Ich brauche das jetzt. Katharsis. Oder wie andere Leuten sagen: abkotzen.

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Einleitend ist es mir ein Anliegen, euch ein paar Sätze zum Thema „künstlerische Freiheit“ mitzugeben. Die gibt es. In Amerika nennt man das „poetic license“ oder „dramatic license“. Damit ist gemeint, dass man eine Anekdote oder eine Geschichte so ausschmückt und zurecht feilt, dass sie bei der Wiedergabe nicht das höchstmögliche Maß an Wahrheit darstellt, sondern den größtmöglichen Effekt erzielt. Darum rafft man die Erzählungen gerne ein wenig, fasst Figuren zusammen, formuliert Pointen um. Es geht ja um Entertainment, nicht um Dokumentation. Ich bin bereit, diese Arbeit zu leisten – wundere mich aber immer wieder, wie selten das nötig ist. Die Welt ist viel wirrer, bunter und pointierter, als ich oft erwarten kann. Und darum ist auch diese Episode aus meinem Leben wahr und allenfalls in kleinsten Details (meist aus Gründen der Verständlichkeit) für den Erzählfluss optimiert.

Auch wichtig: Es ist weder herablassend noch arrogant zu konstatieren, dass es verschiedene Schichten gibt in unserem Land. Gräben existieren nicht nur zwischen alt und jung, arm und reich, Nord und Süd, Land- und Stadtbevölkerung – auch zwischen Akademikern und Hilfsarbeitern, ZEIT- und BILD-Lesern, Monster- und Molke-Trinkern, Angry Birds- und Portal-Spielern.

Es fällt nicht immer auf, dass es diese Gräben gibt, weil sie so gut funktionieren. Im Idealfall (?) gibt es wenig Schnittmengen und Berührungspunkte. Man begegnet sich nicht, kauft sogar in verschiedenen Supermärkten ein, geht in unterschiedliche Filme, besucht andere Konzerte.

Vielleicht ist es deshalb so verstörend, wenn man mit jemandem konfrontiert wird, der aus einer völlig anderen Schicht stammt und den das Schicksal in die eigene Sphäre drängt, als wolle es mal experimentell schauen, was dann passiert.

Am Montag stand mal wieder die Rückfahrt von Speyer nach München an. Normalweise buche ich 1. Klasse – nicht aus Standesdünkel, sondern weil ich da Platz und Ruhe habe, vier Stunden entspannt zu arbeiten. Das rechnet sich. Diesmal war es mir allerdings zu teuer und es gelang mir auch so, in der 2. Klasse einen Sitz im Nichtraucher-Ruhewagen an einem der Tische zu reservieren. Ihr wisst schon: Ruhewagen sind die, in denen Piktogramme an jedem Fenster ein durchgestrichenes Handy und ein Person zeigen, die den Finger auf die Lippen legt. Ruhe halt. Darum ist dieser Wagen auch der bevorzugte „Hangout“ von Anzugträgern, die Exel-Listen studieren, das Handelsblatt lesen und mit Kopfhörer „Dexter“ auf dem iPad schauen.

Ich schleppe mein limitiertes Gepäck zu meinem Platz mit der leicht merkbaren Nummer: Wagen 2, Sitz 22.

Besetzt.

Ein Pärchen hat es sich gemütlich gemacht. Er eher so klein und drahtig, grünes Kik-Polohemd und Goldkettchen am Handgelenk, weiße Turnschuhe an den Füßen, die vermutlich größer sind als die Schuhkartons, in denen er sie gekauft hat. Könnte 30 sein, aber auch 40. Instinktiv denke ich: Osten, beruflich eher was Handfestes, bei dem die größte Herausforderung in der Berechnung der Arbeitsstunden auf dem Quittungsblock besteht. Sie: ein Traum. Die perfekte Symbiose aus Friseuse und Nachwuchs-Pornostar, blond gefärbte Haare, toupiert, schwer geschminkt, rosa Top (zwei Nummern zu klein), Smartphone mit Bömmeln in der Hand mit den gemustert lackierten Fingernägeln. Selbst beim flüchtigen Hinsehen denke ich: irgendwo da drunter steckt vermutlich ein ganz nett aussehendes, natürliches Mädel, das gerade schreit: „Scheiße! Hol mich aus der Schlampe raus! Ich ersticke hier drin!“

Der Einfachheit halber nenne ich die beiden ab hier ER und SIE.

