FFF13byzantium

GB/USA/IRL 2012 / 118 MIN / ENGLISCHE OV

Von: Neil Jordan. Mit: Gemma Arterton, Saoirse Ronan, Sam Riley, Daniel Mays, Caleb Landry Jones u.a.

Darum geht’s: Clara und Eleanor sind zwei geheimnisvolle Frauen von zeitloser Abgeklärtheit, Mutter und Tochter auf verlorenen Wegen, die es in ein verfallenes britisches Seebad verschlägt. Das heruntergewirtschaftete Hotel Byzantium wird zu ihrer Bleibe, schon bald hat Clara das Etablissement zu einem gut laufenden Bordell umfunktioniert. Ihr Kommen bleibt nicht unbemerkt: Die mysteriöse Bruderschaft, die ihren Spuren folgt, zieht immer engere Kreise – denn Clara und Eleanor leben seit über 200 Jahren als Vampire. Vor ihrer Vergangenheit können sie jedoch nicht fliehen.

Gesammelte Gedanken: Neil Jordan ist sicher der renommierteste Regisseur, den das Festival heuer auffährt. Was hat der Mann nicht alles gedreht: „Die Zeit der Wölfe“, „Mona Lisa“, „Crying Game“, „Michael Collins“, aber auch Hollywood-Ausflüge, die als Hollywood-Ausfälle gewertet werden müssen: „High Spirits“, „We’re no Angels“.

Und „Interview mit einem Vampir“.

Viele Kritiker sind schnell bei der Hand, „Byzantium“ zu einer Art Rückkehr ins melancholische Vampir-Drama à la Anne Rice zu erklären. Ganz falsch liegen sie damit nicht. In beiden Filmen wird eine komplexe Vampir-Freundschaft aus Abhängigkeiten und Eitelkeiten erzählt, die über die Jahrhunderte müde geworden ist. In beiden Filmen zeigen Rückblicke und Anekdoten des Protagonisten die Zusammenhänge. Und schließlich: beiden Filmen ist gemeinsam, dass sie das Leben als Blutsauger bestenfalls als oberflächlich wünschenswert darstellen. Sie gönnen ihren Figuren trotz Unsterblichkeit und körperlicher Perfektion eine schillernde Tragik.

Trotzdem spielt „Byzantium“ auf einem anderen Level. Es ist keine Hollywood-Produktion, die mit aufwändigen Kostümen und Spezialeffekten um sich wirft. Jordan orientiert sich mehr an seinen kleinen britischen Dramen wie „Mona Lisa“, bleibt dich an der Straße, in der Arbeiterklasse, jenseits der großen Schauplätze. Seine Vampire sind Getriebene wie Kleinkriminelle und Junkies, in deren Milieu sie sich folgerichtig bewegen.

Vor allem aber ist „Byzantium“ die Geschichte der Freundschaft zweier Frauen, die so sehr Schwestern sind wie Mutter und Tochter, deren Beziehung daran zerbricht, dass sie nach 200 Jahren unterschiedliche Antworten auf die Fragen des ewigen Lebens gefunden haben. Eleanors Liebe zu Frank ist eine zu lange heraus gezögerte Emanzipation, schmerzhaft wie letztlich unvermeidbar. Und auch Clara wird erwachsen, in dem sie sich aufnehmen lässt in den Zirkel der (bis dato ausschließlich männlichen) Vampire. So ist die Trennung der Frauen am Ende kein Scheitern, sondern ein Aufbruch – und noch dazu einer, der Lust auf ein Sequel macht.

Nun kann man nölen „Twilight – öööde!“. Damit läge man aber gänzlich falsch. „Byzantium“ ist außerordentlich fein gestrickt, ohne falsches Pathos, aber mit echter Empathie auch für die schwierigeren Figuren. Was am Anfang noch wie ein einfaches Setup wirkt (zwei Vampirfrauen saugen sich durch eine englische Küstenstadt), wird durch die Rückblenden zunehmend komplexer, dichter, verzahnter. Es macht Spaß, sich durch die oft nebensächlich eingestreuten Hinweise das Vampir-Universum zusammen zu reimen. „Byzantium“ ist ein Film der Details, ohne die Pudrigkeit und die weinerliche Melodramatik von „Interview mit einem Vampir“.

So delikat, wie Jordan schreibt, so delikat inszeniert er auch. Wir begleiten die zwei Vampire wie ein guter Bekannter, der überall mit hin darf, aber respektvollen Abstand hält. Dem genug Vertrauen entgegen gebracht wird, um die Wahrheit zu erfahren – aber nur so weit, wie es nützlich scheint. Wir ziehen mit Clara und Eleanor um die Häuser, ihre Schlafzimmertüren bleiben uns jedoch verschlossen wie viele ihrer Geheimnisse.

Das alles ist in prächtige, farbsatte und teilweise wunderschöne Bilder verpackt, die so einprägsam wie symbolisch sind – mein Favorit ist dabei der Wasserfall, der sich mit jedem neuen Vampir für kurze Zeit blutrot färbt. Darauf muss man erstmal kommen.

