I Origins

ioriginsposterUSA 2014. Regie: Mike Cahill. Besetzung: Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Bergès-Frisbey, Steven Yeun, Archie Panjabi u.a.

Offizielle Synopsis: Ian Gray, der an seiner Doktorarbeit in Molekularbiologie arbeitet, verlässt sein Labor und geht zu einer Party, wo er eine intensive Begegnung mit einem maskierten Model hat. Obwohl er nur ihre Augen gesehen hat, spürt er sie auf und verliebt sich in sie. Ihr gegensätzlichen Ansichten vom Leben verstärken ihre Verbindung nur noch, und die beiden schwören sich, für immer zusammenzubleiben. Jahre später machen Ian und seine Laborpartnerin Karen eine erstaunliche Entdeckung mit existentiellen Konsequenzen.

Kritik: Oh, wow. Wow. Ich hatte Mike Cahills hochgelobten Indie-SF-Erstling „Another Earth“ verpasst, darum wollte ich ihm wenigstens mit einem Screening seines Indie-SF-Zweitlings Respekt zollen. 7,0 und 7,3 bei der IMDB, das ist schließlich kein Fliegenschiss. Und Low Budget-Zukunftsvisionen sind ja auch so richtig meins.

Was für ein SCHEISS!

Mann, Mann, Mann! Ich behalte mir das Fazit ja normalweise für das letzte Drittel eines Reviews auf, aber hier kann ich echt nicht an mich halten. Das muss jetzt raus: FUCK!

Cahill hat Hipster-SF erfunden, utopisches Kino für Angeber und Eierschaukler irgendwo zwischen „Cherie, mir ist schlecht“ und „Coherence„. Schöne, leere Menschen reden penetrant pseudo-tiefgründiges Zeug, als wäre jeder Nudelauflauf eine existenzialistische Krise wert. Eine wirklicher Hirnfurz wird als epochale Message verkauft, die unsere Existenz neu definiert, Wissenschaft und Spiritualität vermählt. Ian entdeckt zuerst seine Seelenverwandte, schließlich sogar die Seele selbst – alles in den Augen des bezaubernd spontanen Models Sofi, das ihn lehrt, auf sein Herz zu hören.

Wenn ich gerade auf meinen Magen höre, muss ich kotzen.

Es ist schwer zu beschreiben, wie unfassbar dämlich ich diesen Streifen finde. Ich brauchte eine Weile, den Grund dafür zu finden. „I Origins“ sieht durchaus schick aus, hat gute Darsteller, ist zwar nicht schnell, aber auch nicht trödelig. Was also weckt in mir solche Aversionen?

Es ist die Arroganz. Diese alles durchdringende, durchschaubare, ejakulative Arroganz eines Filmemachers, dessen erzählerisches Talent sich in Abercrombie & Fitch-Ästhetik und Calvin Klein Werbespot-Weisheiten erschöpft, der aber in jeder Szene inszenatorisch die Arme hochreißt, den Kopf in den Nacken wirft und ruft „Preiset mich, denn ich schenke euch meinen Genius!“ – um dann in den Regiestuhl zurück zu plumpsen und sich Mineralwasser für 55 Dollar die Flasche reichen zu lassen.

Ich bin SICHER, Cahill hat jeden Abend, wenn er bei seinen Starlets keinen hochbekommen hat, beiläufig abgewunken, dass für echten Koitus angesichts seiner cineastischen Orgasmen einfach keine Potenz mehr übrig sei. Er schenkt sich schließlich mit seinen Filmen der ganzen Welt, das ermüdet.

Diese Erdspalte zwischen geprotztem Anspruch und jämmerlichem Ergebnis ist es, die mich so wütend macht. Und die Tatsache, dass so viele Kritiker sich davon blenden lassen, weil es eben immer sicherer ist, Größenwahn zu beklatschen, als lachend auf den nackten Mann zu zeigen und sich dem Vorwurf auszusetzen, man könne vielleicht einfach nur die Vielschichtigkeit des Gesehenen nicht nachvollziehen.

