… ich nenne dich einfach mal so, weil du wie maximal 12 aussiehst und ich deinen Namen nicht kenne.

Speyer. Altstadtfest. Wein, Bier, Wurst und Tornados. Cover-Bands, die lauter Musik machen, von der du nie gehört hast – Styx, Meat Loaf, Spandau Ballet, Deep Purple. Rambazamba, humbatatärä vom Fanfaren-Orchester. Provinzparty für einen guten Zweck.

Da musst du dabei sein. Verstehe ich gut. Kirmes in Düsseldorf war für mich auch immer der Knaller. Da kann mich toll mal erwachsen fühlen, Spaß haben, „abhängen“. Ist für gewöhnlich auch die richtige Zeit, der kleinen Nachbarstochter einen Kuss oder dem großen Bruder eine Zigarette abzuschwatzen.

Alkohol ist allerdings so eine Sache. Wir leben nicht mehr in den 70ern, als ein angeheiterter 12jähriger noch eine verdammt lustige Sache war und käsehohe Wirtssöhne dem Papa am Zapfhahn helfen durften. Das gibt zu schnell Ärger mit Ordnungs- oder Jugendamt.

Deswegen war unsere Begegnung am Bowle-Stand auch so tragisch. Schon klar: Du dachtest dir „Bowle ist auch nix anderes als Obstsaft mit ein paar Umdrehungen drin“. Quasi die Capri Sonne unter den Spirituosen. Erdbeeren, Kiwi, Melone. Viel unverdächtiger als Bier oder Wein. Kann ja nicht so schwer dranzukommen sein.

Also: Hühnerbrust raus, Schultern zurück, lässigen Blick aufsetzen und zum Mann hinter dem Tresen genau das Falsche sagen: „Verkaufen Sie Bowle auch schon an 16jährige?“

Erwartungsgemäß entwickelte sich der Dialog in eine für dich eher ungünstige Richtung:

Gastwirt:“Klar schenken wir an 16jährige aus.“
12jähriger Junge: „Prima. Ich bin nämlich 16 und nehme dann mal eine Limetten-Bowle mit Wodka.“
Gastwirt: „Gerne. Zeig doch mal deinen Ausweis.“
12jähriger Junge: „Öhh…ähh… den habe ich jetzt gerade nicht dabei.“
Gastwirt: „Ohne Ausweis keinen Alkohol. Ist dir eigentlich klar, dass du gesetzlich verpflichtet bist, dich jederzeit ausweisen zu können?“

Da kamst du ins Schleudern. Zwei, dreimal rumdrucksen, irgendwas murmeln, nix wie weg.

Der Gastwirt hat mich angelacht. Ich habe ihn gefragt, ob so etwas öfter vorkommt. Er sagt, normalerweise hätten die Pimpfe noch eine Zigarette in der Hand, um „alt genug“ zu wirken. Funktioniert hat es noch nie.

Das tut mir leid für dich. Weil es so eine Art Reifeprüfung ist, Alkohol zu trinken, bevor man es darf. Man darf es nur nicht übertreiben. Nicht jeder ist zur Drew Barrymore geboren.

Es ist auch gar nicht so schwer, im Rahmen eines Stadtfests an Alkohol zu kommen. Weil du dich aber so doof angestellt hast, gebe ich dir nun mal ein paar Tipps. Andererseits: Vielleicht ist die Tatsache, dass du zu doof zum Alkohol abstauben bist, ein guter Hinweis, dass du mit dieser Reifeprüfung noch ein wenig warten solltest.

Sei’s drum.

Gefälschte Ausweise sind hierzulande leider kein Kavaliersdelikt wie in den USA. Rate ich also von ab. Der Aufwand würde auch deine Fähigkeiten und dein Taschengeldkontingent sprengen. JPG aus dem Internet auf Papas Farbdrucker ausdrucken reicht gemeinhin nämlich nicht.

Wenn es dir nur um die verbotene Frucht Alkohol geht – nutze nicht das Stadtfest, sondern die Tatsache, dass deine Eltern auf dem Stadtfest sind. Mach es wie mein Vater, der war ein echter Profi-Alkoholiker: sauf daheim! Ist auch billiger. Es findet sich sicher eine angebrochene Weißwein-Flasche oder eine Bierflasche, die im Keller vergessen wurde. Das hat dann auch gleich so einen verzweifelt-heimlichen Aspekt, der dich prima auf die Freuden der Quartalssäuferei einstimmt.

Ist der Haushalt der Eltern alkoholfrei oder (wahrscheinlicher) gut kontrolliert, dann besinne dich auf den Klassiker: Der große Bruder eines guten Kumpels ist bestimmt bereit, für einen Zehner ein paar Becher Bier in die Seitenstraße zu schleppen, wo ihr euch drüber her machen könnt. Der kennt das selber von REWE, wo allabendlich die Volljährigen für die vor dem Supermarkt lungernden Halbstarken den harten Stoff einkaufen.

