The Survivalist

survivalist-2015-1Großbritannien 2015. Regie: Stephen Fingleton. Darsteller: Mia Goth, Martin Mccann, Olwen Fouere

Offizielle Synopsis: Die Welt ist am Ende. Schwindende Ressourcen haben die Erdbevölkerung dezimiert, und die wenigen Überlebenden kämpfen auf sich allein gestellt um jeden neuen Tag. Irgendwo in Nordirland hat sich einer von ihnen ein ärmliches Refugium erschaffen. Tief im Wald versteckt haust der Einsiedler in einer Hütte und ernährt sich von dem, was ihm sein zerzaustes kleines Feld liefert. Die feindselige Außenwelt hält er sich entschlossen mit Gewehr und raffinierten Fallen vom Leibe. Doch eines Tages steht die ältere Kathryn mit ihrer Tochter Milja vor seiner Tür und bittet um Schutz. Damit beginnt ein nervenzerreißendes Katz-und-Maus-Spiel voller Misstrauen und Angst. Und obwohl sich in dieser mitleidlosen Welt jeder selbst der Nächste ist, müssen die drei bald feststellen, dass die Paranoia unter dem gemeinsamen Dach immer noch besser ist als das, was draußen auf sie lauert …

Kritik: Wie knapp und doch nachvollziehbar man eine Dystopie bauen kann, zeigt der Vorspann von „The Survivalist“ sehr schön: Wir sehen eine Kurve auf einer Zeitlinie – die Entwicklung der Erdbevölkerung. Irgendwann gesellt sich eine zweite Kurve dazu – die Erdölförderung. Beide Kurven explodieren förmlich, gehen fast senkrecht nach oben. Dann, kurz nach dem Beginn des zweiten Jahrtausends, bricht die Erdölkurve ein. Danach die Kurve der Bevölkerungsentwicklung. Sie sinkt fast auf null. Das Ende der Zivilisation, machtvoll illustriert mit zwei Strichen auf einer Grafik.

„The Survivalist“ ist ist ein Minimal-Film, mit wenig Geld und primär drei Schauspielern im Wald gedreht. Es gibt keine großen Effekte, keine komplizierten Actionszenen, keinen Humor, keine direkten Genre-Elemente. Nach allen üblichen Maßstäben dürfte der Film nicht sehr spannend sein.

1 (4)Ist er aber. Weil er sehr präzise konstruiert ist, weil er jeder Figur spezifische, manchmal wechselnde Motivationen gibt, weil er die Notwendigkeit von Beziehungen und Gemeinschaften vor dem Hintergrund der Apokalypse stark verdichtet, bis sich die Suspense wie ein unhörbarer Brummton durch die gesamte Laufzeit zieht. Der Druck, unter dem die Figuren stehen, ihr Misstrauen – immer präsent, immer spürbar, ohne ausgesprochen zu werden.

Wenn man mit so reduziertem Aufwand und Cast arbeitet, ist man abhängig von der Besetzung, die authentisch und furchtlos agieren muss. Auch hier: keine Fehler. Obwohl die Figuren kaum miteinander sprechen, teilweise bis zum Autismus traumatisiert sind, dringt ihre Verzweiflung durch, ihre Gebrochenheit, weil die Apokalypse sie zu einem gänzlich unsozialen Verhalten zwingt, weil das menschliche Miteinander dem schieren Überlebensinstinkt geopfert werden muss.

Das kommt nicht augenblicklich in die Puschen, längere Strecken sind nur Beobachtung ohne Dialog, aber wer sich auf „The Survivalist“ einlässt, wird mit einem drahtigen Thriller ganz ohne die üblichen Thriller-Zutaten belohnt.

Fazit: Minimalistisches Survival-Drama, das von seiner permanenten Unruhe und subkutanen Spannung lebt und aus dem (lebens)notwendigen Egoismus der Figuren erstaunlich viel Handlung presst. Außerdem ein Film für Freunde von genitalen Großaufnahmen beiderlei Geschlechts. 7 von 10.


