27
Dez 2014

Aral: Alles super doof.

Themen: Neues |

franziEs geht mit bei diesem Beitrag weniger um Häme, mehr um mangelndes Verständnis. Es gibt immer wieder Situationen, da stehe ich vor Plakaten und frage mich, was in den Köpfen von Werbeagenturen und Großkonzernen eigentlich vorgeht, wenn sie neue Kampagnen planen und dabei zig Millionen rausballern.

Nehmen wir das nebenstehende Bild, das ich vor einigen Tagen an einer Aral-Tankstelle aufgenommen habe. Es ist das aktuellste Motiv einer seit ein paar Monaten laufenden Aktion. Franzi van Almsick wirbt für Aral-Prämien per Payback.

Zuerst einmal: Franzi van Almsick? Seriously? Eine Sportlerin, die nie so erfolgreich war, wie die BILD sie schreiben wollte, die vor 20 Jahren das erste und einzige Mal bei einer Schwimm-WM überzeugen konnte und die sich vor 10 Jahren aus dem aktiven Sport zurück gezogen hat? DIE gilt heute noch als zugkräftiger Promi für die Werbekampagne eines internationalen Öl-Multis?

Und weil man sie vielleicht nicht erkennen könnte, muss sich die Mittdreißigerin und Mutter von zwei Kindern noch mal im Badeanzug an einen Pool stellen – weil Öl und Wasser so gut zusammen passen, Leistungssport und Dieselmotoren? Wie genau soll da der Image-Transfer funktionieren?

Hätte ich Zeit und kein Leben, ich hätte mal 100 beliebige Aral-Kunden befragt, wer die Frau auf dem Plakat ist. Ich bin ziemlich sicher, die Trefferquote hätte bei unter 20 Prozent gelegen.

Das erinnert mich ein wenig an furchtbar vergeigte Radiospots mit Regina Halmich vor einigen Jahren, in denen die bestenfalls C-prominente Boxerin sich erstmal mit den Worten "Hallo, hier spricht Regina Halmich – die Boxerin!" vorstellen musste. Merke: Wenn deine "spokesperson" im Äther erstmal den Ausweis vorzeigen muss, ist sie als "spokesperson" ungeeignet.

Zurück zu Almsick: Ich kann schlicht das Agenturmeeting nicht nachvollziehen, in dem ein Werber beim Brainstorming in die Runde schreit "Ich hab’s! Wir nehmen Franzi für die Aral-Kampagne!" – und die Kollegen respektvoll nicken. Und der Konzern am Tag drauf begeistert den Daumen nach oben hält.

Kommen wir nun von der allgemeinen Abstrusität der Kampagne zur speziellen, nämlich diesem Weihnachtsmotiv. Was wird hier angepriesen bzw. verkauft, was ist die Aussage des Plakats?

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Autofahrer sollen viel tanken und anderen Schnickschnack kaufen, um ausreichend Paypack-Punkte anzusammeln, damit sie noch schnell Handtücher als Weihnachtsgeschenke mitnehmen können. Aus der Tanke.

Ich wiederhole das gerne: Die Kampagne richtet sich an eine Zielgruppe, die an Weihnachten in Panik gerät, weil nicht alle Geschenke gekauft sind und dieses Problem raffiniert löst, in dem sie den Tank füllt und eine Stange Marlboro Light kauft, um dann die erreichten Payback-Punkte in Handtücher umzuwandeln. Aus der Tanke.

Weil man nicht gleich die Stange Zigaretten verschenken könnte. Weil man schönere, bessere und individuellere Handtücher nicht auch am Heiligabend vormittags bei IKEA bekommt. Weil die DVDs, CDs, Bücher und Alkoholika in der Tanke keine besseren Geschenke wären. Weil nichts weihnachtliche Nächstenliebe besser ausdrückt als "Hier haste ein Handtuch – ich habe für dich mein Payback-Punktekonto geplündert".

Ich mag einfach nicht glauben, dass es solche Menschen gibt…



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Achim
Achim
27. Dezember, 2014 10:39

Ja und?
Kriege aktuell ein paar Werbespots von Radeberger rein. "Wird in den Metropolen der Welt geschätzt", aha, Radeberger also.

Dabei dachte ich immer, in der ganzen Welt bekäme man erstmal Bitburger, gefolgt von Warsteiner.
Und ich glaube, dass es so ist, an erster Stelle Bitburger, vielleicht auch an zweiter Stelle, aber weit vorne.

perseus
perseus
27. Dezember, 2014 10:53

Also, es handelt sich immerhin um "hochwertige Handtücher und Duschhandtücher", wie man diesem journalistisch wertvollen Beitrag entnehmen kann:
http://autogas-journal.de/cms2/archiv/newsdetails/article/-806936c39c.html

Stadtneurotiker
27. Dezember, 2014 11:17

Blöd ist es vor allem, wenn man B-Promis derart bildbearbeitet, daß selbst ich sie nicht erkenne…

Thies
Thies
27. Dezember, 2014 12:27

Vielleicht hat sich Aral von diesem Weihnachtsklassiker inspirieren lassen:
https://www.youtube.com/watch?v=Je4QCA5KCuc&feature=player_detailpage#t=70

gwildor
gwildor
27. Dezember, 2014 13:47

@Achim Naja Charlie Harper trinkts immerhin

milan8888
milan8888
27. Dezember, 2014 14:12

Die ist halt noch von ihrer c&a-Kampagne in Erinnerung geblieben. War ja auch irgendwas mit Textilien…

Aber wieso ist das "l" auf den Kopf gedreht?

