Electric Boogaloo: The Wild, Untold Story of Cannon Films

eb1Australien 2014. Regie: Mark Hartley. Beteiligte: Olivia d’Abo, John G. Avildsen, Martine Beswick, Richard Chamberlain, Bo Derek, Sybil Danning, Lucinda Dickey, Michael Dudikoff, Robert Forster, Elliott Gould, Tobe Hooper, Just Jaeckin, Dolph Lundgren, Franco Nero, Molly Ringwald, Robin Sherwood, Catherine Mary Stewart, Alex Winter, Franco Zeffirelli u.a.

Kritik: Wer in den 80er Jahren als Junge aufgewachsen ist, liebt Cannon Pictures. Geht nicht anders. Cannon-Filme waren Fleisch gewordene pubertäre Fieberträume voller Selbstjustiz, Superhelden und Ninjas. Die größten Waffen, die prallsten Explosionen, die debilsten Gags versprachen immer die Filme des Duos Golan & Globus. Dabei war uns schon klar, dass Cannon-Filme nicht gut gut waren, sondern eher gut schlecht. „Rambo“ war allemal besser als „Missing in Action“, „Star Wars“ besser als „He-Man“ und „Flashdance“ besser als „Breakin'“. Praktisch jeder Action-Star, der sich bei dem Studio unter Vertrag nehmen ließ, lieferte Filme ab, für die er sich bis heute schämen muss. Für ihre Kinokarriere in den 80ern haben Chuck Norris und Charles Bronson ebenso teuer bezahlt wie Christopher Reeve und Sylvester Stallone. Nur die kleinen Action-Aufsteiger vom Schlage van Damme, Dudikoff und Lundgren hätten sicher ohne die Jungs aus Israel niemals die Erfolge gehabt, von denen sie noch heute zehren.

Cannon – das waren Comics. Bunt und laut, schrill und simpel. Nie ganz so gut wie die Poster, aber nah genug dran, um auch den nächsten Kinobesuch zu rechtfertigen. Und der Versuch des Studios, mit Filmen von Zeffirelli und Mailer zeitgleich „in Kunst zu machen“, verstärkt die Absurdität des Konstrukts noch mehr.

„Lifeforce“, „Die Feuerwalze“, „American Fighter“, „Runaway Train“, „City Cobra“, „Hercules“, „Barfly“, „Bolero“, „The Apple“ – die 80er wären ohne Cannon ganz schön dröge gewesen. Und mit den 80ern starb auch Cannon, wie es sich gehört an totaler Selbstüberschätzung und Zechprellerei auf höchstem Niveau. Das Monster, das sie geschaffen hatten, fraß sie am Ende selbst.

In den 90ern habe ich das exzellente Buch „Hollywood a Go Go“ gelesen, das die ruinösen Geschäftspraktiken von Cannon anhand von Einspielergebnissen und Bilanzen minutiös auseinander nahm. Seither bin ich nicht nur von den Cannon-Filmen fasziniert, sondern auch von dem „Modell Cannon“, das viele andere Firmen – aber nur wenige so erfolgreich – adaptiert haben.

2015 erwarten uns zwei große Dokumentationen zum Thema Cannon. Filmchronist Mark Hartley arbeitet nach der Geschichte des australischen Trashfilms und den philippinischen Exploitation-Streifen mit „Electric Boogalo“ die Ära Cannon auf, während Hilla Medalia bei „The Go-Go Boys“ sogar auf die Unterstützung von Golan und Globus selbst zählen konnte.

Leider kann „Electric Boogaloo“ die hoch gesteckten Erwartungen nicht ganz erfüllen. Der Film ist strikt chronologisch aufgebaut, nutzt für mehr als die Hälfte der Laufzeit die typischen „talking heads“ und füllt den Rest mit Filmclips, Trailern und dem wenigen, was es aus der Zeit an „behind the scenes footage“ gibt. Das ist bestenfalls dokumentarische Hausmannskost ohne wirkliches Thema oder eine wirkliche Erkenntnis. „Electric Boogaloo“ ist derart erpicht darauf, die Geschichte von Cannon abzubilden, dass darüber hinaus gar nichts erzählt wird. Nicht über die Zeit, nicht über das Kino, nicht über die Menschen.

Von Vorteil ist, dass man ohne die offizielle Unterstützung der Cannon-Führung richtig die Sau rauslassen kann. Mit offensichtlichem Gusto erzählen Beteiligte, wie bescheuert viele der Produktionen waren, was für ein Drecksack Michael Winner war, wie zugekokst und besoffen Sylvia Kristel ihre Rollen vergeigte, etc. Es ist heutzutage kaum vorstellbar, wie „Arsch auf Eimer“ bei Cannon Projekte entwickelt und in Produktion geprügelt wurden.

