Die beiden Filme, die ich heute bespreche, haben eine eher exzentrische Verbindung zueinander – in beiden Fällen wusste ich vor Ansicht nicht, von welchem Regisseur sie waren. Das macht die Bewertung spannender.

The Guest

The-Guest-Poster-1USA 2014. Regie: Adam Wingard. Besetzung: Dan Stevens, Maika Monroe, Brendan Meyer, Lance Reddick, Leland Orser u.a.

Story: Irgendwo in der amerikanischen Provinz lebt die Familie Peterson mit vielen kleinen Provinz-Problemen – und dem Trauma des in Afghanistan gefallenen Sohnes Caleb. Eines Tages taucht David auf, der behauptet, in Calebs Einheit gedient zu haben. Der höfliche junge Mann macht sich schnell beliebt, vor allem, weil er mit fokussierter Präzision Probleme zu lösen weiß. Tochter Anna hat allerdings bald das Gefühl, dass David nicht alle Kerzen auf dem Kuchen hat – und einer Rüstungsfirma kommt die Rückfrage nach David augenscheinlich sehr ungelegen…

Kritik: Ausgeliehen habe ich mir „The Guest“, weil die LvA und ich mal sehen wollten, wie sich „Matthew“ aus „Downton Abbey“ als taffer Ex-Soldat schlägt. Es ist offensichtlich, dass Dan Stevens diese Rolle gewählt hat, um von seinem Pussy-Image runter zu kommen.

Inhaltlich reißt „The Guest“ keine Bäume aus. Der Gast, der sich als Gefahr entpuppt, ist ein klassisches Motiv des modernen Thrillers, wurde von Hitchcock in „Im Schatten des Zweifels“ ebenso thematisiert wie in „Weiblich, ledig, jung, sucht…“, in „Fear“ (eine frühe Hauptrolle von Mark Wahlberg) oder in „Stepdad“. Am Ende steht immer das schwächste Mitglied der Familie allein gegen den charmanten Psychopathen. So auch hier. Man kann am Drehbuch allenfalls loben, dass es sich nicht verstolpert und die typischen Elemente dieses Subgenres recht sauber abhakt.

Bei der Inszenierung sieht das aber schon ganz anders aus. „The Guest“ ist ausnehmend straff, schnittig und mit einem Auge für Effizienz umgesetzt, das an Grindhouse-Filme der 70er wie „Race with the Devil“ und „Der Mann mit der Stahlkralle“ erinnert. Die Bilder platzen fast vor Primärfarben, statt ausgewaschenem Pseudo-Realismus regiert hypnotisches Bunt. Und immer wieder überraschen clevere Bildkompositionen und kleine Details, deren Sorgfalt bei einem so klar im B-Bereich angesiedelten Film wahrlich nicht selbstverständlich sind.

Der Cast ist dem Anspruch, auf einem oft beackerten Feld wenigstens die größte Kartoffel zu sein, souverän gewachsen: Dan Stevens schaltet nahtlos von Sonnyboy auf Satansbraten, Maika Monroe gibt der etwas zu billigen Provinz-Schönheit erfreuliche Tiefe und in einer weiteren Rolle überzeugt mal wieder Leland Orser. Nur die Nebenrollen sind teilweise etwas zu „over the top“, was daran liegen mag, dass der Autor sich wenig Mühe gemacht hat, mehr als Pappcharaktere in den Hintergrund zu stellen.

Und so gelingt es „The Guest“, mehr Unterhaltung aus dem „Malen nach Zahlen“-Skript zu quetschen, als eigentlich drin stecken sollte. Wer kleine Thriller mag, wie sie immer mal wieder gerne beim FFF laufen, der findet hier genau die richtige Scheibe für einen spannenden Abend. Wer eine überraschende Geschichte und unerwartete Wendungen sucht, sollte den Film stehen lassen.

Noch ein Wort zum Regisseur: Adam Wingard ist Teil der neuen Horror-Avantgarde aus den USA, gehört zum Umfeld von Eli Roth, den Vicious Brothers, Ti West und E.L. Katz. Das gibt eigentlich deutlichen Punkteabzug, aber wie ich schon in meinem Review zu „A horrible way to die“ angemerkt habe, ist Wingard für mich der talentierteste unter den jungen Schlockmeistern. Zwar weicht er ungern von seinen präferierten Formeln ab, aber inszenatorisch ist er West und Roth weit überlegen.

Fazit: Ein kleiner, aber schicker und mit schönen Einfällen ausgestatteter Psychothriller, der in Sachen Regie und Besetzung deutlich potenter punktet als beim hausbackenen Drehbuch.

Magic in the Moonlight

Magic-in-the-Moonlight-onesheetUSA 2014. Regie: Woody Allen. Besetzung: Colin Firth, Emma Stone, Hamish Linklater, Marcia Gay Harden, Jacki Weaver, Erica Leerhsen, Eileen Atkins, Simon McBurney u.a.

