Ich neige nicht zu Sentimentalitäten, träume als jemand, der Landromantik verkauft, selbst wenig von Landromantik und dem „Häuschen im Grünen“. Ich bin ein urbaner Mensch, der Lärm vor dem nächtlichen Fenster hasst, aber Leben vor dem nächtlichen Fenster braucht. Ich will von Kultur umgeben sein wie andere Menschen von Natur – ob ich sie tatsächlich nutze, ist dabei zweitrangig. Die schiere Möglichkeit zur Zerstreuung in vielerlei Gassen reicht oft, die konkrete Zerstreuung unnötig zu machen. Solange die Stadt da draußen auf mich wartet, ist alles gut. Oder um es mit den Peppers zu sagen:

I drive on her streets ‚cause she’s my companion 
I walk through her hills ‚cause she knows who I am 
She sees my good deeds and she kisses the windy 
Well, I never worry, now that is a lie 

Das heißt aber nicht, dass ich dem Charme des ländlichen Idylls gänzlich abgeneigt bin. Gerade in den neuen Bundesländern, wo Grund und Gebäude noch günstig und gestaltbar sind, finden sich mitunter Lebensentwürfe, die mich – wenn ich müde und von der Stadt ausgelaugt bin – mit einer bisher unbekannten Sehnsucht erfüllen. Einer Sehnsucht nach Selbstbestimmung und einer überschaubaren Sphäre, von weniger Abhängigkeiten, weniger Verwaltung, weniger Pflichten. Dann wünsche ich mir sanftere, verlässlichere Rhythmen, ein Leben nach Sonnenaufgang und Sonnenwende, mit Aussaat und Ernte.

Ich war die ganze Woche in Dresden, habe es als Basis für fünf Reportagen in fünf Tagen genutzt, die mich und meinen Fotografen nach Finsterwalde führten, nach Bergen und nach Bautzen, nach Sebnitz und nach Pirna.  Ich habe die gigantische Fördermaschine F60 bewundert, bin mit dem Kahn durch die Spreewald-Kanäle geschippert, habe sorbischen Heimatgeschichten gelauscht und eine so prachtvolle wie lebensgefährliche Heidelandschaft entdeckt:

2014-08-11 16.52.05-2Vor allem aber habe ich Pauly getroffen, dessen Frauchen sich im Schatten einer alten, längst aufgegebenen Fabrik ein Paradies eingerichtet hat:

2014-08-12 19.10.01

Wir sind nur hingefahren, um ein sekundärrelevantes Fotos für unsere „Meine Heimat“-Rubrik zu schießen. Zwei Freundinnen beim Plausch im Garten, irgendwo auf Seite 5 oder 6 der Reportage, maximal eine Viertelseite. Mehr Stimmung als Story. Und so sind wir auch in relativ durchwachsener Laune, als wir in den kleinen Ort einfahren. Es war ein sehr langer Tag, zwei Speicherkarten sind voll mit schönen Fotos, wirklich brauchen werden wir diesen Schnappschuss nicht. Das Motiv rechtfertigt eigentlich die Strecke nicht.

Es ist der zweite Blick, der uns verzaubert. Ein verwunschener Garten mit vielen kleinen Ecken, in denen alte Stühle zum Niederlassen einladen, in dem Düfte prächtiger Blüten die Nase kitzeln und das Summen der Insekten das Hintergrundrauschen des Berufsverkehrs einer Innenstadt ersetzt. Eine Oase in der Provinz, einst für Taschengeld verwahrlost gekauft und dann über Jahre mit Liebe hergerichtet. Die grau gewordene Fassade des Hauses schützt und versteckt ein warmes und wohnliches Heim.

Aus den zehn Minuten, die ich hier maximal investieren will, wird schnell eine halbe Stunde, bevor auch nur ein einziges Bild in der Kamera ist. Die Besitzern führt uns herum, während leise Opernmusik durch die Beete wabert. Sie hat frisches Bauernbrot für uns bereit gestellt, einen guten Rotwein, hartgekochte Eier und Schinken. Eine abgelesene Kopie eines Dean Koontz-Romans liegt daneben. Wie von selbst gibt uns die Pflicht eine Pause und drängt uns in die bequemen Stühle. Wir wollen um 20.00 Uhr eigentlich wieder in Dresden sein, dann sind wir 12 Stunden „on tour“ gewesen. Aber was spricht eigentlich gegen 20.30 Uhr oder 21.00 Uhr? In diesem Augenblick nichts mehr.

Binnen weniger Minuten werde ich ganz zen, die hinter und vor mir liegenden Reportagen verschwimmen in einem entspannten Nebel, der Rotwein macht die Beine schwer. Auf die Frage, ob mir der Garten gefalle, antworte ich: „Ich würde gerne drei Wochen hier sitzen bleiben“. Es ist kein Kompliment, es ist die Wahrheit.