Ich setze mein charmantestes Lächeln auf und sage: „Na, wenn das hier Platz 22 in Wagon 2 ist, dann habe ich DIESEN Sitz eigentlich reserviert“. Beide springen eilfertig auf, entschuldigen sich tausendfach. Es bricht Chaos aus, weil sie mehrere Koffer und Taschen mit sich herum schleppen. Ich versuche gleich wieder gegen zu steuern, in dem ich versichere: „Solange ich in Fahrtrichtung sitze, ist es mir eigentlich egal. Sie können auch gerne zusammen sitzen bleiben, wenn sich das organisieren lässt“. Es hilft nicht. Koffergeschiebe, Taschengestopfe, Drängelei. Der unauffällige Herr im Business-Anzug, der ebenfalls schon Platz genommen hatte (der Tisch ist ja für vier Personen ausgelegt), entschuldigt sich und sucht lieber das Weite. Ich ahne noch nicht, dass er ungleich klüger ist als ich.

Obwohl wir drei Personen an einem Vierertisch sind, gelingt es dem Paar nicht, die Verteilung unter den ausgesprochenen Vorgaben (Fahrtrichtung, Pärchen nebeneinander) zu organisieren. Am Ende sitze ich in Fahrtrichtung am Fenster, ER neben mir, SIE mir gegenüber. Es soll mir wurscht sein, weil ich sowieso in Ruhe „Atlantic Rim“ schauen will und danach ein paar Blogbeiträge anstehen. Außerdem hänge ich immer noch mit meiner sechsseitigen Geschichte zum „Mythos deutscher Wald“.

Wir sitzen kaum, da steht ER schon wieder auf – „ich gemma wat holen“. SIE fängt an, in ihrer überdimensionierten Handtasche zu kramen, deren „D&G“-Logo vermutlich nicht „Dolce & Gabbana“, sondern „Dumm & Geil“ heißt. Sie zieht einen wirklichen ekligen Borussia Dortmund-Stadionbecher heraus, der augenscheinlich nicht mehr gespült wurde, seit die Schwarzgelben das Champions League-Finale vergeigt haben. Perfekt getimed kommt ihr Herzensbrecher mit vier Bierflaschen in der Plastiktüte aus dem Bistro-Wagen zurück – und legt los: „Scheiße – 6 Euro für die Flasche! Drecks Abzockerei!“. Er macht eine Flasche mit dem Feuerzeug auf und schüttet den Inhalt in den versifften BVB-Becher. Mir fällt auf, wie die anderen Gäste im Umfeld immer mal dezent herüber schielen.

Ich versuche nach Kräften, mich auf den Film zu konzentrieren. Leider fehlen mir nur noch die letzten 10 Minuten, dann droht der Nachspann. ER schaut neugierig zu, fragt sich vermutlich, ob ich ihm einen der Ohrhörer leihen würde, wenn er nett darum bittet. Würde ich nicht. SIE trinkt das Bier mit beeindruckender Geschwindigkeit und zieht dann ihr Handy raus. Im Ruhewagen mit Handy-Verbot. Ich denke: vielleicht will sie nur die Abholung am Bahnhof organisieren. Das KANN man auch außerhalb des Wagons machen, wenn man höflich ist, aber deshalb muss ich ja nicht gleich meckern.

Leider nein.

Sie telefoniert mit einer Freundin. Ich erfahre, dass SIE mit IHM auf dem Weg in den Urlaub ist. Ihr erinnert euch an die „künstlerische Freiheit“? Hier hätte ich genau das eingebaut was, sie jetzt tatsächlich sagt: „Ich fliech nach Malloohka – endlich mal wieder!“. Und dann sabbelt sie. Und sabbelt. Und sabbelt. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass diverse Benutzer des Ruhewagens es mit bösen Blicken versuchen, aber sie hat keine Schwierigkeiten, das komplett zu ignorieren.

Es bleibt also an mir hängen.

Nach ein paar Minuten versiegender Geduld ziehe ich die Ohrhörer raus und wende mich an IHN, damit ich SIE nicht beim Telefonat stören muss. Ich erlaube mir sogar einen bedauernden Tonfall: „Entschuldigen Sie, ich bin da ungern renitent – aber ich habe extra einen Platz im Ruheabteil gebucht, weil ich arbeiten muss. Hier sind Handy-Telefonate eigentlich nicht erlaubt“. Ich zeige dabei, um mich nicht auf eine Diskussion einlassen zu müssen, auf das Piktogramm an der Scheibe. ER weiß, dass er hier eigentlich im falschen Wagen sitzt und möchte nicht auffallen, auch wenn das ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Erneute Hektik: er lehnt sich zu ihr rüber, stößt dabei fast den Stadionbecher um, zischt unangenehm laut: „Ey, hier darfsse nicht! Mach Handy aus! Los!“. SIE reagiert erst ungläubig, starrt so intensiv auf die Piktogramme, als könnten diese auch etwas anderes bedeuten. Dann erklärt sie ihrer Freundin langatmig, dass sie jetzt wohl nicht telefonieren dürfe, aber man könne dann ja mal, genau so machen wir das, und vergiss bitte nicht, grüß mir auch schön, ich bin ja nicht so lange weg, bussi …

