Heute habe ich mal wieder meine Akten durchforstet. Es ist faszinierend – wenn man entschlossen ist, jede weitere Entschlackung positiv zu sehen, wird es eine vergnügliche Herausforderung. So habe ich bei allen meinen Autorenverträgen (mittlerweile zwei dicke Ordner) das Kleingedruckte und die Anhänge entfernt. Schon ist es nur noch ein Ordner.

Aber die Fähigkeit, das Volumen zu reduzieren, hat Grenzen. Besonders schlimm wird das bei den nächsten großen Aufgaben: Zeitschriften, Bücher und DVDs. Da sind nämlich keine „unnötig“ oder „abgelaufen“ oder „redundant“. Ich kann 20 Jahrgänge „Titanic“ ebenso wenig einscannen wie den Prachtschuber „The complete Calvin & Hobbes“.

Ähnlich sieht es mit alten Briefen oder Fotos aus – die kann man zwar digitalisieren, aber die Originale haben ja durchaus einen Wert „an und für sich“. Was unterliegt dem Schutz berechtigter Nostalgie, was muss als Ballast weichen?

Ich habe dazu in den letzten Wochen eine Theorie entwickelt, die es mir ermöglichen könnte, die Sache radikal anders anzugehen. Eine Theorie, die vielleicht schon in Selbsthilfe-Büchern zum Thema postuliert wurde, was mir aber entgangen ist, weil ich solche Bücher nicht lese. Die ich euch erklären und mit euch diskutieren will.

Inspiriert haben mich zu dieser Technik die vielen Filmszenen, in denen Flüchtlinge und Auswanderer mit nur einem Koffer reisen. In dem sieht man dann gerne ein gutes gestärktes Hemd, ein Foto von der Familie oder der Geliebten, eine Bibel, einen alten Baseball und das Rasierzeug.

Was wäre, wenn ich nur einen Koffer hätte – zugegebenermaßen aber einen recht großen? Oder wenn mein Besitz in toto in einen 3,5 Tonner passen müsste?

Die Theorie lautet demnach: Man reduziert seinen Besitz nicht auf das notwendige Maß, weil das „notwendige Maß“ ein undefinierter und vielleicht undefinierbarer Begriff ist, der von der Sentimentalität in Geiselhaft genommen wird, wann immer man sich ans Regal stellt, um auszusortieren.

Stattdessen definiert man vorab das erwünschte, notwendige, am Ende zu erreichende Ziel. Man orientiert sich nicht an dem, was man hat, sondern an dem, was man haben will.

Etwa so:

  • 500 Bücher
  • 100 DVDs
  • 100 Familienfotos

Man stellt sich also nicht an den Schrank und sortiert erstmal die DVDs aus, die man entsorgen kann – man sucht die DVDs, auf die man nicht verzichten will. Da die erlaubte Menge streng begrenzt ist, führt das automatisch zu einer sehr kritischen Beurteilung und einer Art „Death match“ der einzelnen Scheiben. Workprint-Steelbox von „Punisher“ oder doch lieber Box-Set von „Buck Rogers“? „Kalkofes Mattscheibe“ oder „Nonstop Nonsens“? „Sin Reaper“ oder „Sharknado“?

Bei 100 ist Schluss – der Kampf wird hart.

Bei Büchern kommen natürlich erstmal die ins Töpfchen, die ich ein Dutzend mal gelesen habe. Oder? Lese ich die vielleicht genau deshalb nie wieder? Wäre es nicht besser, wenn ich mich auf Bücher konzentriere, die zu meinem Leben etwas beitragen können, gerade weil ich sie noch nicht gelesen habe? Welches „Standardwerk“ muss ich wirklich haben, was ist längst durchs Internet überflüssig geworden? Brauche ich von einem Freund, der pro Jahr ein Buch schreibt, von jedem ein signiertes Exemplar? Reicht nicht eins pro Autorenkollege, um Solidarität zu signalisieren?

500 ist die Grenze – keine Gnade.

