FFF13
Devils PassDevil’s Pass

Eine Expedition bricht in den verschneiten Ural auf, um die Spuren einer Expedition zu suchen, die auf den Spuren einer Expedition war, die UFOs und/oder Yetis und/oder gar nichts gefunden hat. Nach Barry Levinson ist mit Renny Harlin ein weiterer Kultregisseur der 90er tief genug gesunken, um billigen Found Footage-Kram zu drehen, der mit seinem Camcorder-Gewackel und den CGI-Kreaturen prima auf dem Syfy-Channel laufen dürfte, für Kinofans aber einfach nicht genug Substanz besitzt. Nur sehr selten mal blitzt Harlins Talent für Action auf (z.B. bei einem nächtlichen Lawinenabgang), der Rest ist Gestapfe durch Tiefschnee und Gezanke unter den Protagonisten.

ampel-gelbMan soll nicht unfair sein: im Vergleich zu vielen anderen Found Footage-Filmen versucht Harlin wenigstens, so etwas wie eine Spannungskurve aufzubauen und am Ende einen befriedigenden Abschluss zu finden – aber er tappt genau wie viele andere andere Regisseure in die Fußfallen dieses toten, aber leider nicht untoten Genres, wenn z.B. im ganzen Finale unerklärlich bleibt, warum die Beteiligten immer noch filmen, statt um ihr Leben zu kämpfen. So bleibt das vage Gefühl, dass mit etwas mehr Geld und einer autarken Kamera hier ein solider B-Grusler möglich gewesen wäre. Leider ist es eine Bankrotterklärung für den Mann, der „Cliffhanger“ und „Stirb langsam 2“ gedreht hat.

human_race_xlgThe Human Race

Wenn man schon klaut, soll man wenigstens von den Besten klauen. Zumindest das macht „The Human Race“ richtig, ein Survival-„Thriller“, bei dem hinterher diskutiert wurde, ob er noch doofer sei als „Zombie Hunter“ (was ich bestreite). Das Konzept der 75 Menschen, die plötzlich um ihr Leben rennen müssen, ist natürlich nur eine bis ins Abstruse verwässerte Variation von Stephen Kings „Todesmarsch“, ohne auch nur ansatzweise dessen Perfidie und psychologische Tiefe zu erreichen. Was „The Human Race“ an Einsicht in die „conditio humana“ fehlt, möchte er durch einen launigen, digitalen Kopfplatz-Effekt wett machen, den wir ungefähr 50 mal zu sehen bekommen – 48 mal mehr, als nötig gewesen wäre.

ampel-rot7Da die Macher keine Ahnung haben, wie man ein Gefühl für Zeit und Raum baut, entwickeln wir als Zuschauer auch kein Gefühl dafür, welcher der Protagonisten sich gerade wo im Rennen befindet. Ergebnis: minimale Spannung, maximale Langeweile. Dazu noch ein Look frisch aus dem Camcorder, ein paar erzählerische Patzer und ein Ende zum Popcorn an die Leinwand schmeißen – schon ist der High Concept-„Thriller“ in die Hosen gegangen. Aber wenigstens hatten die Beteiligten Ambitionen – was man von „Zombie Hunter“ nicht sagen kann.

greg_bunbury_the_battery_posterThe Battery

Man könnte angesichts meiner scharfen Kritiken den Eindruck bekommen, ich hätte kein Herz für Low Budget-Filme, schon gar nicht für Zombie Low Budget-Filme. Dem ist nicht so. Und hier ist der Beweis. „The Battery“ ist noch mal deutlich billiger gedreht worden als „Zombie Hunter„, „Portrait of a Zombie“ und „Frankenstein’s Army„. Letztlich geht es 90 Prozent der Laufzeit nur um zwei Kumpel, die nach der Apokalypse übers Land ziehen und versuchen, irgendwie klar zu kommen. Die Zombies stellen keine relevante Gefahr da, sie sind saft- und kraftlos. Das Problem ist die Einsamkeit, die Sinnlosigkeit, der Mangel an sozialer Interaktion. Ben und Mickey sind zu verschieden, um langfristig miteinander klar zu kommen – aber allein in die Welt zu ziehen, ist für beide ebenfalls undenkbar.

ampel-gruenDas ist kein Action- oder Horrorfilm, der von einer ausgefeilte Handlung lebt oder in dem die Protagonisten ein definiertes Ziel verfolgen. Es ist ein Micro Budget-Roadmovie, dem (wie dem Wagen) irgendwann das Benzin ausgeht. Das Finale ist kein Showdown, sondern die Erkenntnis, dass man in so einer Welt nicht ewig leben kann oder möchte. Das mag einigen Zuschauern zu wenig sein – ich finde es in einem Genre der Exzesse erfrischend und ausreichend. Bonuspunkte gibt es für den grandiosesten (sexuellen) Missbrauch einer Zombie-Attacke, den ich je im Kino sehen durfte.

