22
Dez 2012

Movie Mania 2012 (54): "Side by Side"

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

side_by_side

USA 2012. Regie: Christopher Kenneally. Mit David Fincher, James Cameron, Keanu Reeves, Wally Pfister, Martin Scorsese, George Lucas, Jost Vacano, Michael Ballhaus, Lars von Trier, Christopher Nolan, Michael Chapman, Robert Rodriguez u.a.

Auch wenn ich die Movie Mania 2013 sicher weiter laufen lassen werde, neigt sich die 2012er-Version doch langsam dem Ende zu. Ich habe nicht ansatzweise so viele Filme geschafft, wie ich gehofft hatte, aber im Laufe des Jahres haben sich ein paar Prioritäten verschoben. Passt nicht immer alles.

Heute habe ich aber noch ein echtes Highlight für euch.

Dass die gesamte Lebenswelt des Films mittlerweile durchdigitalisiert wird, ist selbst gelegentlichen Kinogehern schon aufgefallen. Film wird mit digitalen Kameras hochauflösend gedreht, am Computer geschnitten, digital farbkorrigiert, auf Festplatten überspielt, im Kino ohne Umweg einer Rolle projiziert und immer häufiger später per Stream ins Wohnzimmer geladen. Die Vorteile technischer, finanzieller und kreativer Natur sind immens – und doch: ist Kino nicht auch Zelluloid? Ist der Arbeitsalltag am Set nicht ebenso geprägt von der Länge der Filmrollen wie die Länge der Einstellungen? Hat der Film als physisches Medium nicht Einfluss, vielleicht sogar Notwendigkeit, wie das Vinyl der Schallplatte, dass Audiophile so lieben? Die Rolle ist Medium und Archiv zugleich – aber wie lagert man Einsen und Nullen für die nächsten Generationen?

Schauspieler Keanu Reeves geht der Frage nach und spricht dabei nicht nur mit den bekanntesten und einflussreichsten Regisseuren der letzten Jahre, sondern auch mit ihren Kameramännern, mit den Cuttern, den Farbmischern und den Ingenieuren der Kamerahersteller. Es geht dabei nicht nur um die Technik, sondern auch um die Philosophie des Filmemachens, nicht nur um Nostalgie, sondern auch um Perspektiven. Eingeflochten zwischen die einzelnen Sätze der Befragten finden sich kurze Abrisse zur Geschichte des digitalen Films, zum Produktionsprozess, zur technischen Herausforderung.

side_by_side-21-660x371

Jedem, der auch nur peripher am Prozess des Filmemachens interessiert ist, kann ich "Side by Side" ans Herz legen. Es ist lange her, dass ich eine Dokumentation aus diesem Bereich gesehen habe, dir mir ein weitgehend neues Feld so plausibel und spannend erklärt hat, ohne sich in abstrusem Techno Babble zu verlieren. Sie hat keine Antwort, sucht auch nicht nach der "einen" Antwort, sondern lässt eine Vielfalt an Meinungen und Expertisen gelten. So kann George Lucas unwidersprochen die Unvermeidlichkeit des Digitalfilms konstatieren, während Christopher Nolan sich mit einem dieser "nur über meine Leiche!"-Blicke dazu äußert. "Side by Side" respektiert den technischen Fortschritt, wirft sich ihm aber nicht an den Hals.

Obwohl neben kurzen Erklärbär-Clips hauptsächlich "talking heads" zu Wort kommen, ist "Side by Side" durchaus anspruchsvoll komponiert – die Zitate kommen wie aus dem Maschinengewehr, widersprechen sich, ergänzen einander, formen eine Narrative. Konzentration ist gefragt, denn jeden überflüssigen Nebensatz und jede Floskel hat Regisseur Kenneally weg geschnitten. In etwas mehr als 90 Minuten kommen über 40 Profis mit geschätzt mehr als 400 Zitaten zu Wort. Wer pinkeln geht, verliert.

Was den Zuschauer dran hält? Die Liebe zum Film, die alle Befragten eint. Wer immer noch glaubt, Tarantino sei der Hausnerd Hollywoods, der hat Leuten wie Lucas und Soderbergh einfach noch nicht genug zugehört. Sie transportieren eine Leidenschaft zum Beruf, die wir ihnen bei jedem schlechten Film gerne absprechen. Sie leiden für ihre Projekte, entwickeln oft genug neue Technologien, um ihre Visionen auf die Leinwand zu bringen. Dabei leben mit ständig wechselnden Bedürfnissen, suchen ihr Publikum, wollen ihm gefallen, ohne sich ihm zu opfern. Sie sind nicht IN Hollywood, sie SIND Hollywood.

