Don’t grow up

Dont Grow-Up-Poster-2Frankreich/Spanien 2015. Regie: Thierry Poiraud. Darsteller: Fergus Riordan, Madeleine Kelly, Mckell David, Darren Evans, Natifa Mai, Diego Méndez

Offizielle Synopsis: Keine Erwachsenen weit und breit, vor allem keine strengen Betreuer. May, Pearl, Bastian, Liam, Shawn und Thomas wissen ihre neu gewonnene Freiheit sinnvoll zu nutzen und erobern die von den Heimleitern konfiszierten Schnapsflaschen ganz schnell zurück. Vielleicht sollten sie sich doch lieber die Frage stellen, weshalb die gesamte Kanareninsel von keinem einzigen Volljährigen mehr bevölkert zu sein scheint. Die Antwort bricht von einer Sekunde auf die nächste über die Problemkids herein und der Kampf um den besten Fusel weicht dem ums nackte Überleben.

Kritik: Internationale Koproduktionen gehen manchmal seltsame Wege, um vom Start bis zum Ziel an möglichst vielen Finanzquellen saufen zu können. So spielt „Don’t grow up“ zwar auf einer britischen Insel, handelt von britischen Kids und ist mit britischen Darstellern besetzt – aber hinter der Kamera handelt es sich um eine spanisch-französische Koproduktion, die ausgerechnet auf Teneriffa gedreht wurde. Seltsam? Aber so steht es geschrieben…

Ich bin jetzt auch langsam für ein Moratorium auf Zombie/Outbreak-Filme und das einhergehende Ende der Welt. „Cell“, „The Girl with all the Gifts“, „Here alone“, „Don’t grow up“ – und ich habe das Gefühl, damit sind wir auf diesem Festival noch nicht am Ende der Fahnenstange. Der Genrefilm scheint sich an zwei, drei Themen ungesund festgebissen zu haben.

Es gibt zu viele Zombiefilme. Das ist natürlich nur die eine Seite der Medaille, die Betrachtung der Gesamtsituation. Darüber hinaus muss man jeden Film noch für sich werten – „Don’t grow up“ kann ja erstmal nichts für die Existenz der ganzen anderen Zombiefilme.

Und für sich betrachtet ist „Don’t grow up“ dann auch ein vielleicht nicht spektakulärer, aber sehr solider und ernsthafter Versuch, dem Thema noch ein paar neue Aspekte abzugewinnen.

Da ist erstmal der Fokus auf die Teenager – und zwar nicht auf Teenager aus dem unsäglichen US-Horrorfilm-Genpool, die von 30jährigen gespielt werden und denen man nach 10 Minuten den Leinwandtod an den Hals wünscht. Das hier sind RICHTIGE Teenager, deren Blickwinkel für die Dramaturgie durchaus wichtig ist. Sie sind keine Kinder mehr, aber auch nicht erwachsen. Sie geben sich hart, müssen aber noch lernen, Verantwortung zu übernehmen. Ihre Selbstsicherheit ist Pose, ihr Selbstvertrauen brüchig. Der Ausbruch der Zombiepest hat ihnen die Menschen genommen, zu denen sie aufschauen könnten – von denen sie aber auch oft genug verraten wurden. Genau genommen ist die Apokalypse ihr Pubertätsbeschleuniger – was auch explizit ausformuliert wird, wenn Bastian und Pearl eine Art nukleare Familie bilden.

Dont grow up

Die Tatsache, dass hier Minderjährige im Fokus stehen, führt auch dazu, dass viele Standard-Plots nicht bedient werden müssen. Es geht nicht um die Erreichung eines übergeordneten Ziels, nicht um eine Heilmethode oder eine Bombe, die den Zombies den Garaus machen könnte. Hier sind keine Soldaten unterwegs, keine Wissenschaftler, keine Helden. Bestenfalls können die Kids hoffen, zu überleben – und eine eigene Form der Proto-Gesellschaft zu bilden. Das hat durchaus auch Elemente von „Der Herr der Fliegen“.

Klar ergibt das letztlich nicht viel Handlung – zusammen gefasst schaffen die Kids kaum mehr als ein paar Kilometer, bis sie fast vollständig aufgerieben sind. Wie gesagt: dies ist kein Film der großen Ziele. Aber er lebt von der Intensität der Situation und vor allem von den hervorragenden schauspielerischen Leistungen seiner Darsteller, die wieder mal beweisen, dass der Nachwuchs im britischen Kino zu suchen ist.

„Don’t grow up“ wird zudem in beeindruckend Bilden und mit straffer Dramaturgie erzählt – Teneriffa hat Landschaften zu bieten, die nach der Subtraktion der Zivilisation schnell fremd wie ferne Planeten wirken.

So wenig ich noch einen weiteren Zombie/Outbreak-Film sehen wollte – so sehr bin ich doch froh, diesen hier gesehen zu haben.

gruenFazit: Kein neuer oder besonders spektakulärer Blick auf die Apokalypse, aber als mittelgroßes Zombiedrama mit ernsthaftem Ansatz und glaubwürdigen Figuren eine erfreuliche Brücke zwischen Mainstream-Kino wie „The Girl with all the Gifts“ und Low Budget-Produktionen wie „Here alone“.



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Markus

„Ungesund festgebissen“ – danke dafür. 🙂

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Da musste ich auch schmunzeln 😀

Jake
Jake

Ich sehe den Film nicht ganz so positiv wie der Hausherr. Würde ihn, um beim Ampel-System zu bleiben, mit „Gelb“ bewerten. Nach meinem Empfinden verlor der Streifen ab der zweiten Hälfte zu sehr an Fahrt und verlagerte den Fokus zu stark auf die Coming of Age-Liebesgeschichte. Von den schauspielerischen Leistungen der jungen Darsteller war ich allerdings ebenfalls schwer begeistert.

Was ich nicht ganz verstanden habe (Mini-Spoiler ahead): Warum waren die Kids zu Beginn des Films alleine in diesem „Erziehungsheim“? Wurde das irgendwie erklärt? Wo waren die anderen Kinder? Wo die Betreuer? Und wieso schien es von der Verbliebenen niemanden zu stören, dass die Einrichtung praktisch menschenleer ist?

Jake
Jake

OK. Wirkte auf mich nur etwas surreal, dass munter gesoffen, in den Gang gekotzt und in den eigenen Akten gestöbert wird, anstatt sich zumindest mal verhalten darüber zu wundern, wo alle hin sind.

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