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Ruhe. Endlich Ruhe. Ich fange an, meinen Review zu „Atlantic Rim“ zu schreiben, lasse dabei aber die Ohrhörer drin. Ich möchte keine Bereitschaft zum Smalltalk signalisieren. Solange das Paar jetzt halbwegs Ruhe gibt (Ruhewagen, remember?), ist alles in Ordnung.

Falsch gedacht. Für SIE bin ich jetzt der Feind, der spießige Spielverderber. Und augenscheinlich verträgt sie kein Bier, denn nach der einen Flasche, der sofort eine zweite folgt, wird ihre Stimme sehr jammernd. Sie möchte es mir gerne heimzahlen, versucht es zuerst einmal mit in Blaue geschossenen Pöbeleien: „Boah, ich wärd nie so langweilich. Scheiße, wie langweilich manche Leute sind. Und wenn ich 70 werd, so langweilich werd ich nie. Da gehe ich wieder in die Disco wie meine Mutter. Die geht auch mit 70 in die Disco. Die ist nich langweilich.“

Über die Tangente „Disco“ erfahre ich auch mehr über SIE und IHN, denn da haben sie sich augenscheinlich kennen- und lieben gelernt. Oder wie er es ausdrückt: „Warsse scharf, als wir uns getroffen haben, ne?“. Sie ist etwas peinlich berührt, weil es nun der ganze Wagon weiß und steuert halbherzig lallend gegen: „Neee, war ich nich! Na ja, nich normalweise halt.“

Von den allgemeinen Unmutsäußerungen geht SIE nun zu den konkreten über: „Und die Klackerei von der Tassatur! Klickedi klickedi klickedi! Stört mich auch. Iss doch auch nich erlaubt in Ruhewaggong“. Ich weiß nicht, ob sie hofft, dass ich sie nun endlich eines Blickes würdige oder sie gar anspreche. ER stimmt zu, gibt sich betont lässig, weil er ja von so spießigen Langweilern umgeben ist, die „arbeiten wollen“. Ein, zwei, Bierchen gehen auch noch rein.

Unauffällig schaue ich mich nach einem Kamerateam um. Diese geballte Ladung Proll-Klischees, dieses konstruiert wirkende „fish out of water“-Szenario – sowas ist normalerweise gescripted. Aber ich sehe keine Kameras. Das hier ist das wahre Leben – und das empfinde ich als die ungleich unangenehmere Erkenntnis.

Es vergehen einige Minuten. Nachdem beide ihren Balztanz ausführlich rekapituliert und sich gegen die „langweiligen Spießer“ im Wagon mehrfach verbündet haben, gehen ihnen die Themen aus. Sie guckt gelangweilt aus dem Fenster, pustet sich die Haare aus der Stirn und nölt laut: „Ich möcht jetz sooo gerne telefonian!“. Und dann: „Scheiße eh, wenn der Typ tippen darf, darf ich doch wohl auch telefonian!“.

Ich WEISS, dass ich nichts sagen soll. Ich WEISS, dass das kein schönes Ende nehmen kann. Aber ich weiss auch, dass beide glauben, ich würde sie dank meiner Ohrhörer nicht verstehen – und zumindest diese diebische Freude möchte ich ihnen nehmen. Ich ziehe den Ohrhörer raus und sage zu IHM: „Dass Sie kein Benehmen haben, ist eine Sache – dass Sie keine Ahnung haben, was der Begriff „Ruhewagon“ bedeutet, eine zweite. Aber ich kann Ihnen versichern, dass Ihr dummes, angetrunkenes Gesabbel wenigstens für einen langen Beitrag auf meinem Blog gut sein wird. Sie mögen hier den ganzen Wagon stören – aber machen Sie bitte weiter. Es ist die ganz große Show.“

Ja, das hätte ich vielleicht nicht sagen sollen. Nach einer Schrecksekunde schnattern beide aggressiv auf mich ein, versuchen es mit „Ihre Tipperei stört ja auch!“ und „Iss ja voll egal, was Sie reden!“. Ich schaue IHM zwei Sekunden lang intensiv schweigend in die Augen (was ihn irritiert), danach schaue ich IHR zwei Sekunden lang intensiv schweigend in die Augen (was sie irritiert). Dann stecke ich mir die Ohrhörer wieder ein und wende meinen Blick dem Notebook zu.

