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Apr 2015

Weekend of Heroes 2: "Powers"

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

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10 Folgen für das Playstation Network – genau. Eine Superheldenserie basierend auf einer großartigen Comicserie, gedreht für die Besitzer einer Videospiel-Konsole. Gibt es eigentlich noch irgendwen, der sich nicht an der Produktion von Fiction versucht? Kann es noch lange dauern, bis Payback oder McDonald’s exklusiven Serien-Content anbieten? Seriously, folks…

Man muss vielleicht gleich einschränkend sagen, dass für "Powers" der Weg vom preisgekrönten Heftchen zur Realverfilmung ungewöhnlich lang und steinig war. Eigentlich sollte die Serie von Sony Pictures für den F/X-Kanal produziert werden. Ein Pilot mit Jason Patric, Lucy Punch und Charles S. Dutton wurde 2011 gedreht – und kam beim Sender miserabel an. Ein neuer Showrunner wurde gebucht und diverse Reshoots und Neubesetzungen sollten es richten. Katee Sackhoff mühte sich redlich, aber erfolglos, die Rolle der Deena Pilgrim zu angeln:

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Aber auch die Neuausrichtung überzeugte F/X nicht und der Pilot wanderte unausgestrahlt in die Archive. Als sich kein anderer großer Abnehmer fand, entschied sich Sony, die Serie auf eigene Faust für das eigene Playstation-Network zu produzieren. Wegen der Rechte, die F/X am ursprünglichen Piloten hielt, fing man wieder bei Null an und suchte sich einen komplett neuen Cast.

Am 10. März 2015 ging die erste Episode online, in den USA auch kostenlos bei YouTube. Kurioserweise entschied man sich, wie ein Pseudo-TV-Sender jede Woche nur eine Folge zu veröffentlichen. Aktuell sind wir bei Nummer 7.

Ein paar Zeilen zum Inhalt, bzw. zur Vorgeschichte: Christian Walker war einst "Diamond", ein fast unbesiegbarer Superheld, gefeiert von den Normalsterblichen, geliebt vom schönen Retro Girl. Doch dann traf er mit "big bad" Wolfe auf einen ebenbürtigen Gegner – gemeinsam konnten die "Powers" ihn zwar besiegen, aber Walker verlor seine Kräfte. Nun ist er Polizist der "Powers Division", die sich mit Verbrechen rund um die streng kontrollierten Helden befasst. Eine überschaubare Aufgabe – bis der undurchsichtige Power Johnny Royalle wieder in der Stadt auftaucht und sich die Frage aufdrängt, wie lange das Hochsicherheitsgefängnis Wolfe noch halten kann…

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Es sei jedem Leser verziehen, der den Hype um "Powers" verpasst hat. Es gab nämlich keinen. Vielleicht liegt es daran, dass das Playstation-Network hierzulande zu wenig Menschen erreicht. Vielleicht daran, dass "Powers" streng genommen keine Superhelden-Serie ist – sondern eine Series über Superhelden. Der Meta-Aspekt mag vielen Zuschauern eine Ebene zuviel sein. Vielleicht fehlt der "name character" mit den 40 Jahren Comic-Historie, an dem man die Promotion aufhängen kann. Oder vielleicht hat man bei Sony auch einfach geschlafen. Selbst eingefleischten Comicfans scheint die Serie unter dem Radar durchgeflogen zu sein.

Und ja: "Powers" kämpft. Nicht mit Superschurken und Plänen gegen den Weltfrieden, sondern mit einer seltsam unfokussierten Erzählhaltung und einer geradezu kanadisch wirkenden aseptischen Produktion, die nie die atmosphärische Dichte der Comics erreicht und weit unter dem Niveau von "Arrow" oder "Daredevil" bleibt.