Mit den Familienfotos ist es nicht anders. Ich habe meine Oma geliebt – aber zum Gedenken an sie brauche ich eigentlich nur ein Foto. Es reicht, wenn ich vom Setbesuch von „Ice Planet“ ein paar anständige Scans mache – der Rest der Bilder kann in den Schredder.

100 heißt die magische Zahl – auch wenn es weh tut.

Die relativ willkürliche Festlegung auf ein Endziel zwingt zur Konzentration auf das ganz persönliche „Best of“, auf die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschmack und der eigenen Geschichte. Am Ende bleibt nur übrig, was mich definiert, repräsentiert – in einer genau überschaubaren Menge.

Es wird weh tun, alles „100+“ oder „500+“ dann zu entsorgen. Immer wieder wird man denken, dass so ein tolles Buch oder so ein toller Film bleiben könnte, wenn man die willkürliche Grenze auf 120 oder 550 festgelegt hätte. Könnte man ja auch nachträglich noch. Aber das ist eine Falle, in die man nicht tappen darf.

Trotzdem glaube ich, dass dieser „top to bottom approach“ leichter und vernünftiger ist als der „bottom to top“ approach, bei dem man mit dem Bodensatz anfängt und in der schnöden Masse wühlt, was weg kann.

Die Zahlen oben sind übrigens noch Stellvertreter, bzw. Platzhalter – ich habe mich noch nicht festgelegt, wie viele Bücher und DVDs ich mir am Ende zugestehe. Ich habe auch noch nicht endgültig entschieden, ob ich Familienfotos nach diesem Maßstab sortiere. Die nehmen sowieso nur eine Schuhkiste voll Platz weg, vielleicht wäre das übertrieben.

Die Zeitschriften lassen sich nach dieser Technik gar nicht sortieren – weil hier komplette Sammlungen im Regal stehen, die nur so Sinn ergeben. Entweder sortiere ich einen Titel komplett aus oder gar nicht.

Man kann diese Methode auch bei Kleidung prima einsetzen. Legt man klar fest, dass man als erwachsener Mann nicht mehr als 14 Unterhosen, 8 Hosen, 12 Hemden, 3 Pullover, 10 Paar Socken, 2 Anzüge und 5 Jacken für verschiedene Witterungsverhältnisse braucht, räumt sich der Schrank viel leichter auf. Kommt ein Hemd dazu, muss ein altes weg.

So ein Ansatz bedeutet „tough love“. Es wird Tränen geben. Aber wenn man in 20 Jahren derart viel Kram angesammelt hat, wird es irgendwann zur Notwehr. Traditionelle Formen der Eigentumsfilterung greifen da nicht mehr. Und ich finde den Gedanken reizvoll, ein Mann mit genau 500 Büchern zu sein.

Wie seht ihr das? Interessante Theorie oder Krücke für Entscheidungskrüppel? Kann man, darf man seine Hobbys und seine Sammlungen mit einer willkürlichen Obergrenze kastrieren oder wäre das wie „Zwei Engel für Charlie“?



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Uli
Uli

Ich habe mir ein ähnliches System bei meinen Büchern angewöhnt, die Regale sind seit einiger Zeit voll und werden auch nicht mehr erweitert. Wenn man nun ein neues Buch kaufen will, muss ein altes weg oder man greift gleich zum eBook.

christopher
christopher

ein interessanter Ansatz. Hab von einem ähnlichen Konzept mal vor Jahren gelesen, „100 Dinge die man im Leben braucht“ oder so. Dabei hat ein Autor auch sein Leben auf 100 Dinge reduziert. Wobei dieser Begriff Dinge von ihm sehr weich gebraucht wird. 1 Ding kann sowohl ein Buch sein, als auch eine entsprechend sortierte Bibliothek. Da allerdings zum Beispiel auch Dinge des Alltags (Besteck) oder so dazu kommen wird es dann schon knapp, wenn man erstmal die Dinge des Alltags drin hat.

Allerdings sagt mir dein Ansatz mehr zu. x DVDs, y Bücher, z Sonstwas. Das bleibt dann klarer.

