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Dez 2014

Crowdfunding "Video Watchdog" und die Gefahren der digitalen Nostalgie

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

viwaIch liebe das Magazin "Video Watchdog", seit ich es auf meinen Reisen in die USA in den 90er Jahren entdeckt habe. Kaum ein Fanzine wird mit so professioneller Akribie gemacht, mit so viel Liebe zum Detail. Tim Lucas und Konsorten sind keine Fanschreiber, sondern Cinephile, deren Interesse weit über Horror und SF hinaus geht. Sie lieben Kino – und von ihnen kann man lernen, Kino zu lieben.

Als Tim Lucas sein sechs Kilo schweres opus magnum "Mario Bava: All the colors of the dark" nach über 30 Jahren Feinarbeit endlich heraus brachte, gehörte ich zu den ersten Käufern. Ich habe es nie bereut.

Es gab Zeiten, da lagen VW und ich über kreuz – als Kim Newman die Fans von MST3K als armselige Wichte beschrieb, die wohl keine Freunde hätten, schrieb ich ihm eine böse Email, die er patzig abkanzelte. Und als Tim Lucas sich hinter Kim stellte, war die VW zwei Jahre lang für mich gestorben. Schwamm drüber.

Ich bin auch zugegebenermaßen nicht glücklich über Tims Reaktion auf den Lianne Spiderbaby-Skandal. In seinem aktuellen Editorial verurteilt er zwar ihr Vorgehen, stilisiert sie aber immer noch zum Opfer – für mich ist das so, als würde man den Bankräuber bedauern, weil er für seine Taten im Gefängnis sitzen muss.

Mein Hauptproblem ist allerdings: So toll "Video Watchdog" auch ist, so teuer ist es auch, besonders inklusive Versand. Und im Gegensatz zu anderen Magazinen kann man sich ältere Hefte nicht günstig nachbestellen. Viele sind komplett vergriffen. Nachträglich eine lückenlose Sammlung aufzubauen, war mir daher zu aufwändig und kostenträchtig. Darum habe ich Tim Lucas vor Jahren auch schon geraten, doch mal über eine komplette Digitalisierung der Bestände nachzudenken.

Das hat er getan. Im Februar 2014 endete die Indiegogo-Kampagne zu genau diesem Zweck. Fast das Doppelte als die erhoffte Summe hat die Aktion gebracht. Genügend Cash, um sämtliche alten Ausgaben lesefreundlich in die digitale Ära zu retten und auf Tablets und Computern abrufbar zu machen.

Zufrieden bin ich trotzdem nicht.

Ja, es ist super, beispiellos fast, dass man auf der Webseite das aktuelle Heft tatsächlich kostenlos lesen kann. Es ist auch vergleichsweise komfortabel, was das Handling angeht.

vw

Aber Grundgütiger, hätte man die Präsentation der Video Watchdog auf noch mehr Webseiten verteilen, die Angebote noch unübersichtlicher gestalten und die Preise noch abstruser staffeln können?!

Selbst als Backer der Indiegogo-Kampagne musste man mindestens 175 Dollar investieren, um Zugriff auf das komplette Archiv zu erhalten. Zum offiziellen Start (für diesen Monat angekündigt, aber augenscheinlich noch nicht angelaufen) wird es mindestens doppelt so teuer.

Schlimmer wird die Angelegenheit dadurch, dass Tim sich entschieden hat, die Hefte im Flash-Format online bereit zu stellen. Das heißt: Man kann die Ausgaben nicht auf die eigene Festplatte speichern, nicht sammeln, nicht auf beliebigen Plattformen ohne DRM-Probleme anschauen. So schön sie sind, so kastriert sind die Digi-Versionen auch. Was passiert, wenn Flash in ein paar Jahren endgültig out ist oder Tim die Server abschaltet oder die Apps nicht mehr updated, daran mag ich gar nicht denken.

Das scheint Tim auch klar zu sein – darum gibt es die Option, "the whole enchilada" zu kaufen, bei der die Hefte auch auf die eigene Festplatte gesichert werden können. In welchem Format, das scheint aktuell unsicher. Sicher ist aber der Preis: 599 Dollar für 176 Hefte plus Specials. Aktuell als Vorkäufer-Sonderangebot 450 Dollar. Bei der Kampagne kostete dieses Angebot 300 Dollar.

