Shrew’s Nest

ShrewsNestPoster-thumb-630xauto-47594Spanien/Frankreich 2014. Regie: Juanfer Andrés, Esteban Roel. Darsteller: Macarena Gómez, Nadia de Santiago, Hugo Silva, Carolina Bang, Luis Tosar

Story: Spanien, Anfang der 50er Jahre – in ihrer Mietswohnung lebt Montse mit ihrer „kleinen“ Schwester. Montse hat seit dem Tod ihrer Mutter vor 18 Jahren die Wohnung nicht mehr verlassen – sie hat panische Angst vor dem Draußen generell und vor Männern im Besonderen, weswegen sie auch zu verhindern versucht, das die nunmehr „erwachsene“ Kleine sich einen Freund anlacht. Die extrem katholische Montse ahndet selbst das durch’s Fenster beobachte Schwätzchen mit einem netten jungn Arbeitskollegen mit Rohrstock und Zwangsgebet. Abgesehen davon verstehen sich Montse, die als Schneiderin für private Kundschaft ihren Anteil zur Haushaltskasse beiträgt, und die Kleine aber augenscheinlich einigermaßen gut. Bis zu dem verhängnisvollen Tag, an dem Carlos, der Nachbar aus dem oberen Stockwerk, die Treppe runterfällt und vor Montes Wohnungstür zum Liegen kommt und um Hilfe fleht, ehe ihn die Lebensgeister verlassen. Montses erster Gedanke wäre es, den Burschen draußen liegenzulassen, bis ihn die Fliegen fressen, aber dann setzt sich doch der katholische Nächstenliebegedanke durch – es ist nicht einfach, Carlos und seinen im Treppenhaus verteilten Kofferinhalt in die Wohnung zu zerren, ohne selbige zu verlassen, aber es gelingt ihr letztlich, den Gestrauchelten im Gästezimmer zu verstauen und sein gebrochenes Bein notdürftig zu schienen.

Carlos Anwesenheit verändert Montse – die bisherige männerhassende Schreckschraube findet Gefallen daan, Carlos bemuttern zu können, und dem, der eh ein Weilchen untertauchen wollte, um seine bevorstehende Heirat zu verhindern, kommt’s ganz recht, dass er für ein paar Wochen aus dem Verkehr gezogen ist und hier unterschlüpfen kann. Erst recht, als er die Kleine kennenlernt und sich in sie verknallt. Die allerdings warnt ihn vor Montse – die ältere Schwester sei komplett wahnsinnig und werde Carlos nie mehr weglassen. Das scheint zu stimmen, denn im Gegensatz zu ihrer Aussage hat Montse natürlich nie einen Doktor einen Blick auf Carlos (langsam absterbendes) Bein werfen lassen und das „heilige Wasser“, mit dem sie seine Schmerzen lindert, ist in Wahrheit auch nur das Morphium, das ihr ihre Lieblingskundin Dona Puri mitbringt, um Montses Wahn-Anfälle zu unterdrücken – Montse halluziniert nämlich ständig ihren Vater, dem sie nichts recht machen kann. Und doch scheint Carlos einen positiven Einfluss auf Montse zu haben – weil er gerne ein paar Bücher aus seiner Wohnung hätte, arbeitet sie tatsächlich daran, leibhaftig über die Schwelle der Wohnungstür ins Treppenhaus treten zu können, legt make-up auf… dass Carlos ihre Liebe nicht erwidert, wird böse Konsequenzen haben. Aber vorher gilt es noch, Carlos Verlobte Elisa auszuschalten, wie von der Kleinen erfahren hat, wo Carlos sich versteckt…

Kritik: Als Festivalveranstalter hat man’s nicht leicht – aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass Filme, die man als todsichere Publikumsmagneten ausgemacht hat, von der zahlenden Kundschaft mit Verachtung gestraft werden. „Shrew’s Nest“ wurde von Rosebud-Mitarbeiter Max angepriesen wie Sauerbier, dreimal lief der Trailer, und doch war der Kinosaal am Ende dann ausgesprochen dünn besetzt – selbst die Hälfte der Dauerkarteninhaber hatte was besseres vor. Und, zugegeben, auch mich hatte der sperrige Trailer, der ein happiges Katholizismusdrama erwarten ließ, nicht gerade geifern lassen.