Bei Bildern glaube ich, dass es mit 100 Bildern nicht langt. Außer du sagst, dass sind die Bilder, die du analog hast. Es sind zwar alle Bilder auf der Festplatte gespeichert, aber ein paar Analoge sind mir dann schon wichtig. Da meine Wände aber nicht zu voll sein sollte scanne ich Bilder, die ich analog erhalte, aber auch als erhaltenswert betrachte ein und speicher sie ab. die Zahl der analogen bliebe dann gleich.

Wortvogel
Wortvogel

@ christopher: Ich habe in der Theorie digitale Sammlungen bewusst nicht berücksichtigt, weil sie kein reales Gewicht haben, keinen Platz weg nehmen und (zumindest mich) nicht als Ballast belasten.

nameless
nameless

“Sin Reaper”

hmm… hat noch gar nicht angebissen. wo isser denn? putt, putt, putt…

Howie Munson
Howie Munson

Wäre es nicht besser, wenn ich mich auf Bücher konzentriere, die zu meinem Leben etwas beitragen können, gerade weil ich sie noch nicht gelesen habe?

Wieso willst du Bücher behalten, die du nicht liest? Und neu wäre das doch ganz klar ein Fall für den ebook-reader.

Also ich würde ganz sicher nicht Bücher weggeben, die ich schon mehrfach gelesen habe, eben weil ich weiß, dass mir das nochmalige lesen ja Spass machen würde. (wäre dem nicht so, hätte ich sie ja nicht mehrfach gelesen 😉 )

Bei Büchern die ich einmal gelesen habe und sie nur knapp durchschnittlich fand, ist die Entscheidung „kann weg“ auch nicht sonderlich schwer.

Und ansonsten würde ich wohl eher die Regalmeter und ggf. eingelagerten Kisten insgesamt begrenzen und nicht die Anzahl in den einzelnen Kategorien. Passt auch besser zum Ausgangsbeispiel vom Koffer bzw. Umzugstransporter.

Das mit den runden Zahlen klingt halt wirklich nach Ratgeberbuch, bringt halt nur was, wenn dich zählen motiviert… (oder es dann bei runden Zahlen blitzt und donnert *duck*)

Sebastian

Das Sammeln von Filmmedien habe ich schon länger aufgegeben. Meine ganzen DVDs habe ich noch rechtzeitig veräußert, bevor die Blu-ray den großen Massenmarkt erreicht hatte. Es kommt sehr, sehr selten vor, dass ich einen Film mehr als einmal schaue. Was will ich daher mit einer gigantischen Sammlung?

Meine CD-Sammlung werde ich auch demnächst verkaufen, etwas, was ich mir vor einigen Jahren nicht im Ansatz hätte vorstellen können. Aber die CDs sind nur noch Staubfänger, da ich Musik nur noch digital kaufe und höre.

Magazine habe ich auch nur noch sehr wenige und meine Familienfotos passen in 5 Alben.

Aber Bücher besitze ich nach wie vor eine große Anzahl. Darunter auch viele Bildbände und Nachschlagewerke und Antiquarisches. Das bleibt. Außerdem hätte ich ganz ohne Bücher doch verdammt leere Wände. Belletristik hingegen kaufe ich auch seit einigen Jahren nur noch als eBook.

Steffen
Steffen

Sehr interessanter Ansatz, vielleicht sollte ich den auch mal bei mir ausprobieren, weil meine Frau mir öfters in den Ohren liegt dass die vielen DVDs und Musik CDs doch nur unnötig viel Platz wegnähmen – zumal ich eh alles auf Festplatten archiviert habe. Aber ach.. sieht halt so schön aus 😀
Aber wie schon gesagt, dein Ansatz gefällt mir erheblich besser als meine bisherigen Versuche, die ich nämlich genau nach dem von dir beschriebenen „bottom to top“ Schema durchgeführt habe. Was dann immer in komplett entleerten Schränken und vollen Fußböden mündete, durch die ich mich in aller Ruhe durchgewühlt habe. Hat ja auch irgendwie etwas meditatives, durch Haufen von altem Kram zu stöbern.. ich probiers mal aus mit deiner Methode.

