The MuleAustralien 2014. Regie: Angus Sampson, Tony Mahony. Darsteller: Hugo Weaving, Angus Sampson, Leigh Whannell, Ewen Leslie, Georff Morrell

Offizielle Synopsis: Wir befinden uns im Jahre 1983 n. Chr. Ganz Australien ist von seinem Segelteam beim America’s Cup gebannt … Ganz Australien? Nein! Zwei unbeugsame Cops bewachen die Toilette eines Melbourner Flughafenhotelzimmers. Und das kam so: Ray Jenkins ist ein grundguter Kerl, aber auch ein unscheinbares Licht mit Geldproblemen. Das macht ihn zum idealen Schmuggler für den lokalen Unterweltbaron: Ab nach Thailand mit ihm und ein Kilo Heroin rein in ihn, mundgerecht portioniert in 20 Kondome. Doch Ray verpatzt es bei der Wiedereinreise. Er macht von seinem Recht Gebrauch, nicht geröntgt zu werden. Kurzerhand verfrachtet ihn der lange (D)arm des Gesetzes in besagtes Hotelzimmer. Hier darf Ray ohne Anklage festhalten werden – sieben Tage. Die Natur nimmt schon irgendwann ihren Lauf.

Kritik: Wenn man mit einem Genrefilm (im weitesten Sinne) reüssieren will, kann man das auf zwei Arten machen: Man hängt sich an die bewährten Trends und hofft, an ihnen im Mainstream mitschwimmen zu können. Noch ein Killer im Keller, noch ein Werwolf im Wald, noch ein Schlitzer im Schulheim. Oder man entwickelt eine Geschichte, die so unfassbar schräg ist, dass die Zuschauer reingehen, nur um nachvollziehen zu können, was das soll.

Willkommen bei „The Mule“ – nicht zu verwechseln mit dem langweiligen gleichnamigen Karriereabsturz von Sharon Stone.

Im ersten Moment vermutet man, der Film würde die Kammerspiel-Route nehmen, sieben Tage in einem Raum mit zwei Kontrahenten (Verbrecher und Bulle). Katz und Maus. Psychologische Finten. Wechselndes auf und ab. Naheliegend.

Dem ist aber nicht. Die Macher haben verstanden, dass Ray als filmischer Mittelpunkt nur sehr bedingt taugt. Seine fast schon autistische Art und die Notwendigkeit, ihn eine Woche lang mit Magenkrämpfen im Bett liegen zu lassen, reduziert seine Präsenz. Stattdessen bauen Sampson und Mahony das Gerüst um ihn herum aus – die Ereignisse, die sich in diesen sieben Tagen in und um das Hotelzimmer herum abspielen. Die angeblich rechtschaffene Anwältin, die zynischen Cops, die nervösen Gangster, die leidende Familie – die Welt um Ray herum geht weiter und dreht sich doch nur um ihn. Er ist die Sonne, die – obwohl selber statisch – den Planeten Leben schenkt, Antrieb. Er ist das Gravitationsfeld.

Erst im letzten Akt wird klar, dass Ray weitaus mehr mitbekommen hat, als man ihm zumuten wollte – dass er Pläne improvisieren und dabei sehr schlau sein kann.

Das ist alles ist in wunderbar-schaurigem Zeitkolorit der frühen 80er umgesetzt, es regieren Polyester-Anzüge, schlechte Haarschnitte und Schnauzbärte. Polizisten sind hier noch Bullen, die Anwältinnen obszön nachstellen dürfen und letztlich zählen nicht Schuld und Sühne – sondern der America’s Cup, den die Australier gerade gewinnen.

Bis in die Details ist „The Mule“ gut beobachtet, mit stimmigen Charakteren besetzt und verblüffenden Wendungen ausgestattet. Zwar dauert es zu Anfang des zweiten Akts ein wenig zu lange, bis alle Figuren ihre notwendigen Positionen eingenommen haben, aber dann wird es wirklich unterhaltsam. Und eklig. Denn es sei gewarnt: Wer bei Fäkalszenen seine Schmerzgrenze hat, sollte auf den Kinobesuch verzichten.

hochFazit: Ein zu lange um seinen stoischen, festgesetzten Protagonisten herum gebautes Tauziehen, das gegen Ende überraschend viele Handlungsstränge zusammen führt und in ein paar Szenen die Ekelgrenzen des Publikums austestet. Außenseiter-Highlight!

Kein Trailer – aber ein Interview mit den Machern:



avatar
6 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
4 Comment authors
WortvogelMarcusThiesFantasy Filmfest Masterliste (1) | Wortvogel – 100 % Torsten DewiMencken Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Mencken
Mencken

Scheint ja fast so, als ob (beinahe) alle guten Filme eigentlich eher nicht zu den Bereichen Fantasy/Horror/Sci-Fi zählen.

Marcus
Marcus

Packender Thriller mit lakonischem Humor, 70s-vibe und guten Darstellern. Seid gewarnt: der Hinweis auf Ekelgrenzen ist mehr als berechtigt. Ich konnte teilweise echt nicht hingucken.

Fuck Phuk! 8/10.

trackback

[…] Fright ♥ Starred up ♥ Starry eyes ♥ Suburban Gothic ♥ The Babadook ♣ The Canal ♥ The Mule ♦ The Rover ♦ The House at the end of time ♣ The strange colour of our body’s tears […]

Thies
Thies

Vielleicht hätte mich der Film noch mehr gepackt, wenn in meiner Reihe nicht drei Schnatterliesen gesessen hätten, die sich in ihrem Gequassel nicht von dem zeitgleich laufenden Film stören lassen wollten. Warum gehen solche Menschen ins Kino anstatt in ein nettes Café?

Marcus
Marcus

@Thies: solche hatten wir in OUT OF THE DARK. Inklusive ständigem Anstoßen mit Bierflaschen. Ein paar Beschwerden beim Kino später kam dann ein Security-Mann und hat sie zurechtgewiesen. Fünf Minuten später sind sie dann gegangen, was mir einen Spontanapplaus wert war. 🙂