Fuck that shit. „I Origins“ hat die Substanz einer bekifften Idee, die man am nächsten Morgen schon wieder vergessen haben sollte. Der Geistesblitz lautet: „Wenn der Mensch eine Seele hat und die Augen der Spiegel zur Seele sind – kann man dann vielleicht an der einzigartigen Struktur der Augen Reinkarnation beweisen?“. Das wäre vielleicht sogar ein Ausgangspunkt für ein ganz brauchbares Skript. Nur leider kriegt Cahill über diese zwei Zeilen hinaus den Arsch nicht hoch. Weder kann er die Entdeckung dieser Tatsache plausibel erzählen – noch ihre Konsequenz. Letzten Endes sollen wir von der schieren Idee überwältigt sein und hinterer bei einem guten Chianti noch stundenlang darüber diskutieren.

Wäre „I Origins“ kein Hipster-Film, sondern ein Hipster – ich würde ihm gerne auf einer Party begegnen. Und dann derart auseinander pflücken, dass sich selbst seine hohle Freundin (asiatisch-irische Innenarchitektin, trägt Pudelmütze und weiße Plastikbrille) für ihn schämt.

Fazit: Pseudo-intellektueller Schwachfug mit dünner Story, unsäglich prätentiösen Dialogen und Hipster-Anspruch, der jenseits der selbsternannten In-Crowd kaum einen Filmfan aus dem Keller locken wird.

Tusk

tuskUSA 2014. Regie: Kevin Smith. Besetzung: Michael Parks, Justin Long, Haley Joel Osment, Génesis Rodríguez und Johnny Depp

Story: Wallace, ein großkotziger und zynischer Podcaster, reist nach Kanada, um dort einen jungen zu interviewen, der sich aus Versehen das Bein abgehackt hatte und dadurch zum viralen Videostar wurde. Daraus wird nichts, aber Wallace stößt auf Mr. Howard, der ihm unglaubliche Geschichten aus seinem langen Leben verspricht. Leider stellt sich schnell heraus, dass Howard aus dem armen Wallace einen Gefährten erschaffen will, dem er seit Jahrzehnten nachtrauert. Aus jedem drogeninduzierten Koma wacht Wallace fortan mit weniger Extremitäten auf…

Kritik: Wenn ich das richtig verstehe, geht „Tusk“ auf eine virale Story zurück, die Kevin Smith in einem Podcast weiter gesponnen hat und dann als Basis für ein Drehbuch nahm, um die Zeit bis „Clerks III“ zu überbrücken. Er selbst definiert die Basis für den Film so:

I just wanted to showcase Michael Parks in a fucked up story, where he could recite some Lewis Carroll and The Rime of the Ancient Mariner to some poor motherfucker sewn into a realistic walrus costume.

Das ist dummerweise zu wenig für einen Film. „Tusk“ missglückt zu nennen, ist eine sträfliche Untertreibung. Der Film ist ein Debakel auf allen Ebenen. Er ist hässlich, handelt von hässlichen Menschen, die hässliche Dinge tun – und er hat kein Interesse, das zu brechen, zu spiegeln oder zu wenden. Wie die viralen Videos, die er anzuprangern vorgibt, suhlt er sich im Gaffertum, provoziert Ekel ohne Facetten, freut sich über die eigene Bedeutungslosigkeit, die eigene Leere, die eigene Antriebslosigkeit.

Selbst wenn wir den lahmen „Misery“-Plot, dem nach einer halben Stunde mangels Ideen und Charakteren die Luft ausgeht, außen vor lassen, ist „Tusk“ ein Wrack: Der Subplot von Teddy und Ally killt alle Suspense, denn wir wissen immer, dass jemand auf der Suche nach Wallace ist und ihn am Ende finden wird. Howard Howe ist ein fragiler alter Mann, kein matronenhaftes Monster wie Annie Wilkes. Nach nicht mal der Hälfte der Laufzeit ist außerdem unbestreitbar, dass Wallace vielleicht gefunden wird – aber auf jeden Fall zu spät.

Als hätte er seine eigene Dramaturgie durch den Subplot nicht schon ausreichend torpediert, setzt Smith noch einen drauf: Johnny Depp spielt einen kanadischen Ermittler in einer Gastrolle, die fassungslos macht. Er ist nicht schlecht – er ist so katastrophal, als wolle er sich an Smith für irgendwas rächen, als wolle er beweisen, dass „and starring Johnny Depp“ zugleich Bonus und Malus sein kann, dass Captain Sparrow noch lange nicht die Grenze seines Overacting ist. Hätte der Film in dem Moment, in dem Depp erstmals auftaucht, noch einen Funken Leben gehabt – hier wäre er hinter die Scheune gebracht und mit der Schrotflinte erledigt worden.