Baumi
Baumi

Thema Familienfotos: Wir haben unsere (inklusive denen meiner Eltern) größtenteils digitalisiert und mit mehrfachen Backups gesichert. Seitdem gucken wir auf iPad und Co viel öfter drauf als früher, als man noch die Alben rausholen musste.

Negative und Abzüge bewahren wir allerdings trotzdem auf – genau weil die halt recht wenig Platz wegnehmen und im Gegensatz zu Büchern, CDs oder DVDs eben tatsächlich nicht einfach wieder gekauft werden können.

Mencken
Mencken

Kann man natürlich so machen und wenn einen der Ballast belastet, sollte man es auch tun.
Ich kann mit solchen Aktionen persönlich allerdings wenig anfangen, da ich weder Flüchtling noch Auswanderer bin und in Ermanglung von vergleichbaren Sachzwängen auch keinen Anreiz zur Reduzierung habe. Sollten die Sachzwänge irgendwann kommen, erledigt sich auch das Selektionsproblem von allein (weil man dann wirklich muss), aber die Schaffung und Verwendung „künstlicher Zwänge“ empfinde ich als komisch und nicht stimmig.

hilti
hilti

Ich bin da unschlüssig. Diese Methode auf Unterhosen und Socken angewendet empfinde ich schon als zwanghaft, weil der Bestand im Laufe der Zeit von sowieso alleine abnimmt. Je nach Qualität schneller oder langsamer. Bei Hemden oder Pullovern (der ist doch noch gut!) schon sinnvoller, aber logischer wärs einfach auszusortieren was man schon jahrelang nicht mehr angezogen hat und/oder was nicht mehr passt.

Ich würde als Antwort auf deine Frage eher zu Krücke für Entscheidungskrüppel tendieren, weil die Limits zu willkürlich sind. Ich würde vom Platz her entscheiden. Natürlich nicht was maximal in die Bude reingestopft werden kann. Sondern sagen: Da sollen meine Bücher hin. Und nur da. Und nur was dahin passt. Und zwar ordentlich. Mehr geht nicht. Wie mit dem von dir erwähnten Koffer.

Kann man, darf man seine Hobbys und seine Sammlungen mit einer willkürlichen Obergrenze kastrieren oder wäre das wie “Zwei Engel für Charlie”?

Da stellt sich dann die Fage was dein Hobby ist. Das Sammeln von Büchern und Filmen oder Bücher lesen und Filme schauen?

Wortvogel
Wortvogel

@ hilti:

„Diese Methode auf Unterhosen und Socken angewendet empfinde ich schon als zwanghaft, weil der Bestand im Laufe der Zeit von sowieso alleine abnimmt.“ – bei mir nicht. Sonst wäre es kein Thema gewesen. Mein Kleiderschrank platzte immer mehr aus den Nähten.

„sinnvoller, aber logischer wärs einfach auszusortieren was man schon jahrelang nicht mehr angezogen hat und/oder was nicht mehr passt.“ – ich habe zu viele Jacken, die ich anziehe und die mir passen.

„Ich würde als Antwort auf deine Frage eher zu Krücke für Entscheidungskrüppel tendieren, weil die Limits zu willkürlich sind.“ – absolut nicht. Ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht, wie oft man welche Klamotten wechselt, was sich kombinieren lässt, wie viel Platz im Schrank ist, für was es Anlässe gibt, etc. So auch bei Büchern: Platzangebot ist da genau so ein Thema wie die Frage, zu welchen Bereichen ich Bücher brauche. Natürlich sollte ich die besten Bände zum schriftstellerischen Handwerk im Regal haben. Aber im Gegensatz zu meinen 20ern, als ich vieles noch nicht verinnerlicht hatte, können das 10 und müssen nicht 100 sein.

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[…] Ich bin gegenwärtig in einer riesenhaften Umbau- und Aufräumaktion. Was unweigerlich zu dem dringenden Bedürfnis führt, die vielen Dinge zu reduzieren, die mir das Leben verstopfen. Da ist es dann schön, auch von anderen zu lesen, die sich den gleichen Herausforderungen stellen. Was von Wortvogel zum Beispiel. […]