Katzen tauchen auf. Nicht die Sorte Rassekatze, die wir selber halten – wildwüste Mischlinge mit robusten Körpern in verschiedensten Farben, die von einander respektvoll Abstand halten und sich auch uns Besuchern nicht an die Schienbeine schmeißen. Die Dame des Hauses erklärt uns, dass sie die Angewohnheit hat, Streuner durchzufüttern – und sich das bei den Streunern herumgesprochen hat. Aktuell hat sie fünf „feste“ Untermieter, weitere fünf schauen regelmäßig vorbei, um Futter und Streicheleinheiten abzuholen.

Und dann kommt Pauly. Er war die erste Katze, die Haus und Grund zur Heimat erklärte. 14 Jahre ist er alt, etwas pummelig, aber nicht unsportlich:

PaulyBeim lässigen Spaziergang über den geradezu englisch gepflegten Rasen hebt er den Kopf, als er uns bemerkt. Gäste sind spannend. Er kommt näher. Ich stehe aus dem Stuhl auf, gehe vor ihm auf die Knie. Er riecht an meiner Hand, reibt sein Köpfchen daran. Sein Fell ist weich und gut gepflegt. Ein schöner Kater.

Ich rufe meinen Fotografen: „Sieh mal zu, dass du den mit aufs Bild bekommst“. Mein Fotograf verdreht die Augen: Er teilt meine geradezu kindliche Affinität für die Tiere nicht. Katzen sind zudem notorisch kamerascheu, lassen sich ungern als Statisten für inszenierte Aufnahmen missbrauchen. Wenn man möchte, dass sie in das Objektiv schauen, ist ihre Reaktion meistens: „My popo – let me show it to you.“

Pauly ist da anders. Man merkt, dass er die Nähe der Gäste mag, dass er sie spannend findet. Während die anderen Katzen uns aus dem Weg gehen, sitzt er auf einem kleinen Mauervorsprung und lässt unsere Vorbereitungen auf sich wirken. Als der Scheinwerfer einsatzbereit ist und das Licht „sitzt“, nehme ich den Kater auf das Zeichen des Fotografen unter den Arm und stelle ihn neben die beiden Frauen, die wir fotografieren wollen. Er maunzt kurz, seine Besitzerin beugt sich zu ihm herab, füttert ihn mit einem kleinen Stück Schinken. Alles in Ordnung. Pauly zuckt nur kurz, als er das erste Mal die Kamera klicken hört.

In den Pausen zwischen den Aufnahmen sitze ich neben dem Kater auf der Wiese, streichle ihn, damit er uns gewogen bleibt. Das ist eigentlich unnötig, denn Pauly fühlt sich sichtlich wohl. Nur einmal geht er kurz am anderen Ende des Gartens etwas Frischwasser schlabbern, auf dem Weg dahin kreuzt eine fuchsrote Katzendame seinen Weg. Man schnuppert sich gegenseitig am Hinterteil, man kennt sich, geht weiter.

Der gleiche Widerwillen, mit dem ich die Fahrt in dieses abgelegene Dorf angetreten habe, meldet sich in dem Augenblick, als ich es verlassen soll. Ich würde gerne bleiben. Beim Bauernbrot, beim Rotwein, bei der Opernmusik – und bei Pauly. Wie sagte Loriot doch so schön? „Ich möchte einfach nur sitzen.“

Zum Abschied kraule ich Pauly hinter den Ohren, er hebt zufrieden den Kopf. Fast ist es, als würden seine trüben Augen mich ansehen. Aber nur fast. Stattdessen schnuppert er in meine Richtung, als wolle er sich meinen Geruch einprägen. Ich wende mich an seine Besitzerin für die Frage, deren Antwort ich längst kenne: „Seine Augen – der ist…?“

„Blind“, sagt sie freundlich und ohne Bedauern. „Schon immer.“

Eine Moment lang denke ich darüber nach, wie leicht man Dinge für unverzichtbar hält, nur weil man sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen kann. Pauly ist blind. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ihm etwas fehlt. Und an diesem Nachmittag in der ostdeutschen Provinz beneide ich ihn.



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Manuela
Manuela

So schön geschrieben ! Danke !
Ich war eben auch mit in dem verwunschenen Garten 🙂
LG Manuela

perseus
perseus

Es ist freilich eine schöne Dialektik, dass der Riesenbagger und das Herumgurken (hehe) in der wässrigen Natur einträchtig in einem Tourismuskonzept verwurstet werden… während weiterhin die Landschaft in surreale Niemalsländer verwandelt, Dörfer geräumt und die Luft verpestet wird.

Weitere Wahrzeichen der Region kann man übrigens auch hier beobachten… ähm, jedenfalls in einem halben Jahr wieder:
http://www.storchennest.de/de/index_live-video.html

Dietmar

*schnipp* Ach ja: Abo wollte ich bestellen!

Done.

Gut, dass Du diesen schönen Artikel geschrieben hast.

PabloD
PabloD

Schön geschriebene Geschichte.
Was mich aber mal interessieren würde: Hat man 1982 beim Saarland landläufig auch noch vom „neuen Bundesland“ gesprochen?