300 Dollar für ein rein digitales Archiv eines Horrormagazins, noch dazu in einem nicht zukunftsträchtigen Format. 599 Dollar, wenn man sich erst in ein paar Wochen dazu durchringen kann. Das sind fast vier Dollar pro Heft – und genau die will Tim dann auch für digitale Einzelausgaben haben. Dafür, dass man im wahrsten Sinne des Wortes nichts in der Hand hat.

Sorry, das ist Wucher.

Fakt ist: Mit der Indiegogo-Kampagne hat Tim Lucas die Digitalisierung seines Archivs finanziert. Es gibt keinen Grund, diese Kosten nun erneut über Digi-Abos einzutreiben. Und da er auch bisher nicht ständig nachgedruckt hat, fallen die Einnahmen für ältere Print-Ausgaben ebenfalls nicht weg. Die Kosten für die Bereitstellung digitaler Hefte sind relativ gering, da geht es primär um Traffic. Und die neuen Ausgaben werden digital erstellt und müssen nicht mühsam aus Printheften gescannt werden. Es sollte also möglich sein, Video Watchdog als digitales Archiv vergleichsweise preiswert zugänglich zu machen und trotzdem noch ordentlich zu verdienen. Leider hat sich Tim augenscheinlich auf den zweiten Aspekt fokussiert.

Wie es aktuell aussieht, ist die digitale Version von Video Watchdog nur für Leute, denen es nichts ausmacht, Vollpreis für den digitalen Komfort zu zahlen – und die keinen Nutzen darin sehen, den Gegenwert auch in 20 Jahren noch im Regal oder wenigstens auf der Festplatte zu haben.

Ich wäre bereit, 175 Dollar (also ein Dollar pro Heft) für die Flash-Variante zu zahlen. Und selbst dabei würde ich an einem langen Abend an einem hoch auflösenden Monitor alle Seiten per Screenshot sichern und dann zu PDF-Ausgaben bündeln, um mich von der kastrierten Flash-Umgebung zu lösen und die Hefte beliebig ansehen zu können. Obwohl ich eigentlich erwarten würde, dass die PDF-Version im Preis inbegriffen ist.

Video Watchdog 2015 erinnert mich an iTunes 2005 und entspricht nicht der Freiheit, die ich meine. Es ist der Versuch, beim Sprung von analog zu digital klammheimlich den Wechsel von Besitz zu Lizenz zu vollziehen. Man darf sich das Heft anschauen, aber wirklich haben darf man es nicht mehr. Das ist dann doch nichts für mich.

Richtige Idee, Tim, falsche Richtung.



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Sebastian Kempke
Sebastian Kempke
26. Dezember, 2014 13:54

Das ist wirklich bedauerlich. Ich bin auch immer noch sauer auf die Cinefex, eines meiner liebsten Magazine. Die wird zwar digital vertrieben, aber bequem lesbar nur via Ipad. Aktuelle Ausgaben gibt es auch in digitaler Edition, aber eben Flash-basiert UND immer mit dem Vermerk, daß man die Hefte eben nicht herunterladen kann. Dafür bezahle ICH nicht.

DMJ
26. Dezember, 2014 15:35

Ah, das war also die Sache, seit der du Kim Newman nicht leiden kannst. 😉

https://www.youtube.com/watch?v=k9_8YxDQYCo

Von der Spiderbaby-Sache lese ich gerade zum ersten Mal… verblüffend!

Howie Munson
Howie Munson
26. Dezember, 2014 20:43

Also ich finde es grundsätzlich gut, dass die frühen Funding-Unterstützer ein besseres Angebot bekommen als diejenigen, die es sich später überlegen, aber doppelte Preis ist halt dann auch albern und die Flashversion ein schlechter Witz, der nur vom 40% Aufpreis für’s "app archive" getoppt wird.

Ausnahmsweise bin ich froh, nicht zur Zielgruppe zu gehören.

Marcus
Marcus
28. Dezember, 2014 15:39

Ist es arg gemein, es lustig zu finden, dass die einzigen Bilder, die imdb von Lianne Spiderbaby (wasn bescheuerter Künstlername, oder?) hat, sie neben Quentin Tarantino zeigen? 😉

Böse Zungen könnten ja behaupten, dass Tarantinos Vorgehensweise sich nur insoweit von ihrer unterscheidet, als dass er jedem, der es hören will, begeistert erzählt, aus welchem obskuren Grindhouse-Reißer er welche Einstellung in seinen Filmen abgeguckt hat.