Ich sage es mit größter Überraschung. Ich vermisse München. 20 Jahre lang hat die Stadt mich angeödet, habe ich mir geschworen, ihr den Rücken zu kehren. Kaum ist es geschehen, sehne ich mich zurück. Ins spießige, teure, unkreative und uncoole München.

Und so schaue ich begeistert zurück ins Jahr 1969 – als der BR begeistert zurück schaute ins Jahr 1955. Ich sehe München „vor meiner Zeit“, nach dem Kriege, dann mitten in den Umwälzungen der späten 60er Jahre. Ich sehe die Orte, die 20 Jahre später und für 25 Jahre meine „hood“ werden sollten. Bekannt und doch so nie gesehen. Die Stadt im Wandel – im Wandel zum München, das mir vertraut und lieb wurde.

Viel Schwabing, viel Uni, viel Marienplatz – Gott, ich erkenne Geschäfte und Häuserzeilen, Cafés und Parkhäuser.

Und dann das hier – frisch gebaut und stolz den Konsum preisend:

munich

Silberhornstraße in Obergiesing. Kepa, aus dem später Hertie wird. Dahinter, direkt in Blickrichtung, steht das Haus, das ich 2002 kaufen werde. 2009 geht erst der Hertie pleite, dann wird der Block abgerissen:

hertie-480Ich schreibe damals einen Nachruf auf den hässlichen Klotz, der 1969 so sehr als Leuchtturm der Moderne galt.

In 25 Jahren werden Menschen das München sehen, in dem ich gelebt habe. Sie werden staunen und lachen, das Bild einfrieren und juxen: „Mann, echt? So hat das mal ausgesehen?“.

Ja, so hat das mal ausgesehen.



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Kai Meyer
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Unbedingt Dominik Grafs „München“ angucken. Ich hab die Stadt danach mit völlig anderen Augen gesehen.

Wolfgang
Wolfgang

Hat jemand eine Ahnung, von wem die lustige Version des Ungarischen Tanz No 5 ist, die ab ~00:35 die „Moderne“ untermalt?

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Verglichen mit Speyer würde wahrscheinlich auch der größte München Hasser nicht mehr von langweilig, uncool und unkreativ reden.

Mir geht es meist eher immer umgekehrt, bin ehrlich überascht, wie wenig ich z.B. Hamburg oder New York vermisse. Liegt vermutlich daran, dass die Umzüge immer wieder in andere Großstädte gingen.

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