Aber wie das Leben so spielt – was sich dann vor meinem entzündeten Holzauge abspielte, ist zweifellos einer der absoluten Höhepunkte des 2015er-Festivaljahrgangs – ein intensives Psychodrama, das entgegen des Trailereindrucks mit Katholizismus nicht arg viel zu tun hat, mit einem blutigen, konsequenten Ende. Hier sitzt alles – jede Dialogzeile, jede Geste, jede mimische Regung hat ihre Bedeutung. Aber wiewohl ich mich über das intelligente Script, die ständig angezogene Spannungsschraube und den fortschreitenden Wandel des Films vom Drama zum Splatterfilm auslassen könnte – am Ende ist das, was mich in Begeisterung versetzt, das Zusammenspiel des Charakters Montse und ihrer Darstellerin Macarena Gomez. Montse ist wahnsinnig, ja, und sicherlich auch „böse“ (wenn ich einen vergleichbaren Charakter aus der Filmgeschichte heranziehen würde, wäre es sicherlich Annie Wilkes aus „Misery“. Auch die geschilderte Situation ist ja nicht völlig unähnlich, wie dort James Caan ist hier Hugo Silva ans Bett gefesselt und davon abhängig, was die durchgeknallte Montse mit ihm anstellt), aber, je weiter sich die Geschichte aufdröselt, und je brutaler Montse agiert, desto mehr Verständnis kann man ihr als Zuschauer entgegenbringen – es ist nicht (zumindest nicht allein) ihre Schuld, dass sie so geworden ist, wie sie ist (in den finalen Minuten könnten sich zartbesaitetere Gemüter womöglich ein paar Tränchen aus dem Augenwinkel drücken). Und wie Macarena Gomez („Dagon“, „Sexykiller“) das spielt, das ist umwerfend, das ist eine tour de force, das müsste in einer gerechten Welt mit Filmpreisen nur so beworfen werden…

Was nicht heißt, dass der Rest des Films irgendwie… durchschnittlich wäre. Allein schon die Set-Architektur der alptraumhaft winkligen Wohnung, in der man kaum mal weiter als ins nächste Zimmer sehen kann, ist alptraumerweckend, und diese Wohnung verlässt der Film nur für wenige Minuten (ein paar Minuten im Treppenhaus und ein paar Minuten in Carlos dagegen exemplarisch luftigen, großzügig angelegten und eingerichteten Wohnung, die der „Kleinen“, als sie der Bücher wegen hinaufgeht, als eine völlig andere Welt erscheint). Alles ist klaustrophobisch, die Wände drohen nicht nur die Charaktere, sondern auch den Zuschauer zu ersticken, das Unangenehme der Sitaution ist förmlich spürbar. Die Regisseure Andrés und Roel, die ihren ersten Langfilm vorstellen, wissen genau, wie sie die Intensität steigern können, den Zuschauer immer tiefer in den Sog von Montses Wahn hineinziehen müssen (wie auch sukzessive die Rolle von Montse immer größer wird, während die „Kleine“ zunehmend in den Hintergrund und nur noch als Warnerin in Erscheinung tritt).

Und auch der Restcast ist bemerkenswert – Hugo Silva („Witching & Bitching“, „The Body – Die Leiche“) ist, obwohl fast permanent ans Bett gefesselt, intensiv (und sein Fluchtversuch am Ende… shudder), Nadia de Santiago, beliebte Fernsehdarstellerin in Spanien, ist mit ihrer versuchter Offenheit gegen Montses starre Phobien, ein guter Gegenpunkt, weiß aber auch, dass sie sich gegen Gomez zurückhalten muss. Luis Tosar („Miami Vice“, „Zelle 211“, „Und dann der Regen“) setzt in seinen Auftritten als Montses halluzinierter Vater Akzente.

Ich kann nur noch mal an jeden FFF-Besucher appellieren: setzt Euch diesen Film auf die Liste, lasst Euch vom Trailer nicht abschrecken, und wenn Ihr nicht aufs Festival geht, schreibt Euch schon heute den Titel auf Eure DVD/BR-Einkaufsliste.

 

Toter Hund? Wohl nicht.

Fazit: Einer der packendsten, intensivsten, eindringlichsten Filme des Jahres, ein großartiges, düsteres, blutiges und melodramatisches Meisterwerk, aus dessen Gesamtbild Macarena Gomez noch einmal heraussticht. 10/10!

Doc Acula



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JakeFantasy Filmfest Masterliste (1) | Wortvogel – 100 % Torsten DewiMarcusDocAculaheino Recent comment authors
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Pogopuschel

Mein Highlight unter den 16 Filmen, die ich gesehen habe.
Der Trailer hat mich übrigens auch getäuscht. Da ging es mir wie Doc Acula, fast hätte ich mir den Film deswegen nicht angesehen.

Daniel
Daniel

Ist notiert.

heino
heino

Joah, der war klasse, da gibt es nichts hinzuzufügen. Hier in Köln war er auch deutlich besser besucht, immerhin war das Kino mehr als halbvoll.

Marcus
Marcus

Wenn Torsten mein Gastreview online stellt – ich weise darauf hin, ich habe deins vor dem Schreiben NICHT gelesen. Great minds think alike, man…

heino
heino

Wenn der Doc und du wirklich gleich ticken, steht der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor:-)

DocAcula

Rasch in die Bunker!

Marcus
Marcus

In dän Bonkär? Äch hätte Russland doch öber dä Flanke angreifen sollen!

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Jake
Jake

Zustimmung! „Shrew’s Nest“ ist ein bärenstarker, toll besetzter Psychothriller, dessen Spannungsbogen und Gewaltgrad sich bis zum Ende hin kontinuierlich steigert. Der schockierende Twist am Ende setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Kleine Abzüge in der B-Note gibt’s für die stellenweise ZU offensichtlichen „Misery“-Anleihen und dafür, dass nach meinem subjektiven Empfinden etwas zu viele Situationen/Handlungselemente am Realitätscheck scheitern. Aber das ändert nichts daran, dass wir es hier mit einem Genrevertreter der Extraklasse und einem echten Geheimtipp zu tun haben. 8,5/10