Heute geht es mal um zwei Serien, die durchaus repräsentativ für den Zeitraum ihrer Entstehung sind und über die ich auch wenig aus dem Nähkästchen plaudern kann. Beide wurden von deutschen Top-Regisseuren produziert, die es nach Hollywood gezogen hatte. Und beide belegen sehr schön, dass sich Kinoerfolg nicht so leicht ins Fernsehen übertragen lässt.

The Visitor

Als Roland Emmerich zusammen mit NBC 1997 seine erste TV-Serie ankündigte, war zumindest das SF-Fandom relativ überrascht: Hatte der Schwabe nicht mehrfach angekündigt, „Raumpatrouille“ auf die Fernsehleinwände zurück zu bringen?

Hatte er. Aber nach mehr als einem Jahr zähem Ringen mit ProSieben hatte man sich einfach nicht auf ein Finanzierungskonzept einigen können. Ich war damals beim Sender und peripher an dem Projekt beteiligt – Emmerich verlangte derart viel Budget und wollte im Gegenzug nur derart wenig Rechte abtreten, dass sich die neue „Raumpatrouille“ unmöglich für uns gerechnet hätte. Man hätte „Raumpatrouille“ nur als prestigeträchtigen Verlustbringer fahren können – und das war dem Sender zu riskant. Am Ende muss ja auch was rumkommen.

Wie weit war das Projekt gediehen, als es abgeblasen wurde? Es gab ein Pilotdrehbuch („Baptism by fire“), einen Regisseur für die erste Folge (Ben Burtt – auf Emmerichs strikten „Wunsch“) und ein paar Pläne für den Verlauf der Serie. Ich selbst war vom ersten Skript, an dessen Autor ich mich leider nicht mehr erinnern kann, extrem enttäuscht. Das war nicht Raumpatrouille, das war Star Trek. Ein TNG-Klon über ein eine gemischte Crew, die mit ihrem Raumschiff dorthin fliegt, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Die Updates des Konzepts eliminierten alles, was man bis dato mit „Raumpatrouille“ assoziierte. Warum eine Serie neu auflegen, wenn man dafür alles aus dem Fenster schmeißt?

So ist zumindest meine Erinnerung.

Aus „Raumpatrouille“ wurde also nix – und Emmerich tauchte plötzlich bei NBC mit „The Visitor“ auf, einer Serie, die sich eher an „Akte X“ orientierte und dem Mystery-Boom der 90er aufs Trittbrett stieg. Hauptdarsteller John Corbett war in „Ausgerechnet Alaska!“ positiv aufgefallen, der Sender ließ sich auf mindestens 13 Folgen verpflichten – und doch wurde ein massiver Flop draus.

Sieht man sich „The Visitor“ heute an, ist die Serie sehr schlecht gealtert. Das ist wirklich tief in den 90ern verwurzelt, hat keine spannenden Figuren oder gute Dialoge zu bieten – und trotz des betriebenen Aufwands wird bei den Actionsequenzen und den Effekten auch kein Baum ausgerissen. Das ist zu weichgespült.

In Deutschland schaffte es „The Visitor – Die Flucht aus dem All“ nicht in die Primetime. Die 13 produzierten Folgen liefen zuerst auf Premiere, später wurde sie am Wochenende nachmittags bei ProSieben verbrannt.

The Agency

Hinter „The Agency – Im Fadenkreuz der C.I.A.“ steckt Wolfgang Petersen, der damals im Gespräch war, für Tandem Communications die „Ring der Nibelungen“-Miniserie zu produzieren. Ich habe ihn zweimal in LA getroffen (einmal zum Essen, einmal auf dem Warner Lot bei den Dreharbeiten zu „Perfect Storm“). Ein sehr netter, bodenständiger Typ. Als klar wurde, dass er sich auch mal an einer Serie versuchen wollte (wenn auch nur in produzierender Kapazität), hofften wir natürlich zuerst auf eine TV-Version von „In the Line of Fire“. Der Eastwood-Thriller bot sich prima als Basis einer wöchentlichen Show über einen Ex-Präsidenten-Bodyguard in Washington an. Die 90er waren ja auch das Jahrzehnt aufwändiger „crime procedurals“ wie „Law & Order“ und „New York Cops“. So in der Art stellten wir uns das auch vor – nur mit ein bisschen mehr Politik.

Natürlich hätte man die Serie nicht mit Eastwood besetzen können – aber „Hunter“ war als Abklatsch von „Dirty Harry“ ja auch jahrelang erfolgreich gewesen.

Daraus wurde aber nichts, die Rechte für „In the Line of Fire“ waren nicht zu bekommen. Statt einer 180 Grad-Wende entschieden wir gemeinsam, das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten und eine Serie im Stil von „In the Line of Fire“ zu stemmen. Gleiches Konzept, ähnliche Figur, andere Rollennamen. Titel der Serie: „Potomac“. Auch hier wurde ein Pilotdrehbuch geschrieben, das ich ausnahmsweise mal richtig gut fand. Es traf den Ton von „In the Line of Fire“ exzellent, war spannend, ohne übertrieben aufgeblasen zu sein und legte ein paar schöne Köder für die größeren, übergreifenden Plots der Serie aus. Der Pseudo-Eastwood-Charakter bekam eine Journalistin (?) zur Seite gestellt, mit der sehr offensichtliche erotische Spannung besteht – nur leider finden wir in der letzten Szene des Piloten heraus, dass sie verheiratet ist.

