablösung vom effektiven Schocker zum inhaltslosen, aber gewaltgeilen YouTube-Clip zu kritisieren. Dummerweise ist schon die als moralisch sauber proklamierte TV-Show „Scare Campaign“ eine zynische Sauerei, wenn im Prolog ein unbedarfter Wachmann derart verängstigt wird, dass er sich in die Hose pisst und zur Waffe greift. Ehrlich jetzt – DAS sollen die „guten Horrorfilme“ sein, die nun vom bösen Internet bedroht werden?

Der Versuch, die TV-Show für den neuen Markt etwas härter zu gestalten, ist damit auch keine Aufgabe höherer Ambitionen, sondern nur ein weiterer Abstieg in die Scheiße. Und so sehr sich die Macher des Films auch bemühen – man muss schon sehr unbedarft sein, um die schockierenden Twists der nächsten Stunde nicht von weitem kommen zu sehen. Die Inszenatoren finden sich als teil der Inszenierung wieder, jede Ebene der Realität ist eine neue Ebene der Show.

scare campaign

Abgesehen davon, dass „Scare Campaign“ sehr vorhersehbar ist, ist er auch noch sehr hohl. Die „Medienkritik“ beschränkt sich auf „TV-Bosse hecheln immer nur den Quoten hinterher“ – was Unfug ist, da die TV-Show ja gut läuft und der Erfolg von „Maskes Freaks“ im Netz darauf keinen Einfluss hat.

Überhaupt, die „Masked Freaks“ – dieses Konzept ist in einem Maße schlecht durchdacht, dass ich den Autoren eine Backpfeife verpassen möchte. Das Publikum glaubt (so wird unterstellt), die brutalen Clips seien einfach nur phänomenal gut gestellt. Wenn das reicht, um 15 Millionen zahlende Kunden zu bekommen – warum sollte man echte Morde begehen und filmen? Was für einen Sinn hätte es, ein widerliches aber legales Geschäftsmodell durch dutzendfache Massaker zu gefährden? Und wie heuert man Teenager an, um solche Morde zu begehen?

Das ist konzeptionell null durchdacht und kann deswegen auch kein logisches Ende finden. Wie so oft, brechen die Macher deshalb mitten in der Handlung ab und winken mit der Aussicht auf eine Fortsetzung, was mich auch ankotzt.

„Scare Campaign“ hält sich für kritisch, feiert aber, was er kritisiert – und ist letztlich so unausgegoren und selbstverliebt wie die „Purge“- und „Saw“-Reihen.

Vielleicht bin ich aber auch nur zu alt für diese Sorte Unsinn.

rotFazit: So wie „Beyond the Gates“ spezifisch die Filmfans der 80er anspricht, ist „Scare Company“ ein Grusler für die YouTube-Generation und damit für mich vielleicht schon verloren. Ich erkenne und respektiere eine gewisse technische Finesse, kann mit dem hanebüchenen Plot in diesem zynischen Kontext allerdings nichts anfangen.

Philipp meint: Gut gespielt, schert sich aber nicht um logische Verankerung in der Welt. Da das aber bei Splatter eher üblich ist, kann ich es hier akzeptieren.



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heinoPeroyWortvogelFakesergej Recent comment authors
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Peroy
Peroy

Ich halte „Saw“ für sehr ausgegoren. Hast du sie mittlerweile gesehen? Oder plapperst du nur hohl nach?

sergej
sergej
Fake
Fake

warum sollte man echte Morde begehen und filmen? Was für einen Sinn hätte es, ein widerliches aber legales Geschäftsmodell durch dutzendfache Massaker zu gefährden?

Vielleicht weil es billiger ist? In den „Wachsfigurenkabinett“ Filmen werden auch Leichen als schneller und einfacher Ersatz für die in Monaten aufzubauenden Wachsfiguren verwendet, da die ursprüngliche Arbeit von über einem Jahrzehnt vernichtet wurde. Auch gab (gibts?) verachtenswerten Tiersnuff – es ist billiger das Töten eines echten Tieres zu filmen, statt es glaubwürdig zu tricksen.

Peroy
Peroy

Dann halt weil’s geilt… 🙂

heino
heino

Dass der Film sich mit der Prämisse selber ins Knie schießt, ist leider wahr. Dass viele der Twists vorhersehbar und besonders der Regisseur und die Produzentin nur Klischees sind, auch. Aber davon abgesehen fand ich den Streifen in Sachen Gewalt noch recht zurückhaltend (da wurde doch sehr oft weggeblendet, wo andere Filme dieser Art sehr gerne ins Detail gehen), gut gespielt und trotz aller Unlogik sehr unterhaltsam. Keine grüne Ampel, aber doch ein sehr solides Gelb für mich.