The Lobster

lobsterIrland, Großbritannien 2015. Regie: Yorgos Lanthimos. Darsteller: Colin Farrell, Rachel Weisz, Jessica Barden, Léa Seydoux, Ben Whishaw, Olivia Colman, John C. Reilly

Offizielle Synopsis: Irgendwann in naher, recht unerfreulicher Zukunft: Das Leben als Single ist unakzeptabel. Nachdem ihn seine Frau verlassen hat, findet sich unser Protagonist David folgerichtig in einem abgetakelten Luxushotel wieder, in dem ihm 45 Tage gewährt werden, um unter den Gästen eine neue Partnerin zu finden. Gelingt dies nicht, droht die umgehende Verwandlung in ein Tier seiner Wahl und die anschließende Aussetzung im nahen Wald. Eigentlich hat sich David schon mit seinem Schicksal als zukünftiger Hummer abgefunden, doch draußen in der Wildnis leben die gesetzlosen Loner, deren Auffassung von Partnerschaft eine völlig andere ist. Zwar werden sie von den Hotelgästen kaltblütig gejagt und erschossen, aber als David sich plötzlich in ihrer Mitte wiederfindet, nimmt eine groteske Romanze ihren Lauf …

Kritik: Kommen wir zur Kunst. „The Lobster“ lief in Cannes, wie die Veranstalter betonten. Dass diese Besetzung sich auch nicht für ein sadistisches B-Movie mit Zombies und platzenden Köpfe hergibt, war ja auch irgendwie klar. Ich bin da immer vorsichtig, weil das Vorurteil, dass Kunst gerne ein Euphemismus für Langeweile oder zumindest für Undurchschaubarkeit (führt zu -> Langeweile) ist, ja nicht von nix kommt. Die Abwesenheit von Unterhaltungswerten ist NICHT notwendigerweise Anspruch, auch wenn viele Regisseure (und leider auch Festivaljurys) das gerne glauben möchten. Es ist nur die Kehrseite der Medaille, dass hohe Einspielergebnisse nichts über die Qualität eines Films aussagen.

1 (7)Aber ich schweife ab, und das wird der Sache nicht gerecht, weil „The Lobster“ tatsächlich erfreulich konkret in seiner Dystopie ist. Wir verstehen, dass diese Zukunft an keiner Stelle realistisch sein soll, sondern dass sie für etwas steht – das Hotel ist die Welt der geordneten Beziehungen, der Wald ist die freie Wildbahn der Singles. Doch beide Strukturen täuschen, sind Käfige, die weder Liebesglück noch Freiheit versprechen, sondern diese gewaltsam zu erzwingen versuchen. So wie der gesellschaftliche Wert sich an der korrekt gewählten Partnerin misst, so sehr ist das Maß der persönlichen Freiheit der Verzicht auf Intimität, Liebe, Lust.

Das alles ist erstaunlich transparent konstruiert, jede der Figuren steht für eine Einstellung, für einen Typus Single. Da sind die Verzweifelten, die Erkalteten, die Entmachteten, die Lethargischen. Alle suchen nach der einen Eigenschaft, dem einen Merkmal an der anderen Person, an das sie andocken können. Die entlaufenen Singles werden verachtet, auch weil sie beneidet werden. Und wer am Ende nicht versorgt ist, wird auf den Stand eines Tieres zurück gestuft, ist des Mensch-Seins nicht mehr würdig.

Mich erstaunt, dass Colin Farrells Darstellung von vielen Kritikern heraus gehoben wird. Abgesehen von Plauze und Pornoschnäuzer spielt er nur erwartbar gut den lethargischen Neu-Single. Ashley Jensen, Rachel Weisz und Ben Whishaw haben mich deutlich mehr überzeugt.

Natürlich ist „The Lobster“ nicht fehlerfrei. Er setzt die Trostlosigkeit der Beziehungssuche in angemessene trostlose Bilder um, was sicher nicht jeden FFF-Fan auf der Suche nach Action & Effekten begeistern dürfte. Und in der zweiten Hälfte verzettelt er sich dann auch, wenn die Universalität der Beziehungsallegorie zu Gunsten der persönlichen Entwicklung des Antagonisten aufgegeben wird. Der Wechsel in die Individualität zieht sich und verliert dann auch an Botschaft. Statt 120 Minuten wären vielleicht primär in der zweiten Hälfte gestraffte 100 oder 110 vernünftiger gewesen.