"Side by Side" ist der perfekte Snapshot einer Industrie im Umbruch, gibt den Kritikern Raum und den Innovatoren. Sie erwischt das digitale und das analoge Kino fast noch in Balance, auch wenn der Markt seit einigen Jahren klar in Richtung Digitalkino kippt. Es ist klar, war wir verlieren – aber noch nicht endgültig auszumachen, was wir gewinnen.

In einer Zeit, in der Dokus oft idiotensicher für den kleinsten gemeinsamen Nenner produziert werden, mit billigen Public Domain-Clips und fehlgeleiteter Nostalgie zu punkten versuchen, kann man ein Projekt wie "Side by Side" nicht hoch genug loben. Hier ist die Synthese von Anspruch und Unterhaltung perfekt gelungen. Es werden uns genug Fakten an die Hand gegeben, um eigene Antworten zu bilden, ohne sie vorgekaut zu bekommen.

Dieser Trailer lässt die Dokumentation gemächlicher aussehen, als sie ist:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

P.S.: Nur eine Frage hat "Side by Side" nicht beantwortet: Wenn die digitale Produktion immer smoother und preiswerter wird, die Kameras immer billiger und flexibler – warum werden dann die Blockbuster immer teurer? Ich verstehe ja, dass z.B. "Der Hobbit" teuer ist. Aber WO stecken da 200 Millionen Dollar drin?



Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
8 Comments
Oldest
Newest
Inline Feedbacks
View all comments
Jörg
Jörg
22. Dezember, 2012 18:02

Die 200 Mio des Hobbits finde ich bei weitem nicht so rätselhaft wie z.B. die 79 Mio für eine Komödie wie Jack & Jill.

Die Leute von RedLetterMedia haben sich darüber auch mal Gedanken gemacht: http://redlettermedia.com/half-in-the-bag/jack-and-jill/

milan8888
milan8888
22. Dezember, 2012 19:53

Sag Bescheid wenn du den verlost 😉

Thies
Thies
22. Dezember, 2012 20:19

Ich kann mir gut vorstellen, dass bei einer Verdrängung des "realen" Films durch digitale Projektion so manchem Filmemacher das Herz blutet. Und ich bezweifle auch nicht, dass eine 70mm-Kopie von "2001" oder "Lawrence von Arabien" im Kino zu sehen ein einmaliges Erlebnis ist. Aber dieses Jahr auf dem FFF war die einzige negativ auffallende Projektion eine 35mm-Kopie: "Ace Attorney" war offenbar schon so durchgenudelt, dass es die optische Variante einer verkratzten 45er-Single war. Und dann erinnere ich mich noch an diese "Highlander"-Wiederaufführung anlässlich des zweiten Teils, in der die Kopie so zerschlissen war, dass man als Fan mehrere Szenen aus dem Gedächtnis kompletieren musste.

Digitale Projektionen sind dagegen fasst alle sauber und fehlerfrei – wenn die Technik, bzw. Organisation nicht versagt wie zuletzt beim Hobbit. Ich bin also bisher noch ein wenig zwiegespalten was das Für und Wieder zum Ausstieg vom Zelluloid angeht.

Die Dokumentation klingt aber auf jeden Fall interessant und ist vorgemerkt.

Doc Knobel
22. Dezember, 2012 22:28

Auf die Doku habe ich auch schon länger ein Auge geworfen. Danke für die Erinnerung. Hat sich da eigentlich schon irgendein deutscher VL erbarmt?

Wortvogel
Wortvogel
22. Dezember, 2012 22:40

@ Doc Knobel: Keine Ahnung, sorry.

@ Thies: Die Projektion ist eine Sache, bei "Side by Side" geht es aber auch und vor allem um Sachen wie Kameragröße, Color Grading und Auflösung. Sehr spannend.

Zwenti
Zwenti
23. Dezember, 2012 00:15

@Wortvogel: Hast du dir die Produktionsvideos von Peter Jackson zum Hobbit-Dreh angesehen? Da sieht man schnell wohin das Geld fließt! Alleine wenn sie einen 100 Meter(?) langen Steg bauen nur um an den Drehort zu gelangen ohne die Wiesen darunter zu zerstören.

