Kidnap Capital

Kidnap Capital PosterKanada 2015. Regie: Felipe Rodriguez. Darsteller: Paulino Nunes, Johnathan Sousa, Michael Reventar, Pedro Miguel Arce, Michael A. Miranda, Juan Carlos Velis, Michelle Arvizu, Carlos Gonzalez-Vio, Lara Gilchrist, Joseph Pierre

Offizielle Synopsis: „Welcome to America! Nothing is free here.“ Das erleben der illegale Einwanderer Manolo und seine schwangere Frau, die einem besonders perfiden Geschäftsmodell zum Opfer fallen. In einen Keller verschleppt, ihrer Kleidung und Würde beraubt, sollen sie 5.600$ Lösegeld auftreiben. Gemeinsam mit weiteren illegal in die USA eingereisten Mexikanern sind sie auf engstem Raum der brutalen Willkür ihrer Entführer und deren Psychospielchen ausgeliefert und das inmitten einer idyllischen Vorstadtsiedlung.

Kritik: Das da oben ist kein Schreibfehler – „Kidnap Capital“ ist tatsächlich ein kanadischer Film, auch wenn er ausschließlich in Arizona spielt und der Cast fast durchgehen mit Hispanics besetzt ist. Die Filmförderung geht manchmal seltsame Wege…

Man kann auch wieder die Diskussion anfangen, wie das Fantasy Filmfest den Begriff Fantasy definiert. Ist es eigentlich wirklich gesund, dass mittlerweile der filmische Dreizack Horror, Fantasy und SF nicht nur um die Aspekte Action und Comic, sondern auch um den Aspekt Gewalt erweitert wird? Versteht mich nicht falsch: Gewalt ist kein notwendiger, aber ein durchaus respektabler Bestandteil des Genrekinos. Die Phantastik ist kein Ponyhof. Aber wenn ein Film sich ausschließlich über die Gewalt für das Festival qualifizieren kann, ohne sonstige phantastische Elemente mitbringen zu müssen, macht mir das Sorgen. Und ja, ich habe mit einem Mitarbeiter von Rosebud gestern auch mal darüber gesprochen – fruchtlos: Letztlich wird auf jede Kritik mit „Wir fanden den gut und finden auch, dass der hier her passt“ reagiert. Tiefer geht die „Diskussion“ nicht.

Wenn man sich die (ich nehme jetzt mal einen belasteten Begriff) Gewaltfilme anschaut, die auf dem FFF laufen, dann fällt auf, dass ein Thema besonders „gerne“ bedient wird: Entführung, Folter und Erniedrigung. Nicht im spielerischen, überzogenen Kontext wie bei den „Saw“-Filmen, sondern bewusst realistisch, hart an der und über die Schmerzgrenze hinaus. Frauen und Männer, von gesichtslosen Schändern eingepfercht, im eigenen Dreck sitzend und von permanenter Panik getrieben. Ich frage mich, ob die „Popularität“ dieser Filme mehr über die Macher oder mehr über das Publikum sagt.

kidnap capital

Natürlich sind die Absichten der Regisseure und Autoren ehrbar, das versichern sie in Interviews allerorten. Man will Gewalt nicht zelebrieren, man will sie plakativ anprangern. Der Zuschauer steht ja auf der Seite des Opfers, wünscht sich Gerechtigkeit und Katharsis. Im Gegensatz zum Slasher sollen die Ekelhaftigkeiten nicht begeistern, sondern empören. Brutalität als sozialer Kommentar, als Werkzeug der Aufklärung.

