FFF, Tag 8. Der letzte Tag. One last hurrah. Zeit, zum letzten Mal die Fragen aller Fragen zu beantworten: was lief denn so, und wie war’s?

REALITY

R-alit-2014-Quentin-Dupieux-v2-poster-450Worum geht’s? Ein Mädchen will seine Eltern davon überzeugen, dass im Magen des von Papa erlegten Wildschweins eine Videokassette war. Ein Kameramann will einen Film drehen, muss aber noch ein passendes schmerzerfülltes Stöhnen finden. Und ein Kochshowmoderator leidet an einem Exzem – in seinem Kopf, wie sein Hautarzt ihm versichert. Und noch vieles mehr, manches davon geträumt. Oder auch nicht.

Wie ist er? Es ist der Neue von Quentin Dupieux.

Mehr muss man eigentlich nicht sagen. Jeder, der mal einen Film des französischen House-Musikers und (mittlerweile) FFF-Veteranen erlebt hat, weiß, was das bedeutet: der Meister des „No Reason“ schüttet Metagags, Surrealismus und blanken Nonsense zu filmischer Hirnkirmes zusammen, die sich konventioneller Rezension entzieht. Folglich feiern manche Dupieux als kongenialen Comedy-Avantgardisten, und andere halten das alles für möchtegern-kultigen Käse und seinen Macher für einen selbstgefälligen Wirrkopf für Hipster, denen Pointen zu vulgär sind. Das Blöde ist: beide Seiten haben potentiell Recht. Es ist einfach extreme Geschmackssache, ob man über diese Paraden der Abseitigkeiten lachen kann oder nicht, und ich nehme es niemandem übel, der damit nicht warm wird.

Und auch REALITY kann man nur mit anderen Dupieux-Filmen sinnvoll vergleichen: er ist wieder näher am Meta-Comedy-Ansatz von RUBBER als an dem (für seine Verhältnisse) stringenten Plotting von WRONG. Besonders fällt auf, dass der Film beim Soundtrack auf die sonst übliche House-Musik vom Meister selbst weitgehend verzichtet. Und man muss zumindest hier auf dem FFF erstmals Untertitel lesen, weil der Film teilweise auf Französisch gedreht ist.

Das war’s – sonst kann man nichts sagen. Schauspieler und Regie kann man nicht bewerten, weil man wie immer unterstellen muss, dass alles Teil der Methode Dupieux ist. Das muss alles so. Glaubwürdiges oder gar gefühlsechtes Schauspiel interessiert ihn genauso wenig wie traditionelles Storytelling.

Gucken? Dupieux-Anfänger sollten den hier lieber vorerst zugunsten von WRONG oder WRONG COPS zur Seite legen. Alle anderen wussten im Grunde mit dem ersten Satz meines Reviewabschnitts schon Bescheid, ob sie den sehen wollen oder nicht. Für mich persönlich 8/10.

TALES OF HALLOWEEN

227577Worum geht’s? Zehn kleine Schauergeschichten rund um den Lieblingsfeiertag aller Horrorgeeks, in denen u.a. einem Slasherkiller ein Streich gespielt wird, allerlei urbane Legenden umgehen und Polizisten nach Killerkürbissen fahnden müssen…

Wie ist er? Episodenhorror zu Halloween? Da läuten doch bei jedem Geek die Alarmglocken, fühlt er sich doch an den allenthalben heiß und innig geliebten Kultfilm TRICK’R’TREAT erinnert. Kann TALES OF HALLOWEEN sich mit dieser perfekten Ode an den Halloweenspirit messen?

Jein. Unter den einzelnen Stories gibt es zwar keine wirklichen Ausfälle, aber weil es so viele sind, bekommen sie halt alle weniger Raum, weniger Verbindungen untereinander und weniger Tiefgang als das beim (so unterstelle ich nun einfach mal) großen Vorbild TRICK’R’TREAT der Fall war. Damit wirkt das Ganze letztlich etwas oberflächlich und beliebig.

Andererseits: dass er nicht an TRICK’R’TREAT rankommt, ist der einzige Vorwurf, dem ich diesem Film hier machen kann. Das ist alles so schwungvoll erzählt, so bissig umgesetzt, so gut gespielt, so blutig, witzig und stargespickt, dass die Bezeichnung „Partyfilm“ mehr als angebracht ist.