Fazit: Groteske dystopische Allegorie über die Komplexität moderner Beziehungen in apathischer Zeit, über den Preis und die Lügen und den Zwang der Partnerschaft. Brillant beobachtet und teilweise erschütternd gespielt, aber gerade in der zweiten Hälfte auch sehr selbstverliebt und schließlich zu lang. 7 von 10.


Green Room

green-room-posterUSA 2015. Regie: Jeremy Saulnier. Darsteller: Imogen Poots, Anton Yelchin, Patrick Stewart, Alia Shawkat

Offizielle Synopsis: Sie nennen sich „The Ain‘t Rights“ und sind chronisch pleite. Als der jungen Punkband mal wieder ein Auftritt durch die Lappen geht, zieht ein befreundeter Journalist mittels familiärer Beziehungen einen neuen Gig an Land. Aber was Tiger, Sam, Pat und Reece im hintersten Winkel von Oregon erwartet, hatte keiner von ihnen kommen sehen. Zwar liefern die Musikfreaks ein glänzendes Livekonzert vor einer angetrunkenen Horde hinterwäldlerischer Neonazis ab, doch als sie von der Bühne geradewegs in einen barbarischen Mord stolpern, findet sich die hoffnungsfrohe Band urplötzlich von allen Seiten belagert im „Green Room“ wieder. Um die Nacht zu überleben, müssen sie bis an ihre Grenzen gehen – und darüber hinaus. Freundschaften werden auf die Probe gestellt. Schmerz wird ihre Waffe. Blut wird fließen. Und am nächsten Morgen werden nur noch wenige übrig sein …

Kritik: Es gehört zu den Genüssen des Filmfestivals, Regisseuren, Autoren und Darstellern beim Wachsen zu zu sehen. Wenn sie mit ihren Erstlingen kommen, dann größer budgetierte Folgewerke drehen und oft sogar in Hollywood landen. Über die Jahre habe ich den Aufstieg von Peter Jackson miterleben dürfen, Guillermo del Toro, Sam Raimi, Jeunet & Caro, Vince Natali.

Auch Jeremy Saulnier gehört in diese Liste. Vor zwei Jahren habe ich seinen Erstling „Blue Ruin“ begeistert als Selbstjustiz-Thriller ganz ohne den gerechten Zorn der Selbstjustiz gefeiert. Es freut mich, dass Saulnier nun mit einem höher budgetierten und besser besetzten neuen Film nachlegen kann.

Zuerst einmal: „Green Room“ rockt. Er ist hart, er ist schonungslos, er ist fettfrei geschrieben und inszeniert. In seinem Chaos, seiner Hysterie schafft er es, selbst bei den Nazi-Skins mit ein, zwei prägnanten Sätzen und Gesten plausible Charaktere zu bauen, Tiefen zu schaffen. Er lässt die beiden Gruppen aufeinander los wie Kampfhunde in der Arena, in der nur Darcy als „ringmaster“ die Kontrolle besitzt.

1 (8)

Harte Kost, starker Film. Aber ich wende mich mal ein bisschen von der Fanboy-Begeisterung ab, um zwei Punkte anzusprechen, die mir dann doch etwas aufgestoßen sind.

„Green Room“ geht auf Nummer Sicher. Es ist ein Belagerungsdrama ohne Wenn und Aber, vor allem aber ohne neue Facetten für das Genre. Der Wechsel von Zombies oder Gangstern zu Nazi-Skins ändert nichts an den Abläufen, der Dramaturgie oder den Charakteren. Das ist letztlich nur die Kostümierung. Anders als „Blue Ruin“ hat „Green Room“ über seine Story hinaus nichts über sein Genre zu erzählen. Das finde ich schade, weil ich Saulnier mehr zutraue.