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Man merkt, dass sie mit meiner Schelte nicht gut umgehen können. Schreien wäre noch gegangen, Androhung physischer Gewalt, der Vergleich von nahen Verwandten mit Kreaturen aus der Massentierhaltung – aber Sarkasmus und die Erwähnung eines Blogs? Hilflos wiederholen sie noch einmal die Vorwürfe von „Spießerei“ und „Tippen is auch Lährm“, mehr zu sich selbst als zu mir. Unsicheres Grinsen, weil sie sich als Sieger zeigen wollen, aber genau wissen, dass sie verloren haben. Die vorher so demonstrativ zur Schau gestellte gute Laune wirkt plötzlich schal und falsch.

SIE verkündet nun – nicht nur IHM, uns allen -: „Ich muss jetzt aba ganz dringens pieseln!“. Gut, dass wir drüber gesprochen haben. Leider steht der Zug gerade und sie ist nicht sicher, ob der notwendige Besuch der Zugtoilette vor dem Erreichen des nächsten Bahnhofs zu schaffen ist: „Ich weiß nich, ob ich das schaffe, bis der Bahnhof kommt“. ER hat den freundlichen Ratschlag: „Musste zusammen kneifen, bis wir am Flughafen sind“. SIE: „Neee, geht nich“. Eine ältere Dame von der andern Wagonseite beugt sich über den Gang und flüstert in akzeptabler Lautstärke: „Es dauert noch mindestens zehn Minuten bis Ulm. Das schaffen sie locker.“

SIE windet sich mühsam aus dem Sitz und macht sich auf den Weg zum WC, die schwankende Gestalt nicht nur der Zugfahrt geschuldet.

Und nun kippt etwas merklich. ER ist allein. Er kann sich nicht mehr auf SIE fokussieren, um den Rest der Welt zu ignorieren. Er bemerkt die Ruhe im Wagon, die konzentrierte Stille. So langsam sickert in sein Bewusstsein durch, dass es hier vielleicht doch nicht um „wir gegen die Spießer“ geht, sondern um „wir Schreihälse gegen die Leute, die einen ruhigen Sitz gebucht haben“. Er befindet sich in Feindesland und die Zurückhaltung der Menschen um ihn herum ist nicht entspannt, sondern mühsam. Nicht ich bin der Störenfried. ER ist es. Und es macht ihn nervös. Er ist der Arsch, der in der Kirche während der Messe gefurzt und bei der Hochzeit auf das Brautkleid gekotzt hat. Jeder weiß es – und nun merkt er, dass es jeder weiß. Die „freiwillige“ Platzaufgabe und die Beendigung des Handy-Gesprächs haben niemanden getäuscht: die Mimikry ist misslungen. Die „pod people“ in „Invasion der Körperfresser“ zeigen mit dem Finger auf ihn und aus aufgerissenen Mündern ertönen lautlose Schreie:

invasionBS78_sutherlandER rutscht auf seinem Platz hin und her, vermeidet jeden Blickkontakt – was schwierig ist, weil er nichts dabei hat, um sich abzulenken. Die drei Minuten, bis SIE wieder kommt, werden für ihn sehr lang, immer länger.

SIE plumpst mit einem „Wah das nöödig!“ in den Sitz, schaut in der Plastiktüte nach, ob man vielleicht doch noch ein Bier übrig hat, wenn man von vier gekauften Flaschen erst vier ausgetrunken hat. ER antwortet nicht. Seine gute Laune ist wie weggeblasen. Er packt den BVB-Becher weg: „Wir können ja schon mal nach vorne gehen“. Sie schaut ihn bass erstaunt an: „Aber wir sind doch noch total lange nich da!“. Er steht stur auf, zerrt die Koffer aus der Ablage, lässt sie auf den Boden knallen: „Ne, komm, is besser so. Dann kommen wir auch früher raus.“

Ich halte durch. Eine Minute, zwei. Dann sind sie weg. Sie rollern mit ihren multiplen  Gepäckstücken, die immer wieder Reisende an den Schultern und den Beinen anstoßen, in Richtung Wagontür. Natürlich nicht die drei Meter gegen die Fahrtrichtung, wo sie wenig Unruhe verbreiten würden – sie nehmen die 20 Meter in Fahrtrichtung. Großer Abgang.

Ich schaue sie nicht an, schaue ihnen auch nicht nach. Aber als sie weg sind, nehme ich Blickkontakt zu den Mitreisenden auf. Sie lächeln, manche verdrehen die Augen: „Endlich!“. Einer, der die ganze Zeit mit Kopfhörer auf dem Kopf so getan als, als würde er schlafen, öffnet die Augen und nimmt sich ein Buch. Er hat ja nun die Ruhe zum lesen. Im Ruhewagon.



