sweet-homeSweet Home

Spanien/ Polen 2015. Regie: Rafa Martinez. Darsteller: Bruno Sevilla, Eduardo Lloveras, Ingrid García Jonsson, José María Blanco, Luka Peros, Oriol Tarrida Homedes, Miguel Ángel Alarcón

Story: Alicia bewertet marode Wohnungen, wie z.B. die von Senor Ramon, der als letzter Mieter in dem halb verfallenen Mietshaus in Barcelona die Stellung hält. Der Vermieter hätte Ramon nur zu gerne aus der Bude gefegt, um einen teuren Appartmentkomplex hinzustellen, aber Ramon trotzt allen Schikanen und Alicia macht ihm Mut – rechtlich ist er auf der sicheren Seite.

Angesichts eines ansonsten leeren Gemäuers kommt Alicia auf die grandiose Idee, hier eine kleine private lauschige Geburtstagsfeier für ihren Verlobten Simon zu veranstalten. Dumm, dass sich genau diesen Abend der Vermieter ausgesucht hat, um die Bude auf rabiate und terminale Weise zu entmieten. Drei Mörderhenker sind im Haus und dieweil der alte Ramon kein großes Hindernis ist, erweisen sich Alicia und Simon, die als unliebsame Zeugen natürlich ebenfalls auf der Abschussliste stehen, als widerspenstiger. Flucht ist zwar unmöglich, weil die Bösburschen die einzige Tür amtlich verriegelt haben, aber es gelingt sowohl Alicia wie auch Simon, jeweils einen der Killer auszuschalten – auch wenn sich Simon dabei heftige Blessuren einfängt. Der dritte Böswatz ruft seine Auftraggeber an und bittet um moralische Unterstützung. Die kommt in Form des „Liquidators“ und gegen den sind die drei bisherigen Killer die personifizierten Glücksbärchis. Der Liquidator wird sicherstellen, dass niemand (in Worten: *niemand*) das Haus lebend verlässt…

Kritik: Und noch mal Horror aus Spanien – während „Shrew’s Nest“ überwiegend in einer Wohnung spielte, gönnt sich „Sweet Home“ den dagegen geradezu epischen Background eines ganzen Mietshaus. Natürlich spielt der Thriller von Rafa Martinez (normalerweise im Filmmarketingbereich tätig) vor einem ernsten Hintergrund – in Spanien sind, seit dort die Wirtschaftskrise gallopiert, Zwangsräumungen an der Tagesordnung und seit sich der Widerstand gegen die neoliberale Austeritätspolitik formiert, wird es bei solchen Anlässen gern mal handgreiflich. Martinez vermeidet eine konkrete politische Aussage und belässt es bei eher vagen Gentrifizierungsanklängen, aber man weiß natürlich, wohin der Hase messagetechnisch läuft…

Plot ist die Stärke des Films freilich nicht – wir schaffen unsere Protagonisten in die Drucksituation, holen uns die externe Bedrohung dazu, schließen alle Ausgänge und warten ab, wer übrig bleibt. Große Abweichungen von klassischen „home invasion“-Thrillern (auch wenn das „Home“ in diesem Falle nur ein „temporäres“ ist, weil Alicia und Simon in Ruhe ein schönes Geburtstagsnümmerchen schieben wollen) sind nicht zu erwarten – auch die Tatsache, dass Alicia letztlich die Haupt-Heldenrolle übernimmt, weil Simon aufgrund seiner Verletzung früh als hauptamtlicher Aktivposten aus dem Spiel genommen wird, ist ja kein Novum mehr (im Gegenteil, manchmal wäre ich glatt wieder überrascht, wenn ein Horrorfilm dieser Couleur einen männlichen Protagonisten hätte).

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„Sweet Home“ lebt auch nicht vom Body Count – viele Figuren hat der Film ja nicht zu bieten. Der Reiz erschließt sich also aus dem gegenseitigen Katz- und Maus-Spiel, das der Liquidator und Alicia treiben, der alptraumhaften Atmosphäre des heruntergekommenen Hauses, seiner dunklen Keller, unübersichtlichen Treppenhäusern, nicht funktionierendem Fahrstuhl, kaputter Elektrik usw. Alicia muss sich mit Einfallsreichtum und ihrer Kenntnis der Baupläne (aufgrund ihrer Besichtigung bei Ramon hat sie die zufällig dabei) gegen die unsagbare und unaufhaltsam erscheinende Brutalität des „Liquidators“ stellen; wenn man so will, ist „Sweet Home“ (in seiner zweiten Hälfte, wenn der, äh, Plot mal in Schwung gekommen ist) die aufgeblasene Variante des Showdowns eines Slashers, wenn das Final Girl versucht, den Slasherkiller auszuknipsen (wobei es hier weniger darum geht, den Killer selbst zu killen, sondern einfach nur aus dem abgeschlossenen Haus herauszukommen).

Das ist dann auch wieder das Problem des Films – er ist, nachdem er seine Situation mal etabliert hat, nicht mehr als ein „extended showdown“, ohne Charakterentwicklungen, ohne interessante Twists oder Turns. Einfach nur Überlebenskampf pur, doch ohne große Dramaturgie. Die Sets überzeugen, die Effekte sind ordentlich rüde, der Score ist okay.

Darstellerisch werden keine großen Bäume ausgerissen – Ingrid Garcia Jonsson ist zwar ein interessanter Typ (schwedisch-spanische Kombinationen wachsen nicht auf Bäumen), aber als Schauspielerin nicht sonderlich charismatisch, auch Bruno Sevilla bleibt als Simon eher blass. Oriol Tarrida Homedes (sonst Effekt-Techniker, z.B. bei „Mama“) bringt die nötige physische Präsenz mit, muss aber nicht wirklich etwas spielen. In der kleinen Rolle des alten Senor Ramon feiern wir ein Wiedersehen mit dem verdienten Eurotrash-Veteranen Jose Maria Blanco („Der heiße Tod“, „In den Klauen des C.I.A.“).

Fazit: Für den anspruchslosen Horrorfreund akzeptable Unterhaltung, aber gerade anhand des aktuellen Themas hätte etwas mehr politische Schärfe, etwas mehr dramatischer Tiefgang nicht geschadet. So ist es ein in guten Sets gesetzter blutiger Klopper, der auch dank überschaubarer schauspielerischer Leistungen keinen gesteigerten Eindruck hinterlässt. Da hatte ich mir mehr erhofft. 5/10.

Doc Acula



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heino
heino

War leider genau das, was ich erwartet hatte. Im Finale wird er sogar richtig dämlich, wenn der Killer als Regieanweisung „möglichst langsam gehen“ bekommt, damit er die minutenlang auf dem Boden sitzende und wild kreischende Frau nicht schon 30 Minuten vor dem geplanten Ende erwischt. Und der finale Kampf ist wirklich grottendämlich. 3/10

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