Ein bekanntes, entgegen seiner reflexhaften Verwendung nicht immer zutreffendes Sprichwort besagt:

„Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen“
(Jorge Augustín Nicolás Ruiz de Santayana)

Ich halte dieses Motto für zeitgeschichtlich sehr relevant, weil es sich mit jeder neuen Generation lohnt, die Attitüden, Ziele und Fehler der vergangenen zu reflektieren. Während wir uns sehr leicht damit taten und tun, unsere Vorfahren unter dem Hakenkreuz (ab) zu werten, so wehren wir uns noch tapfer gegen eine kritische Bestandsaufnahme der 68er und der Ökopaxe.

Aktuell fürchte ich, dass eine neue Generation heranwächst, die keinerlei Interesse zeigt, sich als aus der Geschichte erwachsen zu begreifen. Eine Generation, die nur im „hier und jetzt“ lebt und meint, über den Moment hinaus läge kein Nutzen darin, Erkenntnisse in einem größeren Kontext zu suchen. Wahrlich, es wird eine leicht zu täuschende, so eitle wie wankelmütige Generation werden.

Aber das mag auch nur der spießige Grummel sein, der aus mir spricht, der jetzt schon im argumentativen Feinripp-Unterhemd am virtuellen Fenster sitzt und die Faust schüttelnd der vorbei ziehenden Jugend mit Ungnade droht.

Trotzdem ist es erhellend, von erfreulich bis erschreckend, in frühere Strömungen einzutauchen, Befindlichkeiten in einem anderen historischen Kontext zu sehen, die linearen wie dynamischen und zyklischen Entwicklungen zu betrachten und in die Gegenwart zu reflektieren. Weil manche Dinge nicht nur sind, wie sie sind – sondern immer schon waren. Weil mache Dinge nicht so sein müssen, wie sie sind, nur weil sie immer schon so waren. Und weil manche Dinge nur deswegen nicht mehr so sind, wie sie immer schon waren, weil es zeitnahen Wderstand gab.

Den Feminismus von 1975 aus der Sicht von 2015 zu belächeln, ist ebenso bekotzenswert wie die Häme über den damaligen Versuch, neue Gemeinschaftsformen zu entwickeln. Wir ernten täglich, was die „Spinner“ gesät haben. Sie sind für uns und mit uns auf dem Rücken den Marathon des Fortschritts gelaufen. Wir sind die Igel, Gewinner am Ziel und doch nie selber angetreten.

Dabei lernt man von der Mühe, nicht vom Lohn. Und die Vergangenheit ist die gesammelte Mühe.

Die Lektionen aus dem VW-Skandal muss niemand lernen, der mal ein bisschen in die Geschichte geschaut hat. Konzerne haben keinen moralischen Anspruch, ihr Ziel ist der Gewinn, die Mittel sind letztlich diesem Zweck unterworfen. Illegal ist nur, was entdeckt wird. Die Politik hat ein inhärentes Interesse am wirtschaftlichen Erfolg, was das Interesse an der effektiven Kontrolle untergräbt. Flowtex. Neue Heimat. Co-op. K&S. Hispano-Suiza. Die Liste lässt sich beliebig verlängern.

Und für genau diesen Kontext lese ich gerne alte Sammelbände von Zeitschriften aus der Zeit, als ich noch keine Zeitschriften gelesen habe. Das kann ein Packen EMMA sein, eine DDR-Filnzeitschrift, oder ein Sammelband der besten PARDON-Beiträge.

Viele schwer(mütig)e Worte – ich bin mit dem, was eigentlich eine kurze Einleitung sein sollte, gerade erheblich ins Schwafeln verfallen. Man möge mir verzeihen.

Eigentlich wollte ich nur sagen, dass die „Brandstifter als Feuerlöscher“-Debatte, die angesichts des heuchlerischen BILD-Engagements für Flüchtlinge hochkocht, weder ein Kind der Zeit noch eine persönliche Marschroute Kai Diekmanns ist. Es ist das „System BILD“ bei der Arbeit, wie man an einem Artikel der PARDON von vor 50 Jahren (!) nachlesen kann:

haupttstadtpresse Kopie

haupttstadtpresse

Die Zeiten haben sich geändert, die Methoden sind geblieben.