The Complex

The Complex

Die junge Asuka zieht mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder in einen Wohnkomplex, der so auch in Herne oder Monheim stehen könnte. Seltsame Geräusche aus der Nachbarwohnung machen sie nervös, ebenso die Bekanntschaft mit einem Jungen, der kein Zuhause zu haben scheint.

Scheiße. Während mir Hideo Nakatas Euro-Grusler „Chatroom“ vor drei Jahren sehr gut gefallen hat, ist „The Complex“ vor allem eins: eine schnarchige Geduldsprobe. Und gar nicht komplex (pun intended). In einfallslosen „ich schleich von Raum zu Raum“-Bildern wird eine konfuse Geistergeschichte gerührt, die keinerlei Schau- oder Schockwerte besitzt, keinen Einblick in die Charaktere ermöglicht und am Ende eher verwirrt als unterhält. So war ich eine Stunde lag überzeugt, Asuka selbst sei ein Geist – was keinen Sinn ergibt, aber ständig impliziert wird. Außerdem scheint sie zwei „Sets“ von Eltern zu haben, aber da mögen auch krumm übersetzte Untertitel ihren Anteil haben. Inszenatorisch kennt der Film nur zwei Modi: Lethargie und Hysterie.

ampel-rot7Wie dem auch: „The Complex“ bringt wirklich gar nichts mit, was den Zuschauer wach hält und wir kämpften (vier Mann hoch – am Nachmittag) verzweifelt gegen die Müdigkeit an. Das Erreichen des Nachspanns löste eine erschöpfte Freude aus, die nicht das Ziel des Regisseurs gewesen sein kann. 106 Minuten, die gefühlte zwei Wochen dauern.

Cheap Thrills

Cheap Thrills

Zwei nicht sonderlich schlaue, aber finanziell ausgelaugte Ex-Kumpel lassen sich von einem perversen reichen Pärchen zu  Wettbewerben und Wetten reizen, die von simplen Trinkspielen schnell zu Fäkalstreichen und freiwilliger Amputation eskalieren. How far are YOU willing to go?

Von „Cheap Thrills“ habe ich mir wenig erwartet, weil die Macher wohl schwer mit Adam Wingard und Ti West verkumpelt sind (die Besetzung von „Innkeepers“ ist an Bord) und die Story nach sadistischer Ausbeutung niederer Triebe riecht. Aber schau an: der Film ist packend und kompakt inszeniert, in der Eskalation der Geschehnisse folgerichtig, sehr spannend, sehr schockierend – und mit Figuren bestückt, deren „wants and needs“ wir nachvollziehen können. Es wird hervorragend illustriert, wie brüchig der Begriff „freier Wille“ ist, wie engmaschig das Netz aus materieller Not und emotionalem Druck.

ampel-gruenDie Spannungskurve speist sich überzeugend aus dem Spaß und dem schnellen Geld über die Chance, das eigene Leben signifikant zu verbessern – bis hin zur Gier und zur Begleichung alter Rechnungen.

Ich traue mich kaum, es zu sagen: Wer mit härteren Filmen kann und eine justierbare Ekelschwelle besitzt, bekommt hier ein Festival-Highlight zu sehen.

tulpa_perdizioni mortali

Tulpa

Lisa ist Bankerin in einem stressigen Job und vergnügt sich nächtens gerne im privaten und geheimen „Tulpa“-Sexclub. Doch eine maskierte Gestalt ist hinter ihr her, meuchelt brutal alle Geschlechtspartner der schönen Geschäftsfrau.

Mein gespaltenes Verhältnis zum Giallo ist bekannt. Ich glaube, dieses Genre ist mit den späten 80ern (als es nur noch in Form von TV-Filmen und C-Gruslern produziert wurde) ausgestorben. Einen „Neo-Giallo“ habe ich noch nicht gesehen, der großartige „Amer“ ist eher eine Reflexion und ein „Best of“ des Genres. Selbst Ikone Argento bekommt die Versatzstücke des Giallo nicht mehr in den Griff. Es mag daran liegen, dass der Giallo in seiner Sinnlichkeit, seiner Promiskuität und Brutalität immer ein Kind der 70er bleiben wird.