Und so wird ausgerechnet der leise und zurückhaltend gespielte „Byzantium“, der ohne Actionszenen und nennenswerte Schockeffekte auskommt, mein erster „Must see“-Film des Festivals. Noch dazu einer, zu dem ihr eure Freundin mitnehmen könnt.

ampel-gruenFazit: Melancholisches, präzise erzähltes Vampirmärchen, das ein spannendes Blutsauger-Universum jenseits von „Twilight“ und „True Blood“ entwirft. Ein Highlight des Festivals.

Ein Film… wie ein gutes Buch, das man gerne auch zweimal liest. Oder dreimal.



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Marcus
Marcus

Auf den freu ich mich auch schon total – deshalb habe ich erstmal nur auf dein Fazit geschaut. Und gedacht: na hoffentlich. 😀

Jake
Jake

Sehr schön, der landet auf meiner Merkliste. Der letzte Vampir-Film, der mich richtig beeindruckt hat, war „So finster die Nacht“. Der fährt ja auch die melancholische Schiene, ohne dabei ins Schmalzige abzudriften (zumindest nach meinem Geschmack).

comicfreak

..ist notiert

Peroy
Peroy

Meh…

Pogopuschel

Ich schwankte noch zwischen „Byzantium“ und „New World“. Werde mich jetzt aber wohl für Neil Jordan entscheiden.

Marcus
Marcus

Muh…

Goran
Goran

Da Byzantium ja wohl sowieso hier ganz normal ins Kino kommt, geh ich dann doch lieber in New World.

Ansonsten, für die mit Urlaub oder freier Zeitplanung, Wiederholung von B. am Mittwoch.

heino
heino

War auch schon fest eingeplant. Ich hoffe, ich kann dann dein Urteil bestätigen:-)

flippah

Ich hab den ja schon in Polen gesehen und war auch sehr angetan. Mich erinnert er auch ein wenig an „So finster die Nacht“ – was defintiv ein Kompliment ist.

Peroy
Peroy

Eine Frage: Vampir-Nutten?

Dietmar
Dietmar

Eine Frage: Vampir-Nutten?

Au ja! 🙂

Der ist im Hinterstübchen verankert.

Vineyard
Vineyard

Hmm Ok.. eine gute Kritik. Vielleicht schau ich mirs mal an.

Elisa „Maven“ Hanson hat den Film schon vor einigen Monaten gereviewed und fand ihn eher mittelmässig. (Allerdings mochte sie auch Schumachers „Phantom der Oper“ Verfilmung nicht, die imo. klasse war.)

radio-gott
radio-gott

Wo wir ei Vampiren sind….Du hattest mal einen Film reviewt, in dem Vampire Menschen als künstliche Blutbank betreiben, diese aber von einem Virus o.ä. befallen wird und die Vampirgesellschaft zu verhungern droht. Allerdings hab ich den über die Suche nicht gefunden. Wie heißt denn der?

heino
heino

Das müsste „Daybreakers“ sein

Chabneruk
Chabneruk

Bisher gibts beim großen A leider nur den Soundtrack zu bestellen. Rezension ist gespeichert und DVD wird baldmöglichst erworben. Danke für den Tipp!

@radio-gott: Heino hat Recht, das ist Daybreakers.

radio_gott
radio_gott

Warum eigentlich nicht? 😉 Und dennoch wurde mir schnell geholfen, was will man mehr? 🙂

heino
heino

Ich fand den – pun intended – reichlich blutleer

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Ui, der klingt gut – läuft in FFM gegen „I declare War“, aber ich denke mal, dass die Freundin eher in das Vampirstück gehen will 😀

Jeff Kelly
Jeff Kelly

Der Film wird mit den Worten „from the Producers of ‚Interview with a Vampire'“ auf dem Festival beworben, was man bei dem Regisseur eigentlich nicht nötig hätte.

Für mich sind Werbesprüche der Art „vom Bruder des Bekannten der Schwester des Produzenten von…“ eher ein Zeichen dafür, dass die Werbung im Film selbst nicht genug bemerkenswertes gefunden hat und deshalb nach Strohhalmen greifen muss. Insbesondere wenn es für den normalen Kinobesucher so nebulöse Titel sind wie Producer und wenn der bemerkenswerteste Credit ein bald 20 Jahre alter Film ist.

Deshalb hatte ich den Film eigentlich schon abgehakt meine Befürchtung in der Twilight-Zone zu landen waren da zu gross.

Er läuft allerdings in Nürnberg parallel zu Makkhi weshalb ich ihn wohl trotzdem auslassen werde.

heino
heino

Richtig guter Film mit tollen Darstellern und Bildern. Nur etwas kürzer hätte er sein können, 2 Stunden sind dann doch zu lang.

Marcus
Marcus

Sehr gut. Und Saoirse Ronan empfiehlt sich einmal mehr für (noch) Größeres. 9/10.

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