Kein Teenager mit vollendetem Stimmbruch im Griffweite? Nicht verzweifeln! Die Möglichkeiten zur Beschaffung sind mannigfaltig. Du kannst es trotz aller bisherigen Warnungen tatsächlich am Bowle- oder Bierstand versuchen. Aber die Story muss so beiläufig und stimmig sein, dass der Schankwirt sich wider besseren Wissens hinreißen lässt, dir was zu zapfen. Meine Empfehlung: Mit einem Kumpel im Gespräch am Tresen auflaufen, Cola und Apfelschorle bestellen, sich vom Freund anhauen lassen: „Deine Mutter wollte doch noch ein Bier“. Ach ja, ein Bier für die Mutter noch. Klappt nicht oft, aber manchmal.

Ebenfalls keine Option? Dann empfehle ich den Klassiker mit Sternchen: Restesaufen. Geht am besten, wenn der Abend weit voran geschritten ist und die Erwachsenen ordentliche Pegel haben, so dass sie das letzte Glas nicht leer machen. Wenn eine Gruppe einen Tisch freimacht, lässig hingehen, als wärst du der Abräumer, ein paar Gläser oder Becher nehmen, hinter den Ausschank gehen und schnell runter kippen. Bonus: Die Mischung verschiedener alkoholischer Getränke verdirbt den Geschmack, verstärkt aber die Wirkung!

Last Exit Langfinger: Wenn’s zu lange dauert, bis ein Becher absichtlich stehen bleibt, kann man der Sache auch einfach Vorschub leisten. Gerade bei Bier müssen die Besitzer häufig austreten gehen, da braucht es nur ein gutes Auge und einen schnellen Griff, um die gewünschte Hopfenspezialität zum Eigentümerwechsel zu bewegen.

Bei dieser Methode ist nicht zu unterschätzen, dass es sich um echte Beschaffungskriminalität handelt und damit gleich zwei oder drei Schritte auf dem Weg zur soliden Alkoholikerkarriere genommen werden. Geht es also nicht so sehr um den Geschmack oder den Kick, sondern um das gesellschaftliche Vorankommen, kann ich das durchaus empfehlen.

Nur das mit den Zigaretten solltest du lassen. Lies mal die Aufkleber auf der Packung. Bäh.

In diesem Sinne:



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comicfreakDietmarMikeEaronnMencken Recent comment authors
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Dirk

Das mit der Mitführpflicht für den Ausweis ist ja auch so eines dieser vielen falschen Mißverständnisse in Deutschland. Es gibt zwar eine Ausweispflicht, d.h. jeder ab 16 muss einen Ausweis besitzen, es gibt aber keine Pflicht, diesen auch mitzuführen (siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Mitf%C3%BChrpflicht). Es gibt natürlich Sonderfälle, z.B. wenn man Alkohol will und nicht alt genug aussieht, dann sollte man den haben, aber man muss den nicht dabei haben.

Hat aber nix mit dem Thema des angehenden Alkoholikers zu tun, als 12jähriger muss er eh noch keinen haben, und der würde ihm ja auch nicht helfen, eher im Gegenteil.

Uli
Uli

Furchtbar, wenn man von solchen Halbstarken vor dem Supermarkt angehauen wird ihnen eine Schachtel Zigaretten oder Alkohol mitzubringen. Ich hoffe ich bin aus dem Alter bald mal raus, zumal ich nie weiß ob ich das jetzt machen soll oder nicht.

Früher war der Alkoholgarant ohne Altersnachweise bei uns die lokale Tankstelle, aber die sind inzwischen auch spießig geworden:
http://www.bayern.de/Presse-.204.10417522/index.htm

Thomas R.
Thomas R.

@Uli
Na, wenn Frau Haderthauer diese Kampagne organisiert, dann verstehe ich jetzt auch, warum sich mir der Sinn dahinter noch nie erschlossen hat.

Mencken
Mencken

@Dirk: Ich glaube, zumindest in Bayern ist das tatsächlich Pflicht, hat Freunde von mir damals richtig geschockt, als die zum Studieren dahingezogen sind.

@Uli: Natürlich immer machen, wenn man schon überlegen muss, kann es keine andere Antwort geben.

Earonn
Earonn

Ich bin ja für das Pflichtbier mit 8. Schmeckt garantiert nicht und schreckt daher besser ab als alle Verbote.
Dass Erwachsene ja generell doofe Sachen machen (wie ‚arbeiten‘ und ’nicht in Pfützen hüppen‘) weiß man dann ja schon.
Aber nett geschrieben. Ich mag dein Verständnis für den Bub.

Mike
Mike

Was im Stadion meines Vertrauens meist funktioniert: Cola und Bier bestellen. Bei einer Nachfrage ist das Bier für Vater/Onkel/Opa der mit Kreuzbandriss/Meniskusschaden/gebrochener Zeh/… im Block XY sitzt.

Dietmar

Lebenshilfe beim Wortvogel ist immer wieder schön. 🙂

comicfreak

..ich muss immer den Alk für meine 24jährige Quasitochter besorgen, weil man ihr trotz Ausweis und Führerschein keinen gibt

😀