Natürlich wird Content im Internet durchgereicht. Das Web ist eine Sharing-Kultur, darum ist der Share-Button neben dem Like-Button auch die wichtigste Funktion von Facebook. Könnte ja sein, dass der Freundeskreis das lustige Katzenvideo oder den zutiefst wahren Spruch über das Leben noch nicht kennt. Persönlich reizt mich das weniger, weil ich den Wortvogel gestartet habe, um genuinen Content zu produzieren.

Es gibt aber Auswüchse der Sharing-Kultur, die mich nerven. Wenn Ideen- und Themenklau zum Geschäftsprinzip erhoben werden. Kein Konzept – nur noch billig zusammen geschustertes „Best of“ des Internets, versehen mit diesen unsäglichen „Was dann geschah, konnte niemand ahnen!“-Headlines oder den nicht minder ekligen „Bei Nr.5 musste ich weinen“-Anreißern. Heftig.co und alle, die bei diesem Trittbrettfahrer trittbrett fahren. Ich schmeiße Leute, die das regelmäßig teilen, ebenso regelmäßig von meiner Freundesliste.

Nun ist es eine Sache, Videos, Bilder und Cartoons zu teilen. Es ist aber eine andere, den mühsam selbst erarbeiteten Content von privaten Blogs rauszukopieren, mit neuer Autorenzeile zu versehen und dann als kommerziellen Beitrag zu verwursten. Das hat für mich nichts mehr mit Sharing zu tun, das ist Diebstahl.

Ein schönes Beispiel dafür habe ich dieser Tage bei Buzzfeed gefunden, einer US-Seite, die mittlerweile immer mehr deutschsprachigen Content einstreut:

Buzz

Ich will mich gar nicht groß über den trendigen, aber zutiefst beschissenen Stil der persönlichen Ansprache auslassen, der rein gar nichts von journalistischen Standards hält. Nein, ich hätte diese Mode in den 90ern NICHT gerne getragen. Ja, mein Geld HÄTTE dafür gereicht. Nein, ich werde NICHT gerne ungefragt geduzt.

Abgesehen davon: Cool, oder? Da hat sich Sebastian Fiebrig die Mühe gemacht, alte Bravos zu durchsuchen und abzuscannen, um Modesünden der 90er ironisch aufzuarbeiten.

Hat er sich die Mühe gemacht?

Nein, hat er nicht. Die gesamten Scans sind komplett aus einem Beitrag des bezaubernden „Von gestern“-Blogs rauskopiert:gestern

Immerhin gibt es zu jedem geklauten Bild einen verschämten Quellennachweis:

imp

Ich finde, dass Quellenhinweise eigentlich auf eine ausführlichere Quelle verweisen sollten – und nicht nur auf die Originale eines Beitrags, den ich durch meine Kopie auf einer deutlich größeren und kommerziellen Webseite überflüssig gemacht habe.

Mich irritiert auch, dass Leute wie Sebastian Fiebrig keine Probleme haben, Content zu klauen und als eigenen Artikel mit Namen und Bild zu verkaufen. Man darf nämlich nicht vergessen: Sebastian bekommt ein Honorar für diesen Beitrag, den eigentlich der Macher von „von gestern“ unter großer Mühe kostenlos erarbeitet hat. HIER finde ich den Begriff Raubkopie tatsächlich mal angebracht.

Es ist ja nicht so, dass man das nicht fairer handhaben könnte, in dem man z.B. das Honorar für die Strecke 50:50 zwischen dem Original-Ersteller und dem Übernehmer aufteilt. Der eine macht’s möglich, der andere macht’s publik. Auch eine Art von Sharing.

Nun gut, vielleicht hat Buzzfeed die Bildstrecke ja von „von gestern“ nach Absprache übernommen oder wenigstens um Erlaubnis gebeten oder wenigstens auf die Zweitverwertung hingewiesen. Ich frage bei „von gestern“ nach:

„Danke für den Hinweis, hab ich noch nicht gesehen (…) grenzt schon an Dreistigkeit (…)“

Also keine abgesprochene Übernahme oder Zweitverwertung – schlichter Content-Diebstahl.