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DJ Doena

Ganz großes Kino!

PabloD
PabloD

Schöne Geschichte, zumindest wenn man sie im Nachhinein lesen kann und nicht erleben muss.
Was mich aber doch interessieren würde: „[…]Instinktiv denke ich: Osten[…]“. Östlich von Braunschweig oder östlich von Görlitz?

Wortvogel
Wortvogel

@ PabloD: Ich würde mal sagen – ehemalige Sowjetisch Besetzte Zone, eine Stadt mit ca. 50.000 Einwohnern und großem, aber im Niedergang befindlichen Gewerbegebiet. Dafür hat die Disco in 30 Kilometer Entfernung (die hinführende Straße ist mit Trauerplaketten und verwelkenden Blumensträußen gepflastert – „Wir werden dich nie vergessen, Timo!“) vier Ebenen und am Donnerstag trinken die „Ladies“ umsonst.

PabloD
PabloD

Aber Leute aus diesen Orten fahren doch nicht im Zug von Speyer nach München? Ich verstehe den Gedankengang nicht.
Mal davon abgesehen, dass es sowohl die beschriebenen Orte z.B. auch im Ruhrgebiet wie Sand am Meer als auch derart prollig angezogene Menschen bundesweit gibt (und zwar als Einheimische, keine „Gastarbeiter“). Aber da erzähle ich dir ja nichts neues. Deswegen stecke ich DIESEM Stereotyp nicht in die Herkunfts-, sondern schlicht in die Standes- bzw. Intelligenzschublade. Was ggf. genauso falsch sein kann 🙂

DMJ

Ich sag immer, wer die Menschheit hassen lernen will, muss öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Wie du ja direkt sagst, merkt man da voller Entsetzen, wieviele Klischees und überzogene Gestalten des Unterschichtenfernsehens leider real sind.

Züge sind da noch geeigneter als Busse, da man die Kreaturen da meist länger beobachten kann/ertragen muss. Mein schlimmster Fall ward aber dennoch im Kieler Stadtbus erlebt:
Auch ein junges Paar, wenn auch äußerlich nicht ganz so aggressiv prollig (aber durchaus genug) die auf den Sitzen für Ältere und Gehbehinderte saßen und vor sich einen Kinderwagen (Genpool dankt!) hatten. Sie guckte auf ihr Handy, er starrte ins Leere, bis es in dem vollen Bus endlich zu einer Gelegenheit kam, seine Männlichkeit zu beweisen.
Denn eine kleine, dürre alte Frau, die wie der Inbegriff der „nice little old lady“ aussah stieg ein und hatte alle Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Sie klammerte sich an die Griffstange neben dem Platz, der exakt für Leute wie sie bestimmt war, nun aber besetzt war. Der Bus fuhr eine Kurve, wodurch sie gegen besagten Kinderwagen geschleudert wurde, der ja aber sicher verkeilt stand, so dass nicht einmal das Baby sich zu Wort äußerte.
Wohl aber der (zu unrecht) stolze Vater, der sofort lospöbelte, ob sie bescheuert sei? Hallo? Hier sei ein Kind?
Sie ignorierte ihn, da ihr jemand anderes seinen Sitzplatz räumte (bevor jemand fragt: ich selbst stand bereits 😉 ). Während sie sich dort setzte und man ein höfliches Nicken plus Lächeln austauschte, war unser Held der Arbeit(slosigkeit) noch immer nicht über dieses brutale Unrecht hinweg und fauchte, der schlitze er gleich die Kehle auf, aber echt jetzt! – Seine Gespielin strich ihm, stolz über ihre Verbindung zu so einem tapferen Krieger und Schützer des Nachwuchses über die Schulter und hielt ihm ihr Handy hin. Es stimme, verkündete sie, man könne ihnen tatsächlich nicht das Hartz IV streichen.
– Auch hier ist letzteres keine dichterische Freiheit, sondern tatsächlich die traurige Pointe.

lindwurm

Guter Text

Karsten

Sooooo gut … ähm … ich meine natürlich: tut mir leid, Torsten, dass du das erleben musstest! 😉

Bjoern
Bjoern

Du kannst doch die armen Leute nicht beim Biertrinken und telefonieren stören. Die haben es doch eh schon so schwer im Leben mit dem Amt und so. 😀

Wenn die Leute schon einfache Piktogramme nicht verstehen ist die Anleitung der Anti-Babypillen Packung natürlich unüberwindbar, das erklärt auch die (subjektiv) rasante Vermehrung.