Und Patrick Stewart ist auch nicht die Offenbarung, die ich mir erhofft hatte. Natürlich ist er ein großartiger Schauspieler und es ist ein feuchter Fanboy-Traum, ihn als rassistisches Drecksarschloch zu erleben. Das Problem dabei: Er spielt Darcy nicht als rassistisches Drecksarschloch, sondern als gut gekleideten, kultivierten Edel-Kriminellen, der seine eigenen Handlanger nicht weniger verachtet als seine Opfer. Ich verstehe zwar, dass hier illustriert werden soll, dass Darcy sich perfekt im Mainstream versteckt, aber es nimmt Stewart die Möglichkeit, mal so richtig die Sau raus zu lassen. Mit etwas weniger Kontrolle, etwas weniger Zurückhaltung, ein paar verblichenen Tattoos und mehr physischer Präsenz hätte die Figur erheblich furchterregender sein können.

So ist „Green Room“ für sich genommen exzellentes Entertainment, gerade nach einem eher intellektuellen Vergnügen wie „The Lobster“. Aber Saulnier und Stewart, das hätte obendrein auch noch außergewöhnlich sein können, vielleicht sogar müssen.

Das ändert aber nichts daran, dass Saulniers Filme künftig bei mir auf der „must see“-Liste ganz weit oben stehen.

Fazit: Beinhartes Belagerungsdrama, das bekannte Topoi des Genres mal nicht mit Zombies oder Mafiosi durchspielt, sondern mit Nazi-Skinheads. Von hohem Tempo, straffer Regie und starken Darstellern (aber erfreulich wenig Gröl-Mucke) virtuos getragen. 8 von 10.


Pandemic

Pandemic_poster_goldposter_com_1USA 2016. Regie: John Suits. Darsteller: Rachel Nichols, Missi Pyle, Alfie Allen, Mekhi Phifer, Paul Guilfoyle

Offizielle Synopsis: In einer Militärbasis am Rand von L.A. wird fieberhaft nach einem Stoff gesucht, das tödliche, die Weltbevölkerung dahinraffende Virus im letzten Moment doch noch einzudämmen. Da die Mutation in Phasen verläuft, sind Infizierte und Nichtinfi zierte nicht immer leicht zu unterscheiden. Dr. Lauren erhält die Mission, einem Notsignal nachzugehen und mitten in der zerstörten Metropole nach Überlebenden zu suchen. Drei Dinge sollen bei der Rettungsaktion für das Team oberste Priorität haben: das Leben Laurens als letzte Ärztin in der Basis, die hundertprozentige Gesundheit der Geretteten und das strikte Verbot, irgendwelche privaten Interessen bei der Operation zu verfolgen. Rein, raus, lautet die Devise. Wie fast unmöglich diese Aufgabe ist, zeigt sich allerdings schon beim Verlassen der geschützten Zone durch die mit Horden von Zombies infiltrierte Schleuse …

Kritik: Manche Filme sind einfach zum kotzen. Wie schon „Taped“ setzt „Pandemic“ derart auf hektisches, subjektives Kameragewackel in niedriger Auflösung, dass mir nach fünf Minuten schwer übel war und ich bei den Actionszenen die Augen schließen musste. Es wäre zwar ein angemessener Kommentar zu gebotenen filmischen Qualität gewesen, aber ich wollte dem Kino nicht auf den Boden reihern. Soviel Rücksicht muss sein.

1 (5)Leider ist „Pandemic“ (dessen generischer Titel Vorwarnung genug sein sollte) auf so ziemlich jeder Ebene ein Totalausfall und wirft nach „Raze“ erneut die Frage auf, wie zur Hölle sich die durchaus arrivierte Rachel Nichols („G.I. Joe„, „Continuum„) ihre Rollen aussucht. Das hier ist Sub-Syfy-Trash, dessen subjektive Kamera ausschließlich der Kostenminimierung dient, dessen CGI nach Smartphone-App aussieht und der wirklich an keiner Stelle versucht, mehr zu leisten als das Minimum, was von so einem Virus/Zombie-Dreck erwartet wird. Blanker Zynismus und damit ein schöner Gegenentwurf zum nicht teureren, aber deutlich ambitionierteren „What we become„.