Es war zwar nicht sicher, aber wir hofften natürlich darauf, dass Petersen die Zeit finden würde, zumindest den Pilotfilm von „Potomac“ als Regisseur zu übernehmen. Qualitativ gut genug war das Skript dafür allemal.

Ich weiß nicht mehr, warum die Entwicklung von „Potomac“ dann eingestellt wurde. Vielleicht biss in den USA kein Sender an (was mich überrascht). Es verlief im Sande und Petersen produzierte schließlich für CBS die CIA-Serie „The Agency“.

Es lohnt sich wirklich, auf den Titel der Serie oben zu klicken und den Wikipedia-Eintrag zu lesen. „The Agency“ hatte das große Pech, sechs Tage nach den Angriffen von 9/11 zu starten, was sofortige Änderungen im Produktionsplan und Nachdrehs verursachte. Zum Ende der ersten Staffel wurde das Konzept noch mal deutlich überarbeitet, Hauptdarsteller Gil Bellows verließ die Show. Sowas nennt man wohl „schlechtes Karma“.

„The Agency“ ist nicht schlecht, aber ähnlich wie „The Visitor“ erstaunlich kantenfrei und belanglos. Als würden Hollywood-Regisseure die Mechanismen von TV-Serien nicht verstehen oder als hätten sie zuviel Angst, sich die Finger zu verbrennen. Nur kein Risiko eingehen! Da Petersen seine Karriere in den 70ern als TV-Regisseur kontroverser Dramen begonnen hat, sollte man das eigentlich ausschließen können.

44 Folgen lag schleppte sich die Serie mühsam dahin, in Deutschland lief sie erst anderthalb Jahre später erfolglos bei RTL2.



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Vineyard
Vineyard

Das wurde also aus der Raumpatroullie Neuauflage. War wirklich besser so.

Aktuell sieht es ja wirklich so aus als ob er das ID4 Sequel wirklich durchziehen möchte. Nur dass scheinbar niemand vom Originalcast dabei sein wird. Na ja…

Stargate will er ja auch rebooten, auch gleich als Trilogie. Mal abwarten obs was wird. (Ich mochte den Originalfilm. Und die Serien, bis auf Universe, mochte ich sehr.)

DMJ

Du warst so dicht dran, an der unverwirklichten „Raumpatrouille“-Neuauflage? Wusste ich ja gar nicht. O_O
Faszinierend… auch, wenn es nichts taugte, ist das doch schon ziemlich nerdpunkteträchtig.

Wie du es schilderst, war es wohl wirklich kein großer Verlust. Es hätte sich zwar darauf berufen können, zur Romanserie zu passen, aber… wen interessiert die schon wirklich?
Bin eh der Meinung, eine Neuauflage wäre erst jetzt „nötig“, da man es jetzt eher an das neue BSG, als millitärische, paranoide Düster-SF anlehnen könnte.

Andreas
Andreas

Hallo Wortvogel! Als inzwischen jahrelanger „stiller“ Leser deines Blogs bin ich grad fast verzückt über folgenden Einleitungssatz bezüglich der guten, alten Raumpatrouille:

„…Ich war damals beim Sender und peripher an dem Projekt beteiligt…“

Ich hatte das vor Urzeiten mal irgendwo mitbekommen, dass Emmerich sich da mal drannbegeben wollte und über die Jahre hinweg immer mal wieder drann gedacht, ob da wohl mal was kommt. Auch wenns nur periphere Beteiligung war, vielleicht gibts ja mal die Möglichkeit über das Projekt einen Artikel zu erstellen? Würde mich ja wirklich brennend interessieren wie das Ganze ausgesehen hätte. 🙂

Karlos

Sehr interessant, die Nebenbei-Info über die Raumpatrouille. Könnten „wir Fans“ da noch mehr ‚drüber erfahren?

Andy
Andy

Kann bis heute nicht verstehen das kein Sender auf die Idee gekommen ist “Raumpatroullie“ in neuem großen Stil in angriff zu nehmen.
Aber wie immer liegt es wohl am “Geld“! 🙁
Von Perry Rhodan hört man ja auch nichts mehr.
Bin einmal gespannt ob Christian (Alvart) es hinbekommt Captain Future auf die große Leinwand zu zaubern!?
The Agency fand ich gar nicht so schlecht.
The Visitor war wirklich nichts besonderes oder war man damals gerade wegen “Emmerich“ in zu großer Erwartungshaltung?
Wenn wir gerade bei alten Serien sind bin einmal gespannt was aus dem Captain Power reboot/remake wird?
Ich fand damals die Serie war in Ihrem Kern Ihrer Zeit voraus leider auch oft durch denn damals zu Verfügung stehenden Special Effects bzw.Budget in Ihrer Ausführung limitiert.
Mit mehr Geld und denn heuten zu Verfügung stehenden VFX könnte es ein echter Knaller werden!?
Gruß

P.S. sollte nicht auch “Die Zwerge“ ( von Markus Heitz) als große Internationale Serie kommen?

Vineyard
Vineyard

„Kann bis heute nicht verstehen das kein Sender auf die Idee gekommen ist ”Raumpatroullie” in neuem großen Stil in angriff zu nehmen.
Aber wie immer liegt es wohl am ”Geld”! :(“

Richtig und das sitzt bei den Privaten leider knapper denn je. Wie sagte Kalkoffe in „Fernsehkritik TV“: „Die deutschen Sender wissen genau was für eine Scheisse sie produzieren, aber für was anderes haben sie kein Geld“.

Und gute Computereffekte kosten leider immer noch viel Geld.