Das alles ist monströs unterhaltsam und präsentiert einen guten Überblick von den Anfangstagen bis zum blamablen Ende der Company – aber es ist eben auch nur ein Überblick. 15 Jahre Cannon lassen sich nicht in 107 Minuten erzählen, da geht zuviel verloren („The Go Go Boys“ wird sogar nur 86 Minuten lang sein!). Gerade Filmfans, die über das allseits Bekannte hinaus mehr von Cannon wissen wollen, über die Deals und die Desaster, kommen zu kurz. Abgesehen von ein paar Zahlen und ein paar saftigen Anekdoten hat „Electric Boogaloo“ nicht EINEN Aspekt gebracht, den ich nicht kannte. Es ist ein „best of“, keine sorgsam kuratierte Werkschau, leider. So kommt Harry Alan Towers, der in Südafrika viele Filme für Cannon drehte, gar nicht vor, die Rolle von Michael Dudikoff als „cash cow“ des Studios kommt zu kurz, das Geschäftsmodell wird viel zu knapp angerissen. Alles bleibt Oberfläche. Mit dem oben erwähnten Buch ist man deutlich besser bedient, auch wenn die Veröffentlichung von 1987 zwangsläufig den Untergang der Firma nicht mehr dokumentieren kann.

In Zeiten von Streaming und Silberscheibe gibt es eigentlich keinen Grund mehr, Dokumentationen auf Spielfilmlänge zu beschränken. Das zeigen sehr schön die Dokus zu „Alien“ (zweieinhalb Stunden) und „Aliens“ (drei Stunden), sowie das opus magnum „Never sleep again“ über die „Nightmare“-Filme, das satte vier Stunden ohne Füller oder Durchhänger unterhält. Heutzutage, wo man selbst die obskursten Fakten in der IMDB oder der Wikipedia nachschlagen kann, sollte man nicht weniger erwarten.

So amüsiert man sich zwar prächtig und erinnert sich nostalgisch an die guten Zeiten von Videotheken und hausgemachten Autostunts, bleibt aber primär daran hängen, wie verdammt gut Michael Dudikoff (60), Sybil Danning (62) und Catherine Mary Stewart (55) noch aussehen – schlafen die nachts in Tupperware?!

Fazit: Eine extrem unterhaltsame, freche und anekdotenreiche Doku über das Entertainment-Imperium der 80er, deren viele Lücken und Oberflächlichkeiten primär der viel zu kurzen Laufzeit geschuldet sind. Ich erwarte eine massiv umfangreichere DVD Special Edition!

Nun zur Frage, warum ich die Doku über Cannon ausgerechnet mit dem Review eines Gruselfilms präsentiere. Ganz einfach: „Stonehearst Asylum“ ist von Millennium, einer Firma, die das Geschäftsmodell von Cannon weitgehend kopiert hat – und fleißig dabei ist, sich mit den gleichen Fehlern in die Scheiße zu manövrieren. Eitle Star-Projekte, überteuerte Einkäufe, Kino-Großstarts für B-Produktionen und zu viele Füller prägen das Programm. Wer weiß, vielleicht dreht in 20 Jahren jemand die Doku „The Millennium Bug – the batshit crazy story of Millennium Films“…

Stonehearst Asylum

sa0USA 2014. Regie: Brad Anderson. Darsteller: Kate Beckinsale, Jim Sturgess, Michael Caine, Ben Kingsley, David Thewlis, Brendan Gleeson, Jason Flemyng u.a.

Story: Der junge Arzt Edward Newgate will im abgelegenen Stonehearst Asylum die Abgründe des menschlichen Wahnsinns verstehen und behandeln lernen. Der Leiter Dr. Lamb nimmt Newgate unter seine Fittiche und verstört den Neuling mit so radikalen wie sanften Methoden – in Stonehearst werden die Patienten nicht gebrochen, sondern in ihrem Wahn respektiert. Newgate verliebt sich in die schöne Eliza Graves, die in Hysterie ihrem Mann ein Ohr abgebissen. Nach und nach entdeckt der junge Arzt, dass diese scheinbare Paradies für psychisch Kranke mehr als ein dunkles Geheimnis birgt…

Kritik: Ich muss gestehen, das ist wieder mal so ein Film, der eigentlich genau auf meiner Spur liegt und den ich dennoch total verpasst hatte. Und es ist ein Film, dessen missglückte Vermarktung viel über das „System Hollywood“ aussagt. Schaut euch mal das Poster an. Fällt euch was auf? Der Film hieß bis kurz vor der Veröffentlichung „Eliza Graves“, obwohl ebendiese nur eine Nebenfigur im Geschehen ist. Sie ist als Katalysator nicht wichtig und kommt in der Original-Story auch nicht vor. Trotzdem war der Film nach ihr benannt und schiebt sie auch aggressiv in den Vordergrund (bei den Pressefotos übrigens auch). Kate Beckinsale und Michael Caine dominieren trotz vergleichsweise kleiner Rollen die Artwork. Wer meine Inhaltsangabe gelesen, der wird erkannt haben, dass Ben Kingsley und vor allem Jim Sturgess die eigentlichen Hauptdarsteller sind.

