Deep in the Wood

deepItalien 2015. Regie: Stefano Lodovichi. Darsteller: Filippo Nigro, Camilla Filippi, Teo Achille Caprio, Giovanni Vettorazzo, Stefano Pietro Detassis, Maria Vittoria Barrella

Offizielle Synopsis: Ein Dorf in den italienischen Dolomiten. Während die Einwohner beim traditionellen Krampus-Fest als Teufel und Dämonen verkleidet unartige Kinder erschrecken, verschwindet der kleine Tommaso spurlos. Fünf Jahre später taucht ein unbekannter Junge auf. Er wirkt stark traumatisiert, verfügt über keinerlei Erinnerungen, aber die DNA-Ergebnisse stimmen überein: Es ist Tommaso. Vater Manuel kann sein Glück kaum fassen. Mutter Linda tut sich jedoch schwer, in diesem stillen, gefühlskalten Kind ihren Sohn wiederzuerkennen. Der Familienhund knurrt zornig in seiner Nähe und der gottesfürchtige Großvater ist überzeugt, der Teufel höchstpersönlich habe ihnen diesen Sonderling ins Haus geschickt.

Kritik: Lasst es mich offen sagen – der italienische Horrorfilm hat aktuell bei mir nicht gerade einen Stein im Brett. In den letzten Jahren sind die Spanier mit erheblich mehr beeindruckenden Filmen beim FFF aufgetreten, die Franzosen sowieso. Italien, einst das Land des fiebrigen, farbigen Giallos und der erfreulich kompromisslosen Zombie-Schlachtplatten ist zur horrorfilmischen Diaspora geworden. Wenn uns das weitere Machwerk vom Zuschnitt eines „Morituris“ erspart, sage ich mal: besser ist das.

Aus genau dem Grund bin ich auch nicht mit großen Erwartungen in „Deep in the Wood“ gegangen – zumal es kaum einen Titel geben kann, der generischer nach einfallslosem Splatter und Torture Porn stinkt.

Umso mehr freue ich mich, dass ich mit meinen Vorurteilen daneben gelegen habe.

Zuerst einmal ist „Deep in the Wood“ kein Horrorfilm, schon gar kein waldgebundener. Es ist eher ein düsteres Krimi-Drama skandinavischer Prägung. Dieser Eindruck wird auch durch den Schauplatz verstärkt, den wir bisher noch nicht oft im Genrekino gesehen habe: alles dreht sich um ein äußerlich modernes, im Blut seiner Bewohner aber noch immer abergläubisches und weltfremdes Alpendorf. Hier ist es sehr oft kalt, sehr lange dunkel, und für die Abneigung reicht es schon, wenn jemand „nicht von hier“ ist.

Deep in the woods

In diesem Kontext ist es nicht verwunderlich, dass sich um das Verschwinden des kleinen Tommi ein Mythos gebildet hat, der faktenresistent ist: Der „nicht von hier“ Vater ist der Mörder – und wenn nicht, dann war’s der Teufel selbst, der den Jungen geholt hat. Mit dieser Narrative können alle (nur nicht die Familie selbst) leben. Als Tommi wieder auftaucht, wird das allerdings in Frage gestellt – und das macht die Sache nur noch schlimmer…

Nun wäre das schon genug Plot für einen spannenden Krimi, der noch dazu mit exzellenten Darstellern aufwartet, die keine großen Dialoge brauchen, um Hass und Schmerz und Leere auszudrücken. Aber „Deep in the Wood“ hat deutlich mehr zu bieten, wenn sich im letzten Drittel heraus stellt, dass alles, was wir gesehen haben, ein stimmiges, aber völlig falsches Bild gebaut hat. Die Motivationen und Handlungen der Figuren, die klar in eine Richtung deuteten, gehören in einen viel größeren, viel hässlicheren Kontext. Und die Frage, was mit Tommi passiert ist, ist ungleich komplexer als erwartet…

Ich spoilere das jetzt mal: Tatsächliche okkulte Elemente hat „Deep in the Woods“ keine – aber dafür eines der best gebauten Crime Mystery-Drehbücher, die ich seit langem gesehen habe.

gruenFazit: Ein Alpen-Schwedenkrimi, in dem das Verschwinden eines kleinen Jungen die sozialen Strukturen eines kleines Dorfes in Frage stellt. Perfekt konstruiert und trotz seiner inneren Logik in seiner Konsequenz nicht vorhersehbar. Freunden des skandinavischen Depri-Dramas dringlich empfohlen.

Philipp meint: Jede Menge Schuld kommt in diesem Film zusammen, der ausgezeichnet komponiert ist und mich in seiner Geschichte und mit seinen Schauspielern total überzeugt.



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Für mich eher ein „Gelb“-Kandidat, da mir der Doppel-Twist am Ende zu konstruiert daherkam und ich das Verhalten von manchen Personen in bestimmten Situationen ziemlich unglaubwürdig fand.

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