In einer langen Nacht, in der unsere Katzen sich entschlossen zeigten, Schlaf für überflüssig zu erklären, bin ich auf eine kleine Geschichte gestoßen, die durch Recherche immer abwegiger wurde. Nicht Katusin oder Vorlander oder Asht abwegig, aber abwegig genug.

Das hier ist John Albrecht jr. aus Arizona:

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Er behauptet von sich selbst, ein „Ghost Hunter“ zu sein und verkauft auch Kamera-Setups, mit denen Amateure dem Paranormalen zu Leibe rücken können:

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Geld verdient er aber primär mit dem Schreiben von Artikeln für die Entertainment-Webseite Examiner. Sein Thema dort, wenig überraschend: Paranormale News, hauptsächlich gespeist aus den Pressetexten zu diversen „Ghost Hunting“-Shows im amerikanischen Kabelfernsehen:

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Ende 2014 platzierte Albrecht einen Artikel, der so gar nicht in sein Beuteschema passte:

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Nicht lachen – es gibt sogar ein Video dazu:

https://www.youtube.com/watch?v=cO19VLkz0n4

Die Geschichte blieb vergleichsweise unbeachtet, sie hat ja auch nicht viel Fleisch. Eine Frau bildet sich ein, die Dinosaurier-Beine auf einer Torte sähen wie die Zahl 666 aus. Big whoop.

Dummerweise hat sich der Examiner kürzlich entschlossen, keine paranormalen News von Albrecht mehr zu veröffentlichen:

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Die neue Heimat für seine journalistische Arbeit fand er bei Inquisitr, einer dem Examiner sehr ähnlich gelagerten Publikation – so schien es zumindest:

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Sein erster Artikel? Eine Neuauflage der satanischen Tortengeschichte, erweitert um die „Pointe“, das Unternehmen habe den Kuchen nach der Entdeckung der satanischen Botschaft aus dem Online-Angebot genommen.

DAS wäre in der Tat eine spannende Entwicklung gewesen, hätte Costco damit doch entweder zugegeben, bei diabolischem Treiben erwischt worden zu sein – oder dem Druck christlicher Empörung nachgegeben zu haben.

Wäre, wie gesagt.

Zuerst fiel einigen klickfreudigen Lesern auf, dass die empörte Lady nicht nur aus der selben Gegend wie Albrecht kommt, sondern laut eigener Facebook-Seite in einer längerfristigen Beziehung mit ihm lebt. Es ist seine Freundin. Und so, wie sich die Sache abgespielt hat, kann es nicht gewesen sein – denn online ordern kann man diese Kuchen nur in Australien, nicht in Arizona. Zu guter Letzt: Die journalistischen Richtlinien von Inquisitr verlangen genuinen Content, also keine Zweitverwertung. Man kann argumentieren, dass die Reaktion von Costco die erneute Aufbereitung der Geschichte rechtfertigt – wenn es denn stimmt.

Die Freundin, die angeblich so schockiert gewesen sei, übte sich fleißig in der Leistungssportart des Zurückruderns:

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Auf Facebook musste sich Albrecht daraufhin diverse Fragen gefallen lassen – warum er nicht offen gesagt habe, dass es um seine Freundin gehe, warum er impliziert habe, zwischen dem Kuchen und der angeblichen Rücknahme des Kuchens gäbe es einen Zusammenhang, warum er bei einer Webseite ohne Zweitverwertung genau das betreibe, etc. Ich hätte euch an dieser Stelle gerne seine Antworten präsentiert, die primär aus Varianten von „Du Troll-Arschloch“ und „Verpiss dich!“ bestanden, aber Albrecht hat sie vor einer Stunde gelöscht – bevor ich sie screenshotten konnte.

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Es ist vergleichsweise offensichtlich, dass Albrecht mit Kritik nicht gut umgehen kann und Angriff als die beste Verteidigung sieht. Natürlich ist ER das Opfer und der Held zugleich:

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„who you are fucking with“? Das scheint ziemlich offensichtlich. Es sei auch erwähnt, dass ich keinen einzigen Kommentar gelesen habe, der Albrechts Familie angeht. Das ist nur Nebelkerzenwerferei.

Inquisitr nahm die Geschichte dann auch zeitnah offline – was Albrecht natürlich nicht zugeben mag:

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Er hätte demnach die Möglichkeit gehabt, 5000 Dollar zu verdienen, in dem er die Story bei seinem alten Arbeitgeber postet – hat sich aber entschieden, sie lieber inklusive der Rechte für 10 Dollar rauszuhauen? Und er glaubt vermutlich auch, dass er die Rechte nun zurück bekommt, wenn er sie dort (angeblich selbst) löscht? Man muss schon sehr naiv sein, um diese Variante zu glauben… and here we go:

Screenshot 2015-07-20 08.51.00Genau. Die Webseite hätte die Geschichte prüfen müssen und Albrecht ist ein dufter Kerl, weil er die Schwächen dieser Publikationen mit seiner Fake-Story ans Licht gezerrt hat. Fast möchte ich glauben, dass Albrecht selbst früher oder später diese Rechtfertigung anführen wird.