Wenn ich solchen Mitmenschen begegne und nicht aus dem Weg gehen kann summe ich immer dieses Lied, dann gehts mit gleich besser:
http://www.youtube.com/watch?v=VaNeUqk0wBU

Lukas
Lukas

Ich schätze, der Familienstammbaum der beiden – ich nenne sie mal Ronny und Chantal – ist ein Kreis.

Torsten

Danke.

heino
heino

Sowas erlebe ich als Pendler im Schweineexpress – auch RE1 genannt – täglich. Und von den S-Bahnen fange ich besser gar nicht erst an…..

Dietmar
Dietmar

Ich schätze, der Familienstammbaum der beiden – ich nenne sie mal Ronny und Chantal – ist ein Kreis.

😀

Ehrlich: Ich dachte immer, die Leute, die sich so verhalten, machen die Reality-Soaps nach. Scheint wohl nicht so zu sein. Erschreckend.

Andreas
Andreas

@PabloD – Danke. Nicht etwa, weil ich aus einer solchen Stadt komme. Ich wohne in eine sehr viel kleineren Stadt. In der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone.

Mag sein, dass das Klischee, welches Torsten da ansprach, oft „im Osten“ angesiedelt ist. Die dazu passende Untermalung seitens TV oder Radio (er sprach RTL 2 in der Überschrift an) wird dann aber ganz klassisch „im Westen“ gemacht. Wobei ich beide Unterscheidungen einfach nur dämlich finde. Idioten, das bleibt festzuhalten, gibt es überall: Ost, West, Nord, Süd.

Wortvogel
Wortvogel

@ PabloD/Andreas: Ich habe sehr klar gemacht, dass es sich um völlig haltlose Vermutungen handelt, die ich mir dennoch erlaube. Da ich Akzente und Dialekte nicht gut unterscheiden kann, mögen die beiden auch aus der Pfalz, dem Oberammergau oder von Borkum gewesen sein.

Lukas
Lukas

@ Dietmar

Es gibt eben soziale Mikrokosmen, wo ein derartiges Verhalten „Standard“ ist, der den Menschen in Haut und Knochen übergegangen ist.

PabloD
PabloD

@Andreas: Obwohl ich selber aus der SBZ komme, weiss ich mich glücklich zu schätzen mittlerweile schon viele Ecken Deutschlands gesehen zu haben. Daher auch mein Eindruck, dass es o.g. Stereotyp bundesweit zu erleben gibt. Was auch nicht verwunderlich ist, denn KIK, New Yorker und Deichmann gibt es ja nun wirklich in JEDER Fussgängerzone zwischen Aachen und Zwickau (war ja hier auch schonmal Thema). Und da der Hausherr noch weitaus öfter unterwegs ist, unterstelle ich ihm einfach mal zu wissen, dass diese Spezies Mensch nicht regional begrenzt ist.
Deswegen ja auch meine obige Frage: Wenn mir solche Leute im Zug von Speyer nach München begegnen, dann würde ich (!) aufgrund diverser Begegnungen intuitiv denken: „Idioten“ oder „Proleten“, je nach Klamottenlage vielleicht noch „Hartz4er“. Aber „Osten“? Als allererster Gedanke? Nein.

comicfreak

..omg, gestern im Kik hat eine junge Mutter mit Glitzerleggins, Einhorntatoo und irgendwounterderunterlippe Piercing ihre ca. 2jährige Tochter Tiara(!!!) zusammengeschrieen, weil das Kind tatsächlich die ihr von der Mama in die Hand gedrückte Cola über die neugekauften Sachen gekippt hat..

Peroy
Peroy

„Ich fliech nach Malloohka“… „Malle“ heischd datt…

Moss

Ist mir so ähnlich auch schon passiert. In solchen Fällen beschwert man sich beim Zugpersonal, dazu ist das nämlich da, nicht nur zur Anlieferung überteuerter Getränke in 1.-Klasse-Abteile. Ich sehe allerdings ein, dass mein Hinweis einen Fehler bzgl. der Annahme der ständigen Verfüg- und Erreichbarkeit des Zugpersonals enthält.

Holler
Holler

Naja ehrlich gesagt gibt es es auch Businesskasper die sich in ein Ruheabteil verirren und dort aufgrund der schlechten Mobilfunkverbindung lautstark telefonieren. Am Telefon über die Bahn ablästern, in Babysprach mit dem Nachwuchsreden und dann vom Schaffner mit der falschen Fahrkarte erwischt werden. Das hat nicht mit Arm und Reich zu tun, ob jemand offensichtlich von Bahnfahren keine Ahnung hat und dies trotzdem mit Überzeugung tut.