Oder die Man-Power? Oder die Helikopterflüge? Oder, oder, oder! IMHO ist es da schon ersichtlich. Da gibt es andere Mysterien! 😉

ViNCENT
ViNCENT
24. Dezember, 2012 04:01

Das Geld wird schon gut ver(sch)wendet bei diesen Großproduktionen, wie andere bereits erklärten. Nur warum die Studios das mittlerweile überhaupt so zulassen sollte hierbei viel eher die Frage sein. Die Antwort darauf lautet nämlich meines Erachtens nach: Sicherheit.

In den Jahren nach Titanic und erst Recht seit der HdR Trilogie und der Potter Reihe, begann Hollywood verstärkt solche Über-Mega-Blockbuster-Schlag-Mich-Tot-Streifen zu produzieren. King Kong, Transformers, Pirates of the Caribean, Avatar um ein paar Beispiele zu nennen. Ein nicht unbeachtlicher Teil des Budgets, bei King Kong meine ich war es etwa 1/3 vom Gesamtbudget, fließt auch in die reinen Werbekosten. Pappaufsteller & Plakate sowie analoge und digitale Trailer für jedes Kino weltweit, Fernsehwerbung auf mehreren Sendern zur Primetime, Internetschaltung, Tageszeitungen, etc.

Das Ziel was ich dahinter vermute ist die bisher dabei auch immer aufgegangene Rechnung, dass diese Filme auch über mehrere Wochen in mehreren Kinos mit mehreren Sälen, immer ausverkauft waren und sich trotz der knapp mittlerweile ja um die 10 Neustarts pro Woche, aber dennoch über einen verhältnismäßig sehr langen Zeitraum halten konnten, einfach weil die Teile auch eben als genau das beworben werden: Teuer & Groß & Spaß für Jedermann! Wer den Film verpasst ist selber Schuld, Jeder wird ihn sich anschauen.

Das spricht dann eben auch wirklich alle an, auch die Leute die wirklich nur einmal im Jahr ins Kino gehen und genau für jene, werden diese Filme auch gemacht. Man kann mit dem einem Potter oder dem einem Pirates of the Caribean das gleiche Einspielen, wie mit 5 anderen genrespezifischen Filmen, einfach weil sich auch wirklich jeder HdR, Pirates oder King Kong im Kino anschaut. Sowohl die regelmäßigen Kinobesucher als aber auch die Ein-Ticket-pro-Jahr-Familien.

Die einzige Reihe wo man ebenfalls sich über mehrere Jahre hinweg abgesichert hat, die jedoch um einiges günstiger produziert wurde, ist Twilight. Man ging wohl dabei davon aus, dass der weiblichen Fanbase so ziemlich jede Art von Produktion schmecken würde, solange eben ja auch offiziell bloß Twilight drauf steht. Ist ebenfalls aufgegangen diese Rechnung. Die Filme schauen aus wie Grütze, die Schauspieler sind miserabel und die bereits schon oberflächliche Geschihcte der Bücher wird auf mehrere Stunden belanglos hinausgewälzt. Aber: Die Filme sind trotzdem immer ausverkauft.

Ich kenne aber auch nur wenige Männer, die trotz der Qualität der Filme, sich nicht dennoch alle neuen Star Wars Filme im Kino angeschaut haben. Ein ähnliches Phänomen.

Daneben gibt es noch zwei Sorten von Querschlägern. Die einen, wie den neuen Bond oder damals Inception, die einfach wirklich aufgrund ihrer Qualität bei allerdings gleichzeitiger Massentauglichkeit deswegen aufgehen und sich länger als die mittlerweile fast herkömmlichen 2 Wochen im Kino halten können und die anderen wie Willkommen bei den Scht’iis oder Ziemlich beste Freunde, die wirklich Überraschungserfolge waren.

ViNCENT
ViNCENT
24. Dezember, 2012 04:05

[edit] Oder einfacher formuliert: Wenn die Studios nicht mindestens das Doppelte oder gar Dreifache durch solche Filme wieder bewusst einspielen würden, würden Sie auch erst gar nicht soviel Geld dafür ausgeben. It’s that simple…