Die Variante der Geschichte, die sich nun beim Examiner findet, ist denn auch erheblich vorsichtiger formuliert und zieht keine Kausalität zwischen dem lustigen Kuchen und seiner angeblichen Löschung von der Webseite:

„Of course it could have been a coincidence that the legs appeared to look like sixes“

Of course.

„Why is the cake no longer available on Costco’s online ordering system.“

… wäre die Frage (das Fragezeichen hat man vergessen), die der Artikel vielleicht hätte beantworten müssen, um den Begriff „Story“ zu rechtfertigen.

Macht man sich die Mühe, Albrechts „Ghost Hunter“-Artikel zu checken, fällt schnell auf, dass auch hier einiges im Argen liegt. Da werden paranormale Teams vage erwähnt, ohne Namen zu nennen, Zusammenhänge konstruiert, suggestive Fragen willkürlich in den Raum gestellt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Albrecht über Pressemitteilungen hinaus primär Humbug aus dem Kreis seiner Kumpels ausgewertet hat. Was dann auch wieder einen prima Bogen zum 666-Kuchen-Debakel erlaubt.

John Albrecht, das kann man ziemlich sicher sagen, ist durch. Das bisschen, was er für seine journalistische Karriere gehalten hat, kann er nun abschreiben. Next stop: „You want fries with that?“

Was lernen wir daraus? Zuerst einmal, was wir eigentlich alle wissen sollten: GLAUBT NICHT ALLES, WAS IHR LEST (im Idealfall nicht mal das hier). Das Internet bietet ausreichend Möglichkeiten, zumindest die gröbsten Knäuel Seemannsgarn zu entflechten. Aber das muss man wollen – und der Klick auf den Teilen-Button bei Facebook mit einem launigen „Schaut euch mal die blöde Alte an“-Kommentar ist vielleicht befriedigender.

Leuten, die ernsthaft behaupten (or gar glauben), Geisterjäger zu sein, sollte man nur glauben, wenn sie John Sinclair heißen.

Es zeigt auch sehr schön, was heute alles als „Journalist“ durchgeht und wie sympathisch ausgeprägt die Fähigkeit zur Selbstkritik in diesen Kreisen ist. In diesem Zusammenhang sei auch auf die Autorin der Washington Post verwiesen, die der fabulösen Comedienne Amy Schumer Rassimus vorwarf – ohne auch nur einen Auftritt von Schumer je gesehen zu haben. Man lese bei Interrobang mal ihre Kommentare: von Selbstkritik oder gar Reue keine Spur.

Und leider ist das hierzulande nicht anders. Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Artikel über die dünnhäutigen Ausfälle der deutschen Netz-Elite, die – wenn es statt Lob und bedingungsloser Bewunderung mal Kritik regnet – erstaunlich biestig und armselig reagiert.

Ein andermal.

UPDATE: Der Artikel ist keine zehn Minuten online, da hat Albrecht schon wieder die meisten Facebook-Beiträge (siehe oben) gelöscht und einen neuen Rant zu seiner Verteidigung gepostet:

„Various reporters are misquoting me and one of my viral articles, claiming I „hoaxed“ an article. I never hoaxed or lied about anything in an article, ever. If there is a lie in one of my articles, the person I quoted is the liar. I am not a dishonest person.

I also never stated that US Costcos or specifically the Mesa Costco pulled the dino cake from its shelves. Every other reporter or blogger that stole my story and re-hashed it said or assumed that.“

Was für ein Warmduscher.

UPDATE 21.7.: Zack – und schon wird aus dem Opfer ein Märtyrer:

„I just found out these are Anonymous hackers attacking me. Watch what you say on here or you could be a victim of online harassment.“

UPDATE 22.7.: Auch die Rechtfertigung hat Albrecht gelöscht. Mittlerweile ist er den Job beim Examiner los:

„Examiner removed all of its Paranormal Examiners on July 1, 2015 because they’re no longer hosting paranormal or ghost hunting content on the news website. Due to this reason and to the fact that there aren’t many places to write paranormal news for, I will no longer write for Examiner or any another website. Since I love writing about ghosts, haunted places, and the paranormal, I will be creating and writing for my own paranormal news website.“



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Jetzt bin ich wirklich froh, keine Katzen zu haben und durchschlafen zu können.

Hannes
Hannes

Duschst du eigentlich kalt?

Dietmar

Der armselige Versuch eines Möchtegern-Journalisten, eine Geschichte zu „machen“. Dass sich die Verhaltensweisen bei Kritik so gleichen, ist irgendwie faszinierend. Und ja: alles, was gesagt werden kann, wird auch gesagt, egal wie abwegig das ist.

G

Der Typ hat früher als Geisterjäger gearbeitet. Kein Wunder, dass er geglaubt hat, er könne seine Betrügereien in seinem Job als „Journalist“ fortsetzen.
Sollte sich jemand dafür interessieren, wie diese Ghostbusters-Wannabes arbeiten, ich habe vor einiger Zeit einmal etwas darüber geschrieben: http://trugbilder.blogspot.co.at/2011/09/ghost-hunters-die-erste-staffel.html

G

Toll. Jetzt kann er sich auf seiner eigenen Website zum Thema satanistisches Backwerk auslassen. 😛