Bound to Vengeance

bound_to_vengeance_xlgUSA 2015

REGIE

José Manuel Cravioto

DARSTELLER

Tina Ivlev, Richard Tyson, Bianca Malinowski

Offizielle Synopsis: Die junge Eve entkommt aus der Dunkel- und Isolationshaft des Folterverlieses von Psychopath Phil. Statt ihren Peiniger zu töten, zwingt sie ihn brutal zum Deal: Er soll sie in seinem Van zu allen Verstecken fahren, damit sie weitere gequälte Frauen befreien kann. Aber der verschlagene Manipulator lockt Eve ein ums andere Mal in listige Fallen und beinahe gelingt es ihm die Oberhand zurückzugewinnen.

Kritik: Filme wie „Bound to Vengeance“ (scheiß Titel, btw.) sind es, die mich Jahr für Jahr aufs Neue für das Fantasy Filmfest begeistern. Kleine, harte Filme, die mit den Konventionen der Genres spielen, sich mit den Zuschauern auf Augenhöhe begeben und dann gemeinsam in die Achterbahn steigen. Vor ein paar Jahren waren das z.B. „Shuttle“ und „Hush“. Filme, die in den leeren Straßen der Großstadt die Angst finden, wenn alle Männer zu Wölfen werden und der Asphalt mit Glas gespickt ist.

Der Plot, dass eine junge Frau gekidnappt und in einem Kellerverlies gefoltert wird, ist nicht neu. Und auch keine Erzählform, die mich reizt. „Bound to Vengeance“ weiß, dass die limiterten Möglichkeiten dieses Setups weitgehend ausgereizt sind und setzt an einer ungewöhnlichen Stelle mit einer ungewöhnlichen Wendung ein: Eve gelingt es, ihren Peiniger zu übewältigen. Und statt zur Flucht entscheidet sie sich zu einem Rachefeldzug, um andere Opfer zu retten – und andere Täter zu richten.

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Damit zieht „Bound to Vengeance“ in den ersten fünf Minuten bereits den oft beklagten, frauenfeindlichen und mitunter pornographisch-sadistischen Zahn dieses Subgenres. Eve ist kein Opfer, sie ist nicht auf der Flucht, nicht ausgeliefert, nicht ohnmächtig. Ihr Schicksal ist nicht extern aufgedrängt, sondern selbstbestimmt. In seiner Variation der üblischen Klischees geht der Film damit einen guten Schritt in Richtung feministischer Revenge-Horror – leider auch in der Konsequenz, wirklich alle Männer als perverse Dreckschweine darzustellen.

Nun ist allein schon die Sichtweise spannend und wringt viele neue Wendungen in das erzählerische Textil, aber „Bound to Vengeance“ hat mehr zu bieten: Zur Frage „Was wäre, wenn ein Opfer tatsächlich den Psychopathen in ihre Gewalt bringen könnte?“ auch die entsprechenden Antworten. Wer meine Kritiken bis hierher sorgfältig gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass ich vielen Filmen nicht das Fehlen einer Grundidee vorwerfe, sondern die mangelnde Fähigkeit, daraus eine durchgehende Geschichte mit drei Akten zu entwickeln. Zum „Was wäre wenn?“ gehört eben tatsächlich „Ja, genau – was wäre denn dann?“.

„Bound to Vengeance“ beläßt es nicht beim Setup, sondern entwickelt seinen Plot konsequent, spannend und sehr flüssig weiter. Immer wieder drohen die Machtverhältnisse zu kippen, immer wieder reagieren Figuren unerwartet, tückisch. Und mit 80 Minuten weiß Regisseur José Manuel Cravioto auch, wann gut ist. Sein Film erzählt nicht weniger als andere, aber straffer, fettfreier. Und dafür ist man nach einem langen Tag auf dem Festival sehr dankbar und verzeiht gewisse Inkonsistenzen im Aufbau (warum kommt Eve eigentlich nie auf die Idee, die Polizei zu rufen?). Passt schon.

Fazit: Harter kleiner Reißer, der den Subgenres Abduction und Torture Porn einen frischen Fix in die Vene jagt und über die vernünftig knappe Laufzeit immer wieder zu überraschen weiß. So sieht’s aus, wenn die Opfer mal nicht dumm wie Brot sind. 8 von 10.



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Christian Siegel

Und der nächste Film, den ich mir vormerken muss. Danke für den Tipp!

PS: Wie findest du eigentlich die in eine ähnliche Richtung gehenden „I Spit On Your Grave“-Filme? Konnte im Blog, bis auf eine kurze Erwähnung eines nie gedrehten Sequels, dazu nichts finden.

Peroy
Peroy

„Shittle“…

Dietmar

warum kommt Eve eigentlich nie auf die Idee, die Polizei zu rufen?

Weil es ihr um persönliche Rache/Befreiung oder ähnliches geht und die Polizei dabei stört? Soll nur eine Frage sein. Der erste Film bisher, der mich richtig interessiert.

Marcus
Marcus

@Dietmar: Spläddakiddie! :p

heino
heino

„warum kommt Eve eigentlich nie auf die Idee, die Polizei zu rufen?“

Dazu hat der gute Doc Acula in seiner Review eine für mich logisch klingende Erklärung gefunden. Seiner Meinung nach macht Eve das nicht, weil der Psycho bei den Bullen einfach auf stur schalten und gar nix sagen würde, weswegen man dann die anderen Frauen nicht rechtzeitig retten könnte.

pollystyrene
pollystyrene

Warum sie nicht auf die Idee mit der Polizei gekommen ist, hatte ich mich auch gefragt, denn ansonsten war der Film nahezu perfekt. Wer bis zum Ende geschaut hat, dem kommen noch andere Gründe dafür in den Sinn …. Ich vermeide Spoiler aber der wiederkehrende Satz „es ist nicht persönlich gemeint“ ist ein Hinweis. Genau genommen, kommen mir inklusive der Erklärung vom Doc insgesamt drei Gründe dafür in den Sinn.

trackback

[…] ♥ Bound to Vengeance […]

trackback

[…] der die Machtverhältnisse innerhalb der Protagonisten immer wieder verschiebt; da ist „Bound to Vengeance“, der sich mehr um das „danach“ kümmert; und bei den letzten Nights hatten wir ja […]