the november manUSA 2014. Regie: Roger Donaldson. Darsteller: Pierce Brosnan, Luke Bracey, Olga Kurylenko, Eliza Taylor, Will Patton, Patrick Kennedy

Offizielle Synopsis: Peter Devereaux ist zurück für eine letzte Mission. Der einstige Vorzeige-Agent der CIA mit dem Decknamen „November Man“ ist der schmutzigen Arbeit als Spion eigentlich längst überdrüssig. Zu viele Menschen hat er kaltblütig abknallen, zu viele Rekruten zu eiskalten Killern trainieren müssen und zu viele Unschuldige sterben sehen. Ein Zyniker ist er mit der Zeit geworden, einer, der noch nie jemandem vertraute, und mit den Jahren gelernt hat, dass er damit auch bestens beraten ist. Doch nun steht viel auf dem Spiel. Man munkelt, ein Maulwurf in der Agency würde zwischen den Fronten intrigieren und den anstehenden Korruptionsprozess gegen ein hohes Tier im Staatsdienst gefährden. Devereaux soll die junge Alice beschützen. Die engagierte Sozialarbeiterin, die minderjährigen Mädchen zum Ausstieg aus der Sexsklaverei verhilft, markiert zur Zeit die einzige Spur zu der vermissten Kronzeugin Mira Filipova in besagtem Justizskandal. Als Gegenspieler sieht sich der November Man ausgerechnet dem völlig skrupellosen Agenten David Mason gegenüber, der als Devereaux‘ persönlicher Protégé alle Tricks vom alten Haudegen gelernt hat. Eine wilde Jagd mit undurchsichtigem Ziel beginnt, in der alle Beteiligten ihre ganz persönliche Agenda verfolgen …

Kritik: Ich will gar nicht groß auf die Inszenierung und die technischen Details von „November Man“ eingehen. Es ist ein grundsolider Agentenfilm von Roger Donaldson mit Pierce Brosnan, da ist die Expertise selbstverständlich.

Spannender finde ich die Interpretationsmöglichkeiten und die Frage, für was der Film steht und stehen könnte.

Da ist zuerst einmal Brosnan selbst, der zehn Jahre nach seinem letzten Bond-Film das tut, was Bond-Schauspieler gerne vermeiden: er spielt noch mal einen Superagenten. Das erlaubt einen interessanten Vergleich: Connery war 52, als er in „Sag niemals nie“ einen als deutlich zu alt geltenden Bond spielte. Moore wirkte aufgeschwemt und unbeweglich, als er die Rolle mit 57 abgab. Brosnan war während der Dreharbeiten von „November Man“ schon 60 – und wirkt so fit, als könne er die britische Krone auch noch weitere zehn Jahre verteidigen, ohne in Schweiß auszubrechen. Der Mann ist in einem Maße fit und attraktiv, dass es unheimlich ist – und „November Man“ ist ausreichend Grund, die Verjüngung der Franchise durch Daniel Craig zu verfluchen, gerade weil es interessant gewesen wäre, wie man Bond mit seinem Alter hätte konfrontieren können.

Damit kommen wir zum zweiten Ansatz: Man kann „November Man“ problemlos zum Bond-Abschlussfilm umdenken. Ein paar Namen austauschen, MI5 statt CIA, schon passt der Plot zur Franchise und zu einem Agenten, der sich eigentlich zurückgezogen hat und noch einmal in das dreckige Spiel der Geheimdienste hinein gezogen wird. Dabei hilft, dass mit Olga Kurylenko sogar ein echtes Bond-Girl and Brosnans Seite kämpft.

„November Man“ wäre damit ein hervorragender introspektiver, „kleiner“ Bond-Film, der sich (wie auch „Living Daylights“) mehr auf die komplexen Mechanismen der Geheimdienste konzentrert als auf spektakuläre Action-Setpieces, der mehr auf Spannung als auf Speed setzt. Die Tatsache, dass er nicht das Budget von Bond/Bourne/Missiom Impossible hat, ist dabei sogar ein Vorteil. Es geht nicht mehr um die wolkige Bedrohung der freien Welt, sondern um das hässliche Kleinklein in den verlorenen Gegenden der zivilisierten Welt.

Und dann lässt sich noch einer draufsetzen: Es gibt unter Bond-Fans ja die These, „James Bond“ sei nicht der Name einer Person, sondern eine Marke, der Code für den aktuell besten Agenten seiner Majestät. Das erklärt vergleichsweise elegant, warum Bond seit den 60ern dabei ist und immer wieder ein neues Gesicht hat. Tritt ein „James Bond“ ab, wird der Name einem Nachfolger vermacht. In der Komödienversion von „Casino Royal“ in den 60ern gab es ja auch gleich ein halbes Dutzend „James Bonds“.

So lässt sich auch „November Man“ lesen. Mason ist der junge Hotshot-Agent, der von Deveraux/Bond persönlich ausgebildet wird, zuerst aber als ungeeignet abgelehnt wird. Im Laufe von Deveraux’ Reaktivierung kann er sich bewähren und wird am Schluss als neuer Superagent dessen Nachfolge antreten. Im Rahmen meiner Theorie wird dann aus Mason der neue 007.

Abegsehen von der Tatsache, dass „November Man“ für sich genommen ein guter, harter und sehr unterhaltsamer Agententhriller ist, machen ihn diese Denkmodelle noch mal auf einer Meta-Ebene interessant, finde ich.

hochFazit: Eine solide Rückkehr in die Welt der Geheimdienste für Brosnan, der zeigt, dass er immer noch die Intensität und die Körperlichkeit für Actionrollen hat.



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sergej
sergej

Aber mit Fantasy hat auch dieser Film nichts zu tun, oder?

Exverlobter
Exverlobter

“ „November Man“ ist ausreichend Grund, die Verjüngung der Franchise durch Daniel Craig zu verfluchen, gerade weil es interessant gewesen wäre, wie man Bond mit seinem Alter hätte konfrontieren können.“

Genau. Und wozu eigentlich Bond erneuern, wenn man ihn in Skyfall bereits als alten Sack darstellen will? In Casino Royal war Craig brandneu, in Quantum eigentlich auch, da der Film wenige Tage nach dem Ersten spielt. Aber in Skyfall ist er schon alt und gebrechlich??

Hätte Brosnan anstelle von Craig in Skyfall mitgewirkt, dann hätte man diesen Aspekt der Story ja noch nachvollziehen können.

Thies
Thies

Ken Levine in seinem Blog:

„NOVEMBER MAN was not bad. It’s Pierce Brosnann playing James Bond as Daniel Craig but looking as old as Roger Moore. The plot is somewhat familiar – Ex-CIA agent pulled back in. Denzel’s done one, Kevin Costner’s done one, Liam Neeson has done six. There’s one coming out every month. This must be November’s.“

http://kenlevine.blogspot.de/2014/09/see-mickey-mouse-beat-shit-out-of-guy.html

Marcus
Marcus

Genau. 8/10.

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[…] ist „Momentum“ weder „November Man“ (in dem Kurylenko ebenfalls mitspielte) noch „iNumber Number“ (der auch in […]

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[…] Number ♥ It follows ♣ JamieMarks is dead ♥ Let us prey ♦ Life after Beth ♥ November Man ♣ Nurse 3D ♣ Oculus ♣ On the Edge ♥ Open Windows ♣ Patch Town ♥ Patema inverted […]

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[…] wie „November Man“ ein Art Alternativwelt-Bond war, sehe ich die Mission: Impossible-Franchise mittlerweile […]