Ich frage nun Sebastian Fiebrig an, ob er das Material lizensiert hatte und – falls nicht – ob es ihm nicht arm vorkäme, Fremdcontent ohne Eigenleistung unter seinem Namen abzurechnen. Er scheint sich mit dem Vorwurf nicht auseinander setzen zu wollen. Seine vollständige Antwort:

„Vielen Dank, dass Sie sich Sorgen um uns machen. Ich weiß das sehr zu schätzen.“

Ein paar Stunden später schickt er noch nach:

„Sie verstehen sicher, dass ich keinen Leuten einfach antworte, die sich weder vorstellen und noch sagen, wofür sie Informationen benötigen.“

Keine Skrupel beim Klauen von fremdem Content, aber empfindlich bei der Nachfrage – überraschend. Zumal ich mich in meiner Anfrage vollständig vorgestellt hatte und ich auch ursprünglich nicht vorhatte, die Informationen zu verwenden. Ich wollte nur wissen, ob er selbst sein Verhalten okay findet. Tut er wohl. Und deshalb schreibe ich nun drüber.

Ich habe tatsächlich Sorge, dass hier eine Generation von Content-Generatoren heran wächst, die keinen Sinn mehr dafür hat, dass ihre Aufgabe eigentlich nicht die Beschaffung (wenn wir es nicht Diebstahl nennen mögen) von Inhalten sein sollte, sondern deren Herstellung. Die sich Redakteure nennen, obwohl sie gerade mal Kopisten sind. Deren kreative Potenz sich mit der Abschöpfung fremder Leute Arbeit begnügt.

Der Macher von „von gestern“ hat letztlich mehr Größe als ich:

„Solange sie korrekt verlinken und die tags nicht abschneiden, sehe ich es als Werbung für mich.“

Ich kann Buzzfeed allerdings nur empfehlen, das nicht mit meinen Beiträgen zu versuchen.

NACHTRAG: Wenn ich das richtig sehe, hat Buzzfeed nur wenige Stunden nach Veröffentlichung meines Artikels eine größere Erwähnung und Danksagung an „von gestern“ hinzugefügt. Nett von ihnen – schade, dass es erst nötig war, „public shaming“ zu betreiben.



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comicfreak
comicfreak

..gut gesagt

Proesterchen
Proesterchen

Ich schweife mangels divergierender Ansichten zum Thema frech ab und verweigere diesem „Kleidungskatalog“ der Bravo mehr als nur periphäre Authorität zum Thema Mode der 90er.

Thomas

Gemein vor allem auch vor dem Hintergrund, dass Vongestern – ein exzellentes, tolles, immer wieder lesenswertes Blog! – dafür bekannt ist, sämtliche Scans mit der Bravo abzusprechen, die Genehmigungen der Fotografen und Autoren einholt und diesen sogar ein Zweitverwertungs-Honorar zahlt.

Ach so, macht Vongestern gar nicht? Na sowas…

Jake
Jake

Teile Deine Meinung zu 100 Prozent. Sollte selbstverständlich sein, dass man sich erstmal mit dem Content-Ersteller kurzschließt.

Der „von gestern“-Blog ist übrigens wirklich sehr zu empfehlen. Besonders die kommentierten Fotoromane sinder der Knaller.

Uli
Uli

Ein weiteres Beispiel ist „Made My Day“ die sogar ein Buch mit geklauten Inhalten veröffentlich haben:
https://moltroff.wordpress.com/2014/12/10/gedankenhehlerei-2-0-copy-my-day/

Inzwischen ist der Verlag eingeschritten, aber auf Facebook werden weiterhin munter bebilderte Sinnsprüche veröffentlicht, die oftmals eins zu eins von Twitter Nutzern kopiert wurden. Quellenangabe Fehlanzeige, das ist mindestens kackdreist.