Wie bei "Daredevil" wird so eine Art Hauptplot erzählt, um den sich verschiedene Subplots und Charaktere ranken, die je nach Folge mal mehr, mal weniger bedient werden. Im Gegensatz zu "Daredevil" verliert die Serie dabei allerdings immer wieder ihren eigentlichen Protagonisten aus dem Auge, vertrödelt Spannung und Laufzeit bei nervigen und wenig ausgearbeiteten Nebencharakteren wie der katastrophal bedeutungslosen Deena Pilgrim oder der lächerlich in Teenager-Emo brütenden Calista. Strukturell lehnt sich "Powers" dabei an Soaps an – hat aber nicht genügend packende Figuren, um dieses Format befriedigend zu bedienen.

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Hinzu kommt, dass die Spezialeffekte, so sparsam sie auch eingesetzt werden, nicht dem aktuellen Standard entsprechen. Als Zuschauer wünscht man sich immer, mehr "super heroics" zu sehen zu bekommen – und wenn sie dann kommen, fremdschämt man sich mitunter ein bisschen. Da werden noch Darsteller umständlich an Seilen in die Luft gezerrt und vor Greenscreens platziert, wo längst CGI fotorealistische Flugszenen ermöglicht.

Addiert man all diese durchaus potenten Kritikpunkte, dann dürfte es euch umso mehr überraschen, dass ich "Powers" mag. Mehr noch: Ich ziehe "Powers" der deutlich besser produzierten und stringenteren "Daredevil"-Serie vor. Während ich mich lediglich freue, weitere "Daredevil"-Episoden anzuschauen, kann ich die neuen Folgen von "Powers" kaum erwarten.

Es ist gerade die Unvorhersehbarkeit, gerade die Ungeschliffenheit, die mich begeistert. "Powers" ist der Contender, der Underdog, der Außenseiter – ihre Stärke bezieht die Serie aus dem Mut ihrer Verzweiflung. Während die meisten anderen Superhelden-Serien in ihrer Perfektion vorhersehbar sind, weil sie die immer gleichen großen Charakter-Arcs erzählen, kann bei "Powers" tatsächlich alles passieren. Und alles passiert.

Hinzu kommt, dass "Powers" eine Sache richtig macht, die ich bei fast allen anderen Superhelden-Serien kritisiere – sie besetzt "larger than life"-Charaktere auch mit "larger than life"-Darstellern. Ich muss das vielleicht erklären: Im Drang, sich einem normalen TV-Publikum anzudienen, sind zu viele Superhelden-Serien mit attraktiven, aber weitgehend unbekannten und kantenlosen Schauspielern angefüllt. TV-Gesichter für TV-Serien.

"Powers" setzt auf mehr. Mit Sharlto Copley, Eddie Izzard und Noah Taylor lässt man drei phantastische "acting powerhouses" von der Kette – und sie verbeißen sich in ihre Rollen, dass es eine wahre Freude ist. Hinzu kommt Michelle Forbes, die sich in wenigen Szenen als die bessere "Wonder Woman" empfiehlt. Kein Wunder dass die Nebenfiguren, die eben doch wieder von TV-Gesichtern gespielt werden, blass bleiben.

Die Welt von "Powers" ist angenehm frei von simplen Gut/Böse-Schemata. Unser "Held" Christian ist als Ex-Power derart unglücklich, dass wir unterstellen müssen, dass er ALLES tun wird, um wieder ein Kostüm tragen zu dürfen. Johnny Royalle? Mag ein schmieriger Verbrecher sein, aber seine Motive sind ambivalent, manchmal fast zärtlich der eigenen Minderheit zugetan. Retro Girl? Macht das, was man von Superman immer erwartet hat – rettet Menschen in Krisengebieten und bei Naturkatastrophen, weil sie ihren Wert nach der Zahl der Unschuldigen berechnet, nicht nach den besiegten Bösewichten. Und dann ist da noch Wolfe – Charles Manson und Timothy Leary der Powers-Bewegung, charismatisch und bestialisch zugleich. Sicher eine der geilsten Figuren, die ich bisher in einer Superhelden-Serie gesehen habe. Seine Exzesse in Folge 5 "Paint in black" sind schockierend sehenswert.

