mm2013 Klein

Berberian Sound Studio posterD / GB / I 2012. Regie: Peter Strickland. Darstller: Toby Jones, Cosimo Fusco, Chiara D’Anna, Antonio Mancini u.a.

Story: Soundtechniker Gilderoy reist in den 70er Jahren aus England nach Italien, um die Toneffekte für einen Horrorfilm einzuspielen. Von Anfang an schlägt ihm im Studio die Feindseligkeit der Anwesenden entgegen, fühlt sich der kleine schüchterne Mann ausgegrenzt und abgelehnt. Hinzu kommt die Brutalität des Films selbst, die Gilderoy verstört – er versteht die Italiener so wenig wie das, was sie für Kunst halten. Statt sich einzugewöhnen, verliert sich der detailfreudige Techniker in paranoiden Träumen und wirren Theorien über das, was um ihn herum passiert. Muss er sich abgrenzen – oder Teil des intensiv erlebten und doch nie erklärten Wahnsinns werden?

Kritik: Vielleicht, weil „Amer“ so eine brillante Quintessenz des Giallo war, hatte ich mich auf „Berberian Sound Studio“ gefreut – es hätte der Meta-Film zu Genre sein können, der Film als Blick hinter die Kulissen des Films, ein Kommentar in der Stimme des Subjekts selbst. Argento selbst hat mal gesagt, er inszeniere seine Film wie Feste und es steht noch aus, diese so uritalienische Vorgehensweise zu analysieren UND zu feiern.

„Berberian Sound Studio“ ist dafür allerdings denkbar ungeeignet. Was sich vom Konzept und in der kurzen Inhaltsangabe vielleicht noch interessant liest, entpuppt sich als dröges, autistisches Essay ohne jedes Bemühen, dem Publikum auch nur einen Schritt entgegen zu kommen. Erklärungen werden nicht gegeben, Spannung wird nicht aufgebaut, Figuren werden nicht definiert. In seinem erkennbaren Glauben, Kunst zu sein und den Zuschauer nicht zu brauchen, erinnert „Berberian Sound Studio“ an die selbstverliebten Non-Filme des deutschen Autorenkinos mehr als an den sinnlichen italienischen Slasher. Und so verwundert es auch nicht, dass mit Hans W. Geißendörfer einer der Beteiligten dieser Welle seine Finger auch in „Berberian Sound Studio“ hatte.

06_Berberian Sound Studio_Toby_Jones_as_Gilderoy

Ich will damit nicht sagen, dass „Berberbian Sound Studio“ nicht seine Momente hat. Die Nahaufnahmen von Drehreglern, analogen Displays, berstendem Gemüse, das Summen von Röhren und Transistoren – es erzeugt Intimität, fast schon stickige Nähe in dem kleinen Studio, das wir nie verlassen werden. Die Feindseligkeit der Italiener, die auch ihre Freundlichkeit durchdringt wie Milch einen schwarzen Kaffee, drückt auf die Stimmung, macht Gilderoys Verlorenheit fast physisch greifbar.

Aber irgendwann kam ich mir vor wie der Soundtechniker selber, der das Geschehen auf der Leinwand betrachtet und ständig denkt: was soll das? Wo führt das hin? Was ist Sinn und Zweck des Ganzen? Und mit der fortschreitenden Laufzeit des Films schwant erst, dann verfestigt sich die Erkenntnis: nichts. Es geht um nichts. Es ist nichts. Und am Schlimmsten: es hat nichts zu sagen. „Berberian Sound Studio“ kippt in die Absurdität, gibt jeden Versuch auf, koppelt sich ab von allem, was wir erwarten dürfen. Das Ende, den Machern vielleicht als radikal lieb und teuer, ist nur noch Theorie, eine abstrakte Aufhebung der Narrative zu Gunsten einer konstruierten, seelenlosen Auflösung, die vielleicht intellektuell anregt, aber emotional kalt bleibt. Ich wurde an das Ende von „Two Lane Blacktop“ erinnert – und das hatte mir ja auch schon nicht gefallen.

Zugegeben: wer sein Kino gerne esoterisch verschwurbelt und vage mag, wird wohl eher dem Kritiker des Guardian zustimmen, der „Berberian Sound Studio“ für einen der Filme des Jahres (2012) hält. Ich verlinke das hier mal der Fairness halber.

Fazit: Ein Kammerspiel über Isolation durch Sprache, die Suggestivkraft der Bilder und nonverbale Kommunikation, das dem Giallo der 70er huldigen will, aber in seiner Kälte leer und seinem Anspruch vage bleibt. Kunst um der Kunst willen.

Der Film ist ungefähr so klar und zugänglich wie sein Trailer – nur VIEL langsamer:



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MarcusMarkoWortvogelReiniDMJ Recent comment authors
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PabloD
PabloD

Ich hoffe, du kommst vor lauter Filme KUCKEN auch noch zum Filme VERSENDEN 😉
(damit kann ich mir zumindest später nicht vorwerfen, dir keinen nervigen Reminder geschickt zu haben…)

comicfreak

..irgendwo hab ich hier noch was schönes für dich.. *muahaha*

DMJ

Holla! Nach der Inhaltsangabe klang er so toll und dann scheint er doch nur ausgiebiges Auf-der-Stelle-Treten zu sein. Schade drum.

Reini

…das Plakat ist allerdings toll.

Marko

Apropos tolle Plakate:

http://www.wired.com/underwire/2013/01/mondo-movie-poster

(Ja, leider wieder mal am Thema vorbei, sorry …)

Marko

Hab ich auch grad bemerkt. 😀

Marcus
Marcus

So, nun auch gesehen.

Der Film hat einen coolen Look, diverse wirklich creepy Momente, aber es stimmt schon, was der Vogel sagt: so richtig damit warm werden fällt schwer, weil der Film so verdammt wenig erklären und konkretisieren mag.

Dennoch hab ich mich im Großen und Ganzen nicht gelangweilt und bin froh, ihn gesehen zu haben. Das könnte freilich daran liegen, dass inzwischen 2014 ist und wir aus der kleinen Nische des Giallo-Kunstfilmgedöns mittlerweile so viel Schlimmeres überstanden haben (FFF-Gänger wissen, was ich meine 😉 ).

7/10.