DefTom
DefTom

Super, danke für den Text. Meine Feierabendlaune hat sich gerade schlagartig verbessert, nachdem deine sich im Zug konträr dazu… naja, lassen wir das.
Hattest du hinterher auch so ein „Gut-dass-ich’s-gemacht-hab“-Gefühl? Das ist das Schönste an derlei Ereignissen, wie ich finde.

Marcus
Marcus

Bin während meines Zweitstudiums zwei Jahre lang mindestens einmal im Monat mit dem Zug durch halb Deutschland gependelt. Das ist doch das erste, was man lernt – „Ruheabteil“ ist ein zynischer Witz (spätestens wenn junge Großfamilien anrollen: „Nu lass doch das Kind, immer diese Kinderfeinde…“), und ohne MP3-Player zu reisen Körperverletzung am eigenen Nervenkostüm.

alltagbeiderbahn

„…ohne MP3-Player zu reisen Körperverletzung am eigenen Nervenkostüm.“
Das stimmt. Hatte vor kurzem meine Kopfhörer vergessen und durfte 2 Tiroler „Teeniegirls“ die am Weg ins Studium waren beim Diskutieren dr Wochenenderlebnisse zuhören.
Danach wusste ich warum ich lieber 1. Reihe Fußfrei sitze. 😉

Wortvogel
Wortvogel

@ Holler: Einen Business-Pfosten hätte ich genau so zusammen gefaltet, wenn er dort telefoniert hätte, wo er nicht telefonieren darf. Ist mir allerdings noch nicht begegnet. Zumindest nicht im Zug. Im Flieger musste ich erst vor zwei Wochen meinen Sitznachbar ermahnen, dass die Ansage „Schalten Sie bitte zum Start alle elektronischen Geräte aus“ auch für ihn gilt und das seine selbstgestrickte Sonderregel „Das mache ich, wenn wir abheben“ bei mir nicht auf fruchtbaren Boden fällt.

@ Marcus: Ein „Witz“ ist das Ruheabteil nicht. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Noch empfehlenswerter ist allerdings der Ruhebereich in der 1. Klasse gleich hinter dem Fahrer.

@ Moss: Es war kurioserweise die erste Langstrecke, auf der kein Schaffner kam, um nach dem Ticket zu fragen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich in die 1. Klasse gesetzt.

Marcus
Marcus

@Torsten:

„Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht.“

Ich nicht. Niemals in gut zwei Jahren. Ohne Übertreibung. Ob das an der Strecke Wuppertal-Stuttgart lag oder daran, dass ich immer zu denselben Stoßzeiten für Bahnpendler unterwegs war?

„Noch empfehlenswerter ist allerdings der Ruhebereich in der 1. Klasse gleich hinter dem Fahrer.“

1. Klasse war so gut wie nie drin, von daher kann ich da nicht mitreden.

McCluskey

Also wenn der lautmalerische Dialekt halbwegs authentisch beschrieben war, war das nicht Osten sondern höchstens Ostwestfalen… 😀

reptile
reptile

Großartig!

Big Al
Big Al

Mit solchen Personen wie beschrieben habe ich tagtäglich (doppelt gemoppelt?) im Umfeld meiner Arbeitsstätte zu tun. Und die Kunden meines Arbeitgebers (exklusives Möbelhaus) sind dann in die andere Richtung total abgehoben. Von daher kann ich nur sagen: Traurig aber wahr.
Das geistige Niveau ist nicht vom Einkommen abhängig.

Jan
Jan

Eine schön beobachtete Geschichte. Wenn auch trotz deiner einführenden Worte eine gewisse Arroganz mitschwingt – die ich aber nicht verurteile, sondern mir von mir selbst bekannt vorkommt.

Ich hadere immer mit mir, wenn solche Dinge passieren. Ein älterer türkischer Mitbürger meinte auch mal, in einem Ruhewaggon mehrere Telefonate in seiner Heimatsprache führen zu können. Aber: Auf meinen dezenten Hinweis hin, dass dies nicht sein Privatbüro sei, sondern das Piktogramm deutlich genug sein sollte, hat er auch aufgehört. Manche können nicht einschätzen, dass sie andere Menschen stören, denke ich. Wenn sie jünger oder sogar in einer Gruppe sind, verlässt mich allerdings durchaus meine Courage und ich wechsele das Abteil.

Was mich noch interessieren würde: Hast du deine beiden Zurechtweisungen tatsächlich ad hoc so formulieren können? Oder ist die Wortwahl eine nur hier für den Beitrag benutzte?