Und da habt ihr’s – "Powers" hat die Figuren, die mich packen, die Konflikte, die mich fesseln. Und mag es im Paket auch sonst klappern und rütteln, das bringt immer mich immer wieder zurück.

Fazit: Eine Serie, der man die Probleme der Produktion und das mangelnde Budget ansieht, die an vielen Stellen nicht die Qualität der Vorlage erreicht und die mitunter fahrig wirkt – und dennoch dank außergewöhnlicher schauspielerischer Leistungen und einer Begeisterung für das Superhelden-Universum zu gefallen weiß.

Next up: "Justice League: Throne of Atlantis"



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Oibert
Oibert
11. April, 2015 17:41

Katee Sackhoff hätte ich so viel besser als Deena gefunden…
Aber ich liebe die Comic Reihe und werde trotzdem mit dieser Serie nicht 100% warm. Ich bin mal gespannt, ob die Comic Vorgeschichte von Walker – Prä-Diamond – hier auch benutzt wird.

sergej
sergej
11. April, 2015 18:53

Sharlto Copley, der Murdock aus dem A-Team Film.

Kaio
Kaio
12. April, 2015 11:00

Das ist ja unheimlich, ich habe echt vor 10 Minuten das erste mal von dem Comic erfahren und mich gleich dafür interessiert, und komplett unabhängig davon dann diese Rezension im RSS reader gehabt. Ein Wink des Schicksals? Diese Produktion ist echt ziemlich gut vor der Öffentlichkeit versteckt worden, wobei ich jetzt im Nachhinhein mich erinnere das vor kurzem mal auf einer Gaming Seite erwähnt wurde dass diese Serie startet. Da wusste ich aber nicht dass es auf einem Comic basiert oder dass dieser was taugt und habe nicht mehr als die Überschrift dazu gelesen.

Bin nun aber definitiv interessiert! Jetzt werde ich glaube ich aber lieber erstmal den Comic lesen und nicht diese Serie gucken. Die würde ja alles spoilern, oder löst man sich vom Comic und erzählt komplett sein eigenes Ding? Wieviele Bände des Comics werden hier denn verarbeitet? Gibt ja einige, zumindest 14 bevor es wohl eine Art Reboot gab wenn ich das was ich vorhin gelesen habe richtig deute.

Ich liebe ja Meta-Comics ÜBER Superhelden ala Watchman oder The Boys.

Wortvogel
Wortvogel
12. April, 2015 11:17

@ Kaio: Wenn ich das richtig sehe, ist "Powers" keine direkte Umsetzung der Vorlage. Und auch ansonsten eher eine Interpretation als eine Adaption. Das nimmt sich nichts. Wenn dir "Watchmen" gefallen hat, dürfte das hier (in reduziertem Maße) auch dein Gefallen finden.

Der Manu
14. April, 2015 10:00

@Kaio: Dann dürfte Dir die Millarworld ja gut gefallen: Kick-Ass, Starlight, Jupiter’s Legacy…

Kaio
Kaio
14. April, 2015 10:21

@Wortvogel: Ah sehr gut, danke.

@Der Manu: Habe den Autor schon auf dem Radar, du hast vollkommen recht, der sollte mir eigentlich gut gefallen. Danke für die Erinnerung. Habe vor ca. 2 Jahren angefangen Comics zu lesen und weil die so verdammt teuer sind ist meine "Muss ich noch kaufen"-Liste mittlerweile etwa 10x so lang wie die Liste der Dinge die ich schon habe.

DMJ
26. April, 2015 16:47

Oha, diesen Beitrag habe ich ja komplett übersehen!

Kenne die Comics (ein wenig) und die scheinen tatsächlich andere Geschichten im gleichen Universum zu erzählen, so dass man beides unabhängig voneinander konsumieren kann.
Von der Serie (also… sozusagen-TV-Serie… halt dem, was hier besprochen wird… verdammt, uns gehen die Bezeichnungen aus!) habe ich vor Ewigkeiten gehört, als sie geplant wurde, aber gedacht, es wäre nie was draus geworden.
Schön, dass dem wohl doch nicht so ist. Klingt ja doch interessant!