the voicesUSA/D 2013. Regie: Marjane Satrapi. Darsteller: Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Jacki Weaver

Offizielle Synopsis: Jerry ist ein gut aussehender, treuherziger Lagerist in einer Badewannen-Manufaktur tief in der Provinz. Man bräuchte sich keine Sorgen um ihn machen, würden ihn daheim nicht Bulldogge Bosco und vor allem Mr. Whiskers, der orangefarbene Stubentiger, derb beschwatzen wie schon der freche Bär in Kinoerfolg TED. Das Haustier-Duo macht sich nur allzu gern über Jerrys Einfältigkeit lustig. Flüstert ihm ein, wie verdorben und bösartig die Welt in Wirklichkeit ist. Gibt ihm Tipps, wie er am besten tötet. Ja, Jerry hört Stimmen – seit er seine Pillen abgesetzt hat. Seine Psychiaterin ist zunächst erfreut über das neue Auftreten ihres Patienten, das ihm im Betrieb endlich Freunde verschafft und genug Mut, sich an Kollegin Fiona (Gemma Arterton) ran zu pirschen. Die rümpft freilich insgeheim die Zickennase über den vertrottelten Mr. Niceguy. So wird ein missglücktes Date bald zum Verhängnis.

Kritik: Ich mag schwarze Komödien, bei denen ich nicht nur das „schwarz“, sondern auch das „Komödie“ nachvollziehen kann. Zu oft werden im Programmheft eierlose, graugaugraue Downer als „bitterböse Komödien“ oder „schwarzhumorige Perlen“ angekündigt, für die man dann Bremsspuren in der Unterhose witzig finden muss.

„The Voices“ hingegen ist eindeutig eine schwarze Komödie. Eine sehr schwarze. Die Story des Losers, dem die eher versehentlichen Morde außer Kontrolle geraten und der immer größere Probleme bekommt, Leichen und Requisiten verschwinden zu lassen, ist zwar nicht neu, aber in dieser Form sehr knapp und schnörkellos erzählt. Auch die Idee, dass wir Hund und Katze tatsächlich reden sehen, ist kein Gimmick aus der SFX-Abteilung – es erzeugt den notwendigen Bruch mit der Realität, in die Jerry dann und wann zurück stolpert.

Der erstaunliche Cast ist sympathisch „game“, über-spielt die Rollen nicht aus Eitelkeit und passt damit in den „kleinen“ Thriller, der eigentlich nach einer B-Besetzung schreit. Es hilft, dass die Darsteller den Rollen entsprechen – Reynolds als der etwas phlegmatische „good boy“, Gemma Arterton als die üppige Betriebsschlampe, Anna Kendrick als das verhuschte „girl next door“.

Stilsicher inszeniert und sehr straff, unterhält „The Voices“ problemlos über die gesamte Laufzeit, auch wenn zur Steigerung der Hysterie dann irgendwann die clevere Wende fehlt. Wir ahnen, dass Jerry mit seiner Nummer nicht durchkommen kann – und genau so ist es dann auch. Nachspann. Da wäre zum Schluss vielleicht noch ein wenig mehr gegangen.

Egal, wieder ein Crowdpleaser fürs FFF, da will ich mich gar nicht beschweren.

Man sollte allerdings auch mal den „Elefant in the Room“ ansprechen – „The Voices“ hat mich streckenweise an einen anderen gut besetzten Psychopathen-Film erinnert: „The Passion of Darkly Noon“ mit Brendan Fraser, den ich in den 90er Jahren auf dem FFF in München gesehen habe. Der wurde in Thüringen oder Sachsen gedreht. „The Voices“ entstand komplett in Berlin und Brandenburg. Obwohl der Film in den USA spielt und weder in der Story noch beim Cast irgendwelche deutschen Elemente mitbringt. Lediglich die Crew stammt aus Deutschland.

Das ist zuerst einmal Augenwischerei, Hollywood-Magic. Ob die Bowling Alley letztlich im Mittleren Westen oder im Spreewald steht, ist bedeutungslos. Es geht, was funktioniert. Und bei „The Voices“ funktioniert es. Man merkt dem Film die deutschen Locations allenfalls an ein paar sehr handgemalt aussehenden Ladenschildern und Werbeplakaten an.

Aber man darf durchaus die Frage stellen, WARUM hier gedreht wurde? Es gab ja erst letztes Jahr die Diskussion über „Monuments Men“ mit Clooney, der fast 10 Millionen aus deutschen Steuergeldern für Dreharbeiten im Harz und in und um Brandenburg einsacken durfte. Für die Hollywood-Buchhalter ist es eine Frage der Zahlen – wo kann ich den Film glaubwürdig am günstigsten drehen? „The Voices“ hätte man auch in Kanada oder in Australien drehen können, in Mexiko oder in Irland.

„The Voices“ wurde ebenfalls kräftig gefördert. Und ich wüsste zu gerne, warum. Nur weil damit ein paar deutsche Filmtechniker ein paar Monate in Lohn und Brot gehalten werden konnten? Das ist ja schön und richtig, aber doch Aufgabe der Produzenten, nicht der Steuerzahler. Ich habe kein Problem damit, wenn Filme gefördert werden, die kulturell wichtig sind oder Strukturen schaffen, aber im Fall von „The Voices“ sehe ich den Benefit nicht. DAS Geld hätte man allemal besser in deutsche Produktionen stecken können und sollen.

Schade. Im Nachhinein habe ich über das Thema zuviel nachgedacht und mir die Erinnerung an einen Film getrübt, den ich eigentlich sehr spaßig fand.

hochFazit: Garfield meets Psycho in einem kleinen Comedy-Thriller, dessen A-Besetzung eher auf den Fluss fleißiger Fördergelder als auf wirklichen künstlerischen Anspruch schließen lässt – was dem Unterhaltungswert allerdings keinen Abbruch tut.

Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen gibt es für „The Voices“ keinen Trailer auf YouTube.



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Howie Munson
Howie Munson

Vielleicht wäre ja Filmförderung (und Filmfinanzierung allgemein) mal ein Thema für lange Winterabende…

Und ist doch gut das der Film dann wenigsten was taugt, hätte ja auch eine Niete werden können.

Peroy
Peroy

Dann doch lieber sowas fördern als, wasweißich, „Der freie Wille“ oder so’n Dreck…

DMJ

Hat Peroy nicht ganz unrecht. Es mag der deutschen Filmnation weniger helfen, aber zumindest dem Film an sich. 😉
Und dieser hier klingt auch sonst interessant.

Marcus
Marcus

Miau to that. 9/10.

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