Was „Pandemic“ auf meiner Respektskala noch mal ein paar Punkte nach unten setzt, ist die unsäglich nervige Mischung der Protagonisten: Hier hat wirklich jeder ausschließlich seine eigenen, egoistischen Ziele vor Augen, für die Rettung des Nachwuchses oder der Lebensgefährtin wird stressfrei über Leichen gegangen und irgendeine Logik sowohl im Verhalten der Menschen als auch im Verhalten der Zombies sucht man vergebens. Es ist der Meinung des Zuschauers nicht zuträglich, wenn man sich nach 10 Minuten wünscht, die Heldin möge endlich vom Zombie gefressen werden.

Dass angesichts der inhaltlichen und technischen Schlampereien auch die subjektive Kamera-Perspektive bestenfalls schlampig durchgezogen wird, sollte niemanden wundern.

Ich gebe selten 10 Punkte, ich gebe selten 1 Punkt. Im Idealfall ist immer Luft nach oben oder unten. Im Fall von „Pandemic“ mache ich eine Ausnahme.

Fazit: Würden nicht die unerträglichen Figuren, die schlechte CGI oder der tausend Mal gesehene Plot den Film versenken – die brechreizerregende Shaky Cam machte den Deckel drauf. Nur geeignet für diese schrabbeligen „20 Horrorfilme für 10 Euro“-Boxen und das entsprechende Klientel. 1 von 10.


Veteran

veteranSüdkorea 2015. Regie: Seung-wan Ryoo. Darsteller: Jung-min Hwang, Ah-in Yoo, Hae-jin Yu, Dal-su Oh, Man-sik Jeong

Offizielle Synopsis: Geld regiert die Welt. Mit Macht, Stellung und Einfl uss kommen die Großen mit jedem widerwärtigen Verbrechen davon. Doch einer hat von diesen Machenschaften die Nase gestrichen voll: Do-cheol Seo, einer der letzten aufrechten Cops in der Metropole Seoul. Er will aufräumen mit Bestechung, Erpressung, mundtot gemachter Presse und halbseidenen Deals hinter verschlossenen Türen! Als ein befreundeter Truckfahrer vermeintlich selbst verschuldet fast zu Tode kommt, hat Seo seine Nemesis gefunden: Tae-oh Jo, Sprössling eines milliardenschweren Familienimperiums. Seos persönliche Vendetta ohne Rücksicht auf Karriere und Familie wird weit mehr in den Abgrund reißen als nur den sadistischen Industriellensohn.

Kritik: Wer meine Reviews schon länger liest, der weiß, dass ich mit dem asiatischen Kino zwar nicht so warm werde wie viele meiner Kollegen und Kumpeln, aber ordentliche Asia-Action durchaus zu schätzen weiß: „Clash„, „Like a dragon„, „Ninja Terminator„.

„Veteran“, angeblich der erfolgreichste südkoreanische Film aller Zeiten (zumindest in Südkorea), fängt denn auch ganz vielversprechend an, mit den augenzwinkernden Action-Abenteuern einer Polizeieinheit, die offensichtlich bei Jackie Chan gelernt hat. Da lacht man auch gerne mal, wenn einem bösen Handlanger die Eier zerquetscht werden. It’s Entertainment!

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Leider baut der Film danach deutlich ab, weil er mehr Krimi als Action-Farce sein und noch dazu asiatischen Emo-Kitsch bedienen will: Ein tapferer, aufrechter Trucker mit kleinem Sohn wird Opfer reicher Kapitalistenschweine, die Politik und Polizei in der Tasche haben. Aber ach, unser aufrechter Do-cheol Seo hatte dem kleinen Jungen doch versprochen, auf ihn und seinen Papa aufzupassen! Also schwört er sich, die Verantwortlichen dran zu kriegen.

Auch DAS ginge noch, wenn „Veteran“ an diesem Punkt wenigstens konsequent auf die „Ein Cop sieht rot“-Schiene umsteigen würde. Aber weil Do-cheol Seo moralisch unantastbar ist, geht er die Sache ganz klassisch an, mit Verhören, Beweissicherung und investigativer Recherche. Es gibt viele Konfrontationen mit Anwälten, aufbauende Gespräche mit der Gattin und den Kollegen, permanente Verweise darauf, wie unendlich korrupt und skrupellos der Bösewicht ist.

