Antibirth

Antibirth-posterUSA/Kanada 2016. Regie: Danny Perez. Darsteller: Natasha Lyonne, Chloë Sevigny, Meg Tilly, Mark Webber, Maxwell McCabe-Lokos, Emmanuel Kabongo

Offizielle Synopsis: Nein heißt nein! Allerdings kann sich Lou nicht erinnern, ein Nein signalisiert zu haben – genauso wenig wie an alles andere auf der letzten Party. Ihr drogenbenebeltes Hirn wird erst wieder klar, als die Anzeichen untrüglich sind: schwanger! Kein Grund für die heruntergekommene Motelputzhilfe, Fastfood, Alkohol, Nikotin, Acid und Trash-TV abzuschwören. Sie legt keinen Wert auf das Balg in ihrem Bauch und für den Arztbesuch fehlt ihr ohnehin das Geld. Ihr zur Seite stehen ihre White Trash Freundin Sadie und die Verschwörungstheoretikerin Lorna. Die weiß ganz genau: Was da in Lou heranwächst, kann nie und nimmer von dieser Welt sein.

Kritik: Ich vertrete ja schon länger die These, dass Frauen- und Männerhorrorfilme sich nicht durch das Level an Gewalt oder die Einbeziehung von Liebe und Romantik unterscheiden, sondern durch die Externalisierung oder Internalisierung der dargestellten Bedrohung. Einfach gesagt: Im Männerhorrorfilm kommt vom die Gefahr von außen, besteht aus Zombies, Axtmördern, Aliens. Im Frauenhorrorfilm kommt die Gefahr von innen, ist mehr eine Bedrohung des eigenen Selbstverständnis als des Lebens.

In einem Horrorfilm, der primär Frauen ansprechen soll, geht es um existenzielle Fragen wie: Was ist, wenn ich meinem Mann nicht mehr vertrauen kann? Was ist, wenn ich mein Gedächtnis verloren habe? Was ist, wenn mein Haus nicht mehr sicher ist? Und vor allem: Was ist, wenn meine Schwangerschaft nicht erwartungsgemäß verläuft? Dieses Thema ist schon erstaunlich oft filmisch aufgearbeitet worden, weil es eine Urangst der Zuschauerin anrührt und damit emotional sehr potent ist. „Antibirth“ ist nur der neuste Vertreter von etwas, das man durchaus als Subgenre bezeichnen könnte: Schwangerschaftshorror.

Im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern des Subgrenres nutzt „Antibirth“ allerdings die unerwartet verlaufende Schwangerschaft nicht, um die heile Welt der Vorstadt zu zertrümmern. Lous Welt ist schon kaputt, besteht aus Drogen, Müll, Schulden. Wenn überhaupt, wäre das Baby eine Chance gewesen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Der Mechanismus bleibt aber gleich: Das Baby stellt den status quo in Frage.

antibirth

Drecksmenschen in Dreckshäusern in einem Dreckskaff – das ist das Universum von „Antibirth“, und erwartungsgemäß ist es sehr spaßig, dem asozialen Pack bei seinen Ritualen zu zu sehen. Man kann das bestreiten, aber hier spielt die Lust am Voyeurismus mit, an Unfällen auf der Autobahn und RTL2-Sendungen. Man wünscht sich für diese Menschen gar kein Happy End, sondern nur eine möglichst gottgerechte Strafe. Und die kommt.

Abgemildert wird der Ausflug zum amerikanischen Provinz-Proletariat durch viel knarzigen Humor, eine für diese Rolle geborene Natasha Lyonne und durch massive Ekelhaftigkeiten aus dem Bereich Körperflüssigkeiten, die eine gewisse Standfestigkeit vom Zuschauer verlangen – mitunter fühlt man sich an transgressive B-Movies der 80er wie „Street Trash“ erinnert, wenn Lou sich z.B. eine Blase am Fuß mit der Schere öffnet und da locker ein Liter klarer Eiter raus sabbert. That’s Entertainment!

Abgesehen von der kindlichen Spielfreude, mit der „Antibirth“ schräge Figuren und unappetitliche Szenen präsentiert, kann er auch noch mit einem Twist punkten, der gleichzeitig wahnwitzig und im Kontext des Film doch wieder logisch ist. Die letzten zehn Minuten hätten in den 80ern schon für Kultstatus gereicht – erinnert sich noch wer an „Society“? Ich frage ja nur…

Ich geb’s zu: „Antibirth“ ist ein hässliches Kind des Kinos, das man nur mit einer schwarzen Seele und leerem Magen genießen sollte. Aber die dreckige Oberfläche ändert nichts daran, dass hier ein kompetenter Jungfilmer eine in sich stimmige Weltsicht durchgehend spannend umgesetzt hat.

gruenFazit: Eine rotzige und rotzfreche schwarze Komödie, die den Zuschauer mit pubertärer Freude ekeln möchte und dabei durchaus erfolgreich ist. Das großartige Darstellerinnen-Trio Lyonne, Sevigny und Tilly hat sichtlich Spaß an der Provinzposse.

Philipp meint: Überschreitet hin und wieder meine Ekelgrenzen, ansonsten eher harmlos und langweilig. Gibt mir nichts.



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Peroy
Peroy

ICH erinner‘ mich an „Society“! DEN HABBISCH NOCH AUF TAPE!!!

Jake
Jake

„Society“ hab ich auch hier. Drecks-Film. Bis auf die besagten letzten 10 Minuten…

Peroy
Peroy

DER FILM HOLT EINEN VOLL AB, DU LUTSCHER!

Jake
Jake

@Peroy: Da trügt Dich Deine Erinnerung. Vielmehr fühlt man sich bei der Sichtung wie bestellt und nicht abgeholt…

Peroy
Peroy

Ich hab‘ mir mal einen abgeholt, ich weiß wie das ist… :/

Marcus
Marcus

Abholen, schmabholen.

Meschugge, teilweise ziemlich anstrengend – irgendwie ein Film, den ich vermutlich hätte besser finden müssen, als ich es tatsächlich tue. Ratlose 7/10.

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