Uli
Uli
27. Dezember, 2014 18:31

Sehr schöne Analyse, ich glaube ja das ist nur die Spitze des Eisbergs. Wahrscheinlich lassen sich so einige Unternehmen regelmäßig völlig unpassende und/oder blödsinnige Kampagnen aufschwatzen, gerne mit prominenten Gesichtern. Ich erkenne die eigentlich so gut wie nie, beispielsweise sorgt eine Simone Thomalla als Werbepartner für Kosmetik bei mir nur für ein großes Fragezeichen (Bildungslücke?).

Wortvogel
Wortvogel
27. Dezember, 2014 18:39

@ Uli: Und wie um das zu beweisen, meinst du wahrscheinlich Sophia Thomalla (das neue Gesicht von Cien bei LIDL) und nicht Simone Thomalla 😉

Howie Munson
Howie Munson
27. Dezember, 2014 19:21

Naja paar Medaillen hat "Franzi" in ihrer aktiven Zeit schon geholt und für den damaligen Hype würde ich sie nun nicht persönlich verantwortlich machen, aber bei Aral ist wohl nur untergekommen, weil sie 2012 in der ARD von London aus rumnerven durfte. Olympia 2012 war doch sicherlich auch von Payback gesponsort. Gab vielleicht paar langzeitverträge die jetzt irgendwann auslaufen. Und bei den Handüchern ist doch egal, wer sich damit für die Kamera abtrocknet.
(Das ist ja auch schon die Frage, wieso glaubt Aral Autofahrer bräuchten Handtücher?)

Oder mein Spekulatius ist Quatsch und Aral hofft noch auf Opel Tigra Fahrer mit Langzeitgedächtnis…
https://www.youtube.com/watch?v=MmYq1x0FIQY

Big Al
Big Al
27. Dezember, 2014 21:30

Thomalla?
Anscheinend bin ich auch zu alt für den Werbescheiß weil mir da zuerst dieser Herr ins Gedächtnis kommt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Thomalla

Wortvogel
Wortvogel
27. Dezember, 2014 21:34

@ Big Al: Wenn überhaupt Thomalla, dann der hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Thomalla

Big Al
Big Al
27. Dezember, 2014 21:36

Asche auf mein alterndes Haupt, habe es korrigiert, danke für ’s Mitlesen an den Wortvogel.

Patrick
27. Dezember, 2014 21:36

Laut §26 TabStG sind Tabakwaren von Zugaben wie Payback Punkte ausgeschlossen. *scnr* 🙂

Big Al
Big Al
27. Dezember, 2014 21:37

Und leise kalke ich rieselnderweise vor mich hin.

milan8888
milan8888
27. Dezember, 2014 23:20

Hab erst heute erlebt wie jemand seine beiden Handtücher abgeholt hat. Die Paybackabwicklung hat gefühlte 15 Minuten gedauert und es war natürlich nur eine Kasse offen.

Patrick
Patrick
27. Dezember, 2014 23:51

Ich kenne die Almsick natürlich, aber ich hab die nicht erkannt als ich an dem Ding gestern vorbeigelaufen bin Oo

Uli
Uli
28. Dezember, 2014 08:43

Sophia Thomalla, Treffer versenkt…

Das ist aber auch undankbar, wenn sich auch noch beide für den Playboy ausgezogen haben.

trackback

[…] Der Wortvogel versucht sich in die Gedankenwelt von Werbeagenturen zu versetzen, kommt aber zu einem für ihn unbefriedigenden Ergebnis. […]

DasKleineTeilchen
DasKleineTeilchen
31. Dezember, 2014 09:01

also der zusammenhang "tanke" und "handtuch" ist ausgehend vom HHGTTG nicht so schwer nachzuvollziehen (sogar "ford prefect" passt wunderbar in die metaebene). blöd nur, daß die almsick eben nicht trillian ist.

Timm
Timm
4. Januar, 2015 17:03

Leute, macht euch bitte nicht derartige Illusionen über die Betriebsabläufe bei Werbern, die von Ölmultis beauftragt werden – die fetten Jahre sind auch hier vorbei. Kunde verhandelt Auftragnehmer runter bis getno, Auftragnehmer – in innerer Emigration – liefert bestmögliche Sch–ße ab und verkauft sie verbal als Konfekt. Beide Partner (sic!) wissen, dass sowieso alles umsonst ist. Beide Partner haben vor längerem schon erfahren, dass die Zielgruppe antwortet: „Sorry, mein Geld haben schon andere!“ Die Tanke _kann’s_ gar nicht kriegen, weil – es ist nicht mehr da. Wie gesagt, alles umsonst.

Timm
Timm
4. Januar, 2015 17:08

jau, stimmt so – oder?