„Tulpa“ müht sich redlich (wenn auch auf technisch bestenfalls mittelmäßigem Niveau), die Versatzstücke des Giallos zu rekapitulieren: style over substance, Neonlicht, Saxophon, urbane Fiebrigkeit, die Gefahr der Schatten, anonymer Sex, plötzliche Gewalt, moralische Desorientierung, möglicher Okkultismus. Aber die sich wiederholenden Rhythmen des Drehbuchs (Bank, Sex, Tod, Bank, Sex, Tod, etc.) öden schnell an, weil alles einfach geschieht, ohne dass Zusammenhänge gezeigt oder (z.B. vom klassischen Kommissar, der hier fehlt) ermittelt werden. „Tulpa“ ist vollgepackt mit schrägen, aber letztlich unwichtigen Figuren – und der „Twist“ am Ende ist so willkürlich wie unspektakulär.

ampel-rot7So gelingt diesem Retro-Giallo tatsächlich, was er sich anscheinend vorgenommen hatte: er emuliert Topoi und Stilmittel der Vorbilder so genau, dass er unauffällig in ein Giallo DVD Box Set aus der Ära geschmuggelt werden könnte. Nur sind es nicht die Giallos von Argento und Mario Bava, die er geschickt kopiert, sondern die Spät-Giallos von Lamberto Bava wie „Body Puzzle“ und „Das unheimliche Auge“. Und die fand ich zumindest damals schon albern bis peinlich.

Kumpel Reini könnte er allerdings gefallen…



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Pogopuschel

Da bin ich froh, dass ich „The Complex“, anders als geplant, doch ausgelassen habe.

noyse

schnarchiger als sadako 3d kann the complex gar nicht sein. cheap thrills wird vorgemerkt

Reini

Zumindest der letzte Satz der „Tulpa“-Kritik hat mich ein wenig optimistisch gestimmt. 😀

Peroy
Peroy

DEN absoluten Neo-Giallo, den man sehen muss, hat übrigens ein Deutscher gemacht: „Masks“ von Andreas Marschall ist der Film, auf den man von Argento seit „Terror in der Oper“ wartet. Wenn er den statt „Giallo“ gemacht hätte, wäre alles vergeben und vergessen. Guckt den…

Marcus
Marcus

„So gelingt diesem Retro-Giallo tatsächlich, was er sich anscheinend vorgenommen hatte: er emuliert Topoi und Stilmittel der Vorbilder so genau, dass er unauffällig in ein Giallo DVD Box Set aus der Ära geschmuggelt werden könnte. “

Say no more. I’m in. 😉

heino
heino

„Cheap thrills“ klingt tatsächlich interessant. Mal schauen, ob ich den noch in meine Planung kriege

Reini

Ich sag es ja nur ungerne, aber in Sachen „Masks“ hat Peroy tatsächlich recht…

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Mist, die interessantesten Filme der hier vorgestellten, laufen zu Arbeitnehmer-unfreundlichen Zeiten in Frankfurt 🙁 Schade, dann halt auf BD oder DVD

Pascal
Pascal

BD = Bayern Drei? *g*

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Blu(-ray-)Disc 😛

Dietmar
Dietmar

BD: Bachelor of Divinity, theologischer Universitätsabschluss. Das war leicht. 🙂

Marcus
Marcus

BD = Brechdurchfall? 😉

Peroy
Peroy

Devil’s Pass

Uuuuaaahhh, zwiiieespältig… Renny Harlins „Found Footage“-Horrorfilmchen (die Gänsefüßchen sind bewusst gesetzt) kann alternativ als gruselige kleine Low Budget Fingerübung, eine Rückbesinnung auf alte Genre-Tage (remember „Prison“ und „Nightmare on Elm Street 4“?) oder einen weiteren Schritt abwärts auf der Karriereleiter betrachtet werden. Grundsätzlich hat Harlin das richtige Gespür dafür, was einen FF-Streifen zum funktionieren bringt und orientiert sich demnach an solchen Vertretern wie „The Last Broadcast“ oder „Noroi – The Curse“… er präsentiert also nicht „Blair Witch“-like das reine „gefundene“ Filmmaterial, sondern baut eine Narrative drumherum, mit Plot-Points und eher herkömmlicher Dramaturgie. Die Crux bei sowas: wenn man es nicht geschickt macht und glaubhaft rüberbringt, wie bei den oben genannten Beispielen, geht jedwede Credibility sofort flöten. Alles wirkt hier inszeniert, mit bewusster Bildgestaltung etc, und voller Regie-Fehler, wenn auf Wirkung hingezielt wird, anstatt etwas einfach nur „passieren zu lassen“. So betrachtet ist „Devil’s Pass“ genauso daneben wie „Cannibals – Welcome to the Jungle“, und setzt sich ebenso zwischen alle Stühle, zumal er bis unter den Rand voll mit Reminiszenzen an eben „Blair Witch Project“ und „[REC] ist. Das ist scheisse, da hilft es auch nicht, das Harlin den creepy shit teilweise aufeinanderstapelt, wie John Carpenter in „Die Fürsten der Dunkelheit“. Ansonsten ist das eisige Bergsetting eins wie in „Cliffhanger“ oder „Born American“… und Harlin mag die Russen offenbar immer noch nicht. Alte finnische Animositäten…

Die Daytlov-Chose hätte einen besseren Film verdient gehabt… einen ohne dreckigen Popsong im Abspann…

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