So schleppt sich „Veteran“ zu zäh vom furiosen Prolog zum nicht minder krachenden Finale, denn primär geht es ihm nicht um die Action, sondern um das Eincremen der koreanischen Kleinbürgerseele: Seht her, auch wenn die da oben alle Macht haben und total gemein zu euch sind, es gibt immer wieder einzelne Polizisten, die sich das nicht gefallen lassen!

Hinzu kommt, dass ich die Sprache im koreanischen Filme für entsetzlich halte – das klingt alles wie weinerliches, empörtes Geplärre von Touristen, denen man die Brieftasche geklaut hat. Mag Kulturchauvinismus sein, aber ich sag’s halt, wie es ist.

Ich erkenne aber neidlos an, dass der koreanische Actionfilm ein hohes Niveau besitzt, was Actionszenen und Ausstattung angeht. Wer generell ein Faible für diese Sorte Film hat, wird sicher weniger kritisch sein als ich.

Fazit: Fängt an wie ein Jackie Chan-Slapstick-Actioner, dreht dann in Jackie Chan-Crimedrama-Territorium und bedient letzten Endes primär den kindischen koreanischen Wunsch nach dem Supercop, der es den korrupten Kapitalisten mal so richtig zeigt. Teilweise witzig, teilweise furios, aber letztlich zu unfokussiert, um mitzureißen. 6 von 10.


Nach(t)gedanken

Da sieht man mal wieder, mit wieviel Vorsicht man die Punktewertungen genießen muß – mit 29 Gesamtpunkten liegt Tag 2 gerade mal zwei magere Punkte vor Tag 1. „Pandemic“ hat den Durchschnitt versaut. Eigentlich war es nämlich ein deutlich besserer Tag, der die Diktatur des Mittelmaßes gebrochen hat. Endlich wieder Highlights, endlich wieder Filme mit Mut und Perspektive. Hätten die Veranstalter „High Rise“ statt „Pandemic“ als Hauptvorstellung am zweiten Tag gebracht, wäre es einer der besten Festival-Tage seit Vogelgedenken gewesen. Und Tag 1 hätte man dann endgültig auslassen können (da war Doc Acula unbeabsichtigt schlauer als ich).

Habe ich mich gestern über die geschlechtliche Auseinandersetzung mit Minderjährigen echauffiert, muss ich heute mal das Thema Tierquälerei, bzw. Tiertötung ansprechen. Das scheint mittlerweile Standard zu sein, kaum ein Film auf diesem Festival hat darauf verzichtet. Mal lustig, mal schockierend, mal furchtbar, mal notwendig – Fellträger haben keine hohe Lebenserwartung im modernen Genrefilm. Meistens trifft es Hunde, im naturalistischen Kontext gerne auch Kaninchen, allerdings sind auch Esel und Ziegen nicht tabu. Ich gehe mal davon, dass PETA das Festival in absehbarer Zeit nicht sponsorn wird.

Zusammen fassend muss man festhalten, dass die Veranstalter mit „The Witch“ und ausgerechnet „Pandemic“ zwei ihrer schwächsten Beiträge in die Primetime-Schiene gelegt haben – ein massiver Fehler, zumal mit „High Rise“, „Green Room“ und „Survivalist“ deutlich potentere Kandidaten zur Verfügung standen. Besucht waren alle Veranstaltungen für Nürnberger Verhältnisse erstaunlich gut, man muss sich um die Zukunft des Festivals in der Hauptstadt der Bewegung keine Sorgen machen.

Mein Dank gilt wie immer Doc Acula, einem treuen Begleiter und kompetenten Ko-Kritiker, mit dem man sich Bonbons und Unsäglichkeiten der Leinwand teilen kann. Es sei der Fairness halber erwähnt, dass er „The Survivalist“ ein oder zwei Punkte schlechter bewertet als ich, „Veteran“ dafür deutlich besser.

