Night Fare

Night-Fare-Teaser-PosterFrankreich 2015. Regie: Julien Seri. Darsteller: Jonathan Howard, Fanny Valette, Jess Liaudin, Jonathan Demurger

Story: Nach zwei Jahren halbfreiwilliger Abwesenheit kehrt der Brite Chris nach Paris zurück, um die Freundschaft zu seinem alten Kumpel Luc und seiner Freundin Ludovine wieder aufzunehmen. Aber so einfach ist das nicht, speziell weil Ludovine, seit Chris sich damals grußlos nach Britannien verabschiedete, nun ersatzweise mit Luc eingefädelt hat und weder die eine noch der andere einen speziellen Grund sehen, die Beziehungskonstrukte wieder auf den alten Zustand zurückzusetzen. Chris ist also schon mal allerbester Laune, und dass Luc ihn zur Wiedersehensfeier auf diverse Partys mit Leuten, die er nicht kennt und (mangels Sprachkenntnissen) nicht versteht (Ludovine hat sich gleich mal ausgeklinkt), hebt seine Stimmung auch nicht in elysische Sphären. Eigentlich will Chris nur noch in sein Hotel, aber Luc überredet ihn, noch zu einer anderen Party zu fahren. Vor Ort angekommen hält es Luc für eine witzige Idee, den Taxifahrer um seine Kohle zu bescheißen. Schnell müssen Luc und Chris feststellen, dass der Fahrer in der Hinsicht überhaupt keinen Spaß versteht und die Freunde konsequent verfolgt und dabei äußerst rabiat wird. Ums Geld geht’s scheinbar nicht wirklich, sondern ums Prinzip. Als Luc und Chris sich zu Lucs Gangsterfreunden retten, folgt der Fahrer auch dorthin und metzelt die versammelte mit Totschlägern und Knarren bewaffnete Araberschaft kurzerhand brutal nieder. Luc und Chris nehmen die Beine in die Hand, aber wohin soll man fliehen, wenn der Fahrer sich schlicht und ergreifend nicht abschütteln lässt?

Kritik: Noch mehr Kost aus dem Land der Baguettes und Eiffeltürme – Regisseur Julien Seri hat als Actionregisseur in der Luc-Besson-Produktion „Yamasaki – Samurai der Moderne“ begonnen und inszenierte den Clovis-Cornillac-Klopper „Scorpion“, den Cedric Jimenez („The Connection“) schrob. Jeder treibt’s mit jedem…

Natürlich erinnert „Night Fare“ von seiner Grundkonstellation her erst einmal an den Spielberg-Klassiker „Duell“ – im Gegensatz zu „Duell“ sind unsere beiden Protagonisten hier nicht „unschuldig“ und der geheimnisvolle Fahrer hat eine gewisse Motivation durch die Fahrtprellerei, dennoch ist der spirituelle Vorfahr natürlich unverkennbar. Das schwarze Auto, das stets wieder auftaucht, wenn die Protagonisten glauben, endlich in Sicherheit zu sein, hat etwas geradezu archetypisch unheimlich-böses. Und die Hartnäckigkeit, mit der der mysteriöse Verfolger vorgeht, lässt vor allem Chris bald zur Überzeugung kommen, dass es hier nicht um die lausigen 40 Euro gehen kann, um die die Freunde den Taxler geprellt haben. Und in der Tat – gab’s da nicht vor zwei Jahren einen gewissen Vorfall, weswegen Chris Hals über Kopf das Land verlassen hat?

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Ja, „Night Fare“ versucht, die „ungesühntes Verbrechen aus der Vergangenheit“ zu ziehen – das ist auch das Eröffnungsmotto des Films, sinngemäß übersetzt „jede Rechnung muss irgendwann bezahlt werden“ – ein verdientes Veteranenmotiv, das allerdings hier nicht unbedingt Sinn macht, weil der Fahrer nun mal mit der bewussten zurückliegenden Sünde nichts am Hut hat und sie auch nicht kennen kann. Für die mythische Überhöhung der Fahrerfigur zu einer Art übernatürlichen, antropomorphen Projektion vergangener Schuld spricht aber, zumindest rein nach dem Drehbuch, nun auch nichts, und ganz besonders nicht, wenn man den Twist am Ende berücksichtigt. Ich will nicht spoilern, aber ich weise darauf hin, dass nach dem vermeintlichen Abschluss der Geschichte noch eine Viertelstunde drangetackert wird, die aus der simplen, aber effektiven Figur des Fahrers nein, eben keine mythische Figur macht, sondern ihn eher noch de-mystifiziert. Es ist ein Twist, der ungefähr so viel Sinn macht wie ein typischer Shamalamadingdong und den ich als Zuschauer absolut nicht mitgehen konnte (er wirft viel viel viel mehr Probleme auf als dass er Fragen beantwortet, ganz zu schweigen davon, dass er von einer ethisch-moralischen Seite her sehr fragwürdig ist).

Sieht man mal von diesem missglückten Versuch, das Publikum noch mal gehörig zu überraschen, ab, ist „Night Fare“ schon ordentlich rasant, spannend und flott inszeniert – die Bilder des nächtlichen Paris verfehlen nicht ihre Wirkung und der fortwährende „Abstieg“ (vom Pariser Stadtzentrum über La Defense geht die Reise in heruntergekommene Vororte und endet in einer abgefuckten Lagerhalle), funktioniert als Metapher für die unter Druck immer deftiger auseinanderbröckelnde Freundschaft der Protagonisten ziemlich gut. Effektseitig wird ordentlich blutig aufgetischt – besonders das Massaker an Lucs algerischen (vermutlich) Ganovenfreunden ist eine heftige Splatterei.

Schauspielerisch ist das ganz okay – Jonathan Howard („Thor – The Dark Kingdom“) und Jonathan Demurger („Die Schöne und das Biest“) geben ein recht glaubwürdiges Freundesduo ab (wobei man schon darüber streiten kann, wie glaubwürdig es ist, dass Chris offenbar lange Zeit in Paris gelebt hat, aber kaum drei Brocken Franzmännisch spricht?), Fanny Valette („High Lane“) ist nur zu Beginn und im Finale zu sehen. Jess Liaudin, legitimer Mixed-Martial-Artist, der auch auf ein paar UFC-Fights zurückblicken kann, ist ein eindrucksvoller physischer Specimen, Dialoge hat man ihm sicherheitshalber nicht gegeben. Im Film war er u.a. in „The Wrestler“ zu sehen.

Fazit: Ein weitgehend fetziger und spannender Actionfilm mit Splattereinlagen, der nicht unbedingt viel Sinn ergibt und dessen Twistende zu den weniger guten Ideen des Festivaljahrgangs gehört. Wer über die kleinen dramaturgischen Macken hinwegsehen kann (und darüber, dass „Night Fare“ auch zu den Filmen dieses Jahrgangs gehört, der so im Wortsinne keinen *Plot* hat), wird gut unterhalten. 7/10.

Doc Acula



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