Possessed

pos esoSpanien 2014, Regie: Samuel Orti Marti

Story: Trini ist die größte Flamenco-Tänzerin der Welt, Gregorio der beste Matador Spaniens – kein Wunder, dass sich die Klatschblätter überschlagen, als die beiden heiraten und wenig später Nachwuchs erwarten (bedient ist nur Trinis Agent Manolo, der solche Entwicklungen grundsätzlich erst als letzter erfährt). Alles scheint wunderbar, bis Gregorio bei einem, ähm, häuslichen Unfall ums Leben kommt. Trini verfällt in Depressionen, zieht sich von der Bühne zurück und häuft einen beachtlichen Schuldenberg an – Manolos Versuche, sie zu einem Comeback zu überreden, sind sinnlos. Zumal sie auch mit Söhnchen Damian ihre liebe Not hat – der ist nämlich ein ziemlich bösartiger Geselle und leidet zudem unter mysteriösen Ohnmachtsanfällen, gerne mit einem begleitenden Gewaltausbruch verbunden.

Währenddessen ist das Leben auch für den Priester und Kampfarchäologen Padre Lenin nicht leicht – weil er im Wartezimmer des Bischofs herumsitzt, um auf neue Aufträge zu warten, verpasst er den Tod seiner Mutter, für die er, waren sie und der Vater doch überzeugte Kommunisten, sowieso schon missraten ist. Lenin will sich wieder um seine vernachlässigte Gemeinde kümmern, doch der Bischof duldet keine Widerworte. Frustriert kündigt Lenin sowohl seinen Job als auch seinen Glauben und landet schnell, besoffen und von Zuhältern angepisst, in der Gosse.

Indessen sind Trini und ihre Schwiegermutter zu dem Ergebnis gekommen, dass nur noch ein Exorzismus Damian helfen kann. Die Prophezeihung eines Fernsehwahrsagers führt sie zu Lenin, doch der ist weder in der Verfassung noch willens, das Kruzifix wieder anzulegen. Der Bischof hingegen exorziert gern – sofern die Kasse stimmt. Trini opfert ihre letzten Besitztümer, doch natürlich ist der Bischof kein Gegner für den Dämon, der Damian mittlerweile voll unter seiner Fuchtel hat. Es wird wohl doch an Lenin liegen, seinen Glauben wiederzufinden…

Kritik: Bei Claymation denkt der gemeine Filmfreund ja in erster Linie an „Wallace & Gromit“ und generell Aardman Animations, aber auch in anderen Teilen der Welt wird fleißig mit Knetgummi gespielt und das Ergebnis in animierter Form auf die Festivals geschickt. „Possessed“ aus Spanien, der erste Langfilm des Animators Sam, ist zugleich liebevolle Hommage als auch gnadenlose Parodie auf das Exorzisten-Genre.

Ausgehend von einem „Exorzist“/“Omen“-Mash-up zieht Sam respektlos alles durch den Kakao, was ihm gerade durchs Gehirn flitzt – von sentimentalen Telenovela-Plots, halsabschneiderischen TV-Astrologen, Klatschpostillen und Krawalltalkshows über Spaniens eigenwillige Fixierung auf anderswo verlachte bis verachtete Zeitvertreibe wie Flamencotanz und Stieretotstechen bis hin zu Kurien-Skandalen (es dürfte in Espana heute noch ziemlich gewagt sein, so offen die katholische Kirche zu verarschen) und Popkultur-Referenzen, bis der Arzt kommt, sei’s „Der Herr der Ringe“, „Indiana Jones“, „Hellraiser“ oder „Tanz der Teufel“. Sicher ist bei Sam nichts, und die Gags zielen oft und gern auch deutlich unter die Gürtellinie (die Krönung der Geschmacklosigkeiten ist sicher, wenn ein verärgerter Zuhälter Lenin ins Gesicht pinkelt und der, stockbesoffen, „mehr warmes Bier“ fordert. Yuck).

Erstaunlicherweise zündet der überwiegende Teil der Jokes – Sam hat ein gutes Händchen dafür, wann er welche Art von Witz auspacken muss. Ob Schmunzler, gequälter Ekelgrinser oder Schenkelklopfer, geboten wird die ganze Bandbreite, inklusive böser Mediensatire. Die liebevolle Claymation und das nicht zu cartooneske Charakterdesign tun ihr übriges dafür, dass die 80 Minuten des derben Spaßes wie im Flug vergehen (einzig, dass Spanisch, obwohl ich die Sprache wirklich gerne höre, nicht die ideale Sprache für fetzige one-liner ist, wird durch die Untertitelung deutlich).

Toter Hund? Jawoll!

Fazit: Wer sich „Wallace & Gromit“ im „South Park“-Stil vorstellen kann, mithin die Bereitschaft mitbringt, sämtliche Ansprüche an guten Geschmack vorübergehend k.o. zu schlagen, findet hier eine echte Spaßgranate! 8/10.

Doc Acula



avatar
2 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
1 Comment authors
Fantasy Filmfest Masterliste (1) | Wortvogel – 100 % Torsten Dewimilan8888 Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
milan8888
milan8888

Na der erste Teil der Review las sich ja sehr zäh. Wenn nicht plötzlich das Wort Claymation aufgetaucht wäre hätte ich glaube ich aufgehört zu lesen 😉

trackback

[…] Forever ♦ Observance ♣ Office ♦ One & Two ♦ The Pack ♥ Parasyte: Part 1 ♥ Possessed ♥ Rabid Dogs ♦ Reality ♦ Scherzo Diabolico ♥ Shrew’s Nest ♣ Some Kind of Hate […]