Auch Comiczeichner berichten regelmäßig abenteuerliche Geschichten nur mal ein paar Sachen aus dem Gedächtnis:
https://www.facebook.com/ruthe.de/photos/a.290780444416.142730.289955244416/10152904198309417/
https://www.facebook.com/ruthe.de/photos/a.290780444416.142730.289955244416/10152710156994417/

http://theoatmeal.com/blog/funnyjunk
http://www.dailydot.com/news/oatmeal-matthew-inman-9gag-comic-stealing/

Das Urheberrecht scheint immer nur dann zu gelten, wenn Abmahnanwälte Privatpersonen wegen Würstchenfotos anklagen oder YouTube 10 Sekunden Schnipsel zwanzig Jahre alter TV Serien löscht…

Chris
Chris

Guter Artikel, ist mir bei Buzzfeed schon oft aufgefallen. Kurzer Rechtschreibnazi: es muss „lizenziert“ heißen 😉

Totlacher

„Wichtig: Wer Bilder von dieser Webseite weiterverbreitet, soll doch wenigstens so nett sein und auf die Quelle verlinken. Ich übernehme keine Bilder von fremden Seiten (mit ganz wenigen deklarierten Ausnahmen), sondern scanne alles selbst ein.“

Was ist an so einem Impressumseintrag eigentlich nicht zu verstehen? Ansonsten viel Spaß dabei sich weiterhin in deutscher Kleinbürgermanier über Duzen aufzuregen, während der Online-Journalismus in Deutschland und auf der Welt endlich den arrivierten wie obsoleten Printblödsinn ablöst. Zum Glück wird das Personal ja nach und nach ausgetauscht.

Thomas

@Wortvogel

Äääh – danke fürs Gespräch? Wow.

Aber nun gut: Ich sehe schon den Aufwand, vor allem auch die kreative Eigenleistung von Vongestern. Letztere liegt in den ausführlichen, witzigen Kommentaren zu den Bildern. Diese Kommentare wurden von Buzzfeed nicht übernommen – und damit besteht im übrigen auch immer noch ein eklatanter Mehrwert von der Quelle gegenüber dem Hinweis bei Buzzfeed darauf. Zu dieser Eigenleistung fehlt hier aber sonderbarerweise jeder Kommentar – ganz im Gegenteil wird sie durch den Hinweis, dass ja nun die Quelle keinen Wert an sich mehr habe, völlig eingeebnet. Bleibt die Aufregung darüber, dass jemand Bilder von jemandem klaut, der sie – zum Glück, denn wie gesagt: Vongestern ist ein ganz wunderbares Blog, das ich sehr gerne lese – zuvor auch schon geklaut hat. Das ist eine etwas sehr schmale Basis für eine solche Erregungshöhe, finde ich.

Ich finde auch, dass Buzzfeed mal durchaus deutlicher auf Vongestern hinweisen könnte. Klar. Ein Text vorher, in dem klar darauf hingewiesen wird, dass der Klick zu Vongestern durchaus lohnt, wenn man den Spaß mag, wäre ganz wundervoll gewesen. Finde ich auch blöd, dass Vongestern so verschämt verlinkt wird.

Thomas

@Totlacher

Nun verlinkt Buzzfeed doch unter jedem Bild auf die Quelle?

Totlacher

So kennt man Stephan Weichert den alten Schwätzer!

Jörg
Jörg

Man muss Buzzfeed Deutschland aber zugute halten, dass sie sich mit dem Thema Contentklau durchaus auseinandersetzen …

https://twitter.com/philipp/status/542764304081367040

Kuang
Kuang

“Sie verstehen sicher, dass ich keinen Leuten einfach antworte, die sich weder vorstellen und noch sagen, wofür sie Informationen benötigen.”

Das jemand, der solche Sätze fabriziert mehr machen darf als copy und paste, ist aber auch unrealistisch.

Totlacher

„DasS jemand, der solche Sätze fabriziert KOMMA mehr machen darf als copy und (entweder „copy and paste“ oder „kopieren und einfügen“) paste, ist aber auch unrealistisch.“

Dass sich jemand, der solche Rechtschreib- und Grammatikverbrechen begeht, erdreistet in Kommentarspalten den Oberlehrer zu spielen, ist aber auch irgendwie lustig.

G

Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass „Totlacher“ in Wahrheit Sebastian Fiebrig heißt.

Totlacher

Ah, das sollen also die Schlussworte sein. Deswegen wird gelöscht?