03
Nov 2012

Televisiön bizặrre: "Bullet in the Face" & "The Cricklewood Greats"

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Ich bespreche selten TV-Serien, weil es für dieses Segment wahrlich genug andere Webseiten gibt, die das kompetent und ausführlich übernehmen, z.B. Serienjunkies.

Manchmal stolpere ich aber über Produktionen, die ich euch vorstellen will, weil sie durch das Raster fallen, jenseits des Mainstreams liegen, Hirnzellen braten und Ratlosigkeit hinterlassen. Heute gleich zwei davon.

Bullet in the Face

Den Anfang macht eine sechsteilige futuristische Krimi-Comedy, die ungefähr so aussieht, als hätten die Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen und Ridley Scott wäre nun der Lieblingsregisseur des Führers. Die Figuren haben opernhaft-überzogen deutsche Namen (Gunter Vogler, Heinrich Tannhauser, Karl Hagerman), die Darstellung der Stadt Brüteville würde Albert Speer das Höschen feucht machen und es wird blutigst gestorben, denn das vorherrschende Wetter in dieser Metropolis ist der Kugelhagel.

Dieser Trailer lässt die Serie weit konventioneller aussehen, als sie ist:

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Wahrlich, der Claim "Always on. Slightly off." des Senders IFC trifft den Nagel auf den Kopf.

Die Story ist hinreichend bizarr und erinnert an "Face/off": Ein Gangster tötet einen Bullen, bekommt dabei aber eine Kugel in den Kopf. Man transplantiert ihm das Gesicht des getöteten Polizisten, in dessen Rolle er nun in der Unterwelt aufräumen soll. Dass er weiterhin ein psychopathischer Schlagetot ist? Nebensächlich.

"Gunter Vogler" ist "Sledge Hammer" auf Steroiden – kein Wunder, denn auch er ist dem schrägen Hirn von Alan Spencer entsprungen. Der getriebene Aufwand ist beträchtlich und würde auch vielen B-Movies gut zu Gesicht stehen. Die kanadische Produktion verzückt obendrein immer wieder mit großen Gaststars (Eric Robert, Eddie Izzard) und bekannten Seriengesichtern (Jessica Steen aus "Captain Power").

Das klingt nun alles grandios deppert, ist aber nur teilweise erfolgreich. Keine der Figuren in "Bullet in the Face" ist auch nur ansatzweise sympathisch, die Schauspieler überziehen ihre Rollen bis zur Farce und immer wieder schleicht sich die Frage ein: "Was SOLL das alles?". So bleibt "Bullet in the Face" ein mutiges Experiment und ein gutes Beispiel dafür, was heutzutage möglich ist – aber ein Vorbild für andere Produktionen ist dieser brutale Serien-Bastard sicher nicht.

The Cricklewood Greats

Für den zweiten Ausflug in die Fernseh-Avantgarde begeben wir uns nach England. In "The Cricklewood Greats" führt uns Schauspieler Peter Capaldi 45 Minuten lang durch die wechselhafte Geschichte des legendären britischen Cricklewood-Filmstudios, von den frühen Comedy-Stummfilmen über die schwarzweißen SciFi-Reißer der 50er bis zu den albernen "Thumbs up!"-Komödien der 60er und den kreativen wie finanziellen Bankrott der 70er. Es werden Freunde und Verwandte der Stars interviewt, Drehorte besucht und Clips aus Klassikern wie "Don’t mind if I do", "The Devil’s Chutney" und "Woman-Saurus-Rex" präsentiert.

Wer sich ein bisschen in der britischen Filmszene auskennt, der weiß jetzt schon: da ist was faul. Es gab nie ein Cricklewood-Filmstudio. "The Cricklewood Greats" ist eine "mockumentary", die sich über die Hammer und Ealing, Amicus und Rank lustig macht. Die Filmausschnitte sind ebenso (sorgsam) getürkt wie die Anekdoten, die Filmplakate und die Requisiten.

Ich fand’s brillant und gerade deshalb so effektiv, weil "The Cricklewood Greats" nie in offenen Humor ausbricht, sondern die gesamte Laufzeit über stur ernst bleibt. Die "Thumbs up!"-Filme klingen nicht blöder als ihre "Carry on"-Pendants, "Dr. Worm" sieht nicht schlechter produziert aus als die frühen "Quatermass"-Filme. Die Absurdität liegt in den versteckten Details, in kleinen Anspielungen, die man leicht übersieht oder einfach nicht wahrnimmt.

Wie ernst es den Machern mit der Pseudo-Authentizität ist, sieht man sogar in diesem Web-Interview von 2011, in dem Peter Capaldi von dem Projekt erzählt, ohne darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um eine echte Dokumentation handelt:

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Ähnlich wie bei "Bullet in the Face" stellt sich die Frage: was SOLL das? Wer ist hier die Zielgruppe? Genießen kann man "The Cricklewood Greats" eigentlich nur, wenn man intim mit der Geschichte der britischen Filmindustrie vertraut ist – und das sind heute nicht mal mehr die meisten Briten. Und selbst wenn man die ganzen Meta-Ebenen versteht und zu würdigen weiß – was ist Sinn und Zweck der Übung? Gibt es irgendeinen Grund, sich über die britischen Filmstudios lustig zu machen, über die prägenden Genres der letzten hundert Jahre?

Dem Fan des modernen Kinos sei "The Cricklewood Greats" allerdings wegen eines seltsam unpassenden Abstechers ans Herz gelegt – Terry Gilliam tritt als einzig "echte" Figur auf und parodiert seine Exzentrismen und den ihm eigenen Größenwahn derart präzise, dass man ihn dafür küssen möchte. Denn ER war es, der Cricklewood schließlich in den Bankrott trieb – was aber nicht schlimm war, weil drei Tage später die Finanzierung für "Brazil" stand und er sich anderen Aufgaben widmen konnte…

Einen ausführlichen Artikel über die "Dokumentation" findet ihr hier.



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heino
heino
5. November, 2012 17:56

Ich mag ja gute Mockumentarys. Allerdings sind die Chancen auf eine Veröffentlichung hierzulande für "Cricklewood Greats" wohl eher gering.

"Bullet in the face" sieht auch gut aus, aber angesichts der Thematim sind die Chancen da wohl auch nicht besser. Und wenn es von Alan Spencer kommt, kann es eigentlich gar nicht schlecht sein.

Wortvogel
Wortvogel
5. November, 2012 18:07

@ heino: Bei "Cricklewood Greats" sehe ich die Chancen bei Null.

heino
heino
5. November, 2012 19:18

Ich leider auch. Aber zum Glück gibt es ja Amazon:-)

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14. Dezember, 2012 19:58

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