In vielerlei Beziehung ist „Tusk“ das Gegenteil von „I Origins“ – er scheitert nicht am grandiosen Anspruch, sondern am völligen Mangel eines solchen. Es ist die Sorte Film, die jemand wie Smith besoffen an einem Wochenende rauskotzen kann – und die er deshalb schon lange nicht mehr drehen sollte. So etwas überlässt man als Erstling einem begeisterten Protegé, der etwas zu beweisen hat.

Fazit: One Trick Pony-Mischung aus Farce, Torture Porn und „Misery“ mit einigen miserablen Performances und der Substanz von 30 Minuten, die auf 105 gestreckt wurde. Ein Lowlight in der Karriere von Kevin Smith.



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S-Man
S-Man

Bin gerade leicht verwirrt. Bei Twitter hat du The Guest und Magic In The Moonlight angekündigt. Oder hab ich was falsch verstanden?

Dietmar

„Why are you working so hard to disprove god?“ ist schon im wahren Leben eine rhetorische Frage, die man dem Frager um die Ohren hauen möchte. Wenn der Film Leute intelligent und originell denkend darstellen will, versagt er da im Trailer bei mir.

comicfreak

..ehrlich, wenn du deine gesammelten Kritiken mal als Buch oder ebook rausbringst: ich kaufe das!
Sofort!

Shah
Shah

„Ich bin SICHER, Cahill hat jeden Abend, wenn er bei seinen Starlets keinen hochbekommen hat, beiläufig abgewunken, dass für echten Koitus angesichts seiner cineastischen Orgasmen einfach keine Potenz mehr übrig sei. Er schenkt sich schließlich mit seinen Filmen der ganzen Welt, das ermüdet.“

Danke für die beiden lustigsten Sätze der Saison, achwas, des Jahres!

G

@Shah: Ich würde den hier nominieren:

„Wäre “I Origins” kein Hipster-Film, sondern ein Hipster – ich würde ihm gerne auf einer Party begegnen. Und dann derart auseinander pflücken, dass sich selbst seine hohle Freundin (asiatisch-irische Innenarchitektin, trägt Pudelmütze und weiße Plastikbrille) für ihn schämt.“

😀

DMJ

Mein güldener Lieblingssatz des Artikels ist die Formulierung, Johnny Depp spiele „so katastrophal, als wolle er sich an Smith für irgendwas rächen“. XD

Von „I Origins“ hatte ich noch nie gehört, kann aber bereits mitfühlen. Ich kenne die Situation, dass ein Film, der AN SICH nur lahm wäre, es schafft, durch eine arrogante Grundhaltung in den Bereich des richtigen Mists herüberzuglibbern.

Steffen
Steffen

Ich schließe mich da comicfreak an, ich würde deine Kritiken/Rezensionen auch sofort als Lesewerk kaufen!

Marcus
Marcus

TUSK.

Oh. My. God.

Ich gebe zu: ich war auf den FFF Nights wenigstens „slightly amused“. Hab oft gelacht. Aber dann fiel mir irgendwann auf, dass alles, was mich schmunzeln ließ, nichts mit dem zu tun hatte, was wir mal in Ermangelung eines besseren Worts „Haupthandlung“ nennen wollen. Vor allem Johnny Depp fand ich zum Schießen. Aber das, worum es eigentlich ging – meine Güte, war das doof und wirr.

Mit viel gutem Willen: 5/10 und ein ungläubiges Kopfschütteln über Kevin Smith.

Peroy
Peroy

Ich muss dem Wortvogel auch bei „Tusk“ komplett widersprechen. Es gab keine Sekinde, in der der Streifen bei mir nicht funktioniert hätte, Justin Long im Walross-Kostüm ist mal eben das verstörendste, was ich in den letzten Monaten in einem Horrorfilm gesehen habe und jede krude Schauspiel-Entscheidung macht das Ding für mich nur memorabler (auch Depp, der ungehobelt vom Leder zieht… wenn nicht hier, wo dann?). Es ist ein Anti-„Red State“, aber in seiner Freakigkeit aus einem Guss. Loved every minute.

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