I call Bullshit. Ich habe keine Antwort, warum Leute sich so etwas gerne anschauen, aber ich schlucke diese redlichen Ansprüche nicht. Ich vermute eher, dass mit der Darstellung von Gewalt ein ebenso banaler Affektreiz bedient wird wie mit der Darstellung von nackten Frauen. Jim Wynorski sagte ja mal „Brüste sind der billigste Spezialeffekt“. Vielleicht gilt das genau so für die Faust in der Fresse…

Okay, ich muss vermutlich irgendwann mal zum Film kommen. „Kidnap Capital“ mag auch keine schöne Erfahrung sein, aber ich kann den Machern zumindest keinen unverhohlenen Sadismus vorwerfen. Die Gewalt, so schwer erträglich sie auch sein mag, ist letztlich immer nur so explizit, wie die Dramaturgie es braucht. Die Macher haben augenscheinlich mehr Mühe auf die Entwicklung der Charaktere als auf die Entwicklung der Foltermethoden verwendet. Das muss man anerkennen.

Es ist auch klar, dass „Kidnap Capital“ keine wilde Mär erzählt, sondern fiktional ein fast schon alltägliches Verbrechen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze aufarbeitet. Die illegalen Einwanderer sind hier Vieh, das beliebig ausgenutzt werden kann. Es ist durchaus richtig, sich das vor Augen zu halten.

Regisseur Rodriguez gelingt es, in der kleinen Gruppe sehr präzise Charaktere und soziale Hierarchien aufzubauen und dann auch wieder zu brechen. Besonders interessant sind dabei die Abstufungen: Die Entführer, so gnadenlos und allmächtig sie sich gegenüber den Mexikanern geben, sind letztlich auch nur kleine Nummern, nicht minder vom nächst höheren Level der Macht drangsaliert. Alles Marionetten für die „sauberen Herren“ im Hintergrund, die sich selber nicht die Finger schmutzig machen wollen. Und die Frauen sind wieder einmal nicht nur Beiwerk, sondern durch ihre Akzeptanz des status quo die Förderer der Gewalt. Sie wollen nicht das Verbrechen, aber sie wollen seine Früchte.

So entwickelt sich „Kidnap Capital“ folgerichtig, spannend und emotional packend. Er verkneift sich auch einfache Antworten, weil die Bestandteile der Gesellschaft, die das Problem wirklich anpacken, durch Abwesenheit glänzen (Politik und Polizei). Am Ende wird nichts erreicht, die Katharsis ist ein kurzer Moment ohne bleibenden Wert.

Ein guter Film, ein wichtiger. Aber eben auch ein Film, bei dem wir 80 Prozent der Laufzeit mit einem Dutzend dreckiger, halb nackter und panischer Männer in einem Kellerloch verbringen. Ich persönlich reise beim Fantasy Filmfest doch lieber in den Weltraum oder lasse mich von Geistern erschrecken.

gruenFazit: Knochenhartes Gewaltdrama über entführte illegale Einwanderer, das thematisch durchaus auch in der aktuellen europäischen Situation Spiegelungen findet. Aber letztlich auch ein Film, den man mehr aus sozialer Verantwortung als aus Spaß am Genre schaut. Fröhlich kommt hier keiner aus dem Kino.

Philipp meint: Düster, aber nicht überzeugend in seiner Darstellung des „Geschäftsmodells“. Mir drängt sich der Eindruck auf, als hätten die Macher des Filmes ihr eigenes Thema nicht durchdrungen. Im Rückblick schlechter als im Spontaneindruck.



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Marcel
Marcel

Gerade zufällig auf der FFF-Website gelesen:

„Im Rückblick kaum nachvollziehbar: Stundenlange Diskussion beim Auswahlteam, ob DONNIE DARKO genügend Genre-Elemente hat, um zum Festival zu passen.“

http://www.fantasyfilmfest.com/dt/fearfacts.html

heino
heino

Diskussionen mit den Rosebud-Leuten sind wirklich eine sinnlose Sache. Das konnte ich feststellen, als ich wegen meiner Meinung zur Umstellung auf die neuen Timeslots (14 statt 7 Tage) vor 2 Jahren von ihrem Internet-Hiwi offen angegiftet wurde und sich daraus ein sehr unschöner Schlagabtausch entwickelte

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