coherenceUSA 2013. Regie: James Ward Byrkit. Darsteller: Hugo Armstrong, Nicholas Brendon, Emily Foxler, Lauren Maher, Elizabeth Gracen

Offizielle Synopsis: Alarm schlagende Smartphones kündigen in COHERENCE einen Kometen an, der für einige Stunden sehr dicht an der Erde vorbeifliegt und dadurch eine Raum-Zeit-Anomalie hervorruft. Oder wurde Em und ihren Freunden, welche sich gerade zum Dinner zusammengefunden haben, bewussseinserweiternde Substanzen untergemischt? Schon bevor der kosmische Ausnahmenzustand eintritt, wird wüst über die Auswirkungen des Himmelskörpers spekuliert. Die Nacht nimmt nicht nur eine, sondern gleich dutzende unvorhersehbare Wendungen: Auf einen Stromausfall folgen Erkundungstouren in der Nachbarschaft und eine schockierende Erkenntnis, welche das einzige noch beleuchtete Haus in der Straße bereithält. Darüber hinaus beginnen sich an den vier Paaren gewisse Verhaltensauffälligkeiten zu zeigen.

Kritik: Ahhh, Konzept-SF. Das mag ich, da kann ich drauf, da freue ich mich drüber. Simple Vorgabe, limitiertes Spielfeld – go!

Mehrere Leute treffen sich zum gepflegten Abendessen, das eine ganz unerwartete Wendung nimmt und das bisherige Lebensverständnis in Frage stellt. Ich hatte drauf gehofft, einen neuen „The Man from Earth“ zu sehen oder wenigstens einen neuen „Premonition„.

Nix da.

„Coherence“ ist Schwätzerkino, das sehr offensichtlich nicht mit einer Storyidee begann, sondern mit einem (dem Dinner des Films vermutlich nicht unähnlichen) Gespräch zum Thema Quantenphysik und Multiversum. Was, wenn du in einer schwarzen Nacht zwischen den vielen Varianten deines Lebens wechseln könntest? Wenn da draußen unendlich viele Häuser mit unendlich vielen Dinnerparties wären, die sich mal mehr, mal weniger von deiner Wirklichkeit unterscheiden?

Tja – was dann?

Was sich hier am grünen Tisch vielleicht ganz spannend liest, ist auf der Leinwand eine Abfolge endloser Gespräche der immer gleichen Handvoll Protagonisten, die in einem Wohnzimmer in Dauerschleife diskutieren, wer nun mit welchem Leuchtstab und welchem Zettelchen in die Nacht hinaus geht, um an das Fenster des nächsten, identischen Hauses zu klopfen – und die panisch werden, sobald an ihr eigenes Fenster geklopft wird.

Es ist weder nachvollziehbar, wie die Figuren so schnell herausfinden können, was sich um sie herum abspielt – noch, warum sie die offensichtlichsten Möglichkeiten, sich mit ihren „alter egos“ auseinander zu setzen, unterlassen. Direkte Konfrontation wird vermieden – einfach nur deshalb, weil dann das ganze Konstrukt des Films kollabieren würde. Der ganze Cast benimmt sich in keiner Sekunde plausibel, sondern weiß, sagt und tut nur das, was notwendig ist, um zum gewünschten Finale zu kommen. Es sind leblose Konzeptfiguren, keine Protagonisten aus Fleisch und Blut.

Mich hat auch das belanglose, improvisiert wirkende durcheinander Brabbeln der Figuren genervt. Das mag die Gespräche beim gemeinsamen Dinner durchaus realistisch imitieren, aber für Kino-Dialoge gelten nicht ohne Grund andere Regeln. Man hat permanent das Gefühl, die Charaktere reden arrogant nuschelnd am Zuschauer vorbei. Diverse Male wollte ich der Leinwand „Was hast du gesagt? Kannst du das noch mal wiederholen?“ zurufen.

Wenn dann klar wird, dass wir selbst nicht wissen, welche Varianten der Figuren wir gerade sehen oder in welchem der unendlich vielen und gleichen Häuser wir sind, schaltet das Gehirn endgültig ab. Und im Gegensatz zu „Patema inverted“ nicht, um zu genießen, sondern um seine Ruhe zu haben.

Am ehesten hat mich „Coherence“ an den Film „+1“ erinnert, den ich zwar gesehen, aber aus Zeitgründen nicht besprochen habe:

Teens statt Mittdreißiger, Party statt Dinner, Zeitverschiebungen statt Multiversen – aber letztlich die gleiche Soße sich immer wieder begegnender Charaktere in verschiedenen Varianten aus Quanten.

Versteht mich nicht falsch: „Coherence“ hat seine Momente und gegen Ende, wenn man endlich eine Ahnung hat, wie alles zusammen hängt, mag die Auflösung auch halbwegs befriedigend sein. Aber bis dahin wedelt sich Regisseur Byrkit zu offensichtlich einen von der Palme, während er mit Excel-Charts und Diagrammen ein Multiversum baut, in das wir keinen wirklichen Einblick haben und das vor allem komplett langweilig ist.

Ein Film wie ein Abendessen mit theoretischen Physikern, die Diskussionen über Stringtheorie für akzeptable Tischgespräche halten.

mitteFazit: „White people problems“ als Kammerspiel-Konzept-SF, wie sie nicht sein sollte – verkopft, eitel, wirr und zu wenig interessiert, den Zuschauer mitzunehmen. Dass das aktuell gutes Mittelmaß ist, sagt Beängstigendes über die FFF-Saison 2014 aus.



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heino
heino

Zu schade, ich hätte Nicholas Brendon mal eine Rolle in einem guten Film gegönnt:-(

Christian Siegel

Kannst du uns/mir vielleicht in kurzen Worten deine Meinung zu „+1“ mitteilen? Auf den Trailer zum Film bin ich vor ein paar Wochen gestoßen, wusste aber nicht so recht, was ich davon halten soll… ^^

Christian Siegel

Danke für die rasche Antwort und deine Einschätzung zum Film :-). Also auch eher einer, wo man seine Erwartungen besser nicht zu hoch schraubt.

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[…] die ♦ Among the Living ♣ Beneath ♣ Beneath (Fessenden) ♥ Blue Ruin ♣ Cannibal ♦ Coherence ♥ Cold in July ♥ Dark House ♣ Extraterrestrial ♦ Faults ♦ Go Goa Gone ♥ Honeymoon […]

Marcus
Marcus

Idioten brüllen vor Wackelkamera durcheinander, übelste Exposition Dialogue Dumps, und gegen Ende verheddern sich die Macher im eigenen Skript. Mit gutem Willen noch 5/10.

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[…] für Angeber und Eierschaukler irgendwo zwischen “Cherie, mir ist schlecht” und “Coherence“. Schöne, leere Menschen reden penetrant pseudo-tiefgründiges Zeug, als wäre jeder […]