Gucken? Oberflächlicher good friendly (and violent) fun. Für den Halloween-Marathon oder die Filmguckparty bestens geeignet. 8/10.

COP CAR

cop-car-poster-galleryWorum geht’s? Zwei zu Hause ausgerissene Jungs finden in der Pampa ein herrenloses Polizeiauto, das zunächst einen tollen Abenteuerspielplatz abgibt und dann, dank Zündschlüssel hinter der Sonnenblende, von ihnen kurzerhand für eine Spritztour gekapert wird. So ist ihnen schon bald der Besitzer auf den Fersen, auf den die Bezeichnung „Freund und Helfer“ nicht wirklich zutrifft. Und dann machen sie auch noch den Fehler, den Kofferraum aufzumachen…

Wie ist er? Als Abschlussfilm nehmen sie beim FFF immer gerne einen sicheren, anspruchslosen Crowdpleaser, und das dürfte dieses Jahr ja wohl nicht anders sein. Oder?

Tja. COP CAR hat durchaus seine Qualitäten, sei es bei Regie und auch bei den Darstellern, und er weiß auch durchaus Spannung zu erzeugen. Aber leider ließ er mich letztlich doch leicht enttäuscht zurück.

Der Film leidet für mich unter drei Problemen: er hat erstens einige Längen im Mittelteil, was vor allem der Erzählstruktur geschuldet ist. Weil der böse Sheriff (Kevin Bacon!) ja nicht wissen kann, wo die Jungs hingedüst sind, müssen wir viel zu lange dabei zugucken, wie die Jungs eben rumspielen und er dagegen sich irgendwie nach Hause durchschlägt. Das von Trailer und Inhaltsangabe versprochene Katz-und-Maus-Spiel Kinder vs. Korrupter Cop lässt einfach viel zu lange auf sich warten.

Zweitens sind die Schurken des Films (ja, es gibt mehrere) nicht besonders bedrohlich: fast nie bekommen sie die Gelegenheit, mal den Eindruck erwecken zu dürfen, besonders bösartig, besonders einfallsreich oder auch nur besonders helle zu sein. Dasselbe gilt allerdings auch für unsere Helden – kein Wunder, es sind ja noch kleine Kinder.

Drittens ist die Geschichte selbst für die recht kurze Laufzeit etwas dünn – wenn der Sheriff und die Jungs sich dann mal begegnen, ist der Film auch schon wieder rum.

Gucken? Gut gemachter, aber letztlich wenig substanzieller „Flucht vor Gaunern“-Film. Fans von solchen Filmen mögen mal reinschauen. 7/10.

Und damit ist auch mein Fantasy Filmfest leider für dieses Jahr schon wieder vorbei, und auch diese meine Rubrik hier beim Wortvogel kommt damit zu ihrem Ende. Es hat mir großen Spaß gemacht, und ich möchte mich deshalb hier noch kurz bedanken: bei meinen diversen Mitstreitern in Köln, ohne die der Festivalbetrieb wie üblich nur halb so lustig gewesen wäre, bei Torsten dafür, dass ich hier all meine An- und Einsichten, mit denen ich sonst nur Leute hier vor Ort vollsülzen kann, vor seinem Publikum ausbreiten durfte – und natürlich euch allen, die ihr meine Reviews gelesen und dabei vielleicht was gelernt, vielleicht die Köpfe geschüttelt und euch hoffentlich vor allem unterhalten gefühlt habt.

Und falls der Wortvogel in Zukunft beim FFF mal wieder Unterstützung beim harten Rezensionsgeschäft braucht – er weiß ja, wo er mich findet…

Bis dahin – good night, and gut Guck!

Marcus Heine



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heino
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Ich kann dir inhaltlich bei „Cop Car“ vollumfänglich zustimmen, aber mehr als 5 Punkte bekommt der von mir nicht, dafür war er einfach zu träge.

Christian Siegel

Vielen Dank für deine lesenswerten und sehr gut geschriebenen Kurzkritiken, Marcus! Würde mich freuen, auch im nächsten Jahr wieder von deinem FFF-Abenteuer zu lesen :-).

Marcus
Marcus

@Christian: Danke, danke! Wir werden sehen, was der Hausherr plant…