Wortvogel
Wortvogel

@ Jan: Ich habe das in der Tat ziemlich exakt so formuliert (etwaige Abweichungen sind meinem schlechten Gedächtnis geschuldet – ich habe das ja nicht mitstenographiert). Es war nur etwas zerrissener, weil ER und SIE mir ja ständig reingequatscht haben.

@ McCluskey: Ich habe kein Gehör für Dialekte, die Wiedergabe ist demnach nur stellvertretend.

Andy
Andy

Das hat nicht mit Arm und Reich zu tun!
Das ist wohl richtig obwohl es in bestimmten Kreisen wohl öfters vorkommt.
Aber Assi die Kurzform für Asozial hat wirklich nichts mit Arm oder Reich zu tun.
Vielmehr ist auch immer mehr festzustellen das es allgemein zu einer Verrohung und Rücksichtslosigkeit der Menschheit kommt und jeder im Recht sein will!
Respektvolles umgehen miteinander oft Fehlanzeige!
Ich beobachte selbst oft z. B. beim Einkaufen oder Busfahren was sich das “Personal“ so alles gefallen lassen “muss“. 🙁
Soviel kann einer gar nicht verdienen um das ohne “Schaden“ auf Dauer zu überstehen.

Andi
Andi

Ähnliches erlebe ich als Viel-Bahnfahrer auch. Aber: Ich finde es unterhaltsam. Ich mag es, wenn ich mal andere Leute kennenlerne, als die, die so ähnlich sind wie ich selber.

Musste letzens in einem Abteil Platz nehmen mit drei Damen aus Sachsen (Anfang 40), auf dem Weg nach Hamburg, die sich dort ohne ihre Göttergatten ein lustiges Wochenende machen wollten und schon eine Flasche Sekt intus hatten. Die ersten drei Minuten war ich genervt, dann haben wir uns unterhalten – und das war interessant und lustig.

Und ich finde, es hat auch ein bisschen mit menschlichem Geschick zu tun, dass man Leute, deren Verhalten einen stört, so anspricht, dass sie nachvollziehen können, was man will und sich nicht von oben herab behandelt fühlen.

In diesem Sinne würde ich immer versuchen, solche Situationen nicht als Störung, sondern als Abwechselung zu nehmen, die einem den Blick in ein anderes Leben erlauben, das einem selber fern ist.

Lutz
Lutz

Schön geschrieben. Bei meinen vielzähligen langen Bahnfahrten, die ich bis vor ein paar Jahren machen musste, habe ich auch so einige sehr ähnliche Erlebnisse gehabt. Ich bin immer in der zweiten Klasse gefahren, nur einmal, wegen sehr günstiger Ticketpreise, habe ich die erste Klasse gewählt. Da habe ich dann gemerkt, wie viel angenehmer Zugfahren sein kann. Seitdem habe ich immer versucht, zumindest einen Platz im Abteil zu nehmen, da die Chance, dort auf einen Haufen anstrengender Deppen zu stoßen, geringer ist und man auch nicht so viel vom Rest des Gewusels im Zug mitbekommt.

In den Ruhewagen bin ich übrigens nie gern gefahren, weil sich dort auch gern Leute mit extremer Hausmeister-Attitüde aufhalten, die jedwedes Geräusch als zu ahnende Ruhestörung ansehen. Ruhe-Nazis können auf ihre Art genauso anstrengend sein wie RTL 2-Gesocks.

dLTexid
dLTexid

hatte mal einen Abteilplatz mit einer extrem schnarchenden Mittvierzigerin als Fahrgast. Das beim ersten Schnarcher einsetzende amüsierte Gruppengefühl der restlichen Mitfahrer brach das Eis für eine interessante Laberrunde nach Aussteigen der Holzfällerin 😉

Thorben
Thorben

Schmeiss mich weg… Das Du aber auch nicht Deine Klappe halten kannst 🙂

Exverlobter
Exverlobter

Das Schicksal bestraft dich doppelt. Erst ein Asylum-Film und dann auch noch das.

Exverlobter
Exverlobter

„“Entschuldigen Sie, ich bin da ungern renitent – aber ich habe extra einen Platz im Ruheabteil gebucht, weil ich arbeiten muss.”“

Wenn das ein wortwörtliches Zitat ist wundert mich dein Kommunikationsproblem mit den Proleten nicht. Die wussten einfach nicht was „renitent“ bedeutet.
In Zukunft einfach:
Handy aus, Dumpfbacke!

drikkes

Als ich heute auf das hier http://www.tomscott.com/quietcarriage/ gestoßen bin, ist mir dieser Blogpost wieder eingefallen.