Story: Stanley ist ein erfolgreicher Bühnenzauberer, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Hellseher und andere Scharlatane zu entlarven. Ein Freund holt ihn von Berlin nach Südfrankreich, um dort das Medium Sophie zu entlarven, das sich mit angeblichem Kontakt zum Jenseits in die High Society getrickst hat. Das Problem: Stanley findet keinen Hinweis auf Betrug – und beginnt sich in Sophie zu verlieben…

Kritik: Wenn man in einer Beziehung lebt, kann man nicht nur Horror- und SF-filme schauen. Dann muss der LvA zuliebe auch mal was Romantisches in den Player, gerne mit Colin Firth. So kam ich auch auf „Magic in the Moonlight“, den ich im Kino komplett verpasst hatte. Erst der typische weiße Vorspann-Font auf schwarzem Untergrund ließ mich erkennen, dass es sich um Woody Allens neusten Streich handelte. Kein gutes Omen, kann die LvA den New Yorker Filmkomiker doch nicht leiden und ich gehöre zu der Heerschar an Fans, die „seine frühen, lustigen Filme besser fanden“. Mittlerweile hat der kalauernde Klarinettist einfach nichts mehr zu sagen, er hält keinen Spiegel mehr vor, begnügt sich mit federleichtem Entertainment.

Darum ist es auch kein Wunder, dass „Magic in the Moonlight“ kaum mehr ist als die zuckersüße Romanze zweier bezaubernder Menschen vor idyllischer Kulisse, gebadet in weiches, elysisches Licht. Wo es dramaturgische Konflikte bräuchte, beschränkt Allen sich auf harmlose Missverständnisse und am Ende ist der Film nur in Sachen Ironie und Besetzung einem handelsüblichen Pilcher-Melodram überlegen. Das ist dünn, sehr dünn.

Aber es ist eben auch nett anzuschauen und gut fürs Herz. Man will sehen, wie die lebenslustige Sophie den knarzigen Stanley knackt, man möchte mit der ganzen nichtsnutzigen Schnösel-Bande zum Sonnenuntergang einen Aperitif nehmen. Zumal sich Allen diesmal wenigstens das übliche Dutzend Nebenplots und diverse Superstar-Gastauftritte spart. Im Vergleich zu einigen Filmen der letzten zwei Dekaden ist „Magic in the Moonlight“ regelrecht bescheiden, im positiven wie im negativen Sinne.

Ich wäre nicht der Wortvogel, würde ich nicht noch ein paar Worte über den Aufhänger des Films verlieren. Natürlich steht Stanley in der Tradition Harry Houdinis und der Konflikt zwischen ihm und Sophie wird wieder mal als der Konflikt zwischen Kopf und Herz inszeniert, zwischen Skeptik und Spiritualität. Das ist natürlich Unfug, weil Skeptik nicht das Ergebnis emotionaler Taubheit ist und Spiritualität kein Ausdruck von gelebter Empathie. Aber auch, wenn Allen hier bequeme Klischees bedient, ist er zumindest redlich genug, Sophie letztlich als die Betrügerin zu entlarven, die sie sein muss. Hier wird nicht um der Figur willen rumgeeiert.

Fazit: Eine für Woody Allen-Verhältnisse erstaunlich präzise und kleinformatige Art déco-Romanze, die etwas zu sediert reichen Müßiggang feiert. Mit einem anderen Regisseur hätte das nur für einen BBC-Fernsehfilm gereicht.



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John
John

Ich finde ja, Du tust Wingard immer ein wenig Unrecht, ihn in diese Tonne zu kloppen. Mag sein, dass die alle ein Bier miteinander trinken, aber Wingard stammt für mich eher aus dem Mumblecore-Umfeld (was die heutige Besetzung von AJ Bowen, Amy Seimetz und Joe Swanberg erklärt). Ihm geht es – für mich – weniger um „Horror“, als um die Neudefinition des Genres.
Solltest Du ihn noch nicht gesehen haben, lege ich Dir hiermit nochmal besonders warm POP SKULL ans Herz, sein 0-Budget Debüt, was im Sumpf der amerikanisches Amateurfilme eine echte Entdeckung für den jungen John war.
As for Woody – ich halte Match Point und dieses Paris-Ding für top-10-Woodys. Der Rest des Neuen entspricht durchaus dem Rest seines (alten) Oeuvres: Solide bis erfreulich, mit den ab-und-zu Ausreißern ins furchtbare (erinnert sich irgendwer an seinen Versuch, Dostojewski NOCHMAL aufzuwärmen – dieses McGregor/Farrell Ding?). Woody macht einen Film pro Jahr, und das ist auch gut so.

Peroy
Peroy

Vielleicht is‘ „The Guest“ ja in Wahrheit ein Historiendrama… 😀

Dietmar

Musste ich erst nachgucken. „Mumblecore“ klingt insidiger als „Laienschauspiel auf Film“.

John
John

Habe „The Guest“ jetzt auch gesehen. Hat nix mit Mumblecore zu tun, und ist trotzdem mein liebster Genrefilm des Jahres.

As for „Mumblecore“: sozusagen Dogma95, aber ab 2002 und in Amerika.

Marcus
Marcus

THE GUEST rockt. 9/10.

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