FFF13Vanishing Waves

LITAUEN/F/B 2012 / 120 MIN / LITAUISCHE OMEU

Von: Kristina Buozyte Mit: Marius Jampolskis, Jurga Jutante, Rudolfas Jansonas, Vytautas Kaniusonis u.a.

Darum geht’s: Es heißt, man solle stets mit einem komatösen Patienten sprechen, immerhin zeigt jener einen gewissen Grad an Rest-Gehirnaktivität. Doch was regt sich da tatsächlich im Nervennetz eines bewusstlosen Menschen? Sind es Träume? Oder Erinnerungen? Und ist es tatsächlich möglich, Einfluss zu nehmen? Ein Team von Neurologen möchte genau dies herausfinden und verknüpft mittels modernster Technik die Hirn-Synapsen einer Komapatientin mit denen des Teammitglieds Lukas. Als Versuchskaninchen ahnt er zunächst nicht, was ihn auf der anderen Seite erwartet. Doch als der Wissenschaftler auf die schöne Aurora trifft, verfällt er augenblicklich ihren Reizen. Ob seine Eindrücke eigene Illusion oder eine tatsächliche Transgression bedeuten, bleibt für Lucas zunächst unklar, aber aus einem Impuls heraus verschweigt er die Kontaktaufnahme mit Aurora den Kollegen.

Gesammelte Gedanken: Schaut man sich die großen Ex-Ostblock-Genreproduktionen der letzen Jahre an, dann könnte man meinen, es wird nur verzweifelt versucht, einen Spagat zwischen Hollywood-Exzesse und Bollywood-Albernheit zu schaffen. Unausgegorene, aber technisch aufpolierte Filme schwappen zu uns herüber, meist mit mäßigem Erfolg. Ich erinnere mich dann gerne daran, dass es früher anders, aber nicht besser war. In den 70er und 80er Jahren haben mich Filme wie „Solaris“, „Der Test des Piloten Pirx“, „Der Autovampir“ und „Stalker“ mehr verwirrt als unterhalten. Das waren oft sehr theoretische Abhandlungen, erzählt in kalten Bildern und mit versteinerten Gesichtern. Freudlose Geschichten von Gesellschaften, in denen der Mensch nur die Wahl hatte, Rad oder Feind zu sein. Retrospektiv sind viele dieser Filme besser, als ich damals wahrgenommen habe – aber das mag auch an meiner eigenen Reifung als Kritiker liegen. Mit 10, 12 und 14 war meine Reaktion meistens nur „laaaangweilig!“…

„Vanishing Waves“ (der Titel ist übrigens deutlich weniger vage, als man meinen sollte) ist ein Rückfall in die 70er Ostblock-SF, auch wenn die Macher sicher lieber von einer Hommage sprechen. Der Film betet nicht am Altar von Design und Effekt, zeigt eine trübe Welt aus Beton und Stein, suhlt sich minutenlang in der Sprachlosigkeit seiner Protagonisten, die sich nur dann flüssig ausdrücken können, wenn sie wissenschaftliche Theorien und Vorgehensweisen besprechen. Die Liebe zu Aurora ist für Lucas auch eine Flucht in eine Welt der Sinnlichkeit, ins Fleischliche. In der Projektion der Maschine findet er Sonne, Meer, üppige Mahlzeiten und den gierigen Sex, der ihn aus seiner professionellen Lethargie reißt.

Das Problem dabei: Lucas bleibt uns immer fremd und unsympathisch. Er ist keine Figur, sondern eine undurchdringliche Fassade. Auch Aurora ist nur eine Chiffre, visualisierter Lebenshunger, der langsam schwindet. Sex ist für „Vanishing Waves“ eine brachiale Brücke zur Überwindung von zwischenmenschlichen Mauern, die Lucas in einer erschreckenden Sequenz gewaltsam zu beschreiten sucht. Nach 120 sehr mühsam verlaufenden Minuten bleibt nur der misslungene Versuch des Helden, Auroras Bewusstsein zu halten. Das ist sehr wenig, zumal „Vanishing Waves“ darüber hinaus keine Ziele oder Charaktere definiert.

Trotzdem: Im Gegensatz zu z.B. „A field in England“ sind die Symbole in „Vanishing Waves“ dechiffrierbar, man kann sich die Gedanken hinter dem Schweigen erarbeiten. Zwar ist der Film mühsam anzuschauen, aber er belohnt den aufmerksamen Zuschauer. Einem reiferen, älteren Publikum, das Science Fiction noch als Meditation über Mensch und Gesellschaft begreift und den intellektuellen Diskurs sucht, kann das durchaus etwas bringen.

Es ist sehr offensichtlich und vielleicht vergleichbar mit „Solaris“, wie ein US-Remake von „Vanishing Waves“ aussehen würde: wärmer, bunter, mit sympathischeren Figuren, einer stärkeren Definition des Projekts, einem befriedigenderen Ende. Es würde besser funktionieren – aber ob es einen besseren Film abgeben würde, vermag ich nicht zu sagen. Thema und Umsetzung sind bei „Vanishing Waves“ eins, auf Gedeih und Verderb. Vielleicht muss das so sein.

ampel-gelbFazit: Spröde und distanziert erzähltes Drama über die verzweifelte Liebe eines Wissenschaftlers zu einem sterbenden Bewusstsein, das trotz heftiger Sexzenen kalt bleibt und mehr theoretisches als tatsächliches Interesse hervor ruft.

Ein Film… der auf dem Festival Filmic Fantasticka 1973 in Warschau sicher bejubelt worden wäre.



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heino
heino

Das war mit „Upstream Color“ auch einer meiner Wackelkandidaten. Letztlich habe ich beide gestrichen, weil sie mir zu sehr nach Kopfgeburt und erzwungenem Kunstanspruch aussahen. In beiden Fällen werde ich die DVD abwarten

DMJ

Zu dieser Art Film muss ich immer an BM-Kollegen Xeno denken, der das Genre perfekt mit „sozialistisches Frustfressenkino“ umschrieb. 😉

Was zutreffend aber schade ist – irgendwas haben diese Filme meistens ja doch, da wünscht man sich nur, die Macher hätten es vernünftig aufbereiten können und hätten irgendeinen Zugang zur Menschlichkeit.

Kettensägenhorscht
Kettensägenhorscht

@heino
Auch wenn bei „Vanishing Waves“ Charakterzüge und Emotionen hinter vielleicht nicht für jeden Zuschauer gelungenen Allegorien gedeutet werden wollen, ist der Film mMn jetzt nicht so irre verkopft, dass er dadurch tatsächlich schlecht wird.
Langatmig und distanziert ist der Film sicherlich, aber wer solch einen Film sehen möchte, erwartet selten ernsthaft den nächsten Michael Bay.

Im Direktvergleich mit „Upsteam Color“ empfand ich „Vanishing Waves“ als deutlich zugänglicher, da sich ersterer einer Vielzahl an Stilmitteln bedient, welche man vielleicht auch nicht wohlwollend betrachtet in deine Beschreibung „erzwungener Kunstanspruch“ packen, für den Indie-Filmfan allerdings mit dem prädikat „poetisch“ abstempeln könnte.
Wobei „Upstream Color“ widerum nicht wirklich kalt und auch nur bedingt distanziert ist.

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