Verkündet wurde übrigens auch, dass das große FFF dieses Jahr am 19. August startet. Sofern mich nicht der Blitz trifft, werde ich natürlich dabei sein. Seit 1990 weiß ich so wenigstens einmal im Jahr, wo ich hin gehöre. Aber wo ist das? Wieder Nürnberg, mit dem Doc im Pärchensitz? Oder wieder Berlin, im endlich fertig gestellten Motel One gegenüber des Kinos, sofern sich Gleichgesinnte finden? Aus nostalgischen Gründen nach München? Oder – ganz vogelwild – in Köln dem Filmi, dem Heino und dem Marcus die Laune verderben? Hhhmmm…

Nach dem Festival ist vor dem Festival!



10 “ Fantasy Filmfest Nights 2016 (2): The Survivalist,
The Lobster, Green Room, Pandemic, Veteran

  1. 1

    Ich wäre dafür, dass du nach Nürnberg kommst, weil ich da auch sein werde, jedenfalls mit sehr großer Wahrscheinlichkeit.
    Zu den Nights zieht’s mich diesmal ausnahmsweise nach Berlin.

  2. 2

    Da wir uns bei deinem letzten Kölner FFF nicht gesehen haben, weil ich alter Egoist da im Urlaub war, plädiere ich natürlich für einen zweiten Versuch:-)

  3. 7

    So denn, FFF Nights in Köln sind auch rum. Senf gefällig?

    THE SURVIVALIST: quasi THE ROAD mit noch weniger Budget. Der Film hat bisweilen seine Längen, was davon noch verstärkt wird, dass die Figuren alle so maulfaul sind. Aber mit ein wenig Geduld und Sich-drauf-einlassen erzeugt der Film dann doch eine Sogwirkung, die einen mitfiebern lässt. Das ist jetzt wohl die richtige Stelle, um wieder mal die Standardfrage „und was davon kriegen deutsche Filmemacher nicht hin?“ zu stellen.
    Außerdem sind die Darsteller toll und die oben vom Vogel erwähnte Diagramm-Eröffnungssequenz ist brilliant. In Summe (aber wirklich nur wegen der allgemeinen Sperrigkeit nicht mehr): 7/10.

    THE LOBSTER: meine Herren, wir haben KUNST!. (Und ja, der Punkt muss sein. Das Ausrufezeichen ist Teil der Genrebeschreibung. 🙂 ). Die Grundidee dieser Groteske ist recht clever, die Darsteller gut, die Bilder toll, und ein paar ehrlich verdiente Lacher hat der Film auch – aber leider ist das Gesamtpaket zu langatmig, zu unfokussiert, zu selbstverliebt und letztlich zu spröde, um wirklich empfehlenswert zu sein. Quentin Dupieux nach der Charmeamputation. 6/10.

    GREEN ROOM: fetter, fieser und nägelkauend spannender Reißer, der eigentlich keine Wünsche offen lässt. Bis auf die ja auch schon vom Hausherrn getroffene Feststellung, dass Patrick Stewart mit angezogener Handbremse agiert. Trotzdem Pflicht. 9/10.

    PANDEMIC: Die Ansage des Vogels ist harsch, aber nicht falsch. Inhaltlich ist das hier wirklich liebloser 08/15-Magerquark, und das Egoperspektiven-Gimmick ist erstens nervig (im Sinne von „ich werd seekrank“) und zweitens schlampig durchgezogen. Wer sich den Film schönsaufen will, der könnte ein Trinkspiel „immer wenn wir etwas sehen, wo nicht klar ist, welche Kamera das nun wieder filmt“ anfangen. Etwas kompetent gemachter Splatter und Darsteller, die ihr Bestes geben, mögen diesem Film wenigstens für anspruchslose Zombie-Allesgucker noch halbwegs über die Ziellinie helfen, alle anderen verpassen hier wirklich nichts. Mit gutem Willen 3/10.

    VETERAN: trotz fast 2 Stunden Laufzeit und der Platzierung als Festivalrausschmeißer (wenigstens hier in Köln) guckte ich während der Vorstellung nicht einmal ermüdet auf die Uhr. Es gibt Kung Fu, fies overactende Schurken und allerlei alberne, aber lustige Gags. Jackie Chan in Korea. 7/10.



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