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„Und für genau diesen Kontext lese ich gerne alte Sammelbände von Zeitschriften aus der Zeit, als ich noch keine Zeitschriften gelesen habe.“

Ich stöbere gerne im digitalen Print-Archiv von SPIEGEL und DIE ZEIT. Ist oft sehr interessant, Einschätzungen und Sichtweisen zu historischen Ereignissen/Debatten zu lesen und die dann mit dem „Gegenwarts-Wissen“ abzugleichen.

heino
heino

„Aktuell fürchte ich, dass eine neue Generation heranwächst, die keinerlei Interesse zeigt, sich als aus der Geschichte erwachsen zu begreifen. Eine Generation, die nur im „hier und jetzt“ lebt und meint, über den Moment hinaus läge kein Nutzen darin, Erkenntnisse in einem größeren Kontext zu suchen. Wahrlich, es wird eine leicht zu täuschende, so eitle wie wankelmütige Generation werden.“

Das sehe ich nicht so extrem. Wenn ich jetzt mal von mir selbst ausgehe, muss ich konstatieren, dass ich in meiner Schulzeit auch absolut gar kein Interesse an Geschichte hatte. Das hat sich erst später geändert, als ich reif genug war, die Zusammenhänge zu erkennen und anfing, mich nach eigenem Interesse in die jeweiligen Geschichtsthematiken einzuarbeiten.

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Ich würde es eher begrüßen, wenn verstärkt im „hier und jetzt“ gelebt werden würde. Wäre für eine längst überfällige neue Annäherung an deutsche Zeitgeschichte ein wichtiger erster Schritt, da der derzeitige Diskurs eine Auseinandersetzung mit 68ern (gerade an Schulen) nahezu unmöglich macht.

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@Wortvogel: Im „hier und jetzt“ zu leben halte ich für eine ganz sinnvolle Übergangsphase, bzw. einen notwendigen Zwischenschritt. Historischer Kontext wird immer durch die vorherigen Generationen vorgegeben (gerade wenn wir über Schüler reden), folglich plädiere ich für das „hier und jetzt“, gerade weil mich die fehlende Möglichkeit mit einer Auseinandersetzung mit den 68ern aufgrund dieser Vorgabe stört.

LHME
LHME

Nicht nur setzt man sich nicht mehr mit der nicht selbst erlebten Vergangenheit nicht auseinander, ich hab das Gefühl die spanne in der Dinge nicht mehr erinnert werden wird immer kürzer. Bestes beispiel die fast in jedem Jahr auftretenden Lebensmittelskandale. Da is einfach was im großen Stil im argen mit der ganzen Branche und jedes Jahr wieder sind einfach alle 2 Wochen lang entsetzt um dann wieder zur Tagesordnung über zu gehen.

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@Wortvogel: Eine Generation heran zu ziehen bedeutet ja auch, dass man das Vergangenheitsverständnis dieser Generation gestaltet. Genau dies gilt es zu vermeiden, wenn man wirklich möchte, dass sich mit den 68ern auseinandergesetzt wird, da diese Generation derzeit das Vergangenheitsverständnis entscheidend prägt. Ich würde mir wünschen, dass die kommenden Generationen ihr eigenes Verständnis entwickeln und glaube ich, dass dies geschehen würde, da ein Interesse an eigenen Wurzeln und Entwicklungszusammenhängen dem Menschen einfach innewohnt.
Letztendlich haben die 68er ja auch nichts anderes gemacht, auch damals war der Bruch mit dem Vergangenheitsverständnis der vorherigen Generationen ja ein entscheidender Faktor.
Ich halte solche gesellschaftlichen Reboots generell für sehr wichtig,gerade im Kulturbereich kann man ja auch sehr schön sehen, dass neue Impulse immer wieder auf diese Art gesetzt wurden.