„Stonehearst Asylum“ hat den Fehler gemacht, sich zu sehr über die Starpower von Beckinsale und Caine zu verkaufen – und damit den eigentlichen Fokus zu verwischen. „Eliza Graves“, das klingt nach viktorianischer Romanze, nach Jane Austen und eng geschnürten Miedern, mit Michael Caine als väterlichem Freund. Erst kurz vor dem tatsächlichen Release hat man umgesteuert. „Stonehearst Asylum“ – da ahnt man den gotischen Grusel, mittelalterliche und menschenfeindliche Behandlungsmethoden, wehende Schreie in endlosen Gängen.

Tatsächlich handelt es sich bei „Stonehearst Asylum“ um eine Adaption der Poe-Geschichte „The System of Doctor Tarr and Professor Fether„, einigen vielleicht bekannt durch das Alan Parsons Project:

https://www.youtube.com/watch?v=Xw0bmlL2KvM

Um die Kurzgeschichte auf Spielfilmlänge zu bringen, wurde das Konzept deutlich gestreckt, um die Liebesgeschichte Newgate/Eliza erweitert und bei den Behandlungsmethoden hat man sogar die Abfolge umgekehrt: Im Original ist es die „soothing method“, die durch die „strict method“ ersetzt wird – im Film ist es anders herum. Und tatsächlich macht das auch mehr Sinn. Schließlich setzt der Film auch noch einen Twist ins Finale, der aber seltsam stumpf und inkonsequent wirkt.

Wie schon so oft, ist die Dehnung einer literarischen Momentaufnahme auf Spielfilmlänge im Endprodukt deutlich sichtbar: Die große Überraschung kommt zu früh, im zweiten Akt tritt die Dramaturgie auf der Stelle und letztlich fehlt das große Konzept, das große Motiv – das die Kurzgeschichte nicht brauchte. Seit Poes Zeiten ist das Thema „The lunatics have taken over the asylum“ ja auch schon des öfteren präsentiert worden.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Liebesgeschichte an der mangelnden Chemie von Beckinsale und Sturgess leidet und Regisseur Anderson sich schwer tut, die Spannungsmomente überzeugend umzusetzen. Wo Horror und Erschrecken in die Welt von Stonehearst einbrechen müssten, belässt er es bei milder Gänsehaut und beiläufiger Überraschung. Über weite Strecken ist keine Steigerung erkennbar, keine Erhöhung des Einsatzes für die Beteiligten.

DSC_1314.NEF

Nun könnte man „Stonehearst Asylum“ damit als missglückte Poe-Adaption ohne Eier abkanzeln – wäre der Film nicht so wunderschön anzuschauen, so prächtig ausgestattet und so respektabel gespielt. Man hat mitunter das Gefühl, die riesigen Sets und die gemälde-artigen Bilder kämpften gegen die mangelnde Substanz, versuchten Schwere und Tiefe zu suggerieren, wo das Drehbuch sie alleine lässt. Optisch und akustisch ist „Stonehearst Asylum“ ein üppiges viktorianisches Schauermärchen, das – wie „Automata“ – zeigt, zu was Millennium mittlerweile in der Lage ist. Der in Bulgarien gedrehte Film muss sich weder hinter „Woman in Black“ noch „The Awakening“ verstecken, mit denen er viele Gene teilt.

So bleibe ich hin- und hergerissen zurück: Als Showcase für die Fähigkeiten von Millennium Films ist „Stonehearst Asylum“ beeindruckend und als gotischer Grusler durchaus unterhaltsam. Ben Kingsley hat sichtlich Freude, mal wieder in einer Produktion mit Anspruch dabei zu sein. Aber zu viele Cannon-Fehler recken ihr hässliches Haupt: Das Skript ist bestenfalls halbgar und man hat zu viele Konzessionen für die Hauptdarstellerin gemacht, die es letztlich auch nicht raus reißen kann.

Fazit: Ein wunderschön anzusehender, klassischer Grusler, dem es ein wenig an dramatischem Impact sowohl bei den Schocks als auch bei der Romanze fehlt. Gutes Kontrastprogramm zur Weihnacht mit der Freundin.



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Bzgl. der Cannon-Doku habe ich so etwas schon befürchtet. Das sah bis dahin alles eher nach „Wir machen uns einen Spaß aus der Nummer und feiern uns gegenseitig ab“ aus, als ernsthafter Aufarbeitung. Und das kann ja durchaus Hand in Hand gehen. Trotzdem freue ich mich auf das Ding.

Marcus
Marcus

„Mit dem oben erwähnten Buch ist man deutlich besser bedient“

Und wenn man dem oben eingebauten Link folgt, weiß man auch, warum ich mich (sobald hierzulande verfügbar) mit dem Film begnügen werde. 😉

Dietmar

Ein klassischer Gruselfilm ohne Herzinfarktgefahr? Da müssen wir den wohl mal gucken.

Dass, wenn das eigentliche Produkt nicht beworben wird, Werbung verpufft und den Erfolg